Monster Morbus Moden: Nora Gomringer erkundet die Urängste unserer Flucht ins ewige Kinderzimmer

Für alle LeserIn den vergangenen Jahren erschienen sie hübsch stückweise im Verlag Voland & Quist: „Monster Poems“ 2013, „Morbus“ 2015 und „Moden“ 2017, alle drei Bände fantastisch beängstigend illustriert von Reimar Limmer. Jetzt hat der Verlag alle drei Teile in einen gemeinsamen, erfrischend lebendig gestalteten Band gepackt. Denn ums Leben geht es, ums ganz blanke, in einem Zeitalter voller Monster und morbider Ängste.

Drei Gedichte hat Nora Gomringer neu dazu geschrieben. Und auch wenn der Teil „Moden“ angedeutet hat, dass es hier eher um die Befindlichkeiten einer Frau in einer Welt gehen könnte, in der die Moden alles streng geteilt haben, Männer sich also vielleicht nicht gemeint fühlen müssen, sind die Texte aller drei Teile eine geradezu unverblümt beherzte Dekonstruktion einer Welt, die von Männern gemacht ist und ihre wirklichen Nöte und Sehnsüchte hinter sexistischen Werbebildern versteckt.

Grafiker Reimar Limmer arbeitet ja mit diesem Bildmaterial aus alten Katalogen, Werbeprospekten und Filmplakaten. Überall begegnen sie uns ja, diese hübschen „Million Dollar Mermaids“ mit ausgestelltem Sexappeal. Es gibt praktisch kein Produkt, das nicht mit schmachtenden, grazil sich räkelnden Schönen verkauft wird. All diese ewig Jungen, Gestylten und Verführbaren vermitteln ein Bild von der Welt, in der alles käuflich verfügbar zu sein scheint: Gesundheit, Schönheit, Glück und grenzenlose Naivität.

Das Erstaunliche aber ist: Diese Fiktion funktioniert – sie macht sich ihre Konsumenten hörig und gehorsam. Sie spuren und lassen sich verführen und schlüpfen nur zu bereitwillig in die vorgegebenen „coolen“ Rollen. Bis hin zur Selbstverleugnung, der Selbstenteignung, der völligen Verleugnung der tatsächlichen Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. Die alle noch da sind. Keine weiß das besser als Nora Gomringer, die in diesem Sammelband auch einen neuen Verehrer gefunden hat: Clemens Setz, der das Vorwort zum Sammelband schrieb und mit Nora ein Erweckungserlebnis hatte: Die begnadete Dichterin erlöste ihn von einem einige Zeit gehegten Glauben daran, dass Computerprogramme genauso Gedichte schreiben könnten wie Dichter.

Nora hat ihm klargemacht: Computer können zwar Verse basteln. Aber von Gedichten haben sie keine Ahnung. Weil sie nicht in doppelten und dreifachen Böden denken können. Sie haben kein Organ, das die Vieldeutigkeit von Worten und Sätzen erkennen könnte. Und schon gar nicht ihre emotionale Wucht. Das können zwar viele Leute auch nicht, die Gedichte produzieren, mit oder ohne Reim.

Aber dafür gibt es ja die seltenen Edelsteine, die Noras unter den Dichtern. Die beim Sprechen und Schreiben immer auch wissen, was da lauert unter der dünnen Schale äußeren Scheins.

Nora Gomringer: Lycanthropie

Und deshalb verbinden sich die Gedichte aus den drei Teilen zu einer großen Forschungsreise durch die Ängste unserer Gegenwart, die stets dabei sind, wenn wir unsere falschen Masken umhertragen und so tun, als wären wir uptodate, fit für den großen Auftritt, erfolgreich im Darstellen eines Erfolgs, der ganz und gar aus Make-up, Styling und flott ersetzbaren Klamotten besteht. Innendrin aber wissen wir, dass das alles nur ein kurzer Auftritt ist, dass ein einziges Bazillus mit lateinischem Namen genügt, um dem irren Traum ein Ende zu bereiten, den Helden seiner eigenen Komödie im Handumdrehen in ein verschrecktes, die Welt fürchtendes Kleintier zu verwandeln.

Auf dieser Grundlage funktionieren ja alle die Thriller und Albtraumfilme. Und nicht nur die. Denn unser Fixiertsein auf den äußeren Schein macht uns blind für das Fremde im anderen, schürt geradezu unsere Angst vor dem anderen – und zwar nicht nur dem Fremden. Was in „Monster“ sehr schön durchgespielt wird – bis hin zum Monster Mädchen, in das sich die Dichterin noch einmal verwandelt, um mit den hungrigen Augen eines Kindes zurückzuschauen in die Augen der anderen, ob es von ihnen erkannt und verstanden wurde.

Wurde es natürlich nicht. Denn Jungen und Mädchen werden gemacht. Sortiert, wie es Nora ausdrückt, einsortiert in die Uniformen des Lebens, das man von ihnen erwartet. Und auch die Mädchen fügen sich in diese Erwartungen, üben sich ein in die erwarteten Rollen. Um dann – zumindest, wenn sie so neugierig und zum Zweifeln bereit sind wie Nora – irgendwann die unverschämte Frage zu stellen: „wer ich jetzt bin / ich jetzt bin / wer? fragst du mich“.

Frage mal einer. Kann er sich auch selbst fragen. Denn auch die Jungen werden in Uniformen erzogen, in Erwartungen, in die sie hineinwachsen sollen. Und die meisten tun es und werden dadurch benennbar, bezifferbar, verwertbar und für die Schablonenschnitzer erkennbar. Aber was werden sie wirklich? Viele glauben dann: sie selbst. Und da sie keine anderen Rollen haben, halten sie daran fest – mit Verzweiflung, Panik im Blick. Panik, die immer direkt an die innersten Ängste rührt: Und was, wenn ich jetzt aus dieser Rolle falle? Wenn ich nicht genüge?

Chemnitz

Sage keiner, dass nur Mädchen dieses Absturzgefühl, diese riesige Angst vor dem Nicht-mehr-Akzeptiertwerden kennen. Jungen kennen das auch. Das macht auch sie erpressbar und verführbar, macht sie zur uniformen Verfügungsmasse für allerlei Dinge, in denen sie brav funktionieren, gehorchen und sich auch mal als heldenhafte Dummköpfe verheizen lassen.

Nun, wo alle drei Teile vereint sind, bekommt man eine Ahnung von der Suchaufgabe, die sich Nora Gomringer mit dem Projekt gestellt hat. Es ist dieselbe Suchaufgabe, die auch Clemens Setz bewältigt hat, als er bei ihrem Gedichtvortrag merkte, dass es in Noras Gedichten einen Raum hinter den Worten gibt, einen Raum, in dem es wispert, raunt und pocht, einen Raum, den jeder kennt, wenn er sich mal zufällig im üblichen Bemühen selbst begegnet und seiner verstörenden Unfertigkeit und Unpassendheit. Was wohl das Verbotenste ist in unserer mit Tabus beklebten Welt: zu wissen, dass wir eigentlich nicht in die Schablonen und Erwartungsmuster passen, dass wir, wenn wir jetzt ehrlich wären, alle diese Leute enttäuschen würden, weil wir nicht das niedliche, brave und zielstrebige Wesen sind, das sie die ganze Zeit nur haben wollten.

Sondern …

Das wird im Gedicht „Poppins‘ tiefe Tasche“ deutlich: Nein, wir sind nicht die Kinder, die sehnsuchtsvoll auf all die Wunderdinge warten, die aus Mary Poppins‘ großer Tasche hervorgezaubert werden. Wir sind nicht die Geschöpfe eines perfekten Kindermädchens. Wir sind etwas anderes, was wir aber nicht nur in kitschigen Hollywood-Filmen nicht sein dürfen (in denen wir dann ja bekanntlich auch nie vorkommen, denn mit den dort präsentierten Edelkindern haben wir wirklich nichts gemein, nicht mal die Gefühle …). Wir sind etwas Unfertiges, etwas Ängstliches, Störendes und – wenn wir Mut ansammeln wie Nora – Herausforderndes und Freches.

Deswegen scheint der Ausklang des Gedichts gar nicht so recht zu passen zu dieser selbstbewussten Dichterin: „Sie schulden mir die Kindheit. / Ganz zu schweigen von dem Blick / ins Bodenlose!“

Eine Zeile, die eigentlich das ganze Projekt beschreibt. Wahrscheinlich muss man erst einmal dahin kommen, sich wie Nora um ein Stück ehrliche Kindheit bestohlen zu sehen, um dann auch den Mut zu haben, mal vorsichtig übers Geländer ins Bodenlose zu sehen. Oder genauer: Sich diesen Blick einzugestehen. Denn in Wirklichkeit schauen wir alle die ganze Zeit in dieses Bodenlose – völlig verängstigt, mutlos oder – auch das gehört dazu: bezaubert von den unendlichen Möglichkeiten. Denn der Blick zeigt uns ja auch, dass wir auf diesem morbiden Planeten ganz wundersam völlig alleine sind, wie gestrandet und – zum Glück – von Mary Poppins nicht in die Tasche gesteckt. Erwachsen werden müssen wir völlig alleine.

Noch so eine Angst, die ganz offensichtlich viele unter uns dazu bringt, lieber niemals erwachsen werden zu wollen. Gefangen in der unsterblichen Sehnsucht, dass uns einer rettet. Irgendeiner, der wirklich in die Heldenrolle passt, in die wir nie hineinwachsen werden, egal wie oft wir die traumatischen Filme unsere Kindheit auf flimmernden Bildschirmen anschauen.

Nora Gomringer Monster Morbus Moden, mit Audio-CD, Voland & Quist, Berlin, Dresden und Leipzig 2019, 26 Euro.

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