Innenansichten eines Lehrers (2): Bildungsverfall?

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug aus Ausgabe 39Was ist eigentlich Bildung? Was also ist es, was da verfällt, wenn sich Zeitdruck, Lehrpläne und Vorgaben dazu führen, dass sich statt Entwicklung und Erkenntnis eher das Gefühl von vollgestopften Köpfen einschleicht. In Teil 2 von Innenansichten eines Lehrers aus der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 39 „Bildunk. Vür alle!“ fragt sich Jens-Uwe Jopp ganz offen, was das „System Schule“ mit den Lehrern und den Schülern gleichermaßen macht. Und was fehlt, in all der Zeit, welche Menschen in Häusern verbringen, in denen mehr als Wissen vermittelt werden müsste.
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Fragt man Schülerinnen und Schüler, was ihnen wichtig an der Schule ist, dann antworten sie: Das Erfüllen der gestellten Anforderungen, um ins „richtige“ Leben zu kommen. Am Bemühen der Akteure an der Basis liegt es nicht, wenn Klassenstärken anwachsen, immer neues Wissen gefragt und veränderte soziale Anforderungen erforderlich sind. Natürlich sind Biografien nach wie vor individuell, braucht unsere Gesellschaft aber auch stärker über-individuelle Fähigkeiten.

Mittlerweile fühlen sich Jugendliche gedrängt, gegängelt mit Hausaufgaben, Klausuren, komplexen Leistungen und eingeforderten Kompetenzgeflechten. Ihre Lehrbeauftragten – zwischen Moderator und Dompteur – zwischen Baum und Borke.

Auf der Stelle tretend. Wissen wurde Mittel zum Zweck. Gelernt und wieder weggeworfen. Vom Heranwachsen, „Bilden“, Entstehen-Lassen schien man nichts mehr wissen zu wollen. Alles wurde relativ: „Sie können ja Ihre Meinung haben, ich hab meine“. Und es hatte effizient zu sein. Neue Medien, neue Weiterbildungen kamen hinzu, wurden angeboten und teilweise auch bezahlt, um im zunehmenden Organisationsdruck und administrativen Geschäft vom schlechten Gewissen der Nichtumsetzung abgelöst zu werden.

Die zunehmenden Schwierigkeiten waren aber nicht nur Fragen der mangelnden Selbstfürsorge, ständige (Ver-) Kürzungen sollten mit eigenaufgewandter Intensität und besserer Genauigkeit beantwortet werden. Man raste zur Drittkorrektur des Zentralabiturs, erstellte Übersichten zu Schwierigkeitsgraden, bearbeitete Statistiken und bewertete Aufgabenformate. Um Zahlenvorgaben zu erfüllen – Einsprüche waren zu vermeiden – Elterngespräche zu Notendurchschnitten mussten pingelig protokolliert werden. Inhalte wurden immer unwichtiger, Ergebnisse einschätzen statt Visionen malen war angesagt.

Dem intellektuellen Niveau der Schutzbefohlenen tat es weniger gut.

Es kam die Rede auf vom „Bulimie-Lernen“, dem Auswendig- und wieder Vergessen-können-Lernen. Und alles unter Zeitdruck. „Ihre Stunden gefielen mir deshalb, weil ich bei Ihnen im Unterricht das Gefühl hatte, auf einer kleinen Insel der Ruhe und der Stressbefreiung gelebt zu haben“ schrieb mir eine Schülerin vor vier Jahren ins Abiturstammbuch. Der einzelkämpfende Lehrer kam wieder zum Vorschein. Der in einer Gefängnisarchitektur hin und her hetzt, um die nächsten Leistungskontrollen vorzubereiten.

Psychosoziale Krankheiten häuften sich, dass auch Fortbildungen mittlerweile nicht mehr ausreichen, betroffen sind beide Seiten an der pädagogischen Front. Die einen nehmen Ritalin, die anderen immer häufiger Auszeiten.

Die neue LZ Ausgabe 39. Bild: Leipziger Zeitung

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Auszeiten?

Es wird höchste Zeit dafür. Vorbei sind die Zeiten, wo ich mit kurzfristig-wohlfeilem Verhalten und angelerntem Wissen eine sich wandelnde Gesellschaft mitgestalten kann und muss. Es ist zwar gut, einen Abschluss in der Tasche zu haben. Berechtigt zu sein. Befähigt bin ich dadurch noch lange nicht zur aktiven Unterstützung von Demokratie und moralischen Werten. Eine repressive Toleranz („Das-kann-man-so-und-so-sehen“) in weiten Teilen unserer Gesellschaft verbreitet, hat auch unsere Gymnasialschützlinge in eine Gleich-Gültigkeit geführt.

Die als Ausweg nur die Radikalismen anzubieten scheint. Eine demokratische Haltung zu entwickeln, entsprechende gesellschaftswissenschaftliche Inhalte zu verstehen, alternativ zu diskutieren und auf Praktikabilität hin zu prüfen, darf nicht überflüssig sein, nicht von der Politik unter Sparvorbehalt gestellt werden. Wenn nur finanziell „bewertet“ wird, wie soll sich ehrenamtliches Engagement entwickeln?

Letzteres passiert nicht mehr, wenn dem Einzelnen zu viel aufgebürdet wird, Eltern mit Entscheidungen für den „richtigen“ Bildungsweg überfordert sind, Schulalltag mehr verwaltet als gestaltet werden kann, Seiteneinsteiger bestenfalls vertreten aber nicht ersetzen können? (Wozu studiert man eigentlich Pädagogik?) Letztere heben außerdem die Hände bei enervierenden Elterngesprächen und Klassenbuchstatistiken. Und die „Alten“ vermissen die „Jungen“.

„Lehrer über 50 dürften eigentlich gar nicht mehr unterrichten“, meinte eine Schülerin zuletzt. Das war nur Spaß. Und bezog sich auf den Unterrichtsausfall. Bei einem Altersdurchschnitt meines Kollegiums von um die 54 dennoch bemerkenswert.

„Alles auf Anfang!“ möchte man rufen. Als Bildung vielfältiger und ganzheitlicher verstanden wurde. Und Zeit zum Theaterspielen blieb.

Teil 1 der „Innenansichten eines Lehrers“ auf L-IZ.de.

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