Der Eisenbahnobelisk bekommt wieder seinen angestammten Platz an der Goethestraße

An der Fernbushaltestelle in der Goethestraße ist es dieser Tage noch enger geworden als zuvor. Nebenan ist ein großes Areal abgesperrt worden und Schlamm kündet von den Eingriffen des Amtes für Stadtgrün und Gewässer in die Grünanlage. "Eisenbahnobelisk kehrt an seinen historischen Standort zurück", hatte das Amt am 21. August gemeldet. Der Obelisk steht freilich noch dort, wo er nun schon seit rund 50 Jahren stand.
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Heftig aus der Achse gerückt, beiseite geschoben und damit eher im Abseits, von den meisten Passanten auch nicht beachtet. Dabei war er 1878 genau so platziert worden, dass er in der verlängerten Achse der Richard-Wagner-Straße zu sehen war, die damals noch Parkstraße hieß. Aber das war nicht die wichtigste Sichtbeziehung, denn die sollte eigentlich nordwärts gehen. Damals stand dort noch der Dresdner Bahnhof – ungefähr dort, wo heute der große Busparkplatz auf der Hauptbahnhofwestseite ist. Von hier war 1839 die erste deutsche Ferneisenbahn nach Dresden losgefahren.

„Das nach dem Entwurf von Carl Gustav Aeckerlein geschaffene Denkmal war im Jahr 1878 zu Ehren der Initiatoren der ersten deutschen Ferneisenbahnstrecke ‚Leipzig-Dresden‘ errichtet worden und musste beim Bau des neuen Opernhauses und der damit verbundenen Umgestaltung der Schwanenteich-Anlage auf eine wenig repräsentative Rasen-Fläche an der Goethestraße verlagert werden“, versucht das fürs Grüne zuständige Amt die Vorgeschichte irgendwie zusammenzufassen.

Tatsächlich war der Bau des Opernhauses gar nicht schuld an der Verschiebung des Denkmals. Und die Umgestaltung der Schwanenteichanlage 1960 war nicht wirklich eine Umgestaltung, sondern eher eine Vereinfachung in Zeiten knapper Mittel. Die Anlage sollte etwas pflegeleichter werden – einige der alten Wegestrukturen wurden einfach überdeckt. Und 1996 staunten Leipzigs Grünanlagenbetreuer nicht schlecht, als die alten Wege samt Pflaster bei der Teil-Herstellung des historischen Aussehens der Parkanlage wieder zum Vorschein kamen.

Das Denkmal aber wurde auch nicht wegen der Park(neu)gestaltung verschoben, sondern weil in DDR-Zeiten alles etwas preiswerter sein musste. Da wurden auch im Leipziger Fernwärmenetz einige Provisorien geschaffen, die zwar schnell Wärme in verschiedene Viertel der Stadt brachten, dabei aber gleich mal den schnellsten und preiswertesten Weg nahmen. Viele Leipziger werden sich noch an die vielen oberirdisch verlegten Fernleitungsrohre erinnern, von denen ein Teil in den letzten 25 Jahren mit viel Aufwand unter die Erde gebracht wurde.

Bei der Schwanenteichanlage wollte man zwar nicht auch noch mit großen Rohrschlangen durchs Grün zuschlagen, aber um auf schnellstem und direktestem Weg vom Georgiring zur Richard-Wagner-Straße zu kommen, zog man in diesem Fall unterirdisch eine schnurgerade Linie. Und siehe da: Der Eisenbahnobelisk stand im Weg. Übrigens mit Platz – und so ist das auch auf alten Karten noch eingetragen: Eisenbahnplatz.

Der Obelisk stand nicht einfach auf der Wiese wie jetzt, sondern lud zum Herantreten und Lesen ein.

So soll’s auch wieder werden, teilt das Amt für Stadtgrün und Gewässer mit: „Rund um das Denkmal ist, wie beim originalen Vorbild, eine gepflasterte Fläche geplant, auf der einige Bänke aufgestellt werden. Der Obelisk selbst erhält wieder das kreisrunde Podest aus Beuchaer Granit. Auf die ursprünglich aufgesetzten Poller und Ziergitter muss vorerst aus finanziellen Gründen verzichtet werden, eine Nachrüstung ist aber möglich.“

Und dann kann man auch in diesem Herbst schon mal herantreten an den Obelisken und die rundherum angebrachten Tafeln lesen, auf denen geschrieben steht, wer hier gewürdigt wird. Und hier sind sie noch alle traut vereint: Friedrich List, der mit aller Energie für den Bau einer Ferneisenbahn geworben hatte und das Projekt in Sachsen vorantrieb, bis er ausgebootet wurde und 1837 Leipzig verließ – mit Kloß im Bauch und schwerem Herzen. Denn er erlebte, was so viele in Deutschland erleben, die eine gute Idee haben: Wenn es dann ums Umsetzen geht, übernehmen die Leute mit dem Geld das Zepter und lassen sich auch nicht mehr reinreden. So 1835 geschehen, als zwölf Leipziger Bürger die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie gründeten – so, wie es oben auch am Obelisken zu lesen steht. Leipzig-Dresdner Eisenbahn, „erste große Verkehrsbahn Deutschlands“, so wie es weiter unten lesbar ist, wo sie alle stehen: Friedrich List, Albert Dufour-Féronce, Gustav Harkort, Carl Lampe und Wilhelm Seyfferth. Und was eigentlich nach den Kalamitäten von 1837 hätte verblüffen müssen: List ist an erster Stelle hervorgehoben.

Komplettansicht des Obelisken am verrückten Standort. Foto: Ralf Julke

Komplettansicht des Obelisken am verrückten Standort. Foto: Ralf Julke

Der Obelisk ist auch und gerade für ihn eine späte Würdigung. Und es war nicht die Stadt, die ihn gewürdigt hat, sondern der Mann, der ganz bescheiden ganz unten steht: Der Bankier Wilhelm Seyfferth, der an dieser Stelle ja auch schon gewürdigt wurde, denn er hat ja der Stadt auch den schönen Johannapark geschenkt.

Das Eisenbahndenkmal wollte er ursprünglich auf einem Hügel an der Strecke bei Riesa aufstellen. Aber das kam nicht zustande, so dass 1878 der Obere Park, die heutige Schwanenteichanlage, zum Aufstellungsort wurde. Das Aufstellungsjahr ist auch nicht ganz unwichtig, denn 1876 war auch ein wichtiges Kapitel der sächsischen Eisenbahngeschichte zu Ende gegangen: Die Aktionäre der LDE verkauften die Leipzig-Dresdner Eisenbahn an das Königreich Sachsen, die bisherige Privatbahn wurde Teil der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen.

Mit der Wiederaufstellung des Obelisken am alten Standort entsteht natürlich wieder ein alter Pilgerort für Eisenbahnfreunde neu. „Die Finanzierung der bis Ende Oktober laufenden Baumaßnahme wird durch Fördermittel des Bundes und des Freistaates Sachsen aus dem Programm ‚Städtebaulicher Denkmalschutz Leipzig – Innenstadt‘ unterstützt“, teilte das ASG noch mit. Und dass – aufgrund seines Gesundheitszustandes – ein aus fünf Stämmen bestehender Silberahorn gefällt werden musste, „welcher aber im Herbst nachgepflanzt werden soll.“ Deswegen die große Schlammecke.

Und ein wenig hat die Rückversetzung des Denkmals natürlich auch mit einem großen Jubiläum im Jahr 2015 zu tun – diesmal nicht der 1.000-jährigen Ersterwähnung, sondern dem 100. Jahrestag der Eröffnung des neu gebauten Hauptbahnhofes. Für den ja bekanntlich der Dresdner Bahnhof weichen musste, der älteste aller Leipziger Bahnhöfe, 1839 eröffnet und 1913 als letzter der einstigen Kopfbahnhöfe auf dem Gelände des heutigen Hauptbahnhofes abgerissen.

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