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Die Petrusakten: Andreas Englisch hat seinen Thrilller von 1998 noch einmal überarbeitet

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    Alte Schriften, geheimnisvolle Akten, die diversen Apokryphen aus dem Umfeld der Bibel – das alles reizt Autoren immer wieder, drumherum spannende Krimis, Thriller und Legenden zu stricken. Denn all das regt dazu an, über alternative Geschichtsverläufe nachzudenken. Denn warum wurden bestimmte Schriften nicht mit in den Kanon der Bibel aufgenommen? 1998 veröffentlichte Andreas Englisch erstmals seinen Thriller „Die Petrusakte“.

    Eigentlich ist Andreas Englisch Journalist. Sein Arbeitsplatz war jahrzehntelang der Vatikan und er hat einige Bestseller-Bücher über die drei letzten Päpste veröffentlicht. Doch so richtig zufrieden war er mit der „Petrusakte“ die ganze Zeit noch nicht. Jetzt hat er einen Teil des Romans noch einmal überarbeitet und ihm einen neuen Schluss verpasst.

    Und trotzdem hat man das Gefühl: Die 22 Jahre seit dem Erstscheinen haben etwas Grundlegendes verändert. Die Petrusakten selbst sind ja kein Geheimnis. Sie werden in Sammlungen apokrypher Schriften auch immer wieder aufgelegt. Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Frage, warum sie nicht in die Bibel aufgenommen wurden.

    Aber das trifft auf dutzende anderer Legenden ebenso zu, jüngere und ähnlich alte. Denn diese Geschichten sind recht alt, stammen aus dem 2. Jahrhundert, also aus jener Zeit, als sich der Schriftenkanon der christlichen Kirche erst ausformte und die Debatte um die gültigen und die nicht akzeptierten Überlieferungen erst so richtig begann.

    Eine Debatte, die die katholische Kirche bis heute beschäftigt, denn vieles, was zum Selbstverständnis dieser Kirche gehört, hat seine Wurzel nicht in der Bibel, sondern in solchen Legenden. Und die Sache mit Petrus ist ja elementar. Ist er – hochbetagt – in Jerusalem gestorben oder gelangte er nach Rom und gründete hier als erster Bischof von Rom die Kirche, sodass die Päpste sich bis heute in seiner direkten Nachfolge sehen können? Über die frühen Päpste in Rom schreibt auch Wikipedia knochentrocken „Seine Historizität ist nicht gesichert“, „Ob er Bischof von Rom war, ist aber unsicher“ oder „Daten nicht gesichert“.

    Die Geschichte der katholischen Kirche ist eine Geschichte voller Legenden. Und besonders legendarisch ist die in den Petrusakten festgehaltene Begegnung von Petrus mit Simon dem Zauberer. Was natürlich – aus Sicht des Vatikans – eine spannende Nahtstelle wäre: Wenn man das Grab des Simon in oder bei Rom findet, wird auch der Aufenthalt des Petrus in Rom besser untermauert, das Papsttum also gestärkt.

    Also schickt Andreas Englisch vier hochrangige Professoren des Vatikan los, um die Dinge in Bewegung zu setzen und das Grab des Simon Magus zu finden, von dem sie annehmen, dass es im nahe Rom gelegenen Ariccia zu finden sein müsste. Irgendetwas ist da im Jahr 1957 passiert. Vielleicht hatte es mit dem Grab zu tun.

    Aber wir sind in Rom, in der seltsamen hierarchischen Welt der römischen Kurie, die Englisch ja nur zu gut kennengelernt hat. Da geht man nicht einfach hin und beauftragt ein paar Archäologen mit der Grabung. Auch weil die apokryphe Legende um Simon den Magier ja nur allzu heikel ist. Andere Kirchen verehren den Mann sogar. In den Petrusakten aber ist er ein dämonischer Gegenspieler, den Petrus mit einem Gebet vom Himmel holt.

    Was die vier Theologieprofessoren freilich von dem jungen Vikar Vincenzo Peo erwarten, als sie ihn nach Ariccia versetzen lassen, verraten sie ihm nicht. Sodass der ziemlich schnell in lauter seltsame Vorgänge gerät, bei denen er nicht so recht weiß, wer hier die Strippen zieht und was das alles mit der alten Simon-Magus-Geschichte zu tun hat.

    Denn gleichzeitig bekam er einen schlecht gelaunten Propst vor die Nase gesetzt, der seine Neugier mit der Androhung von Bestrafung und Versetzung eher anstachelt. Man wartet eigentlich nur darauf, dass Peo einfach kündigt und diesen von hierarchischer Duckmäuserei dominierten Laden Kirche einfach verlässt.

    Denn das ist eigentlich das Wesentliche, was in den letzten 22 Jahren passiert ist – und was auch immer mehr Menschen zum Austritt aus der Kirche bewegt: Eine hierarchisch wie im Mittelalter organisierte Kirche passt nicht mehr in die Zeit. Der Zölibat mit all seinen verheerenden Folgen erst recht nicht.

    Und ganz bestimmt haben auch die meisten Gläubigen nicht mehr die biedere Haltung der vier alten Mütterchen, die noch in Peos Gottesdienste kommen. Aber besonders antiquiert mutet tatsächlich diese seltsame Männerhierarchie an, in der man nicht offen miteinander redet, sondern das Misstrauen köchelt und die Angst vor den Oberen die Hirten in ihren Gemeinden zu ängstlichen Schafen macht, die sich nicht trauen, das formelhafte Korsett zu verlassen.

    Und was hier die vier verschworenen Professoren dazu bringt, mit einigen sehr dubiosen Unternehmungen die Dinge in Ariccia ins Rollen zu bringen. Mittendrin als eigentlich Hauptleidtragende die deutsche Übersetzerin Marion Meierling, die einerseits dem vereinsamten Schlossbewohner Alessandro Gigi dazu verhilft, dass sein alter Adelspalast wieder restauriert werden kann, andererseits für einen Kirchenverlag Texte übersetzt. Nur dass der neueste Text auf einmal ihre eigene Lebensgeschichte erzählt …

    Eine Mystifikation, auf die auch der Herr Verleger ganz ähnlich reagiert wie der Propst auf die Fragen Peos. Was einen dann eben doch an die ganzen leidigen Debatten um die Missbrauchsfälle in der Kirche erinnert. Diese alte Männerhierarchie ist sichtlich völlig ungeeignet, Transparenz herzustellen. Ergebnis: lauter Mystifikationen und Geheimniskrämereien, die erst recht seltsam werden, als der Vikar und die hübsche Übersetzerin auf eigene Faust losziehen und die Wand einschlagen, hinter der die Kapelle von Simon Magus vermutet wird.

    Und wo in der normalen Welt die Presse angerückt wäre, um eine Sensation zu feiern, gehen jetzt die Mystifikationen erst richtig los, verschwindet Marion Meiering, erlebt im Keller des Schlosses bedrückende Tage, scheint alles auf ein großes Hexenfeuer zuzulaufen. Aber da läuft Peo erst recht ins Leere, auch wenn in ihm ein bisschen auch ein Detektiv steckt, der schon ahnt, dass da ein paar Leute im Dunkeln die Fäden ziehen. Am Ende kommt er ihnen durch reine Hartnäckigkeit auf die Spur.

    Den Palast der Gigi gibt es in Ariccia wirklich. Auch die Petrusakten gibt es. Im Anhang zitiert Andreas Englisch die für seine Geschichte entscheidenden Stellen. Aber eigentlich wird das selbst in dieser Geschichte nur für die Vatikan-Professoren interessant. Vikar Peo entpuppt sich als lebendiger junger Mann, der eigentlich schon am Anfang weiß, dass eine echte Liebe viel wichtiger ist als ein Amt in einer Kirche, die sich so in ihren Riten und Hierarchien eingemauert hat. So gesehen ist die eingeschlagene Mauer durchaus ein Symbol.

    Aber was hilft sie, wenn selbst die vier verschworenen Professoren eigentlich nur den Bau ihrer Kirche sichern wollen? Man merkt schon, dass Englisch durchaus die römische Kurie die ganze Zeit im Hinterkopf hat mitsamt ihrer Geheimniskrämerei, die so viel Anlass zu Mutmaßungen und Legenden bietet, obwohl es die ganze Zeit immer nur um den Erhalt dieses winzigen Männerstaates geht, der so gern die moralische Instanz für die Welt sein möchte.

    Aber selbst dieser Peo macht ja schon einen Schritt zur Seite und ist damit sehr typisch für unsere Zeit: Die alten Mysterien funktionieren nicht mehr. Neuere Mythen sind an ihre Stelle getreten, simplere, wie es aussieht. Sogar die Faszination der vielen apokryphen Schriften ist verblasst. Selbst in Englischs Buch, denn nur der Propst und die vier Professoren tun noch richtig geheimnisvoll um die entsprechenden Stellen.

    Während Peo einfach handelt und auch dem verrückten Grafen Gigi noch das Leben rettet. Und man identifiziert sich als Leser tatsächlich eher mit diesem völlig unangepassten Vikar, der nicht mal ins Staunen kommt, als er mit den bewussten Stellen aus den Petrusakten konfrontiert wird.

    Eher ärgert man sich mit ihm ganz im Geist eines modernen Detektivs, dass die Herren, die wissen, was vor sich geht, ihn jedes Mal abwatschen wie einen aufdringlichen Polizisten. Sie sagen es ihm ja beinahe ins Gesicht: Aufklärung unerwünscht.

    Man würde sich gar nicht wundern, wenn er am Ende nicht ein bisschen handgreiflich werden würde. Aber das Ende ist dann wieder märchenhaft und versöhnlich. Seine beiden wichtigsten Figuren wollte Andreas Englisch nicht unglücklich werden lassen und widmet ihnen ein Stück vom Paradies. Aber halt ein etwas seltsames Paradies. Denn die nächste Mystifikation rollt schon in einem Rollstuhl herein …

    Andreas Englisch Die Petrusakte, St. Benno Verlag, Leipzig 2020, 16,95 Euro.

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