Während weibliche Menschen, nicht nur im gebärfähigen Alter, meist jährlich den Gynäkologen zur Prophylaxe aufsuchen, ist das bei den männlichen Vertretern unserer Art überwiegend nicht der Fall. Ein Besuch beim Andrologen (ja, es gibt einen Männerarzt) erfolgt oft erst bei Erektionsproblemen. Dabei liegt die Ursache für einen unerfüllten Kinderwunsch ziemlich gleich verteilt bei Frauen und Männern.
Wir haben uns bereits 2024, anlässlich des Tages des Wunschkindes, etwas ausführlicher mit dem Thema beschäftigt. Eine Zahl zur Erinnerung: „Auch heute ist etwa jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos.“
Bei dieser Veranstaltung sprach Dr. Tobias Kretschmer, Umweltbiologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), über Einflüsse von Chemikalien nach einer Schwangerschaftsbehandlung. Im damaligen Interview gab er uns dazu einige Einblicke.
2025 erhielt Dr. Kretschmer das Forschungsstipendium 2025 der Deutschen Gesellschaft für Andrologie, für seine Forschungsarbeit „Immunphänotypisierung und Analyse von Umweltchemikalien im Ejakulat zur Entschlüsselung idiopathischer Ursachen der männlichen Sub- und Infertilität und den zugrunde liegenden Mechanismen“. Der Name ist für viele Menschen wahrscheinlich unverständlich, wir sprachen deshalb mit Dr. Kretschmer zu seiner Forschungsarbeit.
Herr Dr. Kretschmer, zuerst Glückwunsch zum Forschungsstipendium, wir kommen später darauf zurück. Sie haben dieses erhalten, als Sie noch beim Helmholtz-Zentrum beschäftigt waren. Sie sind aber dann an die Universität Leipzig gewechselt. Was war der Grund dafür?
Die Universität Leipzig hat 2025 das Exzellenzcluster bekommen, da gibt es einen Forschungsbereich, der sich mit dem Stoffwechsel beschäftigt. Das ist das Leipzig Center of Metabolism (LeiCeM). Dort wird auch erforscht, wie das, was in der Schwangerschaft passiert, vor allem Umweltfaktoren, sich langfristig auf den Stoffwechsel und die Gesundheit der Nachkommen auswirkt.
Wir versuchen zu verstehen, welche Prägung in der Schwangerschaft schon stattfindet durch Umweltfaktoren auf die spätere Gesundheit der Nachkommen, besonders im Stoffwechsel, also im Metabolismus.
Eines Ihrer Forschungsthemen ist ja das, was vor der Schwangerschaft kommt, speziell die männliche Zeugungsfähigkeit. Wie ist da die Lage, wie fit sind die Spermien?
Die Männer und ihre Spermien sind eigentlich immer noch recht fit. Es gab vor ein paar Jahren, ich glaube, 2018/19, einen Aufschrei. Es gab eine Studie zu den Spermiogrammen, das sind die Untersuchungen zur Qualität der Spermien, die man beim Facharzt macht, zum Beispiel beim Andrologen.
Die Autoren haben sich angeschaut, wie sich diese Spermiogramme bei den Männern in den westlichen Ländern, also Europa, USA, Kanada, in den letzten 50 Jahren entwickelt haben. Man hat dort gesehen, dass die Fruchtbarkeit, also die Anzahl der Spermien pro Milliliter, immer weiter gesunken ist. Und zwar kontinuierlich von Mitte der 1970er bis 2018 ungefähr um 50 Prozent.
Da entstand natürlich erst mal die Sorge, dass, wenn sich dieser Trend fortsetzt, wir irgendwann alle vielleicht unfruchtbar sind. Das liegt ja nah, wenn die Kurve der Fruchtbarkeit oder die Anzahl der Spermien immer weiter abfällt, wäre diese irgendwann bei null. Mit null Spermien ist es mit der Fruchtbarkeit vorbei.
Zum Glück war das nur halb richtig. Ja, die Spermienzahl scheint abzunehmen, aber im Schnitt sind die Männer immer noch oberhalb des Grenzwerts. Sie sind noch entfernt von der Grenze, ab der man von unfruchtbar spricht. Eigentlich ist noch alles im Rahmen.
Ein Thema bei dieser Forschung sind Umwelteinflüsse. Gibt es denn signifikante Unterschiede bei Männern in schwer umweltbelastenden Gebieten oder Berufen und denen, die in guten Umweltbedingungen leben?
Ja, die gibt es. Wir erforschen ja besonders die Umweltfaktoren, also das, was nicht genetisch vorhanden ist oder vorbelastet ist. Es gibt diverse genetische Vorbelastungen, die dafür sorgen, dass man unfruchtbar oder sehr gering fruchtbar ist. Das ist auch interessant, aber das ist nicht mein Gebiet.
Wir haben tatsächlich festgestellt, es gibt auch viele Studien dazu, welche Chemikalien eine Rolle spielen. Tatsächlich sind Industriechemikalien, Chemikalien aus Produkten, die industriell gefertigt werden, die beispielsweise in Verpackungen enthaltenen Chemikalien, schlecht für die männliche Fruchtbarkeit. Es gibt auch Erkenntnisse über den Einfluss der Belastung mit diesen Chemikalien im Rahmen der Arbeit, auf die männliche Fruchtbarkeit.
Wenn man in einer Umgebung arbeitet, in der eine hohe Belastung durch Strahlung oder Chemikalien besteht, ist die Fruchtbarkeit stark gefährdet. Aber auch in der normalen Bevölkerung gibt es schon den einen oder anderen, der eine relativ hohe Belastung hat. Und wir stellen uns die Frage: Ist das vielleicht auch ursächlich dafür, dass es mit dem Kinderwunsch eben nicht so gut funktioniert?
Andrologie ist ja eine Disziplin, welche über das eben Besprochene hinausgeht. Es gibt, wie einleitend bemerkt, den Andrologen, den fast kein Mann in Anspruch nimmt. Meistens ist er sogar beim Urologen angebunden, damit er wenigstens eine Chance hat, bemerkt zu werden. Was kann Mann denn selbst tun?
Wir wissen aus wissenschaftlicher und medizinischer Sicht, dass gewisse Verhaltensweisen, gewisse Umweltfaktoren, die wir selber in der Hand haben, eine Rolle spielen. Klassisches Beispiel ist das Rauchen als ein Lebensstil, der mit sehr viel Chemikalien in Verbindung steht. Es sind hunderte Chemikalien im Rauch. Wenn man das schon mal vermeidet, hat man schon mal was zu seiner Spermienqualität getan. Ein weiterer Faktor ist bekanntermaßen Alkohol.
Aber auch so manches, an das man nicht denkt, wie die Sauna. Es gibt Studien, die sehr klar einen Zusammenhang zwischen häufigen Saunagängen und der Abnahme der Spermienqualität zeigen. Zum Glück ist das in einem gewissen Maß reversibel, wenn man dann seltener in die Sauna geht, wird die Spermienqualität auch wieder besser.
Das sind Faktoren, die man selbst in der Hand hat. Man muss auch anmerken, dass bei Frauen, dadurch, dass sie im Normalfall ein-, zweimal im Jahr zum Frauenarzt gehen, eine relativ gute Untersuchung und Überwachung gewährleistet wird. Bei Männern ist das ja nicht so.
Wir gehen vielleicht ab 50 erstmals zum Urologen.
Genau, wenn die Alterserscheinungen kommen. Aus wissenschaftlicher und medizinischer Sicht wäre es sicherlich sinnvoll, sich jedes Jahr einmal das Spermiogramm anzuschauen, ob es sich verändert. Das Spermiogramm eines Mannes sagt, das sagen auch viele Studien, viel über die allgemeine Gesundheit aus.
Man sieht zum Beispiel an dem Spermiogramm, ob jemand gerade krank war und eine Woche Fieber hatte. Die Spermienzahl geht durch die hohe Temperatur runter. Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es spannend und sinnvoll, genauer und öfter hinzuschauen.
Wenn jemand erst Anfang, Mitte 20 oder 30 ist und in den letzten Jahren das Spermiogramm schlechter geworden ist, sollte man ihn fragen: Hast du vielleicht in deinem Leben was verändert, beruflich, privat, Chemikalien, Sport, Ernährung, was dein Spermiogramm beeinflussen kann?
Welche Einflüsse haben Ernährung, Übergewicht, Bewegungsmangel?
Vor allem Übergewicht und Ernährung haben große Einflüsse. Man weiß sehr genau: Je höher der BMI, desto geringer die Spermienqualität. Da gibt es einen ganz klaren Zusammenhang. Der ist aber wieder umkehrbar: Männer, die abnehmen und sich von einem starken Übergewicht auf ein geringes Übergewicht verbessern, bei denen verbessert sich in den allermeisten Fällen auch das Spermiogramm. Sport an sich, ein bisschen Sport ist auf jeden Fall gesund. Zu viel Sport kann auch wieder negative Effekte haben.
Sport, verbunden mit Anabolika, ist auf jeden Fall schlecht.
Das ist der Tod für Spermien. Sport ist auf jeden Fall gesund und stärkt das Immunsystem. Ein gesundes Immunsystem ist gut für die Fruchtbarkeit. Das versuchen wir näher zu erforschen. Welchen Einfluss hat das Immunsystem beim Thema Fruchtbarkeit? Gerade Männer, die zum Beispiel eine Entzündung der Prostata haben, haben häufig auch sehr schlechte Spermiogramme.
Es gibt auch diese Behauptung, dass Ärzte, wenn es nicht so klappt mit der Schwangerschaft, manchmal Männern etwas anti-entzündlich Wirkendes verschreiben. Auf einmal klappt es dann mit der Schwangerschaft. Wahrscheinlich, weil da irgendwie das Immunsystem im Hintergrund betroffen war.
Es gibt also noch viel zu erforschen. Jetzt haben Sie das Forschungsstipendium bekommen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Das Forschungsstipendium ermöglicht mir, durch die finanziellen Mittel, meine Forschung auszuweiten und schon angefangene Projekte fortzusetzen. Es bedeutet für uns, als relativ kleinen Forschungsbereich zum Thema Reproduktion und männliche Fruchtbarkeit, dass wir ein wenig mehr Sichtbarkeit haben. Weil andere Forschende jetzt wissen: Da ist jemand in Leipzig, der forscht zum Thema Umwelt, Umweltfaktoren und Immunsystem in der männlichen Fruchtbarkeit.
Insofern hat das für uns etwas Positives beim Thema Sichtbarkeit, beim Thema Möglichkeiten der Forschungsintensivierung. Für mich persönlich ist es natürlich toll, wenn meine Forschung dadurch Wertschätzung erfährt.
Herr Dr. Kretschmer, ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche weiterhin viel Erfolg.
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