2021 ließ Julius Fischer die Welt schon einmal in seine Seele schauen: Damals veröffentlichte er den Vorgängerband „Ich hasse Menschen“ mit dem Untertitel „Eine Art Liebesgeschichte“. Was ja bekanntlich Folgen hat. Inzwischen hat er – wenn man ihm auch nur einen einzigen Satz glauben darf – zwei Kinder und ein drittes könnte ihm bald das dritte Babyjahr bescheren.

So stelle man sich den Leipziger Autor, Sänger, Moderator und Kolumnenschreiber vor, wie er nachts mit seiner Kleinsten am Küchentisch sitzt und sich nichts sehnlicher wünscht, als dass die Kleine endlich müde wird.

Eltern kennen das. Kinder sind Wesen von anderen Planeten, die mit den Tag- und Nacht-Rhythmen auf der Erde nichts anfangen können. Mit den Geschmackswelten ihrer Eltern ohnehin nicht. Und dass man brav wieder einschläft, wenn man Papa um Mitternacht aus dem Schlaf geschrien hat, ist auch nur ein Wunschtraum von Papa.

Es scheint also etwas dran zu sein an Julius Fischers neuestem Ausflug in die Welt der Menschen. In einer „Spiegel“-Kolumne schreibt er auch regelmäßig darüber. So einmal im Monat.

Das neue Buch kommt also nicht aus dem Nichts. Und knüpft tatsächlich an seinem „Ich hasse Menschen“ von 2021 an, mit dem seine Leser und Leserinnen schon einmal eintauchen konnten in die Seele eines Burschen, für den dieser Spruch kein schöner Gag für den nächsten Poetry Slam ist, sondern gelebte Realität. Nur dass Julius Fischer nicht der Typ ist, der dann andere Menschen draußen in der Welt einfach anpflaumt, wie das etliche unserer überkochenden Zeitgenossen so gern tun.

Männerrollen

Es brodelt nur in ihm. Und es ist ein nur zu verständliches Brodeln. Das viele Männer kennen dürften, die zwar tapfer versuchen, alle von ihnen verlangten Rollen auszufüllen, die tiefe, aus der Kindheit mitgebrachte Verunsicherung aber nie ablegen konnten. Im Grunde tut Julius Fischer mit seinen beiden „Ich hasse Menschen“-Büchern etwas, was überfällig ist in einer Welt der verlogenen Männerbilder, in denen Rollen wie Macho, Brutalo, Lonely Cowboy, Selfmade-Man oder Alleinverdiener gehypt werden und einem aufgeblasene Männer-Darsteller allerorten erklären, wie die Welt ist.

Aber die Wirklichkeit ist eine andere. Nur geben das mutige Männer wie Julius Fischer zu. Und die Feigen spielen einen auf harter Krieger. Und in seinen Büchern übertreibt es Julius Fischer natürlich, spitzt es fast bis zur Satire zu. Aber nur fast. Denn drinnen steckt ein brodelnder Kern aus leichter Überforderung, Schlafmangel, Hunger, Liebe, Verunsicherung und dem festen Willen, das Vaterding trotzdem richtig zu machen. Egal, ob das Zweijährige nun schläft oder schreit oder seinen Nuckel unter den geparkten SUV am Straßenrand spuckt. Egal.

Nur die Bühne ist ein wenig verdreht. Denn – wie erwähnt – ist es nach Mitternacht. Und statt mit dem Kind jetzt einfach das öde, langweilige Nachtprogramm im Fernsehen zu gucken, schnappt Papa Julius die Kleine und den Buggy und macht sich auf zum Einschlaf-Gang durchs Viertel. Was in Leipzig natürlich den Vorteil hat, dass die Straßen um 2 Uhr in der Früh tatsächlich fast leer sind.

Bis auf ein paar Nazis, die verzweifelt nach einem noch offenen Dönerladen suchen, ein paar Kumpels, die vor der Kneipe in der Gottschedstraße rauchen, weil es drinnen viel zu verqualmt ist, andere Väter, die stolz ihre schlafenden Kinder durch die Nacht schieben, und eiligen Damen, die aus der Dunkelheit eines Hauseingangs von einem quicklebendigen Kind das Wort „Möse“ an die Ohren bekommen.

In Bewegung bleiben ist alles

Auch wenn die Kleine im Buggy eigentlich nur Schwierigkeiten mit dem R hat und fröhlich auf seiner Möhre kaut. Viel mehr hat Papa an Essensvorräten sowieso nicht dabei. Der Maiskolben ist alle, ein Brötchen steckt noch im Beutel. Und ansonsten würde auch Papa Julius lieber einen ordentlichen Döner … Ist aber nicht drin, nicht in dieser Nacht, in der es dem buggy-erfahrenen Vater tatsächlich immer wieder gelingt, die Kleine im Wagen beim monotonen Abklappern der Leipziger Gehwegplatten zum Einschlafen zu bringen. In Bewegung bleiben ist alles. Geübte Väter wissen das.

Außer dass die meisten dann doch lieber das Tageslicht abwarten, bevor sie mit den Kleinen aufbrechen, um sie in den Schlaf zu rollen. Besorgt und stolz zugleich. Denn eigentlich möchte und darf man ja als moderner Vater stolz sein, dass man die Sache mit der Kinderbetreuung fast so gut hinbekommt wie die Mütter.

Vielleicht nicht so perfekt. Aber wenn man übt und dranbleibt und sich auch vor einer nächtlichen Runde durchs Quartier nicht scheut, klappt das schon.

Nur dass es bei einer kleinen Runde nicht bleibt, sondern Papa Julius mit dem Buggy und dem Kind immer größere Umwege nimmt, weil irgendein dusseliger Fehler das Kind wieder aufgeweckt hat. Gottschedstraße, Dorotheenplatz, Käthe-Kollwitz-Straße, Waldplatz, Rosental-Spielplatz und Zooschaufenster – so erfährt man am Ende eben auch, warum die Giraffen auf dem Cover sind.

Nur dass es da schon langsam wieder hell wird und die Frage steht, ob das Kind jetzt doch noch zu Hause ins Bett kommt oder – putzmunter – im Kindergarten abgeliefert wird, wo es dann ständig schläft.

Wie es wirklich ist

Das sind alles so Momente, in denen Julius Fischer alias sein Alter Ego innerlich stöhnt: „Ich hasse Menschen.“ Was mit seiner fest eingebauten Schüchternheit zu tun hat, die er auf der Bühne so gut verstecken kann. Und seiner Unsicherheit im Umgang mit diesen sonderbaren Geschöpfen, bei denen man nie weiß, woran man ist.

Und dann auch noch das. Eigentlich müssten ihn Kinder mit ihren ganzen Unberechenbarkeiten auf die Palme bringen. Tun sie aber nicht. Denn da genügt ein Blick, denn die Biester sind unerwartet niedlich. Da kann der Papa gar nicht anders, als zu zerschmelzen. Und jeden bösen Gedanken zu verdammen, den er je über die Kleine gedacht hat. Väter kennen das.

Und vielleicht kaufen sie sich dann heimlich dieses Buch, wenn das Kind endlich tiefer schläft und sie beim Fallenlassen auf die Couch nicht gleich selbst wegschlummern, sondern noch ein paar wache Stunden haben, um in diesem Buch zu lesen, wie es (manchmal) wirklich ist mit den Kleinen.

Und was einem da als Buggy-Fahrer so alles durch den Kopf geht – von der Wehmut über einstige lange Kneipenabende, die jetzt nicht mehr drin sind, über das Essverhalten der kleinen Mäuse bis hin zu allem sonst, was die Welt manchmal unausstehlich macht. Etwa die altgewordenen Comedians, denen keine Witze mehr einfallen und die dann anfangen, rechtsextreme Verschwörungsmythen zu verbreiten. Hauptsache, irgendwer hört ihnen noch zu, wenn sie Blödsinn über Transgender-Gaga und „woke bubbles“ erzählen.

All die Hirngespinste aus der rechten Blase, die so gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Und gerade deshalb den Hass schüren gegen Menschen, die eigentlich – so die Gedanken des übermüdeten Vaters – nur in Ruhe gelassen werden wollen.

Im Kopf des zunehmend müden Vaters geht so einiges ab. Und hier lässt er auch seine Gefühle raus. „Dass die Idioten nicht begreifen wollen, dass Sprache, Gesellschaft, Identität immer im Fluss, in Bewegung sind und sich deshalb die Regeln hin und wieder ändern. (…) Ja. Klar, ich bin auch traurig darüber, dass sich alles immer ändert. Dass ich die Welt nicht mehr mit Kinderaugen sehen kann. Aber Kinderaugen sind eben auch eines: sehr weit unten.“

Auf alles (nicht) vorbereitet sein

Vielleicht ist es das, dass da lauter groß und alt gewordene Kinder plärren, denen aber der richtige Umgang mit echten Kindern abhanden gekommen ist. Echten Kindern, die einem zeigen, dass man sich in der Welt eigentlich auf nichts verlassen kann. Und deshalb den Buggy mit Essensvorräten, Wechselsachen für jedes Wetter, Regenplane und all dem anderen Notfallkram austattet, ohne den man die Wohnung nicht verlassen darf. Nur um dann – wie dieser nächtlich herumkurvende Vater Julius – zu erfahren, dass man doch ein paar wichtige Sachen vergessen hat.

Aber so ist das Leben. Vielleicht ist es das, was diese Geschichte so herzerwärmend macht: dass sie uns auf müde, aber liebevolle Art erzählt, dass wir einfach nicht perfekt sind. Und niemals wirklich vorbereitet auf all das, was da auf uns zukommt im Leben oder einfach bei so einer nächtlichen Einschlaf-Tour durch Leipzig.

Wenn Sie also mitten in der Nacht einem Burschen mit Buggy und quietschmunterem Kleinkind begegnen, könnte das Julius Fischer sein. Oder sein Schatten, wie er ihm auf der Runde durchs Quartier begegnet – eine echte Herausforderung, wenn gerade der es schafft, die Kleine im Wagen tatsächlich zum Einschlafen zu bringen.

Julius Fischer „Ich hasse Menschen. Eine Fortpflanzung“ Voland & Quist, Berlin 2026, 18 Euro.

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