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Belindas Geheimnis

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    LeserclubUnd dann? Dann beruhigten sie sich alle wieder ein bisschen und versammelten sich um die dampfende Pizza, jeder auf sein Stück Heiß und Gehaltvoll konzentriert. Mascha belauerte die Diva ein wenig aus den Augenwinkeln. Die Diva belauerte L. Und L. tat so, als wäre er ein genügsames Schaf.

    Eins, das kein Wässerchen trüben könne. Und kein Wolf erschrecken. „Und um so einen Scheiß kümmerst du dich also in deinem schönen Job?“ – Nu ja“, sagte das Schaf. – „Um Leute, die seit 100 Jahren mausetot sind?“ – „Tote sind manchmal ziemlich lebendig.“ – „Dein blöder Herr Müller ist aber tot“, sagte die Diva. Und es knisterte noch ein wenig von der Wut, mit der sie vorhin durch die Wohnung gerauscht war. „TOT“, schob sie nach. „RICHTIG TOT.“

    „Augenscheinlich nicht“, sagte das Schaf und bleckte die Zähne. Sauerkrautpizza konnte richtig mutig machen. Sogar Frauen gegenüber. Die kurz vorm Aufspringen waren und – na ja – Männern zeigen, wo der Barthel den Most holt. Oder so etwas, Sie wissen schon. Was Männern passiert, wenn die Dinge immer nur angedeutet sind und zumindest eine von beiden jetzt wissen wollte, woran sie war.

    „ICH VERSTEH’S EINFACH NICHT, Herr L.!!!“

    Drei Ausrufezeichen. Das sei hier betont. Frauen können wirklich Sätze mit drei Ausrufezeichen sprechen. Manche auch mit vier.

    „Ich auch nicht“, erwiderte das Schaf. „Ich hatte ja mit dem Mann nichts zu tun. Der stand da nur so rum, als wenn er dazugehört. Aber vielleicht gehörte er auch nicht …“

    Sie sehen schon: Es wurde ein Puzzle-Abend, an dem alle drei ein bisschen in alten Erinnerungen und Gefühlen kramten. Belinda war augenscheinlich auch tot. Es hatte ja in allen Zeitungen gestanden. Aber sie war gegenwärtig. Sozusagen als Schatten ihrer selbst. Sie hätte ja vernünftig sein können wie andere Mädchen auch (Beispiele? Oh, die blieben sie an diesem Abend schuldig. Auch wenn Mascha felsenfest beteuerte, dass auch hochverliebte Mädchen richtig vernünftig sein können. „Ich schwör’s!“).

    Aber damals war eben damals. Eine Zeit, die in der Rückschau etwas gelbstichig war und entfärbt, so wie bunte Wäsche, die man etwas zu oft im Kochwaschgang gebadet hatte. „Aber eigentlich war damals auch alles in Farbe“, meinte L.

    „Na ja, eher in ORWO-Color“, sagte Mascha. „Irgendwie nicht so lichtbeständig.“

    „Wie die Märchenfilme.“

    „Falschfarben“, sagte die Diva. „Und eigentlich.“

    „Eigentlich?“

    „Eigentlich dachten wir, das ändert sich. Aus grau wird irgendwann matschig und aus matschig wird bunt. So ungefähr.“

    Ungefähr drei Programme hatte L. gesehen mit der Diva und Belinda, der blonden Schönen, die weniger sang und mehr hauchte und mehr Marlene war als Zarah, wenn das irgendwie ein Vergleich sein sollte. Ein bisschen verrucht.

    „Obwohl sie mir immer wie ein Schulmädchen vorkam, das mit einem blauen Auge den Abschluss geschafft hat …“

    „So denkst du über Frauen?“

    „Nein, nur über Fräulein Belinda. Dieses komische Hauchen …“

    Ein strenger Blick von Mascha streifte L. Aber ein, zwei Mal war sie ja selbst dabei gewesen. Und erstaunlich still gewesen, während Belinda auch mal ein hingeschmachtetes „I wonna be loved by you“ hinhauchte. Mit College-Girl Stimme. Und Marlene-Pose.

    Extra für …

    „Saß er da im Raum?“

    „Bestimmt“, sagte Mascha.

    „Bestimmt nicht“, sagte die Diva.

    Und weil beide so sicher klangen, fragte L. lieber: „Meint ihr denselben?“

    „Natürlich“, sagte Mascha. „Deinen Herrn Miller, diesen Löwenbändiger.“

    „Die Löwen hat er wohl nicht mal kennengelernt …“

    „Ihr wisst es also nicht“, sagte die Diva.

    „Wer ihn umgebracht hat?“

    „Nein, wem unsere liebe Belinda auf den Leim gegangen ist.“

    „Du hast aber …“

    „Hab ich nicht. Wollt  Ihr das ‚Verlobungsfoto‘ sehen?“

    Und sie sprach das Verlobungsfoto mit noch viel mehr Gänsefüßchen, als wir hier hinmalen wollen. Natürlich war es keine Verlobung. Oder vielleicht nur für Belinda, die sich für dieses Foto mit einer riesigen Sahnetorte tatsächlich Wellen ins blondierte Haar hatte machen lassen und ein Kleidchen trug, das mehr Laufsteg als Varietebühne war.  Ein verruchtes. So eins, bei dem manche Männer nicht hingucken können. Und andere erst recht. Und dabei vergessen, der jungen Appetitmaus in die Augen zu sehen. Sonst würden sie etwas sehen. Denn meistens lenkt das Eine nur vom Anderen ab. Und die Sahnetorte mit den Kerzen und Glitzerperlen von einem Blick aus zwei aschblauen Augen, die den kleinen Zweifel dahinter nicht ganz verbergen konnten. So, wie das bei Frauen manchmal ist, wenn sie eigentlich ahnen, dass es nachher keine Blumen gibt. Und auch keinen weißen Schimmel, nicht mal ein silbernes Auto.

    Natürlich war Herr August Miller auch mit auf dem Bild, als Strahlemann mit Wunderkerzen im Hintergrund, so ausgelassen, wie ihn Herr L. noch auf keinem Bild gesehen hatte bisher. Oha: Der Mann zeigte tatsächlich Temperament. Oder?

    Wenn einer erst mal zweifelt, dann schaut er sich solche Fotos doch etwas kritischer an.

    „Gefällt dir wohl, die Braut“, schmollte Mascha.

    „Och nee, jetzt bitte nicht, mein lieber Abendstern. Das ist eine Geschichte …“

    „Das glaub ich dir unbesehen …“

    „Aber nicht so eine, sondern so eine.“

    „Aha! Mit Dekolleté, nicht wahr?“

    „Nein, mit einem fröhlichen Russen, der überhaupt nicht fröhlich ist.“

    „Ach nein?“

    „Nein.“

    Denn Herr Miller schaute nicht in die Kamera, wie es sich gehörte, sondern auf den Nacken des Strahlemanns links im Bild, für den sich Belinda so in Kleid und Haut geworfen haben musste. Eindeutig ein Herr, den L. als Inhaber vieler fuchsiger Firmen kennengelernt hatte. Der damals wie Phoenix aus der Asche stieg, nachdem er den öden, schnöden, langweiligen Dienst der Stadt verlassen hatte und auf einmal ein kleines Königreich emsiger Firmen leitete, die alle irgendetwas mit Immobilien zu tun hatten, mit restituierten und nicht restituierten Grundstücken, Filetstücken und tristen Immobilien, an denen der Zahn der Jahrzehnte genagt hatte und noch die alte Parolen teilweise zu lesen waren, von Ruß verdeckt, von Regen zerweicht. Eben noch die strengen Sitze seltsamer Gesellschaften und Parteiableger. Und auf einmal das stillschweigende Portfolio eines Mannes, der sich vor die Kameras stellte und dieser Stadt eine Wiederauferstehung verhieß, „wie Sie sie noch nie erlebt haben! Ich verspreche Ihnen: Wir hier, wir Unternehmer von L., wir werden dafür sorgen, dass diese Stadt wieder einen Platz an der Sonne…“

    Woher kamen die Zitate?

    Manchmal wunderte L. sich selbst, was in seinem armen Kopf alles aufgespeichert war und hervorquoll, wenn er nur eine Schublade öffnete. Dies hier war die Schublade mit all den schrecklichen Firmeneröffnungen und Jubiläen und Blühende-Landschaften-Presseterminen, zu der man lieber den noch nicht zum Sarkasmus neigenden L. schickte, der sich sogar noch die ganzen Reden mitschrieb. Obwohl er die Versatzstücke eigentlich immer wieder verwenden konnte, denn der Bundeskanzler klang genauso wie der Ministerpräsident und der Landrat wie der Bürgermeister. Soviel Optimismus, dass man geneigt war, sich rosa Wollmützen zu kaufen und einen Fußballverein zu gründen.

    Was später wohl auch einer machte.

    „Aber es passt nicht“, sagte L. „Es passt einfach nicht.“

    „Dass der Fuchs auch die süße Belinda …?“

    „Nein. Dass er zu dem Zeitpunkt überhaupt mit der süßen Belinda – oh!“, sagte L. Denn jetzt füßelte seine Mascha mit ihm. Er hatte das Bild wohl doch zu lange angestarrt.

    „Da muss sie schon schwanger gewesen sein“, sagte L.

    „Wer? Belinda?“

    „Von Belinda weiß ich nichts … aber …“ Na ja, so passiert es, wenn sich Gedanken gegenseitig über den Haufen rennen. Denn auf dem Foto von der Jubiläumsfeier dieses stolzen kleinen Unternehmens FUCHS BAU GEMEINSCHAFT stand eine hochschwangere Prinzessin neben dem Fuchs, etwas weiter weg der etwas verloren wirkende Miller. Und dieses Nicht-Verlobungs-Foto mit Belinda muss kurz vorher entstanden sein.

    „Ich werden den kleinen, knurrigen Kommissar wohl auch noch nach Belinda fragen müssen …“

    „Den Fall konnten sie nicht klären.“

    „Glaubst du?“, fragte L. Und kramte, was er bei solchen Gelegenheiten eigentlich nie tat, sein mobiles Telefonchen aus der Manteltasche. Die Nummer des alten Kommissars hatte er sich längst gemerkt. Und was er bekam, war natürlich eine bärige Schimpfkanonade, die vor allem in der Feststellung gipfelte, dass er wohl endgültig unter die Verrückten gegangen sei.

    Herr L. wartete geduldig, bis der alte Mann seine tierreiche Rede beendete und am Ende grimmig zugab, auch noch nicht im Bett gelegen zu haben, „wie das ordentliche Menschen um diese Zeit alle tun, Herr L.!“ (Nur ein Ausrufezeichen. Bitte beachten.)

    Aber dass dieser nervige Herr Redakteur um diese Zeit noch die Unverfrorenheit hatte, sein Vertrauen zu missbrauchen ..

    „Ich hab eigentlich nur eine kleine Frage“, sagte L. und erntete dafür den nächsten Schwall herrlichster Tiernamen. Molluske und Hornochse kamen auch drin vor. Er hätte ein ganzes Tierbilderbuch malen können, nutzte aber den Moment, als der alte Mann tatsächlich nicht mehr konnte (Früher muss er wesentlich ausdauernder gewesen sein.) und fragte einfach: „War Belinda schwanger?“

    Was den alten Kauz erst mal zum Schweigen brachte.

    „Was denn für eine Belinda?“

    Und es brauchte ein Weilchen, bis ihn Herr L. in das Hotelzimmer im damals „besten Haus am Platz“ gelotst hatte. Denn auch diesen Fall musste der Kriminalkommissar damals bearbeitet haben.

    „Diese Belinda? Mensch, das war ein loses …“

    „Vorsicht!“

    „Nichts da Vorsicht, sie hätten nur mal die Aufmachung …“

    „Die kann täuschen, Herr Kommissar, das wissen Sie.“

    „Weiß ich“, blaffte der zurück. „Aber was wollen Sie mit der Schwangerschaft?“

    „Wissen, wer der verflixte Vater war.“

    „Sonst noch Wünsche?“ Ein Fragezeichen wie ein Knurren, so wie gut erzogene Hunde kurz knurren, wenn sich einer ein klein wenig falsch benimmt. So ein klein wenig, dass es gleich ein paar zerrissene Hosen oder eine liebevoll zwischen Zähnen festgeklemmte Hand geben würde. Nur dass dieser alt gewordene Wachhund heute nicht biss, sondern auflegte. Und dafür Herrn L. in unverhofftem Schweigen stehen ließ.

    Nur die Diva schien etwas überrumpelt von L.s Telefonat. Sie schaute ihn mit Augen an so voller Nacht und aufbrodelndem Zorn, dass er schon Ausschau hielt nach einem sicheren Plätzchen für ein mutiges Schaf.

    Aber Mascha rettete den Moment, als sie frage: „Du glaubst wirklich, dass diese Belinda …“ (und sie zeigte auf das  Foto) …  schwanger war?“

    Wäre er jetzt unter Männern gewesen, hätte er sich vielleicht zurückgehalten. Aber er konnte nicht. Es musste raus.

    „Das sieht doch sogar ein Blinder wie ich …“

    Und diesmal war er zumindest drauf vorbereitet, dass die Diva laut werden würde. Ziemlich laut und sehr wütend. Und am Ende reif für einen Berg groß karierter Taschentücher. Manchmal sehen auch Frauen das Offensichtliche nicht, weil sie genauso abgelenkt sind wie die Männer. Manchmal ziehen diese verrückten Hühner ihre wilden Kleider gerade deshalb an, weil sie damit die anderen Frauen besonders gut ärgern können. Und auf völlig falsche Fährten bringen.

    ***
    Später an diesem Abend sollte Mascha noch fragen, woran gerade Herr L., erkannt haben wolle, dass die junge Dame auf dem Foto schwanger war. Das hätte er gern vermieden zu beantworten. Aber das hätte diesen Moment aus Traurigkeit auch nur verschoben. „Weil du mich damals auch so angesehen hast. Als du schwanger warst. Als wir schwanger waren. Als …“ Und er musste gar nicht erst in Maschas nachtdunkle Augen schauen, um zu wissen, dass das nun tatsächlich nicht vergessen war. Auch Kinder, die man nicht bekommt, begleiten einen durchs Leben.

    ***

    „Aber euer Programm“, sagte L. irgendwann nach der dritten oder vierten Flasche Schampus, „die hab ich schon damals vermisst. Weißt du?“

    Kopfschütteln. Schniefen. Mascha hatte den Ich-wärme-dich-jetzt-Part für die Diva übernommen.

    „Ihr habt eine Show gemacht, bei der man am Ende immer das Gefühl hatte, dass man jetzt einfach nicht aufstehen und weggehen kann. Dass jetzt erst alles richtig anfängt. So ein komischer Anfang. Der nicht aufhören will. Und man wartet die ganze Zeit, dass der Kerl mit der Rechnung kommt …“

    „Kannstu wohl laut sagen“, schniefte die Diva. Oder schnäuzte sich. Das darf sich jeder aussuchen, der weiß, wie sich diese kippligen Momente nach vier Flaschen Schampus und einer unerwarteten Entdeckung anfühlen, in denen Eine zumindest schon beschlossen hatte, dass der Abend so nicht zu Ende gehen sollte.

    „Ich brauch ein verdammtes Taxi“, fauchte die Diva. „Und wenn nicht sofort …“

    „Was für ein Taxi? Was willst du? Jetzt noch? Aber! …“

    Sie wissen ja: Kühne Frauen hören in solchen Momenten kein Aber. Und man braucht ein bisschen Geduld, um herauszukriegen, worum es eigentlich geht. Aber das lohnt sich, wusste L. Das kannte er. Und für die einen war es schon ein später Abend, für die anderen eine tapfere Morgenstunde. Und wenn Sie jetzt vermuten, dass der Taxifahrer, den sie dann anriefen, Oleg hieß, dann liegen sie nicht ganz falsch.

    Also auch jetzt noch kein „Gute Nacht!“

    Natürlich nicht. Denn jetzt ging’s erst richtig los.

    Die komplette Geschichte zum Nachlesen.

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