Großes Stühlerücken im Hause LVZ

Für alle LeserWenn in der letzten Zeit etliche Kollegen aus dem Hause LVZ so besorgt aussahen, dann hat das gute Gründe. Denn die Zeiten, als alles reibungslos lief und der Job bei der größten Tageszeitung der Region bis zur Rente gesichert schien, sind vorbei. Seit die Schließung der eigenen Druckerei in Stahmeln für Ende 2019 auf dem Programm steht, geht auch im Haus am Peterssteinweg die Unruhe um.
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Und dabei hatte man doch gerade erst alles neu eingetütet – sich wieder mal von älteren Kollegen getrennt, eine Zentralredaktion im Hause Madsack gegründet, in die auch Leipziger Kollegen delegiert werden durften, um zentral den überregionalen Teil der LVZ zu bestücken. Die Lokalredaktion ist über die Jahre eh zusammengeschmolzen. Auf einen harten Kern, den man natürlich mindestens brauchte.

Aber das scheint es dann doch noch nicht gewesen zu sein.

Denn nicht das, was im Regionaljournalismus gebraucht wird, bestimmt die Politik in den großen Zeitungshäusern, die sich im Bund deutscher Zeitungsverleger zusammengeschlossen haben. Das klingt wie eine Art Interessenvertretung der Zeitungsmacher in Deutschland. Aber eigentlich ist es etwas anderes. Eher eine Art Beratungstisch, an dem die großen Inhaber der Verlage miteinander absprechen, was sie miteinander tun oder auch nicht tun.

In jüngerer Vergangenheit galt eher das Nicht-Tun. Um die eigenen Auflagen und Werbeeinnahmen zu schützen, einigte man sich hier auf Grenzen, die man gegenseitig respektierte. So ungefähr nach dem Motto: Die „Mitteldeutsche Zeitung“ (DuMont-Schauberg, Köln) in Halle kommt der „Leipziger Volkszeitung“ (Madsack Gruppe, Hannover) nicht in die Quere, die Landesgrenze zwischen Sachsen-Anhalt und Sachsen ist auch die Grenze der Hoheitsgebiete beider Zeitungen.

Die LVZ kommt dafür auch nicht der in Dresden erscheinenden „Sächsischen Zeitung“ (ua. Gruner + Jahr, Hamburg, selbst Tochter von Bertelsmann) ins Gehege und diese wieder nicht der „Freien Presse“ in Chemnitz. Die gehört nun wieder zur „Medien Union“ aus Ludwigshafen und gilt deshalb als CDU-nah. Was auch genau so funktioniert – wenn es irgendeine Idee in der sächsischen CDU-Spitze gibt, die lanciert werden soll, passiert das meist über die „Freie Presse“.

„Sächsische Zeitung“ und LVZ sind über ihre Mutterverlage hingegen im Teilbesitz der ddvg, jener Gesellschaft, die für die SPD die Verlagsanteile hält. Was die Sachsen aber kaum merken, da beide Zeitungen eher eine Positiv-Berichterstattung für die unionsgeführte Regierung machen. Ich habe das jetzt mal zugespitzt.

Aber es ist unübersehbar und führt dazu, dass es in Sachsen seit 1990 im Grunde keine wirklich kritische und vielfältige Politikberichterstattung gab. Was leider zum Niedergang aller drei Zeitungen beigetragen hat. In den vergangen Jahren haben sie alle so im Schnitt die Hälfte ihrer Abonnenten und damit auch an Auflage eingebüßt.

Was eben auch dazu führte, dass die eigenen Druckhäuser nicht mehr voll ausgelastet waren.

Das ist zwar ein deutschlandweites Problem, aber es trifft einzelne Zeitungstitel unterschiedlich hart. Und besonders hart trifft es die, die es nicht geschafft haben, wenigstens den Lokalteil aufregender, vielfältiger und lesenswerter zu machen. Die LVZ (mitsamt ihrem Dresdner Ableger „Dresdner Neueste Nachrichten“) versucht zwar irgendwie mitzuhalten und ähnlich wie die „Freie Presse“ an Top-Interviews mit den CDU-Führungskräften in Sachsen zu kommen – aber man hängt eben doch hinterher, bekommt meist eher Interpretationen zum schon Geschehenen. Und tappt auch oft genug in die freundliche Verständnisfalle, statt wirklich kritisch und abseits der ausgelatschten Denkmuster zu fragen.

Aus der Perspektive der Zeitungsverleger, die – siehe oben – allesamt im Westen sitzen, ist das sowieso egal. Die gucken nur auf Auflagen, Werbeumsätze und Kosten. Und mittlerweile auch immer stärker nach anderen Umsatzbringern. Die einst so gefeierten Chefredakteure sind schon lange nicht mehr diejenigen, die die Blattpolitik machen. Die wird in der Nachbarabteilung gemacht – da, wo es um Vertrieb, um Werbeeinnahmen und laufende Kosten geht.

Und die absehbare Schließung der Druckerei in Stahmeln zeigt schon jetzt ihre Folgen, denn mehrere Führungspersonen aus LVZ-Vertrieb, Abo-Verwaltung, Finanzen, Marketing, Controlling und LVZ-Post haben – wie man hört – ihre Posten schon geräumt, sind aber erstaunlicherweise nicht im Hause Madsack gewechselt, sondern oft genug zur einstigen Konkurrenz in Halle oder Chemnitz.

Die Funke-Gruppe in Essen meldet nun stolz die Rückkehr ihres einstigen Logistik-Spezialisten Andreas Erzkamp, der seit 2014 Leiter der Konzernlogistik in der Madsack Mediengruppe war.

„Wir freuen uns sehr, dass wir uns mit einem versierten Fachmann aus der Verlags- und Postlogistik verstärken können, der über ein breites Fachwissen, besonders im Umfeld der neuen alternativen Zustellformen verfügt“, lässt sich Frank Jansen, Leiter Zentrale Logistik der Funke Mediengruppe, zitieren. Na so was: Da lässt Madsack einen versierten Logistiker einfach ziehen?

Da ist also einiges ins Rutschen gekommen. Und wir werden wahrscheinlich noch ganz andere Erdrutsche und erstaunliche Zusammenarbeiten erleben.

Die alten Grenzen zwischen den konkurrierenden Regionalblättern werden aufgeweicht. Man kooperiert – zumindest auf der technischen Ebene. Beim Druck ist es entschieden. Und wahrscheinlich greift es noch viel tiefer in die Strukturen der Belegschaft ein, die eigentlich seit 2013, seit dem großen Umbau-Projekt „Madsack 2018“, hoffte, dass die Zeitung endlich in ruhigeres Fahrwasser kommt und sich die neuen Strukturen behaupten können.

Aber dem ist nicht so. Der Absturz der Abonnentenzahlen ging munter weiter. 164.275 Exemplare werden noch als Verkauf gemeldet, das sind 50,1 Prozent weniger als 1998. Darüber hinaus ist es eine bekannte Branchenwahrheit, dass hierbei auch Exemplare gezählt werden, die bis zu einer bestimmten Untergrenze weit unter Preis abgegeben werden. An Fluglinien zum Beispiel, wo sie als Leseexemplare auftauchen, für die kein Endkunde mehr zahlt.

Und die Geldbringer sind heute die kostenfreien Anzeigenblätter im eigenen Haus, die mit niedrigen Preisen alles auffangen, was sich die Werbepreise im Hauptblatt nicht mehr leisten kann oder will.

Aber 2018 ist ganz unübersehbar nicht das Ende der Veränderungen. Am heutigen Donnerstag, 1. November, soll es eine große Mitarbeiterversammlung geben. So etwas setzt man nicht an, um nur die Namen einiger neuer Führungskräfte bekanntzugeben. Man wird wohl eher noch einige einschneidende Veränderungen bekanntgeben, die die Struktur der LVZ weiter verändern und auch das Leben von etlichen Mitarbeitern, die bislang noch die Hoffnung hatten, sie würden ihre Arbeit in diesem Hause noch lange und zuversichtlich tun können.

Kann Leipzigs OBM die Schließung der LVZ-Druckerei in Stahmeln verhindern?

In einem anderen Land: Wirtschaftsstrukturen nach 1991 am Beispiel der Medien oder „Wer keine eigene Stimme hat“

MedienkriseLVZ
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