Falsche Bildungspolitik im Freistaat Sachsen

Zahlen aus dem November deuten auf neue Stundenausfallrekorde an Sachsens Schulen hin

Für alle LeserBei der Polizei ging es deutlich schneller. Das hat der große Koalitionspartner CDU schon 2014 eingesehen, dass man mit der „Polizeireform 2020“ eigentlich Bockmist geschossen hatte und die Sache dringend korrigiert werden muss. Deswegen wurden dort auch relativ schnell (für sächsische Verhältnisse) einige wichtige Korrekturen beschlossen. Aber dass es um die Lehrer längst genauso dramatisch stand, wollte die zuständige CDU-Ministerin bis Herbst 2017 nicht zugeben. Das hat Folgen.

Denn wenn man wichtige Korrekturen immer weiter hinausschiebt und verhindert, dann stauen sich die Probleme nicht nur an, dann reißen die Löcher immer weiter auf. Und wer die Amtszeit von Brunhild Kurth seit 2012 verfolgt hat, hat gesehen, dass sie zuerst versuchte, die Löcher mit einem kleinen Notpaket zu schließen, im nächsten Jahr mit einem etwas größeren usw. Bis sie ohne lauter Seiteneinsteiger gar nicht mehr auskam und trotzdem nicht alle offenen Stellen besetzen konnte.

Und während die Korrekturen bei der Polizei wahrscheinlich dazu führen, dass die Löcher beim Personal möglicherweise 2021 schon gestopft sind, hat das Vertrödeln im Schulbetrieb, das nicht nur bei der zuständigen Kultusministerin lag, sondern auch beim geldverantwortlichen Finanzminister, die Folge, dass frühestens 2026 mit einer Entspannung der prekären Situation zu rechnen ist. Früher greifen die jetzt eingeleiteten Korrekturbemühungen nicht. Und zwar die in der Lehrerausbildung.

Dass die zuständigen Minister, die dann für die Einstellung der Lehrer im Schulwesen zuständig sind, begriffen haben, worum es eigentlich geht, bezweifeln so einige Bildungsfachleute im Land.

Auch Cornelia Falken, die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Sächsischen Landtag.

Sie hat jetzt mal wieder recht konkret den Unterrichtsausfall in sächsischen Schulen im November 2017 abgefragt – also vor den großen Grippewellen, sodass reihenweise Grippeerkrankungen beim Lehrerpersonal nicht die Ursache für die teils immer heftigeren Stundenausfälle sein können.

„Das dramatische Ausmaß des Stundenausfalls zeigt, wie groß der bildungspolitische Scherbenhaufen ist, den die CDU-geführten Regierungen verursacht haben“, stellt Falken fest, nachdem sie jetzt Antwort von Kultusminister Christian Piwarz (CDU) bekommen hat, der so fest der Ansicht ist, er könnte mit einer Verbeamtungswelle die Personalprobleme im Schulbetrieb lösen.

An 463 von insgesamt 1.506 öffentlichen Schulen fielen im November 2017 zwischen fünf und 20 Prozent der Unterrichtsstunden aus. An 346 Schulen betrug der Ausfall fünf bis 10 Prozent, an 104 Schulen sogar zwischen zehn und 20 Prozent. Und an 13 Schulen fand mehr als ein Fünftel des Unterrichts nicht statt. Das sind neue Spitzenwerte – wenn man denn immer mehr Ausfallstunden als Spitzensarbeitsergebnis betrachten möchte.

„Wohlgemerkt: Das sind nur die Zahlen eines einzigen Monats, und dazu kommen noch die Schulen mit bis zu fünf Prozent Ausfall“, stellt Cornelia Falken fest. „Im ersten Schulhalbjahr insgesamt dürfte der Umfang des Unterrichtsausfalls nach allen Erfahrungswerten und infolge fehlender Einstellungen von Lehrkräften noch höher sein. Besonders hart trifft es die Grundschulen und die Förderschulen, bei den Unterrichtsfächern Kunst, Musik, Sachunterricht und Ethik, aber auch Hauptfächer. So sehr sich die Lehrkräfte auch bemühen: Der Unterricht kann nicht abgesichert werden, Abhilfe ist nur noch mittel- bis langfristig möglich.“

Man merkt schon, wie sächsische Schulleitungen ticken: Es sind die persönlichkeitsbildenden Fächer (Kunst, Musik, Sachunterricht und Ethik), die als erste geopfert werden, um die scheinbar wichtigeren Hauptfächer zu retten. In Sachsens Schulen ist die Vorstellung vom ganzheitlich gebildeten Menschen völlig unter die Räder gekommen. Selbst bei der Entscheidung, welche Fächer geopfert werden, entscheidet das Effizienzdenken. Obwohl gerade die sogenannten „Hauptfächer“ mit Wissensmaterial vollgestopft sind, dass letztlich nur für Prüfungen und Testate gelernt wird, aber kaum Zeit lässt, Lern- und Lösungsmethoden und logisches Denken schulen.

So gewinnt man zwar PISA-Tests – und hat am Ende trotzdem Abschlussergebnisse, die daran zweifeln lassen, was diese Regierung mit dem auf Auslese getrimmten Schulsystem überhaupt erreichen möchte.

Die Lehrerinnen und Lehrer sind dabei nur die Leidtragenden. Aber selbst da kennt Sachsens Regierung ein Zwei-Klassen-System, denn das schafft man ganz trocken übers Geld.

„Die Lehrkräfte aller Schularten müssen für gleiche Arbeit das gleiche Geld im Portemonnaie haben, egal ob sie angestellt oder verbeamtet sind“, fordert Cornelia Falken. „Denn wer in Sachsen Lehramt studiert hat, soll auch zum Bleiben bewogen werden! Der Personalbedarf muss endlich langfristig geplant und die Studienkapazitäten müssen erhöht werden. Die vielen Seiteneinsteiger*innen brauchen intensivere Betreuung. Ältere Pädagogen sollten mit Alterszeitmodellen gelockt und Rahmenlehrpläne entwickelt werden, um den Schulen mehr Freiheit zu geben.“

Man merkt schon: Da kann sie atemlos werden. Denn viel zu viel hat sich verfestigt im sächsischen Bildungsdenken. Und so langsam runden sich die zehn Jahre, in denen Sachsens Bildungssystem aus einer komfortablen Situation mit ausreichend vorhandenen Lehrerinnen und Lehrern in einen Zustand des wachsenden Personalmangels hineingewirtschaftet wurde. Da kann sich auch die fleißigste Opposition langsam mutlos fühlen, wenn all die Warnungen all die Jahre nicht geholfen haben, das Chaos zu vermeiden.

Zwei-Klassen-Lehrerschaft und teure Folgen für die Zukunft

LehrermangelStundenausfall
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