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Der Moment unserer Kindheit, in dem wir lernen, Andere zu verstehen

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    Unser Gehirn ist ein faszinierendes Ding. Wenn es funktioniert. Und wenn wir es nicht behandeln wie uns selbst: auf Fastfood gesetzt, mit Unterhaltungsmüll anfüttern. Das Ding will gebraucht werden. Denn es ist zu Erstaunlichem fähig. Zum Beispiel zum Um-die-Ecke-Denken. Das können nämlich sogar schon Kinder. Auch wenn die entscheidende Abkürzung erst im vierten Lebensjahr entsteht. Das konnten jetzt Forscher aus dem Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften vermelden.

    Sie haben nach diesem Vorgang gesucht. Sie haben ein ganzes Forschungsgebiet ganz und gar auf die frühkindliche Entwicklung unseres Gehirns abgestellt. Mit großen modernen Geräten beobachten sie, wann welche Entwicklungen im Gehirn passieren. Und parallel dazu versuchen sie, durch kleine Tests mit den Kindern herauszufinden, was das eigentlich bedeutet.

    Was für einen Wert das hat, wissen zumindest die Evolutionsforscher. Denn wenn bestimmte kleine Tricks in unserem Gehirn funktionieren, dann ergeben sie jedes Mal neue Vorteile im Überleben und bei der Stärkung der eigenen Gruppe.

    So ein kleiner Trick ist die Fähigkeit, sich ausmalen zu können, was andere denken könnten.

    Können Sie das noch?

    Vierjährige können es. Und kommen auf einmal auf ganz clevere Gedanken. Kurz beschrieben von den Forschern des Instituts: „Im Alter von etwa vier Jahren beginnen wir plötzlich zu verstehen, dass andere etwas anderes denken als wir selbst. Was uns als Dreijährige noch nicht gelingt, wird nun möglich – wir können uns in andere Menschen hineinversetzen. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig haben jetzt herausgefunden, womit dieser Meilenstein in unserer Entwicklung zusammenhängt: Mit einer entscheidenden Faserverbindung.“

    Als eine Art Datenautobahn verknüpft der Fasciculus Arcuatus (grün) ab etwa dem vierten Lebensjahr zwei wesentliche Hirnareale miteinander: Eine Region im hinteren Schläfenlappen (braun), die uns im Erwachsenenalter hilft, über andere Menschen und deren Gedanken nachzudenken, und ein Areal im Frontallappen im vorderen Großhirn (rot), das uns vermutlich dabei hilft die Gedanken anderer und die wirkliche Welt auf anderen Abstraktionsebenen zu halten. Grafik: MPI CBS
    Als eine Art Datenautobahn verknüpft der Fasciculus Arcuatus (grün) ab etwa dem vierten Lebensjahr zwei wesentliche Hirnareale miteinander: Eine Region im hinteren Schläfenlappen (braun), die uns im Erwachsenenalter hilft, über andere Menschen und deren Gedanken nachzudenken, und ein Areal im Frontallappen im vorderen Großhirn (rot), das uns vermutlich dabei hilft, die Gedanken anderer und die wirkliche Welt auf anderen Abstraktionsebenen zu halten. Grafik: MPI CBS

    Eigentlich ist alles schon angelegt. Das kindliche Gehirn ist so weit entwickelt, dass eigentlich nur noch die fixe Verbindung zwischen zwei Gehirnarealen hergestellt werden muss. Eine Art Abkürzung.

    In einer kindgerechten Geschichte, die sich auch schön als Alltags-Test gestalten lässt, klingt das so: „Erzählt man einem Kind im Alter von drei Jahren die Geschichte vom kleinen Maxi, so wird es sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht verstehen: Maxi hat seine Schokolade auf dem Küchentisch abgelegt, geht in den Garten spielen. Als er kurz darauf zurückkehrt, um seine Süßigkeit zu holen, wundert er sich, denn die Tafel ist verschwunden, nachdem seine Mutter sie weggeräumt hat. Erst im Alter von rund vier Jahren würde das Kind richtig vermuten, dass Maxi wahrscheinlich erst dort nach der Schokolade schauen würde, wo er sie liegen gelassen hatte und nicht im Schrank, wo sie jetzt ist.

    Ähnliches lässt sich beobachten, wenn man ihm eine Packung Schokoriegel zeigt, deren Inhalt mit Stiften ersetzt wurde. Stellt man ihm die Frage, was wohl ein anderes Kind in der Packung vermuten würde, dann wird es ‚Stifte‘ antworten, obwohl das andere Kind das ja gar nicht wissen kann. Nur ein Jahr später, im Alter von vier Jahren, würde es  jedoch bereits mutmaßen, dass das andere Kind wohl auf Schokolade gehofft hatte.“

    Das Kind kann sich also auf einmal in ein anderes Kind hineinversetzen und sich vorstellen, was das sehen und wissen kann.

    Erstaunlich: Warum verlernen das so viele Erwachsene? Benutzen sie diese Teile ihres Gehirns nicht mehr?

    Für die Forscher jedenfalls ist das eine aufregende Entdeckung. „In dieser Zeit legen wir also einen enormen Entwicklungsschritt zurück“, stellen sie fest. „Von nun an gelingt es uns, anderen Menschen Gedanken zuzuschreiben und zu verstehen, dass sie etwas anderes denken als wir selbst. Zuvor scheinen für uns Gedanken unabhängig von dem, was wir sehen oder über die Welt wissen, nicht zu existieren. Wir entwickeln also die Fähigkeit zur Theory of Mind.“

    Über so einen Begriff stolpert man natürlich. Da haben wir natürlich gleich beim Stichwort „Theory of Mind“ auf Wikipedia nachgeschaut und einen leisen Verdacht bestätigt bekommen: „Empirische Untersuchungen legen außerdem einen Zusammenhang zwischen ToM und aggressivem Verhalten und zwischen ToM und sozialer Kompetenz nahe. Es gibt Theorien, nach denen Kinder deshalb aggressiv reagieren, weil sie nicht in der Lage sind, die Absichten einer anderen Person richtig einzuschätzen“, steht da zu lesen.

    Genau das, was man auch bei einigen Erwachsenen beobachten kann, die augenscheinlich deshalb „aggressiv reagieren, weil sie nicht in der Lage sind, die Absichten einer anderen Person richtig einzuschätzen.“

    Sie können sich nicht in den Anderen hineinversetzen. Oder wollen es nicht. Weil es ihnen vielleicht zu anstrengend ist, oder zu verwirrend. Denn wenn man erst mal versteht, wie der andere sich (vielleicht) fühlt, fällt es schwerer, einfach draufzukloppen, abzuschieben, Gelder zu kürzen, Bomben zu schmeißen und was der Scherze der Empathielosen so sind. Denn wenn man sich vorstellen kann, wie es dem Anderen geht, dann beginnt man zwangsläufig auch Lösungen für ihn mitzudenken – nicht immer nur egoistisch sich selbst als einzig wahren Rächer der Welt zu betrachten.

    Das ist in Kindertagen höchst verwirrend

    Auf einmal war man nicht mehr das kleine, absolute Ich, sondern hatte neue, verwirrende Neben- und Beiseitegedanken. Zum Beispiel auch den: Was wäre eigentlich, wenn ich jetzt das andere Kind wäre? Und die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig haben nun entdeckt, womit dieser Durchbruch in der Entwicklung zusammenhängt.

    „Im Alter zwischen drei und vier Jahren haben sich die Fasern des sogenannten Fasciculus Arcuatus im Gehirn soweit entwickelt, dass er als eine Art Datenautobahn zwei wesentliche Hirnareale miteinander verknüpft: Eine Region im hinteren Schläfenlappen, die uns im Erwachsenenalter hilft, über andere Menschen und deren Gedanken nachzudenken, und ein Areal im Frontallappen im vorderen Großhirn, durch das wir Dinge auf verschiedenen Abstraktionsebenen halten können und somit verstehen, was die Gedanken anderer und was die wirkliche Welt ist“, beschreiben sie das Phänomen.

    Es kommt also – auf schneller Datenautobahn – das zusammen, was zusammengehört und was uns dazu bringt, die Anderen zu verstehen und ihre Reaktionen nicht immer nur auf uns zu beziehen und mit unserem Ego zu verwechseln.

    „Erst wenn diese Strukturen durch den Fasciculus Arcuatus miteinander verbunden sind, beginnen Kinder, die Gedanken anderer zu verstehen – und können so voraussagen, wo Maxi vermutlich seine Schokolade suchen wird“, stellen die Forscher fest. Und Eines freut sie ganz besonders: „Das Interessante dabei: Die neu entstandene Verbindung im Gehirn unterstützt diese Fähigkeit unabhängig davon, wie gut andere geistige Fähigkeiten wie Intelligenz, Sprachverständnis oder Impulskontrolle ausgeprägt sind.“

    Wir müssen also gar nicht hochintelligent sein, um trotzdem die Fähigkeit zum (zwischen-)menschlichen Verständnis zu entwickeln. Das macht der Entwicklungsprozess in unserem Gehirn ganz von allein.

    Was natürlich die Forscher auch zu einer weiteren Frage bringt

    Warum werden die einen dann trotzdem unausstehliche Egoisten, die meistens nur an sich selber denken und keinen Gedanken daran verschwenden, wie es anderen gehen könnte? Und warum haben andere echte Begabungen darin, die Motivation ihrer Mitmenschen zu verstehen?

    „Der stark ausgeprägte Fasciculus Arcuatus könnte auch der Grund dafür sein, dass es uns Menschen besonders gut gelingt, zu verstehen, was andere denken und wie sie vermutlich reagieren werden“, erklärt Charlotte Grosse-Wiesmann vom MPI CBS, Erstautorin der zugrunde liegenden Studie, die gerade im renommierten Fachmagazin „Nature Communication“ erschienen ist. „Zwar gelingt es auch Affen, sich in andere hineinversetzen, jedoch in deutlich geringerem Maße. Das lässt sich womöglich auf diese weniger ausgeprägte Faserverbindung zurückführen.“

    Der Blick in die Wikipedia zeigt noch eine andere mögliche Aufgabe dieser Datenautobahn, auf der es möglicherweise auch mal zu Unfällen kommt. „Wird der Fasciculus arcuatus beschädigt, resultieren daraus charakteristische Sprachstörungen. Diese werden als Leitungsaphasie bezeichnet“, heißt es dort. Diese werden dann so beschrieben: „Der Fasciculus arcuatus ist aber vor allem für das Lernen neuer Begriffe von Bedeutung.“

    Manchmal braucht man ja auch neue Begriffe, um andere Menschen zu verstehen.

    Erschienen ist die Studie unter dem Titel „White matter maturation is associated with the emergence of Theory of Mind in early childhood“.

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    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2017/03/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

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