Ehrlich gesagt, bin ich nicht abergläubisch. Aber ein wenig schon. Die 2 hat’s mir irgendwie angetan. Nicht nur, dass zwei Zweien im ersten Monat des Jahres meinen Geburtstag markieren, die Zahl allein besitzt einen hohen, mehrdimensionalen Symbolwert.

„Fahren zwei durch alle Meere, fahren zwei in einem Boot …“ hieß es in einem meiner ersten Lieblingslieder in frühen Zeiten.1974. Zu zweit nur kommuniziert man real, zu zweit muss man lernen, sich selbst auszuhalten, erfährt man Reflexion, Kritik, Lob. Kann aufklären und sich aufgeklärt zeigen. „Eines Freundes Freund zu sein …“, funktioniert nach Schillers „Ode an die Freu(n)de“ auch nur zu zweit.

Apropos Schiller. Da sind es in diesem Monat gleich drei Zweien, die ein Werkjubiläum (bestenfalls in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler) bilden sollen. Im Juni 1800 (wohl am 14.06.) fand im Weimarer Hoftheater unter der Intendanz des Arbeitsfreundes Goethe die Uraufführung von Schillers klassischem Meisterwerk „Maria Stuart“ statt. Also vor 222 Jahren. Zwei große Frauen ringen in der Tragödie miteinander, zwei Dynastien, zwei Konfessionen.

Die eine, Elisabeth, Jahrgang 1533, als uneheliche Tochter Heinrichs VIII. geboren, ist die historische Siegerin des 16. Jahrhunderts, sie wird Englands führende Weltmachtrolle begründen. 1588 schlägt sie Philipp II. und dessen Armada im Globalisierungsrennen der damaligen Zeit. Die andere Königin, Maria, 9 Jahre später geboren und am französischen Hof aufgewachsen, ist früh mit Lust und Liebe konfrontiert, die ihr als schottische Regentin von zweifelhaften Liebhabern angetragen werden.

Im Ringen um die Gunst des schottischen Hochadels und dem kalten, vernunftorientierten Protestantismus unterlegen, sucht die junge, „echte“ Königin, da einer regulären Tudor-Ehe entsprungen, bei Elisabeth nach Hilfe und bittet sie um Schutz vor Verfolgung. Aber die beiden werden nicht „Schwestern im Herzen“, denn zwei Königinnen darf es im Kampf um einen geeinten Nationalstaat nicht geben.

Maria verkörpert die „alte“ Welt des Mittelalters, obwohl so ganz „unkatholisch“ in Sinnenfreude und Amtswürde, glaubt sie an die Prinzipien der Herrschaftsfolge und die universelle Macht eines Gottesgnadentums. Versteht die pragmatisch-machiavellistische Politik Elisabeths ebenso wenig, wie sie der Königin Englands einen Justizmord zutraut.

Selbst nach 20 Jahren englischer Gefangenschaft hofft Maria auf Gnade und vielleicht sogar Rehabilitierung. Ganz zuletzt fällt Marias Haupt. Durch sittliche Größe und Selbstverantwortung in ihren letzten Tagen wird die historische Verliererin dennoch ein Beispiel für menschliche Herzenswärme und edle Erhabenheit angesichts eines unausweichlichen Schicksals.

So weit, so klassisch. Für das fortgeschrittene Alter durchaus ein interessanter Stoff – kalte Vernunft gegen Leidenschaft des Herzens – da er Elementares im menschlichen Sein zutage fördert und man sich Fragen nach dem Sinn des Lebens stellt. Mit quälendem Zweifel und der bitteren Erkenntnis, dass Recht ebenso selten gerecht ist, wie Macht moralisch unbefleckt bleiben kann.

Großes Kino, würde man heute sagen. Auf Jugendliche muss der Stoff und Schillers „Dramensetting“ wie ein Stummfilm aus den „Goldenen Zwanzigern“ wirken. Dabei waren wir irgendwann ja genauso jung und haben – ehrlich – wenig verstanden. Von der gestelzten Sprache, dem gedrechselten Satzbau und dem anspruchsvollen Pathos … irgendwie … verstaubt das Ganze.

„Denkt an den Wechsel alles Menschlichen. Es leben Götter, die den Hochmut rächen.“ Wunderbare Zeilen aus der Höhepunkt-Szene im Dritten Akt. Aber was damit tun? Wie anstellen in der unterrichtenden Vermittlung, in der Erklärung, ohne alles „vorzukauen“ und wissend, dass Aufklärung in Anwendung sich praktisch selbst widerspricht? Wo kann neben dem Lernen fürs Abi und Durchdeklinieren von Interpretations-Algorithmen ein Mehr-Wert an praktischem Humanismus entstehen?

Ein solcher, der kämpferisch ist, der Gefahren für sich und sein eigenes Ego zurückstellen kann, dafür in den Dienst einer Vision tritt, ein großes gesellschaftliches Ziel, das den Zustand der Allgemeinheit verbessert. Für eine friedlichere und gerechtere Welt. Mit deren Veränderung man, mensch, bei sich selbst beginnt.

Das LZ Titelblatt vom Monat Juni 2022. VÖ. 24.06.2022. Foto: LZ

Denken – Wechsel – Menschlichen. Egal ob nun zweifelhaft „altersweise“ oder jugendlich-hoffnungsvoll, Schillers Sätze können helfen, die Welt zu erkennen. Sie sind der von der ideologisch verkommenen klerikalen Sprache befreite Versuch, mit denkender Sprache und sprechendem Denken Menschen zu bessern. Immer geht es um Besitz, Würde, Persönlichkeit, Selbstermächtigung.

In dieser Tragödie ist es der königliche Adel, sind es die Edlen, die per Geburt Macht verliehen bekamen und anschließend um die innere adlige Berechtigung eines Herrschaftsanspruchs kämpften.

Bei Büchner und Brecht (die zwei, die mir einfallen) haben Machtkämpfe und -missbrauch durchaus allgemein-gesellschaftlichen Charakter, die hatten allerdings den späteren Vorteil, die Schattenseiten des zweck- und nutzenorientierten Kapitalismus deutlicher zu sehen und be-schreiben zu können.

Inwiefern sollte es eine humanistische Ethik im politischen Überbau geben (müssen)? Wie weit darf die Macht Einzelner gehen, wenn sie an der Spitze einer großen Nation stehen? Elisabeth ist natürlich nicht allein in ihren Entscheidungen (obwohl sie das im IV. Akt des Schiller-Dramas pathetisch beklagt), hat ihre Berater, die sogar grundsätzliche Richtungsfragen stellen.

Aber die Generallinie einer „Politik der Stärke“ ist unumkehrbar festgelegt. Im Kampf um die Vorherrschaft in Europa und der Welt. Maria appelliert an ihr Gewissen, den Blick hinauf richten, zu den natürlichen Grenzen menschlicher Entscheidungen und hier: absolutistischer Willkür zu richten.

„Es leben Götter, die den Hochmut rächen.“ Das sind sie, die zwei Instanzen menschlicher Einheit. Mein Ich und mein mich „kontrollierendes“ Ich. Das größere Ich, das uns angesichts einer begrenzten Verweildauer auf diesem Planeten vor die Aufgabe stellt, „Ambos oder Hammer“ (Goethe) zu sein, das Schicksal selbstbestimmt in den eigenen Kopf und die eigene Hand zu nehmen.

Eine eigenartige Synthese führt Schiller hier vor und Goethe vor 222 Jahren auf. Prometheus und Christus im Wettstreit. Voll Energie und voller Demut gegenüber der Begrenztheit eigenen Wirkens. Bei Schiller sind es zwei Frauen; eine im Status des zweifelnden Selbstbewusstseins, die andere im Zustand des immer selbstbewussteren Zweifels, der weiß, dass Gleiches mit Gleichem zu vergelten, das tatsächliche „Alte“ und überholtes Machtdenken ist.

„Der Himmel hat für euch entschieden, Schwester.“ bleibt der verlorenen Maria nur als resignierender Ausweg. Aber die Verlorene hat an Größe gewonnen, stärkt sich damit für ihren letzten Gang. Keine (weitere) Gewalt. Immer sind es zwei Dinge, oftmals Antipoden, die miteinander streiten und den erträglichen Kompromiss suchen. Marias so wahrhaftiger Vorwurf an die Mächtige wird sie das Leben kosten.

Warum? Weil sie selbst – bereits an anderer Stelle zugegeben – diesen Vorsatz und diese Warnung zu wenig beherzigte. In jungen Jahren. Erkenntnis braucht eben Zeit. Aber man kann im Kampf zwischen den beiden Königinnen auch das Skrupellose der Macht erkennen. Das Zurechtbiegen von Wahrheit, wenn es politischen Zwecken dient. Keine eindeutigen Beweise der Schuld vorliegen.

Das Völkerrecht nach eigenem Ermessen und Maßstäben Anwendung findet. Wenn das historisch Alte in einem Moment und plötzlich moralische Rehabilitierung erfährt. Das Neue und Aufgeklärte nun lernen muss, menschlich zu werden. Und so zu handeln. (Nicht nur ideologisch zu argumentieren.) In Zeiten, in denen die Welt auf dem Kopf zu stehen scheint.

Gerade dann sind Fragen wie die nach Macht und Moral zu stellen. Schillers Drama zeigt, dass Wahrheit und Gerechtigkeit nicht automatisch aufseiten der politisch Stärkeren zu finden sind. Jeder Sieg ist dann zweifelhaft, wenn er mit Unrecht erkauft wird. Ein reifer Idealismus. Und doch Utopie. Auch nach 222 Jahren.

„Bertolts Bruch und Friedrichs Fiasko – Der Wechsel alles Menschlichen“ erschien erstmals am 24. Juni 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 103 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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