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Zwischen den Kiefern: Ein Roman über die ganz und gar nicht verlockende Wildnis unter der dünnen Haut unserer Zivilisation

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    Es sieht – auf den ersten Blick – etwas unscheinbar aus, nicht so wie der Roman zum wichtigsten Thema der Zeit. Und nein: das wichtigste Thema ist nicht die Corona-Pandemie. Auch wenn es einige Selberdenker glauben und sich benehmen wie Quengelkinder, die ihren Willen nicht bekommen. Das wichtigste Thema ist unser Überleben. Und die Zeichen stehen gar nicht gut. Denn auf das, was da auf uns zukommt, sind wir nicht vorbereitet. Ein Roman wie ein Gedankenexperiment.

    Eigentlich ein Doppelroman mit zwei alternativen Ebenen. Der Schauplatz: ein altes Bauernhaus irgendwo in der niedersächsischen, wendländischen Pampa. Und die Kiefernwälder irgendwo dort. Dorthin hat es den 17-jährigen Sören mit seiner Mutter Britta verschlagen. Später erfährt man, dass wohl eine Trennung vorausging von Sörens depressivem Vater. Seine Mutter ist Künstlerin.Aber schon auf den ersten Seiten merkt man: Zwischen Mutter und Sohn herrscht die raubeinige Sprachlosigkeit. Vielleicht sogar eine ganz gewöhnliche. Das werden Eltern von 17-jährigen Jungen am besten wissen. Was ja nicht heißt, dass das naturgegeben so ist. Es ist eher typisch für unsere Zeit mit ihren irrlichternden Vorstellungen von Männer- und Frauenrollen, von der Selbstbehauptung in einer Welt, die zwar zumeist von Männern regiert wird. Aber niemand ist so sprachlos wie die Männer. Und niemand so gefährdet wie Jungen.

    Erst recht, wenn sie – wie Sören – sichtlich herausgerissen werden aus einem scheinbar funktionierenden Leben, in dem die meisten Kontakte über das Handy liefen. Nur ist der Handy-Empfang in dieser Pampa denkbar schlecht. Internet gibt es auch nicht. Es ist – auf den ersten Blick – so eine Art Rückkehr zu den Wurzeln, in die Idylle des Landlebens, die nicht wirklich idyllisch ist.

    Jedenfalls nicht für Sören, der mit Mutter und Großvater (beide Künstler) keine Geprächsebene findet, die Arbeiten der Mutter sogar regelrecht verachtet. Und wenn er dann – weitab vom Haus – einen schwachen Handy-Empfang bekommt, kommuniziert er mit völlig Unbekannten auf 4chan, einem dieser Kanäle, auf denen sich die Verachtung für das Landleben und die Bauern (die „Rednecks“) austobt und sich all die Anonymen gegenseitig mit Prahlereien überbieten, was für tolle Taten sie in der Wildnis vollbringen.

    Landwirtschaft als industrialisierte Einöde

    Was eigentlich schon die dritte Ebene ist, die, in die Sören abtaucht, weil er weder mit sich selbst noch mit der Einsamkeit auf dem alten Bauernhof etwas anfangen kann. In der ersten Ebene nimmt er dann einige der Jobs an, die es auf dem Land so gibt für Saisonarbeiter und Aushilfskräfte – er hilft bei der Herstellung von Energiemais, bei der Beschneidung von Zierbäumchen, beim Hühnerzerteilen in einer Geflügelfabrik.

    Alles Jobs, die nicht nur frustrierend und langweilig sind, sondern auch zeigen, wie unsere moderne Landwirtschaft längst funktioniert – industrialisiert, zur Fabrik verkommen, in der die Kreatur nicht mehr zählt und die Natur nur noch benutzt wird als Matrize für eine Massenproduktion, in der jede persönliche Beziehung des Menschen zu seiner Nahrung verloren ist.

    Die Erfahrungen aus diesen Jobs tauchen dann in der zweiten Ebene ab und zu auf, in der Sören – nach der Flucht aus dem Bauernhaus – auf Kasimir und Mia trifft, die in den Wäldern leben und sich auch von Früchten und Wild der Wälder ernähren. Aber dieser Kasimir, der vor Jahren mal als Wildhüter gearbeitet hat, ist auch eine Art Henry David Thoreau, der ja vor über 170 Jahren schon in die Wälder ging, weil er „dem eigentlichen, wirklichen Leben näher“ sein wollte.

    Die wohl berühmteste Zivilisationsflucht der Moderne. Und mit Thoreau hat dieser Kasimir auch die Reflexion gemeinsam. Er hat Berge von Schreibheften vollgeschrieben mit seinen Gedanken über die Zivilisation, die Natur, die Energie und das richtige Leben.

    Hefte, die Sören später liest, als er – von Kasimirs Tochter Mia im Wald schlafend vorgefunden – zu den beiden stößt und Teil ihres Lebens in den Wäldern wird, mit ihnen jagt, von Kasimir die Fertigkeiten zum Überleben in der Wildnis lernt und bald auch mit ihm zusammen beginnt, Anschläge auf die Symbole der industrialisierten Landwirtschaft verübt – auf Geflügelfabriken, Schweinezuchtbetriebe, Spargelfelder, Energie-Maisfelder und Viehtransporter.

    Etwas, was Thorau so nie gemacht hätte. Der war ja vor allem in die Wälder gegangen, um sich selbst zu erproben, ob es ihm gelingt, wieder ohne das ganze Brimborium der ihm damals schon zu lauten Zivilisation auszukommen und zu überleben.

    Die sprachlosen Väter

    Und eigentlich leben Kasimir und Mia auch so. Wobei es Mia gar nicht anders kennt. Für sie ist das Leben mit ihrem Vater in den Waldverstecken das einzige, das sie kennt. Und Kasimir ist auf seine Weise ebenfalls sprachunfähig. Wieder so ein Mann, der meint, nicht kommunizieren zu müssen, sondern seine Tochter genauso erzieht, wie er es mit Hunden und Wölfen versucht.

    Schon in den ersten Szenen mit Mia merkt man, dass sie vor Kasimir – obwohl sie keinen anderen Menschen um sich hat – eigentlich Angst hat. Besonders davor, seine unausgesprochenen Weisungen und Missbilligungen falsch zu verstehen.

    Also keine Idylle. Bestenfalls ein wirklich raues Leben und ganz auf die Fähigkeit reduziert, mit primitivsten Mitteln in einer Wildnis zu überleben, die ja eigentlich keine mehr ist. Denn dort bleiben können die drei nur, wenn sie allen Menschen aus dem Weg gehen, sich immerfort verstecken. Was wahrscheinlich durchaus möglich ist in den nordostdeutschen Landschaften.

    Man merkt schon, dass Thieleman sich sehr intensiv beschäftigt hat mit der Frage, ob es für uns Heutige überhaupt noch möglich wäre, in der „Wildnis“ zu überleben. Die Frage werden sich die meisten beim Lesen mit „Nein“ beantworten. Denn so konsequent wie dieser Kasimir wird das kaum einer schaffen. Nicht nur, weil wir durch eine Wohlstandsgesellschaft gezähmt und naturfern sind, sondern weil das Leben als Jäger und Sammler große Räume braucht.

    Den meisten ist gar nicht bewusst, dass die heutige Bevölkerungsdichte nur möglich ist, weil eine hochgradig intensivierte Landwirtschaft genug Nahrung produziert, um letztlich das Tausendfache von Menschen zu ernähren auf demselben Stück Land, auf dem im ursprünglichen Zustand nur eine Handvoll Menschen leben und jagen konnte.

    Die falschen Verheißungen der „Wildnis“

    Doch genau diese Landwirtschaft mit ihren letztlich rücksichtslosen Umgangsweisen mit Tieren und Natur hat sich Kasimir zum Feind auserkoren. Irgendwie will er sie zerstören oder auch nur ein Zeichen setzen.

    Ein Partisanenkampf, der im Lauf der Geschichte immer brutaler wird und letztlich auch zeigt, dass Kasimir mit seinem Gang in die Wildnis ein scheinbar durchdachtes Naturrecht für sich entwickelt hat, in dem die in Jahrtausenden entwickelte menschliche Ethik keine Rolle mehr spielt. Ein von ihm nicht erklärtes „Es muss so sein“ tritt an die Stelle aller moralischen Unsicherheiten.

    Wovon Sören regelrecht fasziniert zu sein scheint, auch wenn er immer wieder ratlos dasteht, wenn Kasimir ihn zu seinen Anschlägen mitnimmt. Er lernt zwar schnell, in diesem ganz und gar auf die Wildnis angewiesenen Dasein zu leben und sich zu behaupten. Aber seine Skrupel wird er nicht los. Diese „dünne Haut der Zivilisation“, die uns vom simplen Kampf ums Überleben trennt.

    Und die heute so oft schon wieder infrage gestellt wird, weil einige Menschen meinen, auf die menschliche Zivilisation tatsächlich verzichten zu können und in einem Leben in der Wildnis wieder die große Freiheit zu finden – allen voran die sogenannten Prepper, die von sich selbst glauben, sie könnten sich auf einen Kollaps der Zivilisation tatsächlich vorbereiten.

    Auf dieser Ebene der Geschichte ist es am Ende Mia, die „das so nicht will“, auch wenn sie nicht sagen kann, was sie an der Handlungsweise ihres Vaters so abstößt. Mit ihm sprechen kann sie darüber ja nicht.

    Was ja in dieser Geschichte auch wieder ein Verweis ist auf die sprachlosen Männer in unserer Gesellschaft, die sich nur zu gern in die scheinbar starke Rolle des Outlaws und einsamen Rächers flüchten, seitdem die alten, jahrhundertelang gültigen patriarchalischen Rollen immer mehr demontiert und dekonstruiert werden. Rollen, die eben nicht nur Machtgefälle etabliert haben, sondern auch Kommunikationsverweigerung.

    Die Sprachlosigkeit der Männer

    So gesehen dreht sich Thielemanns Roman eben auch um diese Sprachlosigkeit der Männer, von der Sören eben auch nicht frei ist. Im Gegenteil: Seine Kraftmeiereien auf 4chan erzählen von derselben Attitüde und Hilflosigkeit, derselben Flucht in „starke“ Rollen, die die meisten der sich dort so Überbietenden gar nicht leben. Nicht mal überleben würden. Es ist auch der Traum, man könnte ganz allein und nur auf sich gestellt da draußen irgendwie wieder frei sein und Mann und bar aller Zweifel.

    So kann man diese Ebene der Geschichte auch als Traum lesen. Denn auf der ersten Ebene, auf der Sören sich sogar sehr rabiat gegen alle Gesprächsversuche seiner Mutter verweigert, packt er am Ende seinen Rucksack und nimmt den Bus, um die Einöde zu verlassen. Ziel: sein depressiver Vater. Also dann doch zumindest der Versuch, aus dem alten Rollenkorsett auszubrechen und einen Anfang zu suchen.

    Den es aber – auch das wird klar – in dieser menschenverlassenen deutschen Einöde nicht geben kann. Denn ziemlich plastisch zeigt Thielemann ja, dass es vor allem diese auf Masse justierte Industrie-Landwirtschaft ist, die nicht nur die Menschen der Natur und ihrer Nahrungsherstellung völlig entfremdet hat, sondern die auch zur Entvölkerung der Dörfer geführt hat.

    Denn eine auf „Effizienz“ und Billigpreise getrimmte Landwirtschaft bietet nun einmal nur noch Billigjobs, saisonweise und unter Arbeitsbedingungen, die denen in den schlimmsten Industriejobs ähneln. So verlieren nicht nur die Landschaften ihren Reichtum und ihre Artenvielfalt, sie werden auch stereotyp, geprägt von riesigen Monokulturen und Massentierhaltungen. Da kann man eigentlich nicht mehr leben. Von der Romantik des Landlebens ist da nichts mehr zu finden. Ein kaputtes Land.

    Die digitalen Flucht-Welten

    Und da steht durchaus die Frage, wie lange das noch gutgehen wird. Und was das mit uns und unserem Verhältnis zum Leben anrichtet. Oder längst angerichtet hat. Denn Sören kommt ja aus einer Welt, in der er überhaupt keine Beziehung zum Land und zur Natur hatte, einer Welt, die von den irren Gesprächen im digitalen Raum geprägt ist, in denen sich Junge und Alte eine künstliche Welt erschaffen, in der sie mit Bildern und Worten wieder stark, mächtig und gewaltig sind.

    Und während die einen einfach nur abtauchen in diese Welt der Gewalt- und Wildnisphantasien, setzen andere diese gewaltvollen Phantasien ja tatsächlich in Taten um, wird aus der digitalen Enthemmung ein reales Blutbad.

    So ähnlich, wie es eben auch Kasimir anrichtet, der sich eins glaubt mit den philosophischen Gedankenbögen, die er in all den Jahren aufgeschrieben hat. Und dennoch ist es anders, auch wenn man am Ende merkt, wie schnell auch Kasimir die dünne Grenze zum sinnlosen Töten überschreitet.

    Armer Thoreau, könnte man meinen. Arme Zivilisationsbewohner. Ist es das, was auf uns zukommt, wenn wir den Kollaps unserer Zivilisation riskieren und nicht lernen, wieder im Einklang mit der Natur zu leben und zu wirtschaften?

    Thielemanns Roman ist im Grunde eine doppelte Versuchsanordnung, in der er sich seinen beiden Helden – Sören und Mia – sogar mutig anvertraut hat, ihnen tatsächlich die Entscheidung überlassen hat, wie sie aus der Geschichte eigentlich herauskommen wollen. Autoren kennen diesen Effekt. Manche verzweifeln, weil ihre Figuren dann ein Eigenleben entfalten, ihnen also regelrecht ungehorsam werden.

    Man spürt, wie gerade die beiden Jugendlichen schon früh zweifeln, verunsichert sind und mit den Widersprüchen ihrer Situation in Konflikt geraten. Widersprüche, die in klassischen Erziehungsromanen dazu führen würden, dass sie am Ende „ihre Lektion lernen“ müssen. Was dann meist die beabsichtigte Lektion des Autors ist, der darin letztlich die eigene Erziehung zum „wertvollen Gesellschaftsmitglied“ schildert.

    Aber diese Art Roman funktioniert schon lange nicht mehr. Im Gegenteil: Der zur Anpassung an eine der Natur immer fernere Moderne gezwungene Mensch ist kein Vorbild mehr, auch wenn er noch immer schulisches Erziehungsideal ist. Es bröckelt längst unter unseren Füßen. Und es geht längst um unser Überleben in einer Welt, die sich als sehr hart und grausam erweisen wird, wenn wir die Basis unserer Zivilisation riskieren.

    Die Helden der Gegenwart sind Suchende, Ausbrecher und Sprachlose, die zumindest das Bedürfnis haben, endlich Sprechen zu lernen. Auch wenn sie – wie Sören und Mia – nicht wissen, wie das gehen soll. Aber beide versuchen am Ende diesem „Das will ich nicht mehr“ Ausdruck zu verleihen. Und wenn es einfach mit einem Ausbruch aus dem Ausbruch beginnt.

    Markus Thielemann Zwischen den Kiefern, Katapult Verlag, Greifswald 2021, 20 Euro.

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