Bücherverbrennungen im Jahr 1933

Auch Leipzigs „verbrannte Orte“ bekommen jetzt ein Gesicht

Für alle LeserIn die historische Erzählung eingegangen als tiefer Sturz der einstigen Dichternation Deutschland ist der 10. Mai 1933, als in Berlin und mehreren Hochschulstädten Deutschlands mit großem Pomp Bücherverbrennungen inszeniert wurden. Oft ist nur diese Inszenierung im Gedächtnis der Menschen noch lebendig. Und in Leipzig galt lange Zeit die Feststellung, hier habe es am 10. Mai keine Bücherverbrennung gegeben. Eben weil es die Buchstadt Deutschlands war. Aber das Projekt „Verbrannte Orte“ kann jetzt eine etwas andere Geschichte erzählen.

Im vergangenen Jahr hatte das deutschlandweit aktive Projekt die Möglichkeit, sich auf den beiden großen Buchmessen in Deutschland zu präsentieren. Für die Leipziger Messe entwickelten die Projektbeteiligten ein erfolgreiches Standkonzept, welches dann auch auf der Frankfurter Messe wieder zum Einsatz kam.

„Die Messeauftritte waren für uns nur möglich, da jeweils Einladungen vorlagen. In Leipzig wurde unser Stand direkt von der Leipziger Buchmesse finanziert. In Frankfurt taten sich hierfür der Börsenverein und die Frankfurter Buchmesse zusammen“, berichtet Jan Schenck vom Kommunikationszentrum Meuchefitz e.V., der das Online-Projekt betreut.

Zwischen dem 22. und dem 26. Februar ist – nachdem schon 2018 viele einstige Orte von Bücherverbrennung im heutigen Zustand fotografiert wurden – der Fotograf Jan Schenck auf einer Rundreise durch Sachsen und Sachsen-Anhalt, um die hiesigen Orte der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen für das Projekt „Verbrannte Orte – Onlineatlas der NS Bücherverbrennungen“ zu fotografieren. Am 25. Februar ist er in Leipzig.

„Das Projekt ‚Verbrannte Orte‘ hat es sich zum Ziel gesetzt, eine Dokumentationsplattform zu den über 100 Bücherverbrennungen von 1933 zu erstellen. Aus diesem Anlass werden wir im Februar folgende Orte in Sachsen und Sachsen-Anhalt besuchen“, betont Jan Schenck. „Auf der Internetseite ‚verbrannte-orte.de‘ entsteht im Laufe der Zeit ein Atlas. Interaktive Panoramen ermöglichen den Besuchern, sich den ‚Verbrannten Orten‘ zu nähern. Großformataufnahmen rücken ausgewählte Perspektiven ins Blickfeld und Hintergrundtexte bieten eine inhaltliche Auseinandersetzung. Dort wo es vorhanden ist, macht zusätzliches historisches Material die Geschichte erlebbar. Der Onlineatlas macht das Ausmaß der Bücherverbrennungen sichtbar.“

Das im Atlas gesammelte Hintergrundmaterial soll später als Basis für Materialien der Politischen Bildung und für den Geschichtsunterricht dienen.

Und wie ist das mit Leipzig?

Am 10. Mai, als gerade die Berliner Bücherverbrennung – an der ja Erich Kästner als selbst betroffener Autor als Augenzeuge teilnahm – öffentlichkeitswirksam inszeniert wurde, brannten in vielen Hochschulstädten ähnliche Bücherberge und nationalsozialistische Studenten warfen die Titel der nun verfehmten Autoren mit großer Pose ins Feuer. Zu den Autoren der verbrannten Bücher gehörten neben Erich Kästner unter anderem Bertolt Brecht, Jaroslav Hasek, Erich Maria Remarque, Albert Einstein, Kurt Tucholsky, Artur Schnitzler … im Grunde die besten und kritischsten Autoren und Autorinnen der Zeit. Kritik haben die Nazis von Anfang an nicht vertragen.

Aber in der Buchstadt Leipzig verzichteten die Studenten dann zumindest am 10. Mai auf eine Bücherverbrennung. Aber genauso theatralisch hatten vorher schon zwei Bücherverbrennungen stattgefunden, die erste schon am 9. März 1933, vier Tage nach der Reichstagswahl am 5. März 1933, bei der die NSDAP ihr Leipziger Ergebnis auf 43,9 Prozent steigern konnte (nach 33,1 Prozent im November 1932).

„Am 9. März 1933 besetzte die SA ‚unter klingendem Spiel‘ das Leipziger Volkshaus zum ersten Mal“, kann man nun auf der Website „Verbrannte Orte“ lesen. „Nach der Beschlagnahmung der Bibliothek und der Aussonderung der ‚undeutschen‘ oder ‚marxistischen‘ Titel, wurden diese öffentlich auf dem Messplatz verbrannt. Dies war die erste Bücherverbrennung in Leipzig.“

Der Messplatz ist das heutige Sportforum. In der NS-Zeit wurde er als Aufmarschgelände genutzt.

Das Volkshaus war vor allem Sitz der Gewerkschaften. Der SA-Zugriff galt vor allem der Zerschlagung der bisher unabhängigen Gewerkschaften. Und augenscheinlich genügte es den Leipziger Nationalsozialisten nicht, einmal dort einzumarschieren und Bücher zu verbrennen. Denn im Mai kamen sie wieder: „Am 2. Mai wurde das Leipziger Volkshaus besetzt, 25 anwesende Geschäftsführer und Bezirksleiter in Schutzhaft genommen und die erbeuteten Bücher und Akten verbrannt.“

Das war dann die zweite Bücherverbrennung.

Beide Termine sind jetzt auf der Website vermerkt. Die Fotos von Jan Schenck sollen sie auch für heutige Besucher greifbar machen als „verbrannte Orte“.

Und zur nächsten Leipziger Buchmesse vom 21. bis 24. März wird das Projekt auch wieder vertreten sein.

Bücherverbrennung
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