Die kleinen Katastrophen in Leipzig sehen in der Regel schön bunt aus. Der Wirtschaftsbürgermeister lässt sich von Google mit einem "eTown"-Award vereinnahmen, die Stadtspitze will den Haushalt der Stadt auf Facebook diskutieren - und auch dem Marketing der LVB fiel, als man mal ein bisschen jünger sein wollte, nur Facebook ein. Man beklebte eine ganze Bahn mit darstellungssüchtigen Leipzigern. Und überklebte dabei auch gleich noch den Namen "Robert Schumann".

Verständlich, dass man beim Schumann-Verein, der sich seit 1995 ehrenamtlich bemüht, den unvergleichlichen Komponisten der Romantik in Leipzig wieder publik zu machen und ihm den Stellenwert zu verschaffen, den Robert Schumann eigentlich verdient hätte. Seit 1828 lebte der junge Zwickauer in Leipzig, gab das Jurastudium auf, um sich der Musik zu widmen und war mit seiner Arbeit für die “Neue Zeitschrift für Musik” ab 1834 einer der wichtigsten und kompetentesten Musikkritiker Deutschlands. Er wusste ja, wovon er schrieb. Und er maß sich selbst als Komponist und Musiker an den Besten. Seine tragisch und früh abgebrochene Laufbahn als Pianist ist immer wieder Thema, wenn es um die Niederlagen des Zwickauers ging, der sich 1835 unheilbar in die 16-jährige Clara Wieck verliebte und damit eine der schönsten Liebesgeschichten aus der deutschen Musikwelt begann. Die zwar – weil Vater Wieck diese Verbindung nicht wollte – vor Gericht landete.

Aber selbst die Hochzeit der beiden Begabten 1840 in der Dorfkirche in Schönefeld ist heute Legende und Dreh- und Angelpunkt der jährlich vom Verein organisierten Schumann-Festwoche.

1840 bis 1844 erlebten Clara und Robert im Haus Inselstraße, wo sich heute die Gedenkstätte befindet, wohl die schönsten Jahre ihrer Ehe. Erst ab 1843 wohl getrübt durch den Ausbruch der Nervenkrankheit, die den Rest von Roberts Leben überschatten sollte.
Auch wenn er nicht – wie er sich das 1844 wünschte – Nachfolger Felix Mendelssohn Bartholdys als Gewandhauskapellmeister wurde, gehört er zu den begnadetsten Komponisten, die in der Musikstadt wirkten. Und das Haus, in dem die beiden in ihrer jungen Ehe lebten, ist heute wieder saniert – so weit das nach Jahren der Verwahrlosung ging. Und damit besitzt Leipzig zu Clara und Robert eine weitere authentische Musikerstätte, die auch die Qualifizierung der “Leipziger Notenspur” für die Bewerbung als UNESCO-Weltkulturerbe mitbegründet.

Doch musste die Pflege des Schumann-Erbes schon in der jüngeren Vergangenheit immer wieder zurückstecken hinter der deutlich forcierten Pflege der Bach-Tradition und der Etablierung der Pflege des Mendelssohnschen Erbes, wird die Pflege der Leipziger Schumann-Tradition immer wieder an den Rand gedrängt. Da ist ja auch noch der wackere Kampf um Wagner, der das Gestirn der Weltberühmten ergänzt.

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Was sich das LVB-Marketing mit der Verwandlung der Robert-Schumann-Bahn in eine “Facebook-Bahn” leistete, war zumindest reine Gedankenlosigkeit. Ein falsches Setzen von Prioritäten sowieso. Seit Jahren wird – insbesondere beim Leipziger Tourismusfrühstück – über die Marketingprioritäten der Stadt diskutiert. Immer wieder findet sich die Stadtgesellschaft zu dem Konsens, dass der Reichtum der Musikstadt das wichtigste Marketing-Projekt der Stadt ist. Niemand fand, man müsse in Leipzig mehr Werbung für die Community-Giganten im Internet machen.

Aber die überklebte Bahn zeigt, wie wenig man sich im Hause LVB mit den Diskussionen in der Stadt, ihren Engagements und ihren wirklichen Reichtümern beschäftigt. Entsprechend geharnischt ist jetzt der Protest von Dr. Bernd Landmann, dem Vorstandsvorsitzenden des Schumann-Vereins, und von Gregor Nowak, dem Geschäftsführer.”Da die LVB der Stadt unterstehen, setzen sich unsere Stadtoberen dem begründeten Verdacht aus, dass sie es mit der Unterstützung der Leipziger Notenspur und der vielfältigen bürgerschaftlichen Bemühungen, der Musikstadt Leipzig den UNESCO-Weltkulturerbestatus zu sichern, entgegen allen offiziellen Verlautbarungen nicht wirklich ernst meinen”, schreiben sie in einem Protestbrief an die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB). “Dass es unter den Leipziger Komponisten von Weltruf nun gerade Schumann trifft, dessen Name mit einem Aufsehen erregenden Umbenennungsakt aus der Öffentlichkeit deutlich zurückgenommen wird, ist besonders unbegreiflich und verurteilenswert.”
Der Brief als PDF zum download.

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