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Ein Kurzbesuch mit Arnolt Bronnen im Leipzig von 1956

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    Es gibt Bücher, die bringen einen auf Ideen. Zum Beispiel, mal wieder in anderen Büchern nachzulesen, die man seit Jahren nicht angefasst hat. Ein solches Buch ist Fancis Neniks „Doppelte Biografieführung“, das wir morgen an dieser Stelle besprechen. Da stolpert man dann über einen gewissen Schriftsteller Bronnen. Zwar im Zusammenhang mit „Schwarze Pumpe“. Aber war da nicht was 1956?

    Natürlich. Längst vergessen. Überschattet vom Ungarn-Aufstand im Oktober 1956. Im Frühjahr 1956 erschien im Verlag der Nation ein Buch mit dem Titel „Deutschland. Kein Wintermärchen“. Der Klappentext versprach dem Leser zwar eine gelungene neue Hommage auf Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Aber das war es in Wirklichkeit nicht. Es war eine Art Reisereportage in Briefen, geschrieben in den ersten Monaten des Jahres 1956. Schon seit 1955 hatte der österreichische Schriftsteller Arnolt Bronnen in Ostberlin vorgefühlt, ob er in die DDR übersiedeln könnte. In Österreich war er als Autor zwischen alle Fronten geraten. Die Linken warfen ihm seine enge Liaison mit den Nazis vor, die Bürgerlichen warfen ihm seinen Kontakt mit den Linken vor. In der Weimarer Zeit zählte er zu den eher linken Schriftstellern, war mit Bert Brecht und Johannes R. Becher befreundet. Doch anders als diese blieb er 1933 in Deutschland und machte sehr tiefe Bücklinge vor den Nazis, bevor er 1943 endgültig Publikationsverbot bekam und wieder nach Österreich ging, wo er Kontakt zum illegalen Widerstand suchte.

    Ein Lebensweg mit Ecken und Windungen. Die letzte Wendung war dann der Versuch, in der DDR noch eine Veröffentlichungsmöglichkeit zu finden. Die Übersiedelung mit seiner Frau Renate war eigentlich geklärt, als er sich dann ausgerechnet im Winter 1955 / 1956 auf die Reise machte durch das kleine Handtuchland – von Nord nach Süd. Die dabei entstandenen Texte kleidete er fiktiv in die Form von Briefen an seine Frau Renate in Linz-Urfahr, Trefflinger Weg 18. Aber Reisebriefe oder „Reisebilder“ im Heineschen Sinn sind es auch nicht. Es sind ganz klassische Reportagen, Reportagen über ein Land im Aufbruch, so, wie sich die DDR und ihre nervöse Staatsführung gern sehen wollten. In gewisser Weise kopiert Bronnen dabei auch die Hochgesänge der DDR-Presse auf die eigenen Leistungen.

    Talent hatte er. Er wusste sich dem gewünschten Stil der jeweils Mächtigen professionell anzupassen. Journalistische Erfahrung hatte er auch. Er konnte also auch schnell arbeiten. Das wollte damals auch etwas heißen. Mitten im Winter fuhr er mit dem Auto durch die rauesten Regionen des Landes, besuchte Großbaustellen, Chemiewerke, Stalinallee und Eisenhüttenstadt … Stalinallee? War da nicht was?

    Ahnen konnte Bronnen, als er über das Vorzeigeprojekt Stalinallee schrieb, wohl noch nicht, dass die Allee ihren Namenspatron bald verlieren würde. 8.855 Kilometer reiste er durch ein Land, dessen Führung noch glaubte, das Ruder des Kahns fest im Griff zu halten. In dem aber linke Intellektuelle auch noch das Gefühl haben konnten, hier würde wirklich mal eine neue Gesellschaft aufgebaut, in der die alten Träume von Gleichheit und Gerechtigkeit verwirklicht würden.

    Bronnen kam auch nach Leipzig. Mit den Bildern der Stalinallee im Kopf. Eine Episode, die er mit den Worten einleitete: „Um die Berliner Probleme in ihrer Komplexität zu begreifen, muß man auch die Probleme von Leipzig und Dresden dagegenhalten.“

    Und Leipzig bot dem Österreicher einen trostlosen Anblick. Die Innenstadt war immer noch ein Trümmerfeld. Nur ein paar Handelshöfe standen noch, die Kirchen St. Nikolai und die „Thomanerkirche“. Und das alte Rathaus, von dem Bronnen nicht ahnen konnte, dass es 1945 auch in Trümmern gelegen hatte. Es war das erste Gebäude, das die Leipziger schon 1946 bis 1950 wieder aufgebaut hatten.

    Aber über Leipzig schwebte auch damals schon ein Damoklesschwert. Denn von Anfang an setzte die DDR auf Braunkohle. „Leipzig ist die Stadt auf der Kohle“, schreibt Bronnen. „Von allen Seiten drängen die mächtigen Braunkohlenflöze von Borna, von Dürrenberg, von Bitterfeld gegen die Stadt vor. Da liegt am Südrand von Leipzig die Stadt Markkleeberg, 25.000 Einwohner, fast ganz auf dicker, hochkaloriger Braunkohle.“ Da werde es sich wohl rentieren, die ganze Stadt einfach abzubauen und anderswo wieder aufzubauen.

    Und Leipzig? „Leipzig kann sich nicht sonderlich ausdehnen, es wird die bedeutende deutsche Großstadt, die Messestadt, sein und bleiben; über eine Bevölkerungszahl von 750.000 hinaus kann und soll sie sich nicht entwickeln.“

    Tatsächlich hatte Leipzig damals 607.523 Einwohner. Tendenz fallend. Denn nicht nur die rauchenden Schlote ringsum machten das Leben in der Stadt grau und trist. Wir sind ja immer noch im Jahr 1956 und Bronnen kann nicht ahnen, dass einige der Leipziger, die er in seinen Briefen erwähnt, demnächst im Zuchthaus sitzen werden oder aus der DDR vertrieben sind. Zu Letzteren – dem „Kreis der Leipziger Geistigkeit“ – gehören Hans Mayer und Ernst Bloch, die beide noch an der Universität Leipzig lehren, die seit 1953 Karl-Marx-Universität hieß. Hier besuchte Bronnen auch die Fakultät für Journalismus – so hieß das Ding seit 1954. Besonders fasziniert zeigte er sich von Hermann Budzislawski, Dekan der Fakultät, der sich als Chefredakteur der „Weltbühne“ einen Namen gemacht hatte, als diese in den 1930er Jahren im Exil erschien. Bronnen kritisiert die Leipziger Journalistenausbildung nicht direkt, singt eher ein Hohelied, das aber in ziemlich erhellenden Zeilen endet: „Wohin ich auch blicke, überall sind Kräfte am Werk, deren Ziel eine allen Menschen gemeinsame Zukunft ist.“

    Dumm nur, dass diese „gemeinsame Zukunft“ in Politbürositzungen in Moskau beschlossen wurde. Und die Kräfte, die er am Werk sah, waren dann wohl doch die Lemuren aus Goethes Faust. Oder halt hartgeschmiedete Stalinisten wie Alfred Kurella, den Bronnen als Leiter des 1955 gegründeten Literaturinstituts antrifft und „herzensgut“ nennt. Um das frisch gegründete Institut ein bisschen auf Niveau zu bringen, hatte man auch schon gestandene junge Schriftsteller hingeschickt. Sie wurden auch Bronnen gezeigt, quasi wie exotische Zirkustiere: „die Schriftsteller Loest und Bartsch“.

    Erich Loest sollte 1957 wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ verhaftet und ins Zuchthaus gesteckt werden. Und der erwähnte Bartsch? Mit den heute bekannten mitteldeutschen Autoren Kurt oder Wilhelm Bartsch hat der Mann nichts zu tun. Es war Rudolf Bartsch, der ebenso wie Loest noch mal auf die Literatur-Schulbank geschickt worden war, obwohl er damals schon zwei erfolgreiche Bücher vorgelegt hatte. Damals schrieb er an seinem Buch über seine Kriegserlebnisse „Geliebt bis ans bittere Ende“, das thematisch Loests „Jungen, die übrig blieben“ von 1950 verwandt ist. Wikipedia nennt Bartsch einen streitbaren Romanautor. Später, bei seinen Arbeiten fürs Fernsehen, kam auch Bartsch in Konflikte mit den staatlichen Zensoren. Doch anders als bei Loest scheint sich heute niemand für das Werk des 1982 früh verstorbenen Autors zu engagieren.

    Das Kapitel über Leipzig beendet Bronnen übrigens mit einer kurzen Begegnung mit Ernst Bloch, gegen den das Kesseltreiben schon 1956 begann. „Der Gedanke kann sich nicht zur Wirklichkeit entwickeln, wenn sich die Wirklichkeit nicht zum Gedanken entwickelt“, zitiert er ihn. Vielleicht nicht mal ahnend, was alles in so einem Satz steckt.

    Heine erwähnt er zwar ab und zu. Aber der Titel für seine „Entdeckungsfahrt durch die Deutsche Demokratische Republik“ war aktueller, als es einem heute erscheint. Denn der Winter, in dem Bronnen durch den Osten reiste, war der kälteste des 20. Jahrhunderts mit wochenlangen Frosttemperaturen bis 20, in Spitzen bis 36 Grad unter Null. Was Bronnen übrigens erwähnt. Als das Buch im Frühjahr erschien, erinnerten sich die Leser ganz bestimmt noch an diesen sibirischen Winter. Mit 7,4 Grad Celsius Durchschnittstemperatur war das Jahr 1956 zusammen mit dem kalten Kriegsjahr 1940 das kälteste in Leipzig in diesem Jahrhundert.

    In Merseburg durfte Bronnen dann sogar staunen, dass die Saale völlig eisfrei war, anders als die anderen Flüsse, die er unterwegs gesehen hatte. Der Grund war simpel: Der Fluss wurde zu zwei Dritteln als Kühlwasser durch die Leuna-Werke geleitet.  Und über Leuna stehen die Dämpfe „wie eine dräuende sommerliche Gewitterwand“. Nur dass nicht Sommer war, sondern „der kälteste Tag des Jahres“.

    Wem Bronnen auf seiner Reise noch begegnet ist – und über wen Francis Nenik schreibt – das erfahren Sie dann morgen an dieser Stelle.

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