Die DDR (4): Lethargie, Missmut und Fahren auf Sicht

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 72, ab 25. Oktober 2019 im Handel„Der Alltag in der DDR“, so kommentierte es ein Kabarettist mal sarkastisch, „machte die Menschen zu Überlebenskünstlern: Sie wurden immun gegen die Umweltgifte, lebten in Nischen, die die allmächtige Partei übersah oder duldete, schlossen sich in Gruppen Gleichgesinnter zusammen, und es gelang ihnen, ,aus nischt was zu machen.‘“ Worte, die zeigen, wie das Gros der DDR-Bürger die späten achtziger Jahre in seinem Land zwischen Fichtelberg und Kap Arkona empfindet: bedrückend, eng, miefig.

Wenige engagieren sich in Oppositionsgruppen, oft unter dem Dach der Kirche, andere versuchen, über einen Ausreiseantrag wegzukommen. Doch die Masse bewältigt den Alltag weiter. Schwer genug, wenn nicht einmal der viel beschworene Rückzug ins Private noch glückt, da selbst Baumaterial für den kleinen Schrebergarten bestenfalls unter größter Mühe zu bekommen ist.

Junge Menschen schielen gen Westen

Dabei kann Anfang der achtziger Jahre kein anderer Ostblock-Staat einen so hohen Lebensstandard wie die DDR vorweisen. Die Nachkriegs-Not ist passé. Technische Gerätschaften gehören fast so selbstverständlich zum DDR-Haushalt wie im Westen. Der umfangreiche Wohnungsbau zeigt Wirkung. Die Mieten sind dank staatlicher Subventionen ebenso niedrig wie die Preise für Grundnahrungsmittel. Bildung, medizinische Versorgung und Kinderbetreuung gibt es kostenfrei.

Doch gerade die jüngeren Menschen, anders sozialisiert als die greise Führungscrew der DDR, stellen Ansprüche. Sie honorieren die Sozialfürsorge nicht mit Loyalität, sondern schielen in die Bundesrepublik. Der äußerlich erleichterte Alltag vermag fehlende Freiheiten, Gängelei und Umweltverschmutzung nicht aufzuwiegen.

Wirtschaft vor dem Kollaps

Dazu kommt, dass die Menschen zwar immer mehr Geld in Ostmark haben, dafür aber umso weniger kaufen können. Jenseits von Brot, Milch, Äpfeln, Zigaretten und Alkohol gibt es kaum etwas, was nicht zeitweise zur Mangelware zählt. Langlebige Konsumgüter kosten tausende Mark und dazu oft jahrelange Wartezeit, weil die klamme DDR Schreibmaschinen, Motorräder, Kameras und Möbel lieber für Devisen in den Westen exportiert.

Westliche Beobachter ahnen nicht, dass die Wirtschaft der DDR zu Beginn der achtziger Jahre kurz vor dem Kollaps steht. 1982 übersteigen die Tilgungs- und Zinsverpflichtungen an westliche Gläubiger die Devisen-Einnahmen der DDR bereits um das Eineinhalbfache, die Schuldenlast liegt 1981 bei 23 Milliarden Mark. Honeckers Idee, kreditfinanzierte Technologieeinfuhren später durch eine Exportoffensive auszugleichen, ist im Strom der globalen Entwicklungen – Ölkrisen, Digitalisierung – faktisch zerfetzt worden. Ein hoher Anteil des neu geborgten Geldes fließt in die Importfinanzierung und die Begleichung von Altschulden.

Zwei Finanzspritzen aus der Bundesrepublik, eingefädelt durch den Stasi-Offizier Alexander Schalck-Golodkowski mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und dem Fleischfabrikanten Josef März, entschärfen die Lage zwar ab 1983. Der westliche Nachbar hilft aus, denn er hat an Unruhen vor seiner Haustür kein Interesse. Doch das grundsätzliche Problem bleibt bestehen.

Selbst im „inner circle“ der DDR melden sich Stimmen wie die des Chefplaners Gerhard Schürer zu Wort, die klarmachen, dass der unappetitliche Cocktail aus Dauerverschuldung, Milliardensubventionen und zu wenig Exporterlösen letztlich ins Desaster führt. Doch Honecker und sein Wirtschaftssekretär Günter Mittag weisen den frustrierten Chef der staatlichen Plankommission wiederholt brüsk ab. Die Streichung von Sozialausgaben erscheint Honecker in ihren Folgen für die Stabilität des Landes unkalkulierbar. Seine Abwehr ist ebenso katastrophal wie machtlogisch.

Schattenseiten der Sozialpolitik

So subventionieren die Herrscher weiter – von Wohnungen und Nahrung über Verkehrsmittel bis hin zu Millionen Arbeitsplätzen – so ziemlich alles. Ein gefüllter Magen, ein sicheres Einkommen und eine Behausung stellen die Menschen ruhig und lassen sie nicht aufbegehren – dieser Gedanke leitet Honeckers politischen Kurs seit dessen Antritt 1971.

Doch schon in den frühen achtziger Jahren erkennen selbst systemnahe Kreise die dunkle Seite dieser Politik. Rentner, eine Gruppe ohne Lobby, können sich teure Industriewaren wie Kleidung und Schuhe kaum leisten, leben oft am Rande der Gesellschaft. Die staatlichen Kapazitäten und Mittel zur Versorgung alter, pflegebedürftiger und behinderter Menschen sind völlig unzureichend, vor allem Institutionen der Kirche verhindern hier ein völliges Desaster. Im Gesundheitswesen wird permanent ein Mangel an Personal, Technik und Arzneimitteln gemeldet.

Die Folgen vieler Subventionen erweisen sich als fatal. Billige Reichsbahn-Fahrkarten geben das Schienennetz dem Verfall preis, das sich Ende der achtziger Jahre zu 17 Prozent nur noch mit geringer Geschwindigkeit befahren lässt. Subventioniertes Billigbrot wird von Bauern an Tiere verfüttert. Durch niedrige Mieten fehlt eine Einnahmequelle zur Sanierung von Wohnhäusern, zudem wird jeder Anreiz blockiert, zu großen Wohnraum aufzugeben.

Katastrophaler Verfall der Bausubstanz

Auch wenn es mit dem Wohnungsbauprogramm seit den Siebzigern gelingt, die Wohnsituation teils zu verbessern, führt die Konzentration der Mittel auf den Neubau von Plattenbauten zum Zerfall der Altbausubstanz. Abseits des Schaufensters Ost-Berlin gleichen ganze Viertel in Stralsund, Potsdam, Schwerin, Görlitz, Halberstadt oder Leipzig einer geisterhaften Kriegskulisse.

Initiativen vor Ort, die dagegen kämpfen, speisen sich meist nicht einmal aus politisch versierten Systemkritikern, sondern Menschen, die derlei Lebensverhältnisse schlicht leid sind. Es ist eine symptomatische Vorbedingung für den Herbst 1989: Fast jeder findet während der achtziger Jahre Faktoren, die dazu führen, dass er innerlich mit dem Regime abschließt. Wenn Regenwasser durch die Decke tropft, die Toilette immer noch eine halbe Treppe tiefer ist und Braunkohle-Mief durch undichte Fenster dringt, ist die große Politik zweitrangig.

„Aus unseren Schornsteinen kommt nur sauberer Dreck“

Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 72, Ausgabe Oktober 2019. Foto: LZ (zum Vergrößern klicken)

Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 72, Ausgabe Oktober 2019. Foto: LZ (zum Vergrößern klicken)

Auch die Umwelt ist in einem desaströsen Zustand. Sie muss gegenüber der Wirtschaft, die oft mit überalterten Produktionsanlagen arbeitet, zurückstecken. Die Schlote qualmen weiter, im Westen hatte sich dagegen bereits die Abkehr von den Schornsteinindustrien vollzogen.

Nur drei Prozent der Fließgewässer und ein Prozent der stehenden Gewässer der DDR gelten 1989 noch als ökologisch intakt. Wilde Müllkippen, Industrieabwässer, Pestizide und Dünger verseuchen die Böden. Im Chemiedreieck Leipzig – Halle – Bitterfeld tränen den Menschen die Augen im Smog, es stinkt, Atemwegserkrankungen häufen sich, die Hälfte des Waldbestands ist krank oder tot – ähnlich wie in der Bundesrepublik.

„Alles in der DDR ist grau, nur die Flüsse sind bunt“, spöttelt der sarkastische Volksmund hinter vorgehaltener Hand. Oder: „Was macht ein Aal in der Saale? Er lernt Chemiefacharbeiter.“

Als ein Staatsbürgerkundelehrer vor seiner Klasse ernsthaft behauptet, aus den heimischen Schornsteinen käme nur „sauberer Dreck“, können weder Schüler noch Kollegen des Mannes ihr Lachen unterdrücken. Für die Politik, die derlei Missstände eher fördert als eindämmt, selbst die Tschernobyl-Katastrophe herunterspielt, fehlt den Menschen jedes Verständnis. Auch oppositionelle Umweltgruppen werden zu einem Sargnagel des SED-Regimes.

Der „Neue Kalte Krieg“

So hat die DDR ihr Legitimationsarsenal in den achtziger Jahren aufgezehrt. Missmut und Mehltau liegen bleiern über der Gesellschaft, neben Finanzhilfen aus dem Westen hält Improvisationskunst die maroden Betriebe noch am Leben. Außer der Automobil-Industrie und der Mikroelektronik, die allerdings Jahre hinter dem internationalen Niveau liegt, sind die dringend benötigten Investitionen im Inneren fast ausgeblieben.

Die Jugend rennt dem System davon. Verheißungen zum Aufbau des Kommunismus, die zwanzig Jahre vorher noch ansatzweise wirkten, liegen Lichtjahre weit weg. Das Netz aus SED, Gewerkschaftsbund und Massenorganisationen sagt längst nichts mehr über Einstellungen seiner Mitglieder. Selbst innerhalb der Stasi staut sich der Frust. Die Geheimpolizei von Erich Mielke gibt ungeschönte Stimmungsbilder an die SED weiter. Die reagiert nicht.

International hatte sich die Konfrontation seit den ausgehenden siebziger Jahren mit der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen in Osteuropa und dem NATO-Doppelbeschluss verschärft. Die USA planen unter Ronald Reagan den Krieg im Weltall, die Sowjetunion marschiert 1979 in Afghanistan ein und die polnische Regierung bekämpft die Gewerkschaft „Solidarność“ per Kriegsrecht.

Auch auf dem deutsch-deutschen Parkett wird der Ton rauer. 1980 stellt Honecker Forderungen Richtung Bonn, etwa die Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft und die Aufwertung der BRD-Vertretungen in der DDR zu regulären Botschaften. Er agiert taktisch, um die Sorge der Sowjets vor dem Westflirt ihres Vorpostens zu mindern. Dennoch lässt sein harsches Gebaren eine Wiedervereinigung der deutschen Staaten nicht in greifbarer Nähe scheinen.

Moskau und Ost-Berlin auf Distanz

Nach dem Amtsantritt des sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow im März 1985 entspannt sich die internationale Lage. Die Politik des neuen Machthabers bringt die SED in Erklärungsnot. Mit „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umbau) versucht Gorbatschow, die Probleme in der Gesellschaft zu benennen und im Rahmen des kommunistischen Systems zu lösen.

Die DDR-Gesellschaft nimmt den rasenden Stillstand der achtziger Jahre im Spiegel der sowjetischen Reformdiskussion nun nicht nur als Stagnation wahr, sondern als Rückschritt. Die SED geht auf Distanz zu dem Land, von dem es bis vor kurzem noch galt, „das Siegen zu lernen.“ Eine durchaus rationale Furcht vor dem Kontrollverlust durch die Reformdebatten des „großen Bruders“ ängstigt die Clique um Honecker wie kaum etwas anderes. „Wir haben schon zur Sowjetunion gehalten, da lief man dort noch in Bastschuhen!“, giftet der ostdeutsche Parteichef im kleinen Kreis.

Als sein Chefideologe Kurt Hager 1987 in einem Interview mit dem westdeutschen „Stern“ die Frage nach Gorbatschow barsch abbürstet, man müsse seine Wohnung nicht neu tapezieren, nur weil der Nachbar es tut, reicht das Entsetzen bis in die SED. Solange „Die“ das Sagen haben, ändert sich in diesem Land nichts – so die Erkenntnis.

Dynamik der Ereignisse

In einem Punkt behält „Tapeten-Kutte“, wie Hager nun spöttisch genannt wird, sogar recht. Denn auch Gorbatschow will keineswegs die Pfeiler des Systems beseitigen, sondern ihnen eine neue Fassade verpassen. Doch zweieinhalb Jahre später stellt sich die Frage nach dem Tapezieren nicht mehr. Vielmehr werden 1989/90 die Fundamente des Systems in einem atemberaubenden Tempo abgerissen.

Zeichen der Krise mehren sich schon vorher. Das Debakel der Wirtschaft und die drohende Zahlungsunfähigkeit der hochverschuldeten DDR bewegen selbst Wirtschaftssekretär Günter Mittag im Herbst 1988 zur Erkenntnis, man sei an einem Punkt, wo „die Sache umkippen kann.“

Jahre danach zeigt sich, dass die DDR im engeren Sinne 1989 noch nicht „pleite“ war. Massive Exportbemühungen und heimliche Geschäfte abseits der offiziellen Bilanz waren nicht ganz ohne Resultat geblieben. Doch konnten die Erlöse nur Löcher stopfen, die anderswo wieder aufrissen. Von einem monetären Bankrott kann eher nicht gesprochen werden, aber mit guten Gründen von einem moralischen.

Im Zuge der gefälschten Kommunalwahlen vom Mai 1989 treten die Oppositionsgruppen selbstbewusst auf und prangern die Manipulationen an. Die auf ihr Ansehen fixierte DDR-Führung will sich offene Gewalt im Auge der westlichen Öffentlichkeit nicht leisten.

Schon im Februar 1989 sorgt die Erschießung des 20-jährigen Chris Gueffroy bei einem Fluchtversuch an der Berliner Mauer für einen Aufschrei. Im Sturm internationaler Proteste hebt die SED den stets bestrittenen Schießbefehl an der Grenze auf. Gueffroy ist das letzte von hunderten Opfern, das durch Kugeln an der Mauer zu Tode kommt.

Auch subtile Methoden der Einschüchterung Oppositioneller durch die Stasi verfangen nicht mehr. Immer offener treten einzelne Gruppen für eine demokratische Umgestaltung ein. Sogar die SED ist in weiten Teilen gelähmt, zumal sie erkennt, dass sie anders als beim Juni-Aufstand 1953 keine Hilfe aus Moskau zu erwarten hat.

Das Ende der DDR

Zwei Tage nach den grotesk anmutenden Feierlichkeiten zum 40. DDR-Jahrestag am 7. Oktober 1989 gehen allein in Leipzig 70.000 Menschen auf die Straße. Die Stimmung steht auf Messers Schneide. Doch das befürchtete Blutbad bleibt aus. Tage später löst Egon Krenz den scheinbar allmächtigen Honecker als Generalsekretär ab.

Mit dem Fall der Berliner Mauer in der Nacht zum 10. November 1989 verliert die SED ihren letzten Trumpf für Verhandlungen mit der Bundesrepublik. Die erste freie DDR-Parlamentswahl am 18. März 1990 bildet einen wichtigen Markstein für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, der am 3. Oktober 1990 stattfindet. Wenige Tage vor seinem 41. Geburtstag verschwindet das kleine Land endgültig im Orkus der Geschichte.

Wende-Gespräche (Teil 3) – Interview Prof. Dr. Thomas Hänseroth: „Dieses System war nicht lebensfähig“

Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

Der Leipziger Osten im Jahr 1886

Der Leipziger Westen im Jahr 1886

Westlich von Leipzig 1891

Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

Der I. Weltkrieg – Leipzig im letzten Kriegsjahr 1918

Leipzig in den „Goldenen 20ern“

Leipzig im Jahr 1932

Alle Zeitreisen auf einen Blick

Die DDR (3): Abkehr von Utopia – Erich Honecker und die siebziger Jahre

Die DDR (2): „Walterchens“ Wirtschaftswunder, ein wenig Wohlstand, Wahnsinnsvisionen

Die DDR (1): Walter Ulbricht und der große Plan

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