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Die durchwachsene Vorgeschichte eines Leipziger Zeitungsprojektes – heruntergezoomt in die Leipziger Nussschale

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    Was auf dem globalen und dem bundesweiten Medienrummel passiert, irrlichtert natürlich bis in die kleine Ecke Westsachsens hinein, die von Zeitungsverlusten und den Folgen großer Fusionen und Aufkäufe auch nicht verschont blieb. Mit den schon beschriebenen Folgen: Wo die großen Medienhäuser die Werbeeinnahmen schwinden sehen, beginnt man von ganz allein, weniger bissig und weniger kritisch zu berichten.

    Man könne ja jemandem wehtun, der Geld in der Tasche hat.

    Und das Beängstigende sollte wirklich sein: Der Prozess der Verwandlung einstmals schlagkräftiger Medien in zahnlose Tiger ist über die vergangenen 14 Jahre unablässig fortgeschritten. In regionalen Zeitungen, die da und dort durchaus einmal als kritisches Korrektiv für eine beratungsresistente Lokalpolitik galten, bis hin zu den großen „Geschützen der Demokratie“, die mittlerweile zu Bonbon-Kanonen geworden sind.

    Die scheinbare Vielfalt in der deutschen Medienlandschaft darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es zu 90 Prozent eine seichte Sumpflandschaft geworden ist. Und zwar – und das ist die nächste fatale Entwicklung der abwandernden Werbeerlöse: Sie wurde zunehmend selbst korrupt.

    Das bezeichnen zwar viele Verteidiger dieser schönen neuen Welt nicht so und streiten sich dann auch noch bissig mit dem Presserat herum, wenn der die dreiste Mischung von Werbung und Journalismus kritisiert oder gar die unverschämte Produkt- und Firmenwerbung direkt in journalistischen Beiträgen oder …

    Da hören wir lieber auf, sonst werden wir mit der Aufzählung nicht mehr fertig. Denn es mag wohl viele Leser und Mediennutzer geben, die dieses immer offenere Verwischen der Grenzen zwischen selbst geschriebenem und gekauftem Text gar nicht mehr merken (auch das ist ein fataler Gewöhnungsprozess), es gibt aber auch viele, die von dieser Grenzverwischung angewidert sind und aussteigen als zahlender Käufer, Nutzer, Abonnent.

    Die Medien, die das gemacht haben (und bis heute immer weitermachen mit immer neuen Ideen zur Grenzverwischung), haben nicht nur Vertrauen verspielt. Sie haben auch Macht verspielt, Macht, die sie sich immer nur geliehen haben. Das darf man nicht vergessen. Die Vierte Gewalt war immer nur so stark wie ihre Glaubwürdigkeit.

    (Mal von den Abwegen an dieser Stelle nicht zu reden: Diese Macht kann auch missbraucht werden und wird auch missbraucht. Und auch das merken viele Nutzer nicht, weil für sie alle Medien gleich sind und keineswegs immer nachvollziehbar ist, wer eigentlich die Medien besitzt und seine Medienmacht auch dazu nutzt, Meinungen zu beeinflussen, Stimmung zu machen und den politischen Kurs in bestimmte Richtungen zu treiben. Über alte Herren wie Leo Kirch oder Rupert Murdoch oder Axel Cäsar Springer und ihre Nachfolger im Besitzstand wurde lange nicht mehr öffentlich debattiert. Das ist kein gutes Zeichen für den Zustand der heutigen Medien.)

    Und es steht nun – 14 Jahre nach dem Beginn des großen Ausverkaufs – natürlich die Frage: Streicht die Vierte Gewalt einfach die Segel? Verschwindet sie sang- und klanglos und überlässt die mediale Spielwiese der großen Bespaßung, den Selbstvermarktern und einer Politik, die ihre neuen Freiheiten dazu nutzt, alte Freiheiten immer weiter zu beschneiden? Und da muss man nicht mal nach Ungarn, Polen oder Russland schauen. Das geht auch in Ländern wie Deutschland, wo man kritische Berichterstattung nicht mal mit Durchsuchungsbefehlen oder Verweigerung auf Informationsherausgabe aushebeln muss. Das geht heute alles viel leichter – mit Unterlassungserklärungen und Anklagen wegen Verletzung diverser Persönlichkeitsrechte oder irgendwelcher Staatsgeheimnisse. Wer heute in kritischen Presseberichten nicht mehr auftauchen will, schickt einfach seinen Rechtsanwalt los und klagt sich aus der öffentlichen Wahrnehmung heraus.

    Darüber könnte man berichten, braucht halt nur ein bisschen Geld für gute Rechtsanwälte.

    Oder mal so gesagt: Die Pressefreiheit ist zu einer Frage des Geldes geworden. Auch so kann man den Hahn zudrehen. Alles ist rechtens. Aus die Maus.

    Und wer macht da noch Medien, wenn die Werbeerlöse nach Amerika abwandern und die Postfächer trotzdem voll sind mit trotzigen Forderungen diverser Nutzer: Macht mal! Das ist Eure verdammte Pflicht! Das habt Ihr Euch doch ausgesucht!

    Haben wir das?

    Haben wir nicht.

    Auch wenn für uns vor einem und auch vor zwölf Jahren klar war: Das lassen wir uns nicht gefallen. Eine solche kaputtgespielte Medienwelt, in der über die wirklich wichtigen Dinge, über die möglichst alle Bescheid wissen sollten, nicht mehr berichtet wird, wollen wir nicht.

    Wir: Das sind all jene, die sich seit zwölf Jahren in der Leipziger Internet Zeitung (l-iz.de) engagieren, mehr oder weniger schlecht honoriert. Denn geändert hat sich am Werbemarkt ja nicht viel. Im Gegenteil: Regelmäßig ist das E-Mail-Fach voll mit Meldungen zu neuen Kursen „Wie optimiere ich meine Werbung in den Social Media?“ Den Unfug veröffentlichen wir natürlich nicht. Da könnten wir ja auch gleich hinschreiben: Leute, gebt doch euer Geld einfach Marc Zuckerberg, Larry Page und Sergey Brin! Oder werft es gleich Jeff Bezos in den Rachen, der weiß sowieso nicht mehr, wohin mit dem Schmott. Für gescheite Inhalte wird es keiner der Herren ausgeben. Auch nicht für guten Journalismus in Deutschland (auch wenn man eifrig dabei ist, den alten Elefanten „Spiegel“, „Bild“ und wie sie sonst noch heißen, die Artikel für nass abzuschwatzen, frei nach dem Motto: Ihr habt die Inhalte. Aber wir haben die Reichweite.)

    Aber gründet man da noch eine Zeitung?

    Das haben ja ein paar von uns gemacht. Die Verrücktesten und Wagemutigsten.

    Könnte man auch schreiben: Das musste ja schiefgehen.

    Musste es aber nicht.

    Die ganze Geschichte der „Leipziger Zeitung“ werden wir hier sowieso nicht in Gänze erzählen können. Da sitzen wir noch in sechs Monaten hier. Denn eines wissen wir nun: Selbst wenn man alles mitbedenkt, stellt sich irgendwann garantiert heraus, dass es doch ein paar Dinge gibt, die man gar nicht mitbedenken konnte. Von menschlichem Verhalten selbst mal ganz abgesehen.

    Oder mal so gesagt: Jede Mediengründung ist ein Experiment. Und die wichtigste Frage ist: Wie überwindet man die Skepsis der Käufer?

    Hier geht’s weiter an dieser Stelle …

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