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Lieber lauter dritte Plätze als dieser ewige „So geht sächsisch“-Stil + Videos

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    Das wollten wir uns dann doch in aller Ruhe ansehen. Am 15. Dezember verschickte die Leipzig Tourismus und Marketing GmbH ihre Mitteilung: „Die Entscheidung ist gefallen. Die drei Preisträger des Video Contests Leipzig stehen fest.“ Die drei Gewinnerclips sind jetzt alle auf Youtube zu besichtigen. Die Reihenfolge enttäuscht. Wer hineinschaut, merkt es selbst.

    Ausgangspunkt war ein mehrstufiger Video-Wettbewerb, der im Rahmen des ersten internationalen Video Summits Leipzig am 4. und 5. Oktober durchgeführt wurde. Entstanden sind drei unterschiedliche Leipzig-Clips, die ab sofort auch zur Vermarktung der „Destination“ Leipzig eingesetzt werden. Die Preisträger sind Patrick Schwarz (Dresden), Tim Eddy (Australien) und Christian Langenhan (Osnabrück).

    Zum Wettbewerb

    Der am 22. Juli 2016 gestartete Video Contest Leipzig wurde im Rahmen des ersten internationalen Video Summits Leipzig initiiert und richtete sich an nationale und internationale Filmemacher, Videoblogger und YouTuber. Bewerbungen in Form eines einminütigen Kurzclips kamen aus der ganzen Welt.

    Eine Jury – bestehend aus den Veranstaltern Leipzig Tourismus und Marketing (LTM) GmbH, der Standortkampagne „So geht sächsisch“ und Partnern des Video Summits, der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig und dem Beraternetzwerk Tourismuszukunft – haben in einer ersten Abstimmung die fünf besten Einsendungen gewählt.

    Die Finalisten Tim Eddy (Australien), Adam Rikys (Neuseeland), Christian Langenhan (Deutschland), Patrick Schwarz (Deutschland) und Paul Evan Becker (Deutschland) wurden anhand der Kriterien Kreativität, Qualität, Reichweite, Portfolio und Referenzen bewertet und nach Leipzig eingeladen. Im Nachgang des Video Summits im Oktober begaben sich die Finalisten auf thematisch unterschiedliche Routen, um geeignetes Filmmaterial zu erstellen. In einer finalen Jurysitzung wurden die Clips zu den Themen Friedliche Revolution, Kulinarik, Nachtleben, Industriekultur und Musik gesichtet und bewertet.

    „Video ist auf dem Vormarsch, und es gibt wohl kaum eine passendere Form, Lust auf eine Reise nach Leipzig zu machen, als in bewegten Bildern“, so Volker Bremer, Geschäftsführer der LTM GmbH, „im kommenden Jahr planen wir Videospots, die vor allem Aktiv- und Freizeitmöglichkeiten der Leipzig Region in den Vordergrund stellen.“

    Die Gewinnerclips werden auf Messen und bei Standortpräsentationen, im Online-Marketing und den sozialen Netzwerken eingesetzt, um Leipzig als Metropole für Musik- und Kulturbegeisterte, Messebesucher, Familien und junge Reisende zu präsentieren. In Kooperation mit der Ströer GmbH wird eine Kurzvariante des Siegerclips im kommenden Frühjahr auf digitalen Großbildflächen an zentralen Knotenpunkten im Berliner Verkehrsnetz für Leipzig werben.

    Die Preisträger
     
    Der erste Platz und damit verbunden ein Folgeauftrag für die Standortkampagne „So geht sächsisch“ des Freistaates Sachsen im Wert von 10.000 Euro geht an den Dresdner Filmemacher Patrick Schwarz. Der 27-Jährige hatte bereits diverse Auftragsarbeiten in seinem Portfolio, u. a. für Audi und Lidl und konnte mit seinem emotionalen Clip zum Thema Friedliche Revolution überzeugen.

    „Wir freuen uns sehr, dass wir mit dem Video Contest nationale und internationale Größen des Videomarketings nach Sachsen holen konnten und so talentierte Videographer kennenlernen durften. Wir sind gespannt auf die Zusammenarbeit mit dem Gewinner Patrick Schwarz und erhoffen uns einen großartigen Beitrag für die Standortkampagne ‚So geht sächsisch‘“, erklärt Christian Hoose, sächsischer Regierungssprecher.

    Der zweite Preisträger ist der Australier Tim Eddy, der mit seinen 19 Jahren zu den jüngsten Teilnehmern gehört. Er zählt zu den internationalen Jungtalenten und konnte seine Clips bereits auf Filmfestivals in Chicago und New York präsentieren. Mit seinem dreiminütigen Video zur Leipziger Industriekultur konnte er die Jury überzeugen und erhält einen Folgeauftrag im Wert von 5.000 Euro für die LTM GmbH.

    Ein Auftrag, ebenfalls für die LTM GmbH, im Wert von 2.500 Euro geht an den Osnabrücker Filmemacher Christian Langenhan, der unter dem Pseudonym Heinrich Held bereits seit vielen Jahren als Videographer tätig ist. Sein kreativer Beitrag zum Thema Kulinarik konnte die Jury ebenfalls überzeugen.

    Die Enttäuschung

    Auf Youtube sind alle drei Clips zu sehen. Durchaus beeindruckend der Versuch von Patrick Schwarz, das Thema Friedliche Revolution zu bebildern. Dazu ist er extra in den Stasi-Bunker bei Machern gefahren, um diesen für den Atomfall geplanten Abtauchbunker der Stasi mit Bild-und-Ton-Zitaten aus dem Herbst 1989 zu überblenden und dann das Leipziger Lichtfest quasi als Gegenstück einzuspielen, als Aufhebung der beklemmenden Vergangenheit in einem denkwürdigen Heute. Nur: Es zündet nicht. Nicht einmal wie das Lichtfest selbst. Die letzte Szene mit dem Abstellen der Lichter in der traditionellen „89“ wirkt eher – man hat ja mittlerweile ganz andere Bilder im Kopf – wie eine Gedenkveranstaltung für die Opfer eines Flugzeugabsturzes oder eines der jüngeren Terroranschläge.

    Als ginge es um das Gedenken an die Toten einer Revolution, die ja nun eindeutig eine friedliche war – ohne Tote. Und das in einer Bildsprache, die einen frappierend an die Clips zur Standortkampagne „So geht sächsisch“ erinnert – so eine Art MDR-Style, emotional überdreht, der Clip könnte unterwegs jede Wendung nehmen – könnte auch zur Bierwerbung werden. Man hat diese Art, Sachsen oder Leipzig halb heroisch zu inszenieren, mittlerweile zu oft gesehen. Eigentlich reicht es. Es reicht wirklich. Und: Es wirkt mittlerweile falsch. Ein komplett falscher Ton.

    Was sofort spürbar wird, wenn man sich den Clip von Tim Eddy anschaut, der sich mit aufmerksamem Blick einem Teil der heutigen Leipziger Kreativszene gewidmet hat – einer Künstlerin beim Tonformen zuschaut, Galerien besucht, mit flotter Kamerafahrt durch die Schauplätze des Leipziger Westens fährt (und zwar mit besonderer Faszination durch den Karl-Heine-Kanal), den Druckern im Museum für Druckkunst über die Schulter schaut. Das Ganze wesentlich lockerer, nicht so bedeutungsschwanger inszeniert, eher wie ein neugieriger Ausflug in eine Welt, die aus Brachen und leerstehenden Industriegehäusen Neues schafft, immerfort, emsig, aufmerksam. So wirkt der Clip dann auch: Wie die aufmerksame Beobachtung eines wirklich lebendigen (und nicht inszenierten) Teils der Leipziger Gegenwart.

    Und eigentlich der heimliche Sieger für uns ist der Clip von Christian Langenhan, der eine junge Frau auf Tour geschickt hat, die Gastlichkeit von Leipzig zu erkunden. Und sie ist nicht nur mit kesser Neugier in den Altleipziger Restaurants in der City unterwegs, sondern lässt sich auch auf Gose, Bachtaler und Leipziger Lerche, Suppe und Cappucino ein, die Kamera schaut in die Küchen und man entdeckt, wie bunt und welthaltig Leipzigs Gastro-Szene ist. Und wie jung und lebendig. Als hätte man nur zwei Clips weiter ein völlig anderes Leipzig vor sich. Das möglicherweise dem jungen Videokünstler aus Osnabrück viel vertrauter ist als den altbackenen Tourismus-Werbern aus Sachsen.

    Ehrlich? Dieses Leipzig macht schon beim Zuschauen mehr Spaß und kommt einem auch dann viel realistischer vor, wenn man schon jahrelang in dieser Stadt lebt.

    Wir jedenfalls  können uns eine wirklich zu Herzen gehende Leipzig-Werbung im Osnabrücker Stil viel besser vorstellen als im ewigen königlich aufgebrezelten „So geht sächsisch“-Bierwerbung-Stil.

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