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Besaßen auch die Neandertaler schon ein komplexes Sprachvermögen?

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    Er ist derzeit der meistbefragte Unbekannte in der Vorzeitforschung: der Neandertaler, jener seltsame Verwandte, der schon Jahrhunderttausende in Europa lebte, bevor vor 40.000 Jahren der moderne Mensch aus Afrika zuwanderte. Und dann starb er einfach aus. Dabei scheint er sogar ganz ähnliche Sprechfähigkeiten wie wir heute besessen zu haben, vermuten jetzt ein paar Leipziger Wissenschaftler.

    Zumindest konnte er ganz ähnlich gut hören. Was zumindest die Voraussetzung ist für eine komplexere Artikulation. Ob sich die Neandertaler tatsächlich schon komplex artikulierten, weiß man damit natürlich noch nicht. Nur, dass sie damit in der Lage dazu waren.

    Aber wie kann man selbst diese Fähigkeit nachweisen, wenn sich bestenfalls nur Skelettteile erhalten haben – und davon auch meist nur die größeren, widerstandsfähigeren Teile?

    Wer komplex denken will, muss hören können

    Man gibt die Hoffnung einfach nicht auf und sucht. Was nun ein Forscherteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie auch getan hat. Es hat zwar keine neuen Neandertaler-Skelette ausgegraben, aber es hat die bekannten genauer unter die Lupe genommen. Denn gesucht hat man etwas sehr Kleines.

    Und so hat man diverse Schädel von Neandertalern gescannt und gefunden, was man suchte: die erhalten gebliebenen, für das Hören so wichtigen Mittelohr-Gehörknöchelchen. Und dann gab es eine kleine Überraschung für die Forscher: In ihrer Gestalt unterschieden sie sich von den Gehörknöchelchen moderner Menschen.

    Was natürlich erklärungsbedürftig ist, wo doch beide ursprünglich mal eine gemeinsame Wurzel in Afrika hatten. Aber einige 100.000 Jahre unterschiedliche Wege haben auch zu unterschiedlichen Lösungen geführt. Und zwar nicht nur für das Ohr, sondern für das ganze komplexer werdende Gehirn. Beide Menschenarten haben ja eine wichtige neue Stufe in der Kulturentwicklung genommen. Dabei wuchsen ihre Gehirne, legten sich zusätzliche komplexe Strukturen zu. Und weil dieses komplexere Interagieren mit der Umwelt auch übers Sprechen und Hören passierte, haben sich entsprechend auch die Gehörknöchelchen ausgebildet.

    Da sich die Ohrregion in enger Nachbarschaft zum Gehirn befindet, sind den Autoren zufolge diese Unterschiede darin begründet, dass die Zunahme des Gehirnvolumens bei Neandertalern und modernen Menschen während der Evolution dann eben doch unterschiedlich verlaufen ist, was auch zu Unterschieden in der Gestalt des Mittelohres führte.

    Allerdings funktioniert das Mittelohr bei beiden Menschenarten trotz dieser Gestaltunterschiede ähnlich, betonen die Forscher. Und folgern daraus: Moderne Menschen und Neandertaler könnten also über eine ähnliche Lautkommunikation verfügt haben.

    Was jetzt durchaus auch Linguisten interessieren dürfte, denn die Ergebnisse der aktuellen Studie können auch dazu beitragen, den Ursprung von menschlicher gesprochener Sprache indirekt zu rekonstruieren. Denn die komplexe Form der Ohrknöchelchen deutet ja darauf hin, dass Sprache auch bei den Neandertalern eine konstituierende Rolle in ihrer Entwicklung gespielt haben muss.

    Wie die Mittelohrknochen funktionieren

    Die drei Mittelohrknochen Hammer, Amboss und Steigbügel bilden zusammen die Gehörknöchelchenkette. Diese knöcherne Kette dient allen Säugetieren zur Übertragung von Schallwellen vom Trommelfell zum Innenohr. Sie verstärkt die Energie des Luftschalls, so dass sich die Schallwelle innerhalb des mit Flüssigkeit gefüllten Innenohrs ausbreiten kann. Die Gehörknöchelchen sind die kleinsten Knochen in unserem Körper, beschreibt das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie den winzigen Forschungsgegenstand. Es überrasche also nicht, dass sie in fossilen Überresten von Urmenschen und anderen Säugetieren nur selten erhalten sind, was die Erforschung des Gehörsinns ausgestorbener Arten sehr schwierig macht. So wird von Experten beispielsweise schon seit Langem diskutiert, ob Neandertaler auch über eine gesprochene Sprache verfügten.

    Das Forscherteam unter der Leitung von Alexander Stoessel vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat nun mit Hilfe hochauflösender Computertomografie mehrere Neandertalerschädel gescannt und dabei systematisch nach Gehörknöchelchen gesucht, die sich möglicherweise im Mittelohrbereich verfangen hatten. Und tatsächlich wurden die Forscher bei 14 Neandertalern von Ausgrabungsstätten in Frankreich, Deutschland, Kroatien und Israel fündig. Aus ihren Funden haben sie die bisher größte Sammlung an Gehörknöchelchen einer fossilen Menschenart erstellt.

    „Wir waren wirklich erstaunt, wie oft die Gehörknöchelchen in den fossilen Überresten erhalten geblieben waren, insbesondere wenn das Ohr mit Sedimenten gefüllt war“, sagt Erstautor Alexander Stoessel.

    Nachdem sie die Knochen am Computer rekonstruiert hatten, verglichen die Wissenschaftler, zu denen auch Kollegen der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und des University College in London gehörten, die Neandertaler-Knöchelchen mit denen von anatomisch modernen Menschen sowie unserer nächsten lebenden Verwandten, Schimpansen und Gorillas.

    Da Gehörknöchelchen nicht nur klein, sondern auch äußerst komplex geformt sind, führten die Forscher den Vergleich mithilfe der dreidimensionalen Abbilder der Knochen durch. Diese Analyse verwendet eine sehr viel größere Anzahl an Messpunkten, was bei der Untersuchung der dreidimensionalen Gestalt einer Struktur von Vorteil ist.

    „Trotz der nahen Verwandtschaft zwischen anatomisch modernen Menschen und Neandertalern sind die Gehörknöchelchen bei diesen beiden Arten überraschend unterschiedlich geformt“, sagt Romain David, der an der Studie beteiligt war.

    Zwei Wege der kulturellen Evolution

    Von diesem morphologischen Vergleich ausgehend, untersuchte das Forscherteam mögliche Gründe für die Unterschiede. Beeinflussten die Unterschiede vielleicht das Hörvermögen von Neandertalern und modernen Menschen oder deuteten sie vielmehr auf eine enge Beziehung zur Schädelbasis hin? Um diese Fragen zu beantworten analysierten die Forscher Strukturen in der Umgebung der Gehörknöchelchen. Das Ergebnis überraschte: Das Mittelohr ist zwar bei Neandertalern und modernen Menschen jeweils unterschiedlich beschaffen, es funktioniert jedoch ganz ähnlich.

    Was zumindest vermuten lässt, dass sich auch die Neandertaler schon einer etwas komplexeren Sprache erfreuten. Aber da ist man jetzt ganz tief in einem Stück Geschichte, in dem es für die Forscher mehr Fragen als Antworten gibt.

    Das Forscherteam fand zumindest heraus, dass die Form der Knöchelchen stark von der Form der sie umgebenden Schädelstrukturen abhängt, die sich zwischen beiden Menschengruppen ebenfalls unterscheidet. Der Grund dafür ist eben, dass Neandertaler und moderne Menschen unterschiedlichen evolutionären Wegen hin zu einem größeren Gehirn folgten, was sich wiederum auf die Strukturen der Schädelbasis auswirkte, zu der das Mittelohr gehört.

    „In Anbetracht der Bedeutung der Mittelohr-Gehörknöchelchen für das Hören, deuten die von uns gefundenen funktionellen Ähnlichkeiten darauf hin, dass es Übereinstimmungen in der Lautkommunikation bei modernen Menschen und Neandertalern gegeben haben könnte“, sagt Co-Autor Jean-Jacques Hublin. Und dann stellt er so eine Frage, die richtig enthusiastisch klingt, aber wahrscheinlich noch viele Forschergenerationen beschäftigen wird: „Unsere Ergebnisse bilden nun die Basis für weitere Forschungsaktivitäten, um herauszufinden, ob archaische Homininen wie die Neandertaler über gesprochene Sprache verfügten.“

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