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Wie viele Millionen Jahre alt ist Homo naledi eigentlich?

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    In dieser Woche gab es ja die ganz große Geschichte, über die sich Anthropologen besonders freuen. Wann kann man schon mal die Entdeckung einer neuen Menschenart verkünden? Na gut. Zuletzt haben sie es mit dem Denisova-Menschen getan. Dass jetzt ein "neuer Verwandter des modernen Menschen" gefunden wurde, hat gewissermaßen System.

    Denn die Erkenntnis, dass der Stammbaum des modernen Menschen eher ein Busch mit vielen Ästen ist, die ist noch recht jung. Noch vor wenigen Jahren wurde der Neandertaler ordentlich mit einsortiert in die Entwicklungslinie des Homo Sapiens, quasi als frühe Entwicklungsform. Erst die Forschungen der jüngeren Zeit haben belegt, dass man es hier mit einer weiteren Menschenart zu tun hat, mit der der moderne aus Nordafrika einwandernde Mensch auch in Europa lange in Nachbarschaft lebte. Es gab einen Kulturaustausch, es gab wohl auch etliche sexuelle Begegnungen, die sich bis heute im Genpool des Europäers nachweisen lassen. Übrigens alles Erkenntnisse, an denen Forscher aus dem Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie maßgeblich beteiligt waren.

    In der Regel waren es Forschungskooperationen mit Einrichtungen in den USA, England, den Niederlanden, bei denen man einigen kniffligen Fragen und Fundstücken zu Leibe rückte. Und diese Forschungen veränderten natürlich auch den Blick jener Ausgräber, die weltweit versuchen, weitere Puzzle-Stücke für die Vorgeschichte des Menschen zusammenzubekommen.

    Was nicht ganz einfach ist. Denn der Mensch besteht komplett aus organischem Material. Und das löst sich im Lauf der Zeit auf – je (un-)günstiger die Bodenbeschaffenheit ist, umso schneller. In manchen Böden genügen wenige hundert oder tausend Jahre, um fast sämtliche Reste, auch die Knochen, vollständig aufzulösen. Es braucht schon – zumindest für den Erhalt von Fossilien – besonders günstige klimatische Bedingungen am Fundort, damit überhaupt eine Grundlage für eine sinnvolle Rekonstruktion besteht. Das scheint mit dem am 10. September bekanntgegebenen Fund der Fall zu sein.

    „Homo naledi“ haben die Wissenschaftler die bisher unbekannte Menschenart benannt

    Die große Fundgeschichte dazu wird man im „National Geographic“ lesen können, in der Oktober-Ausgabe, die am 25. September erscheint. Aber der „National Geographic“ weist auch noch auf etwas hin, was wichtig ist: Man weiß noch nicht, wie alt die Knochen sind, die im Jahre 2013 in der Höhle Rising Star („Aufgehender Stern“) im Nordwesten von Johannesburg in Südafrika von Wissenschaftlern der Universität Witwatersrand gefunden wurden. Die Altersbestimmung soll jetzt erst erfolgen. So lange man das Alter der Knochen nicht kennt, kann man die Menschenart nicht wirklich einsortieren in den Stammbaum der Menschen.

    Bis jetzt haben die Forscher vor allem die Merkmale der Knochen zur vorsichtigen Einordnung genutzt.

    Die Zähne des neuen Verwandten sowie die meisten anderen Eigenschaften seines Schädels ähneln denen der frühesten Vertreter unserer Gattung, wie zum Beispiel Homo habilis, meldet dazu das MPI in Leipzig.

    „Einige Eigenschaften seiner Zähne, wie die mehrwurzeligen unteren Prämolaren (die vorderen Backenzähne), sind für unsere Gattung eher primitiv und zeigen, dass es sich bei ihm nicht um einen modernen Vertreter der menschlichen Gattung handelt“, meint Matthew Skinner, der an der Universität Kent in Großbritannien und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht.

    Die Schultern hingegen ähneln eher denen von Menschenaffen. „Seine Hände konnten Werkzeuge benutzen“, sagt Tracy Kivell, die ebenfalls an der Universität Kent und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie tätig ist. „Überraschenderweise sind die Finger von Homo naledi stärker gebogen als die der meisten anderen frühen Homininen. Das deutet darauf hin, dass er klettern konnte.“

    „Im Gegensatz dazu sind die Füße von Homo naledi kaum von denen eines modernen Menschen zu unterscheiden”, sagt William Harcourt-Smith vom Lehman College, CUNY, und dem American Museum of Natural History. Dies und seine langen Beine zeigen, dass er lange Strecken zu Fuß zurücklegen konnte.

    „Die Kombination der anatomischen Eigenschaften von Homo naledi unterscheidet ihn von allen bisher bekannten Menschenarten“, sagt Lee Berger, Professor an der Universität Witwatersrand und Forscher für National Geographic, der die beiden Expeditionen zur Entdeckung und Bergung der Fossilien leitete.

    Das Forschungsteam hat bisher die Überreste von mindestens 15 Individuen derselben Art geborgen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich nur um einen Bruchteil der Fossilien, die sich in der Kammer befinden.

    „Fast alle Knochen des Körpers liegen uns mehrfach vor, so dass Homo naledi uns bereits jetzt schon besser bekannt ist, als alle anderen fossilen Vertreter unserer Abstammungslinie“, sagt Lee Berger. Und damit ordnet er die Knochen schon sehr früh ein in den menschlichen Stammbaum, möglicherweise noch deutlich vor „Lucy“. Und die  wird immerhin auf 3,2 Millionen Jahre geschätzt. Was natürlich auch die Forscher erst recht ins Grübeln bringt.

    Denn Homo naledi hat augenscheinlich schon sehr menschlich gehandelt, denn durch natürliche Einflüsse oder Zufall können die Knochen nicht in die versteckte Höhle gelangt sein.

    Erkundung der Rising-Star-Höhle

    Die Höhlenforscher müssen geradezu wagemutig gewesen sein, als sie diesen hinteren Teil der Rising-Star-Höhle erkundet haben. Die Überreste befanden sich in einer Kammer, die etwa 90 Meter vom Höhleneingang entfernt war und nur über eine so schmale Rinne zugänglich war, dass ein Spezialteam von besonders schlanken Personen mit der Bergung beauftragt werden musste.

    Die Fossilien wurden im Rahmen zweier Expeditionen, der sogenannten „Rising Star Expeditions“, im November 2013 und im März 2014 geborgen. Auf der ersten Expedition, die 21 Tage dauerte, arbeiteten mehr als 60 Höhlenforscher und Wissenschaftler „unter den schwierigsten und gefährlichsten Bedingungen, die jemals bei der Suche nach den menschlichen Ursprüngen vorgefunden wurden“, so Marina Elliott, eine an der Ausgrabung beteiligte Wissenschaftlerin. Elliott war eine von sechs Frauen, die als „Untergrund-Astronauten“ aus einer weltweiten Kandidatengruppe ausgewählt wurde. Berger hatte zuvor über die sozialen Medien nach erfahrenen Wissenschaftlern und Höhlenforschern gesucht, die durch den 18 Zentimeter breiten Höhleneingang passen. Die sozialen Medien spielten auch im weiteren Verlauf des Projekts eine Rolle, als das Team die breite Öffentlichkeit, Schulkinder und Wissenschaftler über die Fortschritte der Expedition informierte.

    „Superman’s Crawl“ heißt diese schmale Passage in die Höhle, durch die man erst in eine weitere große Höhle gelangt, bevor man über den „Dragon’s Back“ in die eigentliche Fossilienkammer gelangt, wo augenscheinlich noch viel mehr Naledi-Knochen liegen.

    Der Ort ist so entlegen, dass von den mehr als 1.550 geborgenen Fossilienteilen nur etwa ein Dutzend nicht homininen Ursprungs ist. Diese wenigen Teile sind Überreste von Mäusen und Vögeln, die zufällig in die Kammer gerieten.

    „Solch eine Situation ist im Fossilbericht des Menschen einmalig“, sagt Hawks. Die Knochen tragen keinerlei Spuren von Aasfressern und Raubtieren. Nichts deutet darauf hin, dass Tiere oder natürliche Prozesse, wie zum Beispiel fließendes Wasser, diese Individuen in die Kammer transportiert haben könnten.

    „Wir sind zahlreiche Szenarien durchgegangen: beispielsweise ein Massensterben, ein unbekanntes Raubtier, der Transport von einem anderen Ort in die Kammer mithilfe von Wasser oder der Unfalltod in einer Todesfalle“, sagt Berger. „Nachdem wir alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen hatten, blieb uns als plausibelste Variante nur die bewusste Beseitigung der Toten durch Homo naledi.“

    Und daraus folgern die Forscher nun, dass dieser eher primitiv wirkende Hominine seine Toten bewusst beseitigt hat – ein Verhalten, das bisher als für den Menschen einzigartig betrachtet wurde. Die Fossilien konnten die Forscher später Kleinkindern, Kindern, Erwachsenen und alten Personen zuordnen.

    Dinaledi-Kammer haben sie diese, nur für wirklich angstfreie schlanke Höhlen-„Astronauten“ erreichbare, Kammer genannt, was auf Sosotho „Kammer der Sterne“ heißt. Dieser Raum ist „immer von den anderen Kammern isoliert gewesen und war zur Oberfläche hin niemals direkt offen“, sagt Paul Dirks von der James Cook Universität in Australien. „Nahezu ausschließlich die fossilen Überreste von Homo naledi wurden in dieser abgelegenen Kammer gefunden, Fossilien von größeren Tieren fehlen gänzlich.“

    Nur so hatten die Knochen wohl überhaupt eine Chance, Millionen Jahre zu überstehen und davon zu erzählen, dass die Menschwerdung wohl doch deutlich vielfältiger war, als es die bisherige Befundlage zeigte. Man kann jetzt eigentlich gespannt sein, welches Alter sich aus den Knochen ermitteln lässt.

    Einzigartig ist der Fund auch schon deshalb, weil er viel umfangreicher ist als alles, was man zur frühen Menschheitsentwicklung bislang kennt. Bei der Entdeckung, die aus mehr als 1.550 inventarisierten Fossilienteilen besteht, handelt es sich um den bisher größten zusammengehörigen Fund fossiler menschlicher Überreste auf dem afrikanischen Kontinent, teilt das Leipziger MPI für Evolutionäre Anthropologie mit.

    Und auf einmal steht ein ganz früher Vertreter vom Baum der Menschheitsentwicklung da und macht anschaulich, dass die Geschichte des Menschen wohl schon weit vor „Lucy“ in Gang gekommen war. Jeder fängt mal klein an, könnte man sagen. Auch der heutige Mensch. John Hawks von der University of Wisconsin in Madison in den USA: „Homo naledi hatte ein winziges Gehirn von der Größe einer Orange und einen sehr grazilen Körperbau.“ Homo naledi war im Durchschnitt etwa 1,50 Meter groß und wog etwa 45 Kilogramm. Aber irgendwie war es ihm wichtig, seine Toten wirklich für die Ewigkeit zu bestatten. Und in dieser erstaunlich abgelegenen Höhle scheint ihm das auch gelungen zu sein.

    Und mutige, angstfreie Höhlenforscher werden noch ein paar Mal ran müssen, bis alles geborgen ist.

    „Diese Kammer hat noch nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben“, sagt Berger. „Es befinden sich dort unten möglicherweise noch hunderte, wenn nicht sogar tausende Überreste von Homo naledi“.

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