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Herr L., seine Mascha, die wilden Tiere und der Mond

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    Leserclub„So, so“, sagte sie. – „Ähem“, machte er. Und hörte ganz genau, wie sie aufmerkte und ihre Ohren spitzte: „Ja?“ – Ein unverkennbares „Ja?“. So eines, nach dem nur noch eines kommen kann: das komplette Geständnis. Männer kennen das ja. Manche ziehen sich dann die Pelzjacke an und gehen in die Kneipe an der Ecke, um sich bis zur Nasenspitze zuzulöten.

    Das war noch nie was für Herrn L. gewesen. Vor allem auch, weil er fürchtete, nach so einer Zechtour nie wieder nach Hause zurückzufinden, irgendwo im Universum verloren zu gehen. Vielleicht war das nicht einmal eine irrationale Vorstellung. Er hatte da schon so ein paar seltsame Erfahrungen gemacht mit alkoholhaltigen Fruchtcocktails und ähnlichen Spaßmachern auf Garten- und Hauspartys, bei denen die Hausherrin eifrig dabei war, die Gäste noch stimmungsvoller in Stimmung zu bringen. Aber da hatte er entweder seine Mascha dabei. Oder den trinkfesten Oleg. Das sorgte für halbwegs nachvollziehbare Heimwege.

    Aber jetzt war er ja daheim. Sogar am daheimsten Ort, den man sich vorstellen kann – und damit meinte er nicht das gemütliche Federbett, in dem er schon eine ganze Menge Träume von Haifischen und Piranhas hinter sich hatte. Damit meinte er – auch wenn ihm das schwerfiel zuzugeben – das beharrlich lauernde Wesen neben sich, das ganz andere Marterinstrumente besaß, als sie sich die mittelalterliche Kirche auch nur vorstellen konnte.

    Schweigen zum Beispiel. Wobei das vorwurfsvolle Schweigen über sieben Tage noch harmlos war. Das beiläufige Schweigen über drei Tage war viel schlimmer.

    Oder – da bekam er schon Gänsehaut, wenn er dran dachte – das, was er bei sich „bewusst unterlassene Fürsorge“ nannte. Auch wenn er sich sicher war, im Notfall auch selbst den Frühstückstisch decken zu können und Apfelschnitze herstellen zu können. Wenn es seine stille und sichtlich gar nicht brodelnde Mascha unterließ, wusste er, dass er einen gewaltigen Bock geschossen hatte. Besonders schlimm war es, wenn er gar nicht wusste, welchen Bock sie gerade meinte.

    Heute wusste er es zumindest. Und deswegen fiel es ihm, nachdem er erst mal im Kopf den richtigen Einstieg gesucht hatte, auch gar nicht schwer, die ganzen Ereignisse des heutigen Tages abspulen zu lassen.

    „Der da ist schuld“, sagte er.

    Und wie schon am Vorabend schaute ein riesiger, gelber Mond ins Fenster.

    „Lenk nicht ab“, sagte sie.

    „Stimmt aber“, sagte er. Und erzählte von seinen Alpträumen in der letzten Nacht.

    „So, so“, sagte sie, als er an die Stelle kam, da er von einem großen liebevollen Wesen verspeist wurde. „So, so.“

    Aber sie merkte ja meistens nicht, dass sich ihr Atem veränderte, auch wenn sie ganz stillhielt und so tat, als würde sie ihn mit ihrem Schweigen jetzt so richtig mürbe machen. So ein Mürbe-mach-Schweigen hörte sich schließlich ganz anders an als ein Ich-spitz-jetzt-mal-die-Ohren-Schweigen („aber nur ein bisschen, sonst merkt er, dass ich …“). Genau so eins.

    Dass er seine Arbeit nicht einfach im Büro ließ, sondern auch noch im Kopf mit nach Hause schleppte, daran hatte sie sich zwar nicht gewöhnt, aber sie hatte es irgendwie akzeptiert. Dass er oft genug davon träumte, das kannte sie auch. Dass er davon Alpträume bekam, war schon etwas seltener.

    „Haifische, so, so“, sagte sie.

    „Obwohl mir ja gestern kein Haifisch untergekommen ist. Jedenfalls kein richtiger.“

    „Und Bären?“

    „Das könnten die Olegs sein. Aber da bin ich mir noch nicht so sicher. Jedenfalls jetzt nicht mehr. Wenn das Wort nicht in den Papieren aufgetaucht wäre …“

    „Und der Fuchs?“

    „Keine Ahnung.“

    „Das nehm’ ich dir nicht ab.“

    „Hast du auch wieder Recht. Aber ich hab’s noch nicht. Da fehlt mir noch was.“

    „Zum Beispiel?“

    „Vielleicht ein Foto. Oder eine Spur. Im Hühnerstall.“

    „Mach dich nicht lustig.“

    „Mach ich gar nicht“, sagte er.

    „Und wer ist der Löwe?“

    Und kurz zitterte der Mond, ging ein Knistern durch die Nacht. Vielleicht war’s auch nur ein Wind in den Weiden. Obwohl der seltsame Baum vorm Fenster wohl eher eine Buche war. Zumindest bei Tageslicht. Vielleicht auch eine Akazie. Da müsste er wohl erst mal ins Bestimmungsbuch gucken. Aber das Bild mit dem Löwen war sofort wieder vor seinen Augen. Und damit der Faden in all diese Abenteuer in einem dicht gepressten Tag, der im Löwengehege erst so richtig begonnen hatte. Die Socken hatte er sich durchgelaufen. Irgendwie war es am Ende auch zu viel Kaffee geworden, so dass seine Ausschweife beim Erzählen dann doch etwas wild wurden, erst recht, als er dann auf die Fahrt mit dem „Tschaika“ kam und den Moment, als der Wagen auf die zweite Straßenbahn zuraste.

    „Und da hast du an Haifische gedacht?“

    „Gar nicht. Ich hab mir nur gewünscht, dass der verdammte Vogel jetzt endlich anfangen sollte zu fliegen …“

    „Und?“

    „Ich glaube, es hat geklappt. Ich glaube, ich bin jetzt hier. Und ich hab auch so das Gefühl, dass ich das wirklich noch bin. Mit allem drum und dran …“

    Na ja, Sie wollen jetzt natürlich wissen, wie es an der Stelle weiterging. Aber das ist nun mal nicht jugendfrei. Aber Sie wissen ja auch, wie das ist in einem guten Musical: Da lenken dann die Sänger ein bisschen ab und singen ein schönes Lied über den Mond. Genau diese runde Kuller, die am Ende wieder nur noch halb zu sehen war (ja, genau: wie in dem Gedicht von Matthias Claudius, diesem Schlawiner), und außerdem stand er auf dem Kopf, der Mond, weil Herr L. mit den Koordinaten des Bettes (und einer lebensneugierigen Mascha) für ein Weilchen sehr kreativ umgegangen war. Und deswegen wusste er in dem Moment auch nicht, ob es nun ein Ast dieses komischen Baumes war oder tatsächlich ein riesiger Fuchs, der so aussah, als wolle er gerade des Rest des Käsemonds fressen.

    Und auch wenn ihm eben noch ziemlich warm gewesen war (heimelig auch noch), bekam er jetzt, allein bei dem Gedanken, eine Gänsehaut von Kopf bis Fuß. Und selbst seine Mascha bekam mit, dass ihn da was erwischt hatte.

    „Was ist?“

    Da wusste er, warum der Fuchs in der Geschichte vorkam. Und wer in der Geschichte der Fuchs war. Und er fühlte sich wie der Hase in der bekannten Geschichte, die wir hier nun zwei Mal erwähnt haben. Und Herr L. war sich in dem Moment gar nicht so sicher, ob er es noch unter den Pilz schaffen würde.

    „Ich glaub, der Tag war doch ein bisschen lang.“

    „Das fass ich jetzt nicht.“

    „Doch, fass mal“, sagte Herr L. Und Mascha fasste. Und am Ende war auch kein Mond mehr im Fenster. Und zumindest einer schnarchte. Aber wir verraten nicht, wer.

    Alle Teile der Serie zum Nachlesen.

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    1 KOMMENTAR

    1. „… außerdem stand er auf dem Kopf, der Mond, weil Herr L. mit den Koordinaten des Bettes (und einer lebensneugierigen Mascha) für ein Weilchen sehr kreativ umgegangen war.“
      Das ist echt göttlich.^^

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