Zu einer guten Ausstellung gehört auch ein Katalog. Einen solchen gibt es auch zur am 3. November eröffneten Ausstellung "Leonardo da Vinci. Mensch - Erfinder - Genie" im Kosmoshaus. Gestaltet ist er wie ein Buch für den Unterricht - drei Kapitel widmen sich dem Menschen, dem Erfinder und dem Forscher und Ingenieur. Hier unter Genie subsummiert.

Was natürlich auf die ganze Faszination verweist, mit der die Ausstellungsmacher 2002 die Wanderausstellung konzipierten, begeistert von Dan Browns Buch “Der Da Vinci Code”, verblüfft von diesem Renaissance-Menschen, der seine Welt noch so universell betrachten und begutachten konnte wie nach ihm nur noch Wenige. Was nur zum Teil mit seiner Persönlichkeit zu tun hat. Mit der natürlich auch. Er war wissbegierig und dabei analytisch und unvoreingenommen, wie es nur wenige Forscher jemals waren. Auch in seiner Zeit nicht waren, die zwar geniale Konstrukteure kannte, erstklassige Architekten und Künstler. Aber selbst in heute scheinbar so aufgeklärten Zeiten spürt man tagtäglich, wie groß tatsächlich die Widerstände gegen soviel klare Sicht auf die Welt sind.

Es melden sich Dunkelmänner und Pseudowissenschaftler zu Wort, die sich neben die ernsthaften Forscher stellen können, als wäre Wissenschaft nichts anderes als eine Art Religion, die man sich aussuchen kann. Es gibt Mittler und “Experten”, die den Wissenstand vergangener Jahre oder gar Jahrhunderte behaupten, als wäre seitdem nichts erforscht und nichts experimentell bewiesen worden. Es gibt sogar Legionen von Leuten, die das wissenschaftlich Anerkannte einfach wegwischen und – man lebt ja in einer Meinungsfreiheit – so tun können, als wäre alles gar nicht so.

Wer die Schau im Kosmoshaus heute betritt, darf durchaus nachdenken über die Frage: Wo würde man einen Mann wie Leonardo da Vinci heute finden? – Ganz bestimmt nicht in einer Partei. Auch nicht in den Kunstkatalogen der heute “Modernen”. Im Gegenteil: Er würde erst recht nicht malen. Vielleicht würde er fotografieren, vielleicht wäre er bei der NASA oder im CERN. Oder an einem Ort, den heute nur die wirklich mutigen Forscher kennen, weil dort an den Grenzen unserer Erkenntnis geforscht wird.

Vielleicht würde er auch einen kleinen exquisiten Konzern betreiben, der mit nichts anderem beschäftigt ist als dem Erfinden immer neuer Dinge, die die Menschheit wirklich weiter bringen. Leonardo da Vinci stand wie kein Zweiter exemplarisch für das, was Europa seit dem 15. Jahrhundert wirklich vorangebracht hat.Seine Lebensprinzipien sind im Katalog stichpunktartig aufgelistet.

Nummer 1 – und sicher etwas, was viele Schüler, Lehrer, Eltern und Politiker bis heute verblüfft: “Der Wunsch zu lernen ist allen edlen Menschen angeboren”.

Ist er auch. Schule in Deutschland aber funktioniert nach dem Prinzip: Entmutige die kleinen Lernwilligen, sortiere sie und sorge dafür, dass möglichst viele auf der Strecke bleiben. Den meisten Kindern wird spätestens in der Schule die Lust am Lernen ausgetrieben. Aus dem lernbegierigen kleinen Menschen wird ein borniertes Wesen, “das alles schon weiß”.

Steht so nicht da, aber wer die einschlägigen Da-Vinci-Biografien liest, weiß es: Da Vinci lebte zeit seines Lebens nach dem Platonschen (und von Platon Sokrates in den Mund gelegten) Spruch “Ich weiß, dass ich nicht weiß”. Es ist der Punkt, der die griechische Antike mit der Renaissance (und damit auch mit der folgenden Aufklärung) verbindet: das Infragestellen aller gesetzten Wahrheiten, die Suche nach den richtigen Zusammenhängen, das Wissen darum, dass unser Wissen über uns und unsere Welt immer nur vorläufig sein kann, ergänzt und erweitert werden muss.

Die nächsten Da-Vinci-Lebensprinzipien also:

“Erfahrung ist die Quelle allen Wissens.”

“All unser Wissen gründet sich auf Wahrnehmung.”

“Ein Maler, der den Zweifel nicht kennt, wird wenig erreichen.” Was übrigens für alle Berufsstände gilt. Auch Politiker, die nicht fähig sind, ihr eigenes Handeln in Frage zu stellen, sollte man nicht wählen. Das wäre schlichtweg dumm.

“Studiere die Wissenschaft der Kunst und die Kunst der Wissenschaft.”

“Mens sana in corpore sano.” (“Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper”)

Und etwas – was man dann meistens als Fehlstelle entdeckt, wenn man sein Kreuz doch wieder bei Politikern gemacht hat, die keine Zweifel kennen: Ein Großteil der Aufgaben bleibt ungelöst, die Hälfte der Probleme wird einfach negiert. “Alle Dinge und Phänomene sind miteinander verbunden.”

Das haben selbst die heutigen Lehrplangestalter noch nicht begriffen. Aber die wirklich von ihrem Beruf überzeugten Lehrer wissen es – und schleppen ihre Klassen in den nächsten vier Monaten ins Kosmoshaus. Oder zeigen den Kindern auf andere Art und Weise, wie sehr auch alle so fein separierten Unterrichtsfächer miteinander zusammen hängen.Deswegen ist natürlich auch die Dreiteilung im Katalog eher unglücklich. Als wenn man den denkenden Da Vinci vom fühlenden, suchenden, ausprobierenden und malenden Da Vinci trennen könnte. Er war überall darauf aus, das Wirkliche und das Mögliche zu erkunden. Seine Malerei war Zeitlebens ein einziges Experimentieren auf Feldern, auf die die meisten Künstler bis heute nicht kommen. Andere kommen eher instinktiv da hin, weil sie eine Ahnung haben davon, wie Bilder wirken.

Was der Katalog natürlich nicht leisten kann, ist, dieses komplexe Verstehenwollen sichtbar zu machen. Er kann sich aus diesem gewaltigen Lebenswerk nur einzelne Brocken herausfischen und sie so knapp (und manchmal zu knapp) erzählen, wie es Schüler aus ihren Lehrbüchern gewohnt sind. Bild, Bilderklärung, Zitat, kurze Zusammenfassung zum Memorieren: “Er lebte von Brot, Eiern, Gemüse, Pilzen und Obst …”

Fehlt bloß noch die Aufgabenstellung: Beweise das und belege es mit Textstellen.

Ist natürlich eine der vielen Verknappungen, die zu knapp werden, wenn man versucht, so einen Mann und sein Leben in kurze Sätze zu bringen. Dass er – wie Charles Nicholl in seiner Da-Vinci-Biografie feststellt – augenscheinlich über einem Teller guter Gemüsesuppe starb, stellt den Satz in einen ganz anderen Zusammenhang. Er aß, was die meisten seiner Zeitgenossen auch aßen. Fleisch war zu seiner Zeit noch so teuer, wie Fleisch normalerweise sein muss – ein Luxusgut. Da Vinci gab sein Geld lieber für schöne Sachen aus: gute Kleidung und Bücher.

Ein großer Teil des Katalogs widmet sich – wie die Ausstellung – seinen Konstruktionen. Und hinten, in jenem Teil, der sich dem “Genie” widmet, wird auch zitiert, wie er an die Malerei heranging. Das findet man nämlich in vielen seiner Handschriften als Selbst-Aufforderung: Beobachte. Schau dir die Dinge an, wie sie wirklich sind, wie sich das Licht mit der Perspektive verändert, wie Frauen lächeln – und nicht nur diese eine Mona Lisa, an der er möglicherweise bis zu seinem Lebensende in Frankreich malte. Wer seine Frauenporträts versammelt sieht, sieht viele Lächeln. Verständnisvolle, schelmische, listige, abwartende … Wer hat schon mal gezählt, auf wie viele verschiedene Weisen Frauen lächeln können? – Dass ausgerechnet die Mona Lisa nun zur Ikone des geheimnisvollen Lächelns wurde – da Vinci hätte es wohl mit einem Schulterzucken quittiert und so etwas gesagt wie: Man muss doch nur richtig hinschauen.

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Der Katalog kann also nur eine Art Denkanregung sein. Ein Anstoß für alle, die so eine Ahnung haben, dass Leute wie da Vinci heute immer noch genau so selten sind. Dass es aber auch in jedem selbst liegt, was draus zu machen. Es gibt da so einen Satz im Katalog, der andeutet, da Vinci habe seine Jugend mit Amüsement vertändelt. Es ist auch hier die Verknappung, die einen Trug ergibt. Denn die Spuren, die den neugierigen, forschenden und beobachtenden Leonardo zeigen, die reichen bis in seine Kindheit zurück. In seiner frühen Jugend wurde er Lehrling in der Werkstatt Verrocchios. Alle Handwerksmeister würden sich heutzutage freuen, wenn sie so einen “leichtlebigen” Lehrling hätten.

Aber warum nicht ein paar knappe Sätze zum Einstieg in diese Welt, die auch den modernen Besucher noch immer fasziniert? Es ist ein guter Anfang. Gerade für all jene, die noch jung sind und die sich in ihrer Neugier auf die Welt und das Mögliche noch nicht haben entmutigen lassen.

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