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Wende-Gespräche (1): „Wenn du früher kein Geld hattest, dann hast du auch jetzt keins.“

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    Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 69, seit 19. Juli im HandelAm 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal. Allerorten wird es Feierlichkeiten und zeremonielle Erinnerungen an jenen Tag geben, der die deutsche Wiedervereinigung eingeleitet hat. Neben einer neuen Serie zur Geschichte der DDR haben wir parallel Menschen dazu eingeladen, mit uns über ihre persönlichen Wende-Erfahrungen zu sprechen. Den Anfang macht Silvia. Sie ist 59 Jahre alt. Zur Wende lebte sie in einer sächsischen Kleinstadt.

    Hallo Silvia! Schön, dass du dir Zeit für unser Gespräch nimmst. Jetzt feiert ja „unser“ Land 30 Jahre Mauerfall. Ich setze das in Anführungszeichen, weil die Frage ja auch die ist, ob es in deinen Augen überhaupt dein Land ist, ob es dein Leben betrifft, in dein Leben eingreift und so weiter. Ist das auch für dich ein Grund zu feiern?

    Nee, eigentlich nicht. Denn, wie soll ich es sagen? Das war früher in der DDR schon meine Meinung und ist es auch jetzt, wo Deutschland ein Land ist: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Es gibt Gutes, von dem ich sage: Ja, das macht es ein wenig leichter. Aber es gibt auch Negatives, das es in der DDR nicht gab.

    Vor allem: Du wirst hier jetzt schneller vor den Kopf gestoßen. In der DDR war der Zusammenhalt besser, waren die Freundschaften besser, die ganzen Lebensumstände. Klar, du hast nicht immer Bananen gekriegt; du musstest dich anstellen und hast die nach Personenanzahl bekommen. Aber wir sind ja trotzdem groß geworden. Und wir waren trotzdem, irgendwo, auch glücklich.

    Gut, das Manko war, wir durften nicht reisen. Es sei denn, du warst ganz groß in der Partei … Oder du hattest Beziehungen. Beziehungen brauchtest du. Wenn du keine Beziehungen hattest, warst du manchmal eben aufgeschmissen. Dennoch! Wir hatten Spaß gehabt. Wir konnten uns einen Urlaub leisten. Aber es ist so: Wenn du früher kein Geld hattest, dann hast du auch jetzt keins. Trotz der Wende.

    Dann nützt dir die Reisefreiheit auch nichts …

    Nützt dir gar nichts! Wenn du kein Geld hast, kannst du nirgendwohin fahren. Und wenn man Hartz 4 bezieht… Das kann sich jeder selbst ausmalen. Du musst ja auch noch leben. Von 400 Euro im Monat kann man nicht leben.

    Ich stelle mir das schlicht gemein vor: Wenn man plötzlich diese Freiheit hat, aber kein Geld, sich das Reisen zu leisten.

    Es geht doch aber schon damit los: Wenn du Hartz-4-Empfänger bist, krank wirst und ins Krankenhaus musst, dann bezahlst du zehn Euro pro Tag. Dann musst du bei der Krankenkasse einen Antrag stellen und die entscheidet, ob das chronisch ist oder nicht, ob du ein Härtefall bist oder nicht, ob sie das übernimmt.

    Auf jeden Fall musst du aber erst einmal in Vorkasse gehen. Von 400 Euro. Oder wenn du eine Brille brauchst oder zum Zahnarzt musst. Man muss einmal darauf achten, wie viele Hartz-4-Empfänger alte Brillen tragen, nicht zum Friseur gehen, schlechte Zähne haben. Das ist für viele einfach nicht machbar. Du kannst nicht sparen, dir nichts leisten. Erst recht nicht reisen.

    Als die Mauer vor 30 Jahren fiel, wo warst du da?

    Ich lag zu Hause auf dem Sofa, da ich zuvor erst aus dem Krankenhaus gekommen war. Ich hatte eine schwere Fuß-OP hinter mir. Zu meinem Mann sagte ich: „Hast du das gehört?“ Er antwortete: „Ja.“ Daraufhin sagte ich zu ihm: „Lass uns fahren!“ Er antwortete: „Nö. Wir haben einen Braten für morgen.“

    Wie hast du dann die Zeit zwischen dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung miterlebt?

    Ich saß immer noch auf dem Sofa. Ich konnte ja wegen meines Fußes nirgendwohin. Na ja, man hat sich schon darüber unterhalten, wie alle abhauen. Ich wollte nicht abhauen. Denn das war neu. Du hattest Angst. Und du wusstest, dass – wenn du abhaust – du auch erst einmal in so ein Lager musst; in ein Durchgangslager oder Flüchtlingslager. Das wollte ich einfach nicht.

    Vor allem wollte ich nicht alles das, was ich mir mit meinem Mann damals erschaffen hatte, im Stich lassen. Ich war auch der Meinung, dass, wenn jetzt Tausende von Leuten mit einem Mal losrennen, dann muss ich das nicht auch noch machen. Wir lebten ja in dem Gebiet, das dann hauptsächlich Bayern betraf; wo die dann alle reingestürmt sind. Wir wurden von den Bayern ja nicht gerade jubelnd oder mit offenen Armen empfangen.

    Hattest du dennoch Träume in der Zeit – in dem Wissen, das dass bald ein Land wird? Hast du mit der Wende Hoffnungen verbunden?

    Ja. Ich hatte Hoffnungen. Wie zum Beispiel die Reisefreiheit. Aus den Wünschen und Träumen wurde ich aber auch sehr schnell wieder in die Realität zurückgeholt. Die Mieten stiegen automatisch, während die Löhne gleich blieben. Und das ist ja die Ungerechtigkeit. Das ist das, was ich nicht verstehe, wie man bei gleicher Arbeit wie im Westen im Osten weniger Geld bekommt und trotzdem auch im Osten alles teurer wird. Das kann ich nicht nachvollziehen. Und als dann die D-Mark kam … Gut, du kannst dir jetzt alles kaufen.

    Du hast aber auch gemerkt, dass viele plötzlich in einem Kaufrausch waren, Kredite aufgenommen haben: neue Autos, neue Möbel! Das musste das Schönste und das Feinste und das Schickste sein und das größte Auto. Die Leute haben sich dann hochverschuldet. Das war in der DDR nicht möglich.

    Was mich dann geärgert hatte, war: Egal in welchem Vorgarten du warst oder egal an welchem Feld du vorbeigekommen bist, auf einmal standen da überall Autos, die an die doofen Ossis für teures Geld verkauft wurden. Schrottlauben. Das hat mich aufgeregt. Als dann die Wessis gekommen sind und ihren Schrott bei uns abgeladen haben. Und die doofen Ossis waren ja froh, dass sie sich statt eines Trabants, auf den sie jahrelang warten mussten, jetzt ein Auto leisten konnten. Ja, das war schon Scheiße meiner Meinung nach.

    Ist dir das auch passiert?

    Wir hatten damals einen Kredit für den VW aufgenommen. Ansonsten hatten wir keine weiteren Kredite, weder für Möbel noch für sonst irgendetwas.

    Ihr wart also vorsichtig?

    Auf jeden Fall waren wir vorsichtig. Denn nach der Wende musste ich ja plötzlich erfahren, dass ich arbeitslos war.

    Welchen Beruf hattest du zuvor ausgeübt?

    Ich bin gelernte Anlagentechnikerin und habe im Strumpfwerk gearbeitet. Zunächst als Springer, als so eine Art Mechaniker. Später, als ich meine Kinder hatte, bin ich direkt zum Nähen gegangen.

    Und mit der Wende wurden die Werke eingestampft?

    Ja. Innerhalb von zwei, drei Jahren. Weil die Frauen jetzt angeblich keine Strümpfe mehr tragen. Sie haben dann nur noch einzelne behalten; die, die kurz vor der Rente standen. Aber ich war ja damals erst 30. Als Frau war es bei uns dann schwer, eine neue Arbeit zu finden. Bei den Männern ging es so einigermaßen. Die wurden mehr oder weniger dazu gezwungen, unter der Woche im Westen zu arbeiten. Die haben quasi Sächsische Aufbauhilfe geleistet.

    1992 habe ich dann eine Umschulung zur Altenpflegerin gemacht. Nach zwei Jahren haben die mich aber auch nicht mehr gebraucht. Na ja, und dann habe ich immer versucht, Umschulungen, Weiterbildungen, alles zu machen. Dann mal ABM, gemeinnützige Arbeiten in einer Bibliothek, in der Küche … Das war ja Geld, das ich dazuverdienen durfte, damit ich wenigstens ein kleines bisschen Geld hatte.

    Nun lebst du nicht mehr im Osten. Wie geht es dir damit?

    Ich muss sagen: Das war eine gute Entscheidung. Vor allem dass ich nach Bayern bin, denn Bayern ist noch eines der großzügigsten Bundesländer in puncto Rentenanrechnung. Wenn ich im Osten geblieben wäre, dann hätte ich später noch weniger Rente. Ich habe in Bayern auch relativ schnell einen neuen Job gefunden. Der hat mir auch Spaß gemacht. Aber dann kam leider wieder meine Krankheit. Das hatte sich damit dann auch erledigt.

    Wie würdest du die Mentalität der Menschen beschreiben, die in Bayern leben?

    Na, die ist Scheiße. Die Menschen hier sind besserwisserisch, großkotzig; als hätten sie das Schießpulver erfunden.

    Wirst du diskriminiert?

    Nee, nicht direkt. Von meinem Partner vielleicht. (lacht) Ich sag ihm dann manchmal, dass wir froh über die Wende sind, denn bis dahin haben wir ja alle immer nur auf den Bäumen gesessen und gewartet, bis wir von unseren Bäumen wieder runter durften.

    Das Besondere bei dir ist ja, dass du genau die erste Hälfte deines Lebens in der DDR verbracht hast und die zweite Hälfte in der BRD. Wie würdest du die beiden Phasen miteinander vergleichen?

    Das kann ich schlecht beantworten. In der DDR war es nicht schlecht, eben bis auf das Reisen. Und jetzt ist es auch nicht so schlecht. Wenn du dann Freunde hast, ist es auch schön. Du kannst viel unternehmen und die Kleinstadt, aus der ich komme, stirbt ja aus. Hier in Bayern ist jedes Wochenende etwas los, wo du hinmarschieren kannst, aber eben auch damit verbunden: Wenn du Geld hast. Das nimmt sich also nicht viel. Das ist beides irgendwie gleich. Fast gleich. Es gab in der DDR Dinge, über die ich mich aufgeregt habe, und es gibt Dinge, über ich mich jetzt aufrege.

    Wie blickst du auf die nächsten 30 Jahre?

    In der Politik muss sich definitiv etwas ändern. Ansonsten gibt es irgendwann einmal einen riesengroßen Knall. Aber ich bin nur ein kleines Sandkorn im Getriebe.

    Wie blickst du auf deine nächsten 30 Jahre?

    Im Großen und Ganzen optimistisch. Ich bin insgesamt ein positiv eingestellter Mensch. Egal, was kommt, du musst es hinnehmen. Aber irgendwann ist immer ein Licht am Ende des Tunnels. Immer.

    Ich danke dir!

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