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Warum Kompromisse schließen? Andreas Weber zeigt, warum nur gute Kompromisse Überleben erst möglich machen

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    Von den beiden Händen, die sich da auf dem Cover drücken, darf man sich nicht irritieren lassen. Das erinnert eher an eine der kompromisslosesten Parteien, die es in Deutschland mal gab. Und um die DDR geht es schon gar nicht. Es geht um unser Jetzt und unsere heutige Unfähigkeit, echte Kompromisse zu schließen. Faule Kompromisse sehen wir überall. Auch deshalb ist die Stimmung derzeit so aggressiv wie in einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Ehe.

    Andreas Weber ist Biologe und Philosoph. Er arbeitet als freier Autor und Journalist. Da wird man aufmerksamer auf das, was Menschen miteinander anstellen, auch für Selbstbetrug und Scheinheiligkeit. Und wenn man dann merkt, dass dieselben Phänomene in unterschiedlichsten Lebensbereichen, in Politik, Wirtschaft, aber auch Partnerschaften, Freundschaften und im Umgang mit der lebendigen Umwelt auftauchen, darf man stutzig werden, dann machen nämlich eine Menge Leute so ziemlich alles falsch. Aber warum? Leben wir denn nicht in einer Demokratie? Beherrscht unsere Kanzlerin nicht die hohe Kunst der Kompromisse? Wird nicht bei jedem Treffen von Staatsmännern über erfolgreiche Kompromisse berichtet?

    Wird es. Und es ist in der Regel falsch. Und die Beteiligten merken es nicht mal – außer diejenigen, die wieder mal mit dem bedröppelten Gefühl vom Verhandlungstisch gehen, dass sie irgendwie doch wieder über den Tisch gezogen wurden und sie als einzige Zugeständnisse gemacht haben.

    Aber Weber fängt nicht auf dieser Ebene an. Sondern ganz unten – z. B. bei seinen Erfahrungen in Italien, dem Land des „dolce far niente“ und des idealen Gegenentwurfs zu einem Deutschland, das in der Welt für seine Korrektheit und Kompromisslosigkeit bekannt ist. Denn was die Deutschen von 1933 bis 1945 getrieben haben, ist bis heute der Gipfel brachialer Kompromisslosigkeit.

    Was natürlich bedrückend ist, wenn man heute sieht, dass Typen wie Trump, Johnson und ihre autokratischen Freunde weltweit wieder genauso unbarmherzig agieren und sich feiern lassen für ihre Kompromisslosigkeit. Es funktioniert. Sie werden dafür von ihren Anhängern bewundert. Die jubelnde Menge rennt ihnen nach – egal wohin. Hauptsache: Keine Kompromisse.

    Aber was passiert, wenn man sich so in seinen Partnerschaften verhält?

    Das schildert Weber sehr einfühlsam – und schickt seine beiden Probanden dann zur Paartherapie. Denn Paartherapeuten wissen augenscheinlich mehr über Beziehungen als alle unsere gewählten Politiker/-innen zusammen. Denn Partnerschaften enden in einem großen Frust, wenn es die Partner nicht schaffen, den Weg zu echten Kompromissen zu finden. Und natürlich erklärt Weber, was echte Kompromisse sind – und was faule.

    Das wissen nämlich die meisten Menschen nicht, weil sie gleichzeitig in einer Welt aufwachsen, in der Kompromisse verachtet werden und ein radikales Wettbewerbsdenken bis in den privaten Bereich hinein etabliert wurde. Ein Denken, das Menschen schon früh eintrichtert, dass sie Versager sind, wenn sie andere nicht übertrumpfen, ausbooten, niederringen und fertigmachen. Wer Schwäche zeigt, wird lächerlich gemacht. Wer Kompromisse eingeht, erntet alle Häme großmäuliger Machos in Medien und Politik.

    Und wer so tut, als ginge er Kompromisse ein, nie aber auch nur ein Jota abweicht von seinem Kurs, der zerstört das Vertrauen in der Gesellschaft. „Wer Kompromisse anbietet, aber seine Zielsetzungen nicht zu ändern bereit ist, wirkt toxisch“, schreibt Weber. „Er zögert mögliche Lösungen so lange hinaus, bis den frustrierten Opfern der Sinn nach Gewalt steht – und beschuldigt diese dann als Terroristen.“

    Da fallen einem gleich Dutzende verlogene Kompromisse der jüngeren Vergangenheit ein. Die alle dazu führten, dass trotzdem weitergemacht wurde wie bisher – beim Umgang mit der arabischen Welt, in der Verkehrspolitik, im Naturschutz, beim Pestizideinsatz, bei der Klimazerstörung. Und dieses Übel ist eingebaut. Denn der Kapitalismus kennt kein Teilen, kein Zugeständnis, keinen Respekt und kein Vertrauen.

    Ihm ist der misstrauische, ganz allein auf sein Fortkommen und seinen Erfolg bedachte „Wettbewerbssieger“ eingeschrieben. Das wird den Kindern schon im Kindergarten und in der Schule beigebracht. Wer sich nicht zu wehren weiß und bereit ist, andere niederzuringen, landet irgendwann auf der schwächeren Seite der Gesellschaft, dort, wo man sich nicht mehr wehren kann. Und verdammt ist, immerzu Kompromisse zu machen.

    „Der Kapitalismus zwingt allen, die willens sind, Kompromisse einzugehen, faule Deals auf und beutet ihre Kooperationsbereitschaft aus. Sein eigentlicher Charakter ist der Krieg. Wir befinden uns im Kriegszustand, während wir einander suggerieren, tolerant und verhandlungsbereit zu sein“, schreibt Weber. Und: „Es kennzeichnet unsere Zeit, dass Akteure sich verhandlungsbereit geben, aber gleichzeitig die eigenen Grundsätze nicht zur Diskussion stellen.“

    Und die Menschen merken das. Sie sind ja nicht blöd, auch wenn sie meist nicht wirklich sagen können, warum sie so ein Gefühl des Betrogenwerdens haben. Ein Gefühl, das mittlerweile alle westlichen Gesellschaften erfasst hat (von den ausgeplünderten Ländern des Südens müssen wir gar nicht reden, die Menschen dort kennen das Gefühl seit Generationen). Denn wenn sich der stärkere Verhandlungspartner immer ausbedingt, die Regeln bestimmen zu dürfen, gibt es immer einen faulen Kompromiss, der noch nach Jahren für Ärger und das berechtigte Gefühl der Benachteiligung sorgt.

    Nur so als Zwischengedanke: Das gilt auch für die Deutsche Einheit.

    Wenn die Wünsche, die ganz elementaren Wünsche des anderen im Kompromiss nicht berücksichtigt sind, entsteht zwangsläufig das andauernde Gefühl, übervorteilt worden zu sein, egal, wie schön sich der „Sieger“ das Ganze dann zurechtredet. Aus einem richtigen Kompromiss gehen immer zwei Sieger hervor.

    Wobei Webers Verweis auf die Paartherapie wichtig ist: Auch der vermeintlich Stärkere muss dabei die Hosen runterlassen und deutlich machen, was er sich wünscht und welche Bedürfnisse er hat. Wer immer nur mit Maske spielt und keine Regung zeigt, weil er meint, er sei beim Pokern, der unterläuft jedes Vertrauen und sorgt genau für dieses um sich greifende Misstrauen, das heute Populisten Wasser auf die Mühle ist. Denn das Misstrauen in die „Eliten“ ist berechtigt. Sie verkaufen eine kompromisslose Politik immer wieder als gnädiges Zugeständnis.

    „Scheinkompromisse stoßen die Konfliktpartner in einen noch tieferen Antagonismus, weil sie eben gar keine Kompromisse sind“, schreibt Weber. „Sie sind verkapptes Gewalthandeln.“

    Wenn man seine Sätze zur gelingenden Paartherapie liest, ahnt man, wie eine Politik aussehen könnte, wenn die Parteien zu Kompromissen fähig wären und richtige Kompromisse als Erfolg verstehen würden. Denn richtige Kompromisse verändern tatsächlich die Dinge, bringen positive Veränderungen und geben den „Schwächeren“ vor allem das Gefühl, etwas bewirken zu können, nicht nur Bittsteller zu sein in einer Gesellschaft, die immer behauptet, jeder habe gleiche Rechte. Aber die „gleichen Rechte“ gibt es halt nur dann, wenn einer sie auch durchsetzen kann. Die Gewalt ist eingebaut in unsere Gesellschaft. Und die Ausgrenzung, Abwertung und Diskriminierung ebenfalls.

    Von Gleichberechtigung kann auch für die meisten Bewohner des Nordens keine Rede sein. Und aus diesem Gefühl der Nichtteilhabe und des Benachteiligtseins heraus gewannen Donald Trump und der Brexit ihre Wucht bei den Wählern. Faule Kompromisse muss nur der nicht eingehen, der genug Geld hat, sich freizukaufen. Wer es nicht hat, muss „sich arrangieren oder Abstriche machen. (…) Je ärmer man ist, desto größer sind die nötigen Zugeständnisse“.

    Deswegen trifft Corona auch die Ärmsten mit aller Wucht. Und bei der Klimakatastrophe ist es genauso. Eine Katastrophe, über deren Existenz wir seit 50 Jahren Bescheid wissen. Aber jeder Versuch, sie zu bremsen, wurde auf riesigen Konferenzen mit faulen Kompromissen begraben. „Sollen doch erst mal die anderen …“

    Was für eine Farce. Aber wir erleben es ja auch im Kleinen, wie der Umweltschutz niedergewalzt wird, wenn es nur um wirtschaftliche (und damit wohl „bessere“) Interessen geht.

    Im zweiten Teil des Buches geht Weber explizit auf die Zerstörung unserer Biosphäre ein, die die Menschheit (oder eben der Kapitalismus in seinem unerbittlichen Wachstums- und Profitdenken) gnadenlos zerstört, als wäre sie wirklich nur eine Ressource, ein zu verwertendes Produkt und nicht die Welt, die uns überhaupt ermöglicht zu leben. Das Coronavirus hat uns in derselben Gnadenlosigkeit gezeigt, dass wir nach wie vor Teil der Biosphäre sind.

    Die Folgen der Klimaerhitzung, des Artensterbens, der Waldvernichtung, der Zerstörung der Wasserreservoire werden uns noch viel härter treffen. Und das nur, weil wir zu dumm und zu blind sind zu begreifen, dass alles Leben, wenn es leben will, Kompromiss ist. Und zwar kein fauler Kompromiss, bei dem die eine Seite der anderen diktiert, was sie jetzt bitte zu liefern habe, sondern ein richtiger. Einer, in dem die scheinbaren „Sieger“ der unterliegenden Natur endlich wieder Raum zum Atmen geben. Auf einmal passt auch dieser verzweifelte Ausruf eines von einem kompromisslosen Polizisten getöteten Schwarzen: „I can’t breathe!“

    Das gilt für alle, die die vermeintlich siegreiche westliche Demokratie niedergerungen hat. Auch für unsere demolierte Umwelt, zu der wir – wie in schlechten Partnerschaften und von gnadenlosem Wettbewerb beherrschten Gesellschaften – jede Beziehung verloren haben. Wir benutzen sie, vergewaltigen sie, pressen auch noch das Letzte aus ihr heraus, ohne auch nur daran zu denken, dass das Letzte dann auch für uns das Letzte gewesen sein wird.

    Unser Umgang mit der Natur erzählt von unserem Umgang mit uns selbst. Und dabei hängt all unser Überleben davon ab, dass wir auch mit der belebten Biosphäre Kompromisse schließen. Richtige Kompromisse leben davon, dass jede Seite akzeptiert, dass sie ohne die andere Seite nicht existieren kann.

    Wer aber lernt, richtige Kompromisse zu schaffen, verändert auch seine Sicht auf die Welt: „Wir vermeiden Beziehung, so gut es geht, weil sie das Projekt unseres Traums stört, uns für alle Unglücksfälle unantastbar zu machen. Aber Leben ohne Beziehung ist unmöglich.“

    Eigentlich ist dieser zweite Teil ein eigenes Buch wert, denn der erste Teil endet eigentlich mit der unbeantworteten Frage: Wie kommen wir aus der Gnadenlosigkeit einer Gesellschaft heraus, die zu echten Kompromissen nicht fähig ist und nicht bereit? Die auch nur den Versuch, mit „Schwächeren“ Kompromisse einzugehen, als regelrechten Verrat an einer (verlogenen) Idee begreift und entsprechend sanktioniert?

    Die Frage bleibt bestehen, nachdem die Antwort auf die Eingangsfrage „Warum Kompromisse schließen?“ sehr klar ausfällt. Das Buch ist aktuell eine der schlüssigsten Anregungen, über die ganzen (nur scheinbar) Gordischen Knoten unserer Gegenwart nachzudenken und sich wirklich klar darüber zu werden, was echte und fruchtbare Kompromisse eigentlich sind. Und wie erst sie dazu führen, dass sich Dinge zum Besseren verändern. „Weil sich nur das zu besitzen lohnt, was mehr wird, wenn man es teilt.“

    Andreas Weber Warum Kompromisse schließen, Dudenverlag, Berlin 2020, 14 Euro.

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