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Universitätsbibliothek hat das „Buch des Schmucks“ aus der Frühzeit der schiitischen Ismailiten aufwendig restauriert

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    Es gibt so manches Sammelstück in der Leipziger Universitätsbibliothek, das erst bei näherer Untersuchung seine ganze Geschichte preisgibt. Oder zumindest einen Teil davon. Denn ein ordentliches Impressum, wie es heute in jedem Buch steht, hatte das "Buch des Schmucks" (Kitab az-Zina) aus dem 10. Jahrhundert natürlich nicht. Und auch die Abschrift aus dem 11. Jahrhundert hat keine. Dafür ist sie jetzt schmuck restauriert.

    Es ist das vermutlich älteste Textzeugnis der schiitischen Ismailiten, das in der Universitätsbibliothek Leipzig liegt. Die ungewöhnliche Geschichte dieser Handschrift wurde am 12. Januar 2016 in der Bibliotheca Albertina vorgestellt. Prof. Verena Klemm und Cornelius Berthold vom Orientalischen Institut der Universität sowie Dr. Bernd Kromer vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim, erläuterten, wie die wertvolle Handschrift in Mannheim untersucht wurde.

    Das „Buch des Schmucks“ (Kitab az-Zina) ist eine arabische Religionsenzyklopädie aus dem frühen 10. Jahrhundert. Sie wurde im Nordiran von Abu Hatim ar-Razi verfasst, der zu den Missionaren der Ismailiten zählte. Diese schiitische Splittergruppe versuchte damals – meist aus dem Untergrund heraus – das ihrer Meinung nach unrechtmäßige Kalifat in Bagdad zu stürzen. Das „Kitab az-Zina“ ist dem Anschein nach unparteiisch, wirbt aber auch für die ismailitische Religionsauffassung.

    Damit führt das Buch hinein in eine Zeit, in der sich auch der gern als monolithischer Block betrachtete Islam immer wieder neu aufspaltete. In diesem Fall war es der Streit um die Nachfolge des sechsten schiitischen Imams im Jahr 765. Die Ismaeliten traten in Syrien und Persien auf und verfochten wie die anderen Schiiten auch die Rechte der Nachkommen Alis, nach dessen Urenkel im siebenten Glied, Ismail ibn Dschafar, sie sich nannten, erzählt die Wikipedia.

    Da lag das erste Schisma des Islam schon über ein Jahrhundert zurück, denn im Nachfolgestreit nach dem Tod des Propheten Mohammed spalteten sich schon im 7. Jahrhundert die Schiiten von der Mehrheit ab, die sich auch heute noch in der Dominanz der vorwiegend sunnitisch geprägten Staaten im arabischen Halbmond spiegelt. Dass es dort seit Jahrzehnten zu erheblichen staatlichen Spannungen kommt, hat auch mit den religiösen Spannungen zu tun. Etwas, was auch die Berater eines George W. Bush hätten wissen können, bevor sie 2003 in den Irak einmarschierten. Denn dort herrschte eine sunnitische Minderheit über eine schiitische Mehrheit.

    Dass sich der IS hier später auf die entmachtete sunnitische Minderheit stützen konnte, sorgte auch dafür, dass seine Aktionen sofort zum Stellvertreterkrieg für verschiedene Staaten der Region wurden – insbesondere für das sunnitische Saudi-Arabien und den schiitisch geprägten Iran. Wer diese Grundkonflikte nicht mitbedenkt, wird keine Friedenslösung für Syrien und Irak finden.

    Wobei Abspaltung im frühen Islam eben nicht unbedingt Radikalisierung hieß, auch wenn die neu entstehenden Strömungen von den konservativen Interpreten dann oft als revolutionär und damit unerwünscht gebrandmarkt wurden, Was auch die schiitischen Ismaeliten erlebten, die kurzzeitig durchaus in die Weltgeschichte eingriffen, als die Fatimiden 969 Ägypten eroberten und Kairo gründeten.

    Fragmente der Enzyklopädie „Kitab az-Zina“ sind in einer mehrteiligen Handschrift der Universitätsbibliothek Leipzig enthalten, die in den vergangenen Jahren im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft intensiv erforscht wurde. Vor ihrer Restaurierung im Jahre 2006 war der fragmentarische Charakter der Handschrift – wie auf dem Foto – noch deutlich zu sehen: fehlende Buchdeckel, verschiedene Schreiberhände am Anfang, Ende und im Hauptteil sowie zahlreiche lose Blätter.

    Dies alles deutet auf eine ungewöhnliche Geschichte hin, in die in den vergangenen Jahren Licht gebracht werden konnte. 2015 wurde die Handschrift einer Radiokarbondatierung am Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim unterzogen. Das Ergebnis dieser sogenannten C14-Analyse legt eine Entstehung im frühen 11. Jahrhundert nahe. Demnach wäre sie nur ein Jahrhundert nach dem Tod des Autors abgeschrieben worden. Das macht das Leipziger Fragment zur ältesten bekannten ismailitischen Handschrift überhaupt.

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