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Das Magazin zur Ausstellung „Kennzeichen L“: Ändern? Machen? Hypen?

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    Am 16. Juni wurde im Stadtgeschichtlichen Museum die Ausstellung „Kennzeicen L“ eröffnet. Die hat sich eine regelrechte Herkulesaufgabe gestellt: „Was also macht diese Stadt stark, verwundbar, liebenswert oder auch anstrengend? Lässt sich das Lebensgefühl von 600.000 Menschen aus der Geschichte heraus verstehen? Und ist das sprichwörtliche ‚Kennzeichen L‘ mehr als ein Stück Blech an der Stoßstange?“ Und ein Magazin gibt es auch noch dazu.

    Quasi auch ein bisschen als Geburtstagsgeschenk, denn produziert hat es das Stadtmagazin „Kreuzer“, das vor 31 Jahren als Literaturbeilage zur Leipziger Anderen Zeitung begann. So lange muss man erst einmal durchhalten in einer Stadt, in der die zahlungskräftige Werbewirtschaft fehlt und ein dicker Monopolist seit Jahren den Werbemarkt mit durchaus nachhaltigen Methoden „bereinigt“ hat.Na ja, bis Facebook & Co. kamen und auch dem Monopolisten die Werbeeinnahmen raubten. Man darf sich durchaus ein wenig an das Raubrittertum des Hochmittelalters erinnert fühlen, was die heute sogenannten disruptiven Plattformen angeht.

    Aber die Raubritter kommen in „Kennzeichen L“ nicht vor, die Geschichte des Kennzeichens übrigens auch nicht.

    Denn bis 1990 hatten Leipziger Autos ja bekanntlich ein S in der Kennung. In der DDR waren die Kennzeichen ja als Alphabet über die Bezirke verteilt. Und Leipziger Autofahrer waren natürlich bannig stolz, als sie dann mit der Deutschen Einheit das schöne L aufs Nummernschild bekamen, Zeichen dafür, dass Leipzig die größte deutsche Stadt mit einem L am Anfang ist.

    Und das wieder sprach so einen gewissen medial gepflegten Größenwahn an, der fortan auch im Marketing eifrig gepflegt wurde: „Boomtown“, „The better Berlin“, „Leipziger Freiheit“, „Hypezig“ – letzteres ein Wort, das sich einer der schalkhaftesten Leipziger Satiriker ausgedacht hat …

    Sie merken ja schon: Wenn man so ein Magazin mit den Augen eines Zeitungsmachers anschaut, sieht man Dinge. Und staunt nur, wie gründlich man so ein Thema verfehlen kann. Und das, obwohl das Museum mit dem Begriff Hypezig sogar spielt auf den Plakaten für die Ausstellung: „Kaffzig? Hypezig? Leipzig!“

    Der Satiriker André Herrmann kommt im Magazin aber überhaupt nicht vor. Vor sieben Jahren hat er auch seinen Blog zu Hypezig beendet, auf dem er alles gesammelt hatte, was die ganzen Leipzig-Ruhmessänger mit dem nun wirklich zutiefst satirischen Begriff angestellt hatten. Weder Marketing-Leute noch Leipzig-Ruhmes-Artikel-Schreiber haben je verstanden, wie lächerlich es wirkt, wenn man dieses zutiefst satirische Sperrwort gar noch krachend mit Ausrufezeichen in die Überschrift stellt.

    Herrmann nahm auch den ganzen Hipster-Kult und Heldenstadt-Quatsch auf die Schippe. Es hat aber nichts genutzt. Die Rühmer und Sänger begriffen nicht mal, wie lächerlich sie sich machten und machen. Das Wort ist regelrecht zum Gespenst geworden.

    „Und wenn ein Begriff wie Hypezig derart instrumentalisiert wird, dass er sowohl inhaltlich umgedeutet und formal kopiert werden muss, um sich selbst eine glattgebügelte Variante herzustellen, dann bleibt als einzige Möglichkeit der Kritik nur noch, das Ganze fallen zu lassen“, heißt es zum Abschied auf dem Hypezig-Blog. Es hat nichts genutzt.

    Womit wir beim Thema wären. Und so daneben war ja die Idee von Museumsdirektor Anselm Hartinger nicht, so eine Ausstellung zu machen und einmal hineinzuloten in das Selbstverständnis der Leipziger bzw. derer, die die ganze Zeit für die Leipziger reden, auch wenn man nicht weiß, für welche.

    Oder bestenfalls ahnt, um wen es geht, wenn etwa Leipzigs ehemaliger Baudezernent Engelbert Lütke Daldrup den Begriff „Stadt der Kräne“ aufwärmt, den man irgendwie doch zuerst von einem Mann namens Jürgen Schneider gehört hatte, der diesen Slogan unter die willig zuhörenden Journalisten warf – verbunden mit der Story, wie er auf den Fockeberg fuhr und von dort das Meer der Baukräne in Leipzig bewunderte.

    Die erste Frage, die man sich tatsächlich stellt, ist: Wer hat eigentlich das Zugriffsrecht auf die Selbsterzählung einer Stadt? Und welche Kraft hat ein Museum, das ja all das sammelt, was die Leipziger/-innen für aufhebenswert halten, diese Erzählung zu hinterfragen? Kann es den offiziellen Kanon des Stadtmarketings tatsächlich durchbrechen?

    Das wäre eine Ausstellung geworden …

    Aber das Magazin erzählt davon, dass auch der „Kreuzer“ schon lange nicht mehr ist, was er anfangs mal war: kritisch, bissig, widerborstig. Er lebt nur noch vom alten Ruf, ist aber inzwischen ein braves Schoßhündchen geworden, das in Interviews nur lauter gefällige Fragen stellt und nicht mal mehr merkt, wo es spannend wird, wo man nachhaken könnte, dürfte, sollte, müsste.

    Etwa wenn Leipzigs aktueller Baudezernent Thomas Dienberg beiläufig die Frage stellt, warum „die Stadt damals nicht das Jahrtausendfeld, die Areale Bayerischer Bahnhof und Eutritzscher Freiladebahnhof gekauft“ hat. „Dafür muss Geld da sein! Eine Stadtverwaltung muss wie ein Förster denken.“

    Bis heute ist ungeklärt, warum Leipzig nicht gekauft hat. Und die Verwaltungsspitze reagiert dünnhäutig, wenn man die damals (so lange ist das ja noch nicht her) Verantwortlichen für das Liegenschaftsamt für dieses Versäumnis kritisiert. Zuletzt wieder im Stadtrat erlebt, als es um so ein Grundstück an der Kurt-Eisner-Straße ging.

    Ja, aber Jürgen Schneider kommt auch nicht vor. Es ist, als hätte man sich beim Konfigurieren des Magazins emsigst bemüht, alle wirklich diffizilen Stellen der Leipziger Selbst-Vermarktung zu umschiffen. Und damit auch die Frage, wer eigentlich die ganzen plakativen Selbstbilder erschafft, aufbläst und nach draußen als vollgültige Leipziger Ware verkauft. Auch noch mit platten Slogans aus der Parteienwerbung als Schlagworte: „Ändern. Machen. Planen“.

    Wo ist das streithafte Gespräch über das Leipziger Marketing? Wollten die „Macher“ nicht, war ihnen das zu peinlich?

    Und wo sind die Underdogs?

    Es ist ja nicht nur André Herrmann, der fehlt und der so einiges zum verkorksten Werbebild der Stadt hätte sagen können, dem falschen, weil aufgesetzten Hipster-Image, das ausgerechnet die wurzellosesten Bewohner der Stadt promotet, während die ganzen armen Schweine, die Leipzigs Stadtviertel tatsächlich erst mal spannend und bunt gemacht haben, im ganzen Heft nicht vorkommen, wenn man mal von „Kontrapunkt #3“ absieht, wo die Solidarische Wohnungsgenossenschaft Leipzig vorgestellt wird.

    Und vielleicht vom Beitrag der Linke-Stadträtin Juliane Nagel, der hier so kommentarlos neben einem Beitrag von CDU-Stadtrat Michael Weickert steht, als säßen gar keine anderen Parteien im Leipziger Stadtrat.

    Stimmt schon: Im Heft stehen tatsächlich zwei Dichter, wo wir doch kürzlich Anselm Hartinger vorwarfen, er kenne die Leipziger Dichter nicht. Aber im eigenen Interview erwähnt er zumindest Georg Maurer. Und Thomas Böhme kommentiert im Heft sein immer noch eindrucksvolles Gedicht „Lanze für Leipzig“ von 1983. Und indirekt kommt ja noch ein dritter vor, da auch das Wort vom „Weltdorf“ ins Magazin fand.

    Das erinnert an Peter Gosses „Weltnest“. Und da klappt die Kulisse einfach um, ist man in dem Leipzig jener letztlich fröhlich ironischen Leute, die mit dem ganzen Geschnatter von Größe und Einmaligkeit nichts anfangen können. Die wissen, dass der Alltag hier steinig ist und das Brot der Dichter hart und trocken. Und dass der Prophet im eigenen Lande nichts zählt.

    Ein Widerspruch, den Thomas Böhme durchaus auf den Punkt bringt, wenn er von der „Mischung aus Larmoyanz und Verschmitztheit“ spricht, dieser nun wirklich Leipziger Fähigkeit, sich selbst auf den Arm zu nehmen. Dieses „Nu grade!“ (Lene Voigt), das mit dem Hypezig der Gentrifizierer so gar nichts zu tun hat.

    Wobei man ja bei einem Ansatz für die Ausstellung wäre, der aber irgendwie untergegangen ist: dem Gefühl, dass die Leipziger/-innen selbst sich nicht wirklich wiederfinden in all den Plakaten, Slogans und Ruhmesgesängen. Die Stadt hat sich spürbar entsolidarisiert, stellt Böhme fest.

    Anselm Hartinger reißt es in seinem Stadtspaziergang wenigstens an, auf dem er seine Lieblingsplätze in der Innenstadt zeigt und erklärt, warum sie auch vom musealen Standpunkt her spannend sind. „Was wollen die Leute? Wie sehen sie die Stadt? Bei mir kommt noch hinzu: Ich bin geborener Leipziger, bin es mit Herz und Seele, bin aber eine ganze Zeit weggewesen und erst vor zwei Jahren zurückgekommen.“ Da ist es natürlich spannend, auch die Sichtweise des Stadtgeschichtlichen Museums neu zu justieren und einige verkrustete Bilder zu hinterfragen.

    Man möchte ihm ja wirklich ein erfolgreiches Gelingen wünschen. Auch wenn einem im Magazin zur Ausstellung so manches fehlt. Da geht noch was.

    Informationen zur Ausstellung „Kennzeichen L“ findet man hier.

    Informationen zum Magazin findet man hier.

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