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Gottesanbieterin: Nora Gomringer erkundet den seltsamen Raum unserer Endlichkeit

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    Sie liebt die Doppelbödigkeit unserer Sprache und die unseres Lebens. Denn der Mensch ist gern ein bisschen schein-heilig, maskiert sich gern, tut so, als sei nichts, obwohl Leben nun einmal heißt: Es passiert ständig was, Unerwartetes, Ungewolltes, manchmal auch schrecklich Peinliches. Und nichts ist dem modernen Konsummenschen so peinlich wie das Ertapptwerden dabei, doch nur ein ganz normales Lebewesen zu sein, das einfach so von jetzt auf gleich auch sterben kann. Denn: Nichts ist sicher.

    Und während so mancher nicht einmal in der Corona-Pandemie begreift, auf welch dünnem Eis er den Freiheitskämpfer spielt, war es für die Dichterin Nora Gomringer tatsächlich die Begegnung mit einer „besonders großen Heuschrecke“ bei einem Aufenthalt in den USA, die sie im Nachhinein immer wieder zu allerlei Texten animierte, in denen sie sich mit der Brüchigkeit und Endlichkeit des Lebens und der menschlichen Rollenspielerei beschäftigt.

    Denn ihre grundskeptische Haltung zu allem, was Menschen so tun und sagen (sich selbst eingeschlossen) hat sie nie aufgegeben, gibt sie auch in diesen Texten nicht auf, in denen es doch einige Male in jene Grauzone geht, in der sich ungebändigte menschliche Gehirne auch mal mit dem Ende und dem Gefühl der „Unsicht- und auch Unfassbarkeit“ („Von der Begehbarkeit des Herzens“) beschäftigen.

    Sich also auch gemeint fühlen und beeindruckt bis zutiefst verwirrt sind von der Unfassbarkeit. Wozu auch Menschen neigen, die ganz und gar nicht von einem jähen Beichtgefühl überwältigt werden und dennoch nicht vergessen, dass sie nur eine „Ansammlung nasser Zellen“ sind, ein endliches Wesen also, das mehr oder weniger gut funktioniert und meistens eigentlich verdutzt ist, wenn es von anderen dieser Wesen zurechtgebogen werden soll zu was auch immer – einem anständigen Mädchen („Es gibt Mädchen, die bluten nur an hohen Feiertagen“) oder einer, die eine Antwort weiß auf die Frage „Wie hälst du’s mit der Kommunion?“ („Wir tindern uns“) oder auch nicht.

    Weil die richtige Antwort darauf ja nicht heißen muss, dass man in der richtigen Rolle oder im richtigen Leben steckt oder seinen Goethe („Faust. Der Tragödie erster Teil“) tatsächlich verstanden hat, der ja hier sanft zitiert wird wie an anderer Stelle Heinrich Heine („Wir saßen und tranken am Teetisch ..“).

    An anderer Stelle wird Papa Eugen Gomringer variiert („Gott und Toast“), von dem sie ein klein bisschen diese stocknüchterne Sicht auf das Allzumenschliche hat, dieses Hingeholpere zwischen lächerlicher Überhöhung und Babybrei: „Dieses ewige Leben. Schon kurz nach der Ankunft. / Bin ich ein Schrei.“

    Nein, es hilft gar nichts, nur die silberne Scheibe einzulegen (die dem Buch beigelegt ist) und Nora all das vortragen zu hören. Das kann sie gut. Aber Nora ist eine Schelmin. Selbst die abgründigsten Stellen klingen bei ihr so, als necke sie die Zuhörenden nur, ist ein klein bisschen frech. Und wenn einer nicht aufpasst, merkt er gar nicht, dass sie es ernst meint.

    Dass es ihr just in so einem scheinbar alltäglichen Gedicht wie „Babysprache“ um den unaushaltbaren Spagat des heutigen Menschleins geht zwischen einem (anfangs) als ewig empfunden Leben mit lauter phantastischen Möglichkeiten – und ausgerechnet dann, wenn so ein kleiner Neuankömmling sich mit einem Schrei in diese Unendlichkeit wirft, merkt ausgerechnet die glückliche Mutter, dass alles schrecklich vergänglich ist. Die Ablösung ist schon da, das Ende schnurrt auf etwas Überschaubares zusammen. Und das besteht meist aus völlig blödsinnigen Teilen: „Ich halte nichts von deinen Anlagegeschäften.“

    Und selbst das kommt freundlich rüber, wenn Nora es selber spricht. Mit verschmitztem Blick steht sie über den Dingen. Und dennoch löckt sie und zerbröselt all die Ernsthaftigkeiten der Mitmenschen wie Zwieback zwischen den Fingern. All diese Hüllen für Wichtigkeiten, die gar keine sind. Was dann manchmal sogar zu kleinen Balladen über diese Rollenspiele all der Emsigen wird, die ihr So-Sein damit rechtfertigen, dass sie doch alle brav, fleißig, betriebsam sind.

    Also immerfort zeigen, wie unersetzlich sie sind. Obwohl alle ersetzbar sind. Was man spätestens merkt, wenn man mit seiner Asche durch den Wald stapft („Warum man das zu bestimmten Zeiten lernt und nicht zu anderen“): „Jeder weiß doch, dass der Krebs seitwärts krabbelt. / Vom Strand ins Meer und er dich packt in seinen Klauen und er dich zieht und zieht …“

    Alles ist endlich. Und wenn es so weit ist, haben alle „keine Zeit mehr einzupacken. Sie werden erwartet, man hat ihnen Kahn und Fährgeld / längst bereitgehalten.“

    Und selbst wo sie dieses Plötzlich-Aus tief trifft und zerreißt, spürt Nora Gomringer das Brüchige auf, das den gewohnten Alltag jäh abreißen lassen kann: „Ging einer zur Arbeit“. Ein Gedicht, das eigentlich – nur scheinbar abgeklärt – das wirklich Erschreckende beschreibt, das eine selber Kunst Schaffende am Attentat auf „Charlie Hebdo“ entdeckt: „Wissen doch alle / die gehen zur Arbeit / dass sie darin umkommen können / in diesem Hier und Jetzt / wenn sie den Stift heben …“

    Denn es ist dieses so chaotische, manchmal verwirrende Hier und Jetzt, das die Lebendigen zum Widerspruch herausfordert, auch zur Empörung nicht nur über die ausgestellten Heiligen, auch über die Selbstgerechten, die sich besorgt geben um ihre Arterhaltung. Als wenn sie so wichtig wären. Da greift dann auch Nora Gomringer im Dezember 2015 in Dresden mal zur großen Anrufung: „Kämst du heute“. „Komm noch vor Weihnachten in diesem Jahr! / Und in Dresden gib ihnen deinen Geist! / Machst du das noch so? Komm auch auf Youtube und live! / Unbedingt live!“

    Na ja, wahrscheinlich würde man ihn auf Youtube mit seinen „zwölf Followern“ gar nicht finden. Da regiert das Gequake, Gemetzel und Gezeter, der große Auflauf von Männern, die ihre völlige Nutzlosigkeit mit ernsthafter Selbstgerechtigkeit kaschieren. Aber vielleicht ist das auch so neu nicht. Sie sind immer schon da, wenn das Paar mit dem Esel kommt. Sie warten geradezu mit all ihren Vorurteilen: „Ach, spinn net / Was solln die den mitgehen lassen? / Der magere Dyp und sei kugelrunde Fra …“ („Einseitiges Telefonat“).

    Die Tauben, die eh nichts hören, weil die ENGEL so laut singen. Wie immer. Wie soll man da sein eigenes Herz verstehen, wenn die ENGEL so laut sind? Oder? Angetünchte Christen wohl eher, brave Bürger, die das Leben mit ihrer angelernten Rolle verwechseln und dabei verpassen, auch mal zu leben. Hauptsache, die Fassade stimmt. Und der Applaus, so wie in „Applaus“, dem Gedicht, von dem man am Ende nicht recht weiß, wie viel Nora darin steckt und wie viel Verachtung für die, denen die täuschend perfekte Show wichtiger ist als das Rätsel, das immer bleibt, auch wenn eine brav alle Lieder mitsingt in der Kirche und sich beim „Singen nach der Orgel aber meistens vertut“.

    Hier steckt er ja, dieser kleine Widerhaken, der immer dafür sorgt, dass wir mit der erwünschten Rolle nie eins sind. Uns nie wirklich flüchten können vor unserem Wissen darum, dass die ganzen Riten das Rätsel weder erklären noch verschwinden lassen. Und schon gar nicht hinter falschen Fassaden. „Ich bin die Christin, / die ernst macht mit der Liebe für den immer Nächsten.“

    Na gut, vielleicht drängt sich das alles mehr auf in Bamberg, wo Nora Gomringer das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet. Die aufgeklebte Heiligkeit sieht in den verschiedenen deutschen Landschaften immer ein bisschen anders aus, meint aber immer die hübsche Maske, hinter der sich der Griesgram und der Neid verstecken, die anderen den Überschwang und die Lust am Leben immer verleiden wollen.

    Denn nichts eint die ausgestellten Christen mehr mit den besorgten Bürgern als dieser Neid, diese tiefsitzende Frustration, dass die anderen scheinbar so rücksichtslos lebendig sind und sie selbst haben sich das ihr Lebtag lang immer verkniffen. Womit wir ja fast wieder am Anfang wären, diesem irritierenden Spagat in unserem Leben, das nun einmal nur kurz und begrenzt ist, gerade genug Zeit, um tatsächlich zu leben, zu lieben und ein Zipfelchen zu erfassen von dem, was so viel größer ist als wir selbst.

    Und dann verkneifen sie sich dieses Lebendigsein mit schmalen Mündern und verbreiten Grämlichkeit, Eile und ausgestellte Geschäftigkeit für allerlei Hokuspokus, ohne Blick für das, was einen hier auf dieser blauen Murmel wirklich berührt: „Er schaltet die Ampeln so, / dass Entenfamilien unbeschadet watscheln können …“ („Gott kommt“).

    Im „Buch Tim“ wird dann tatsächlich ein Mensch gewürdigt, dessen früher Tod die Dichterin zutiefst verstört. Auch wenn auch diese Gedichte so klingen, als wolle sie den kessen Ton unbedingt halten. Gehört dieses Verlieren nicht zum Leben? Und bleiben nicht die Bilder? Aber was ändert das? Wenn die Freunde gehen, wird unser Hiersein sofort ärmer, verwandelt sich das Könnte-Sein in ein Wird-Niemals. „Sie sagen: Das Vergessen hat die Zähne eines Haifischs. / Ich tipp dir leise: das Erinnern auch.“

    Wieder so ein Punkt, an dem man im Innersten spürt, dass dieser ganze Spaß begrenzt ist und für jeden endet. Und dass eigentlich gar kein Platz ist für den inszenierten Frust der Neidischen und Erbosten, denen wir niemals etwas recht machen können. Immer zu viel herumzappeln, nicht gerade sitzen, nicht geleckt genug sind, nicht fromm genug und nicht gefällig genug. Und es wagen, an die Verletzlichkeit zu erinnern, die uns Mensch sein lässt. Selbst im Angesicht einer Gottesanbeterin. Einen Moment lang wieder erschrocken darüber, dass wir das vergessen konnten in all der gedankenlosen Betriebsamkeit.

    Nora Gomringer Gottesanbieterin, mit CD, Voland & Quist, Berlin, Dresden, Leipzig 2020, 20 Euro.

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