Münchhausen: Der echte Lügenbaron und die Männer, die seine Geschichten berühmt gemacht haben

Für alle LeserNach Sachsen hat es ihn wohl nie verschlagen, dafür nach Russland, Lettland und Finnland, diesen Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen, den berühmtesten aller Münchhausen, auch wenn er für seinen Nachruhm eigentlich nichts kann. Für den haben andere gesorgt. Aber am 11. Mai wäre der erzählfreudige Baron aus Bodenwerder 300 Jahre alt geworden. Wer hat seine Geschichten nicht im Bücherschrank stehen?
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Der Buchverlag für die Frau hat dem Berühmten jetzt ein Büchlein gewidmet, geschrieben von Erik Gloßmann, einem fleißigen Übersetzer, der unter anderem auch Krimis von Olov Svedelid übersetzt hat. Und beim Plaudern entdeckten die beiden ihre gemeinsame Liebe zu den Lügengeschichten des berühmten Barons – und wunderten sich, dass jeder andere Geschichten kannte. Gibt es denn keinen Kanon der authentischen Münchhausen-Geschichten? Den gibt es nicht.

Und Gloßmann erzählt in diesem Büchlein kurzweilig, warum das so ist, warum es von Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen selbst keine autorisierte Ausgabe seiner Geschichten gibt, auch wenn die ersten, noch zu seinen Lebzeiten erzählten Geschichten von Rochus Graf zu Lynar (1761), im Berliner „Vademecum für lustige Leute“ (1781) und die von Rudolf Erich Raspe in England veröffentlichten „Baron Munchhausen’s Narrative of His Marvellous Travels und Campaigns in Russia“ wohl tatsächlich direkt auf die phantasievollen Geschichten zurückgehen, die der Baron in Bodenwerder in der Runde von Freunden und Bekannten zum besten gab.

Und mindestens im Niedersächsischen muss er eine Berühmtheit gewesen sein, auch wenn er nach seiner früh beendeten Karriere in russischen Militärdiensten kein Amt mehr bekleidete und wohl auch recht kärglich auf Bodenwerder vor sich hinwirtschaftete.

Gloßmann erzählt, wie der Adlige in Diensten von Prinz Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel erst nach Russland und dann in russischen Militärdienst kam, wo er mindestens am Krieg gegen Schweden in Finnland teilnahm. Wäre Anton Ulrich nicht in die Turbulenzen der russischen Politik geraten, hätte Münchhausen durchaus auch Karriere im russischen Militär machen können.

Aber so waren ihm über 40 Jahre im doch recht überschaubaren Bodenwerder an der Weser beschieden. Da blieb fast nur noch die Jagd als Zeitvertreib (und es gibt jede Menge herrliches Jägerlatein in seinen Geschichten) und die gesellige Runde unter Bekannten, die ihm nur zu gern lauschten, wenn er seine russischen Erlebnisse schilderte – mit jeder Menge Witz und den wildesten Übertreibungen.

Da fragt man sich eher: Warum hat er das alles nicht selbst aufgeschrieben? Denn an die Öffentlichkeit kamen seine Geschichten ja durch Leute, die ihn bei diesen Runden erlebt haben. Und die dann die Geschichten drucken ließen – anfangs mit der geradezu feigen Ausrede, die Geschichten sollten eine Warnung sein, ja nicht zu lügen.

Aber spätestens der Gelehrte und Bibliothekar Rudolf Erich Raspe, der mit Geld augenscheinlich nicht umgehen konnte und nach einigen heftigen Verfehlungen nach England flüchtete, erkannte den hohen Unterhaltungswert der Geschichten und verzichtete auf den moralischen Zeigefinger, mit dem die etwas grobschlächtigen Aufklärer in Deutschland noch versuchten, dem Volke die Weisheit mit Belehrung zu servieren. Die von ihm erzählten Münchhausiaden wurden in England zum Bestseller – und sind es bis heute geblieben, auch wenn Raspe später selbst noch lauter Abenteuer hinzuerfand, die den Phantasie-Münchhausen dann gar noch auf See schickten.

Aber der Ruhm in Deutschland beruht auf einem anderen Autor: Gottfried August Bürger, der die von Raspe veröffentlichten Geschichten ins Deutsche übersetzte, dabei aber selbst zur erzählerischen Hochform auflief und daraus einen völlig eigenen Erzählkanon machte, in den er dann seinerseits einige Geschichten einfließen ließ, in denen er Münchhausen noch ganz andere Abenteuer erleben ließ.

Gloßmann erzählt also zwingendermaßen nicht nur die Geschichte des berühmten Barons, sondern auch die jener Autoren, die den Baron noch zu Lebzeiten berühmt machten. Denn auch Bürgers „Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande – Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“ erschienen noch zu Lebzeiten Münchhausens. Doch an Bestsellern verdienten im 18. Jahrhundert nicht die Autoren. Bestenfalls die Verleger, meistens sogar nur die Nachdrucker. Das Urheberrecht war noch ein Thema für die ferne Zukunft. Und so starben auch Bürger und Raspe verarmt.

Ihre Bücher aber lebten fort, ganze Bibliotheken entstanden, die sich mit Münchhausens Abenteuern beschäftigten. Auf den berühmtesten Münchhausen-Film verweist im Büchlein freilich nur ein knapper Ausspruch von Erich Kästner: „Durch Lügen kann man also berühmt werden? Freilich!“

Wobei sich ja dieser Münchhausen von anderen und gegenwärtigeren Lügnern gründlich unterscheidet: Er log nicht um seines Vorteils willen oder seiner Eitelkeit wegen oder weil er glaubte, so Menschen manipulieren zu können. Das tun in der Regel auch Jäger und Angler nicht, wenn sie ihre kleinen und großen Übertreibungen an den Mann bringen.

Tatsächlich berühren Münchhausens Geschichten die Phantasie, leben vom pointierten Spiel mit Übertreibungen und augenzwinkernder Unlogik. Womit sie wieder genau hineinpassen in eine deutsche Aufklärungsepoche, die nur zu gern mit professoraler Steifheit, knarrender Humorlosigkeit und moralischer Stinkstiefeligkeit daherkam, etwas, wogegen auch andere Satiriker nur zu gern opponierten.

Und die Tendenz gab es ja auch in England, wo die späteren Münchhausiaden gern in Zusammenhang mit „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift gebracht wurden, in denen die eselige Selbstgerechtigkeit der Herren mit Perücken und Brillen ebenfalls mit scharfer Feder karikiert wurde.

Und so funktionieren die Geschichten ja bis heute, auch wenn man solche Erzähltalente wie Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen längst mit der Lupe suchen muss. Wie sollten sie auch entstehen, wenn heute die Menschen wie besoffen vor der Plapperkiste hocken und sich plattesten Quatsch ansehen und meinen, sie wären damit gut unterhalten. Das, was Münchhausens Zeitgenossen noch Esprit nannten, gibt es kaum noch.

Und die Orte, an denen sich Menschen launig etwas erzählen mit der einzigen Absicht, die Anwesenden zu amüsieren (noch so ein aussterbendes Wort), sind verschwunden, seit uns die Industrie mit Technik zuschüttet, mit der wir die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes totschlagen können.

Mit Svedelid zusammen hat Gloßmann dann auch noch eine Art neuen Münchhausen geschrieben, der auch in Schweden erschien. Eine Kostprobe daraus gibt es auf den letzten 30 Seiten des Buches.

Aber das zündet irgendwie nicht mehr, auch wenn es derselbe kriegserfahrene Münchhausen zu sein scheint, der nun durch die Geschichte reist. Es gibt Figuren, die kann man nicht wirklich aus ihrer Zeit herausreißen oder gar modernisieren, weil gerade das Altmodische an ihnen zwingend zu ihrem Charakter gehört.

So empfanden es ja auch die Zeitgenossen: Der Typ war wie aus der Zeit gefallen. Einer, der auf dem besten Weg war zu einer Gestalt wie Till Eulenspiegel zu werden, so sehr literarisiert, dass man kaum glauben mochte, dass es den Mann wirklich gab in seinem Herrenhaus in Bodenwerder. Eine Legende schon zu Lebzeiten.

Und eine Attraktion bis heute. Wer die Adresse der kleinen Stadt Bodenwerder eingibt, landet ohne Federlesen auf der Website muenchhausenland.de, wo man sich schon so auf das Münchhausen-Jahr 2020 gefreut hat.

Und nun das: „Unter Berücksichtigung der weitreichenden Einschränkungen durch die Gefährdungen aufgrund des Coronavirus, haben Rat und Verwaltung der Münchhausenstadt einvernehmlich festgelegt, die eigenen Veranstaltungen zum 300. Geburtstag des Baron von Münchhausen in der ersten Jahreshälfte 2020 abzusagen. Insbesondere sind hiervon der offizielle Festakt am 11. Mai in der Klosterkirche Kemnade und das Jubiläumswochenende vom 15. bis 17. Mai 2020 betroffen.“

Die Klosterkirche Kemnade ist hier mit gutem Grund erwähnt, denn: „Auch der berühmte Sohn der Stadt, Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, genannt der ,Lügenbaron‘, fand hier 1797 seine letzte Ruhestätte. Eine schlichte Bodenplatte erinnert noch heute an ihn.“

Da kann man sich jetzt wirklich nur den „Münchhausen“ aus dem Regal ziehen und sich in die Abenteuer des „Lügenbarons“ vertiefen. Bis alle wieder raus dürfen und vielleicht auch mal nach Bodenwerder fahren können, um den echten Lebensort des echten Münchhausen zu besuchen.

Erik Gloßmann Münchhausen, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2020, 5 Euro.

Leo Leu auf Holzwegen (11): Molmerswende – vom Baronsyndrom verschluckt

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