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Schaufensterausstellung der Buchwissenschaft widmet sich zur Buchmesse dem Verlag Volk und Welt

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    Es gibt sie noch, die Leipziger Buchwissenschaftler, auch wenn sie eher im Stillen vor sich hin arbeiten und Bücherwelten erforschen. Dazu gehören auch die Bücherwelten aus DDR-Verlagen. Sie sind nicht vergessen, auch wenn die Namen der Verlage oft genug verschwunden sind und damit oft auch ihr unverwechselbares Verlagsprofil. Selbst ein Verlag wie der 1947 gegründete Verlag Volk und Welt war unverwechselbar.

    Denn dort erschien fast alles, was an internationalen Buchtiteln den Weg in DDR-Buchhandlungen fand. Der Hunger war groß, die Nachfrage selten zu erfüllen. Dabei ging es bei diesem Verlag anfangs ganz sozialistisch zu, erschienen hier sowjetische und antifaschistische Autoren. Später aber kam fast die komplette internationale Gegenwartsliteratur dazu – zumindest das, was Rang und Namen hatte und worauf Leser im Osten oft schon Jahre gewartet hatten.

    „Was dieser Verlag für die Bewohner des Leselandes geleistet, welche Zensurkämpfe er zu bestehen hatte, zeigt ja schon die alphabetische Auflistung von Autoren“, kommentiert Buchprofessor Siegfried Lokatis trocken die Rolle dieses Verlages, der nach 1990 die üblichen Verkäufe erlebte, seinen ersten Nach-Wende-Erfolg mit Thomas Brussigs „Helden wie wir“, zwei rückabgewickelte Verkäufe und am Ende das Aufgehen im Luchterhand Verlag, der 2001 Teil der Randomhouse Verlagsgruppe wurde. Da verschwand dann auch das Imprint Volk und Welt vom Markt.

    Aber was Lokatis für die DDR-Zeit aufzählen kann, das sind Namen, die damals Furore machten und Buchhändler zur Verzweiflung brachten, weil sie die Wünsche der Leser einfach nicht erfüllen konnten: „Aitmatow, Babel, Camus, Dürrenmatt, Eco, Freud, Grass, Hrabal, Joyce, Kishon, Lem, Musil, Neruda, Okudshawa, Pasternak,  Queneau, Rasputin, Salinger, Trifonow, Updike, Vonnegut, Wahlöö, Yeats, Zwetajewa.“

    Umberto Eco? – Das war „Der Name der Rose“. Aitmatow, das war die komplette Werkausgabe – mit dem großen Zank um den Roman „Die Richtstatt“. Pablo Neruda gab es in einer gut übersetzten Gesamtausgabe, die jeder hervorholen sollte, der den aktuellen Neruda-Film im Kino sieht. Kurt Vonnegut – das war „Schlachthof Nummer 5“, sein brennender Dresden-Roman. Pasternak war anfangs eine kleine Lyrik-Auswahl gewidmet. Erst als die Zensur endlich gelockert wurde, wagte sich Volk und Welt an eine eindrucksvolle Gesamtausgabe des Nobelpreisträgers. Dasselbe machte man mit Marina Zwetajewa. Bulat Okudshawa wurde gleich doppelt gewürdigt – als Romanautor („Die Reise der Dilettanten“) und als Liedermacher in einer Prachtausgabe mit Schallplatte. Was Lokatis nicht angemerkt hat: Auch Wladimir Wyssotzki kam in so einer Ausgabe bei Volk und Welt heraus.

    Wyssotzki? Fast vergessen. Dabei war er die unverwechselbar wütende Stimme des russischen Volkes gegen die unaushaltbaren Zustände seines Landes.

    Die Spektrum-Reihe aus dem Verlag Volk und Welt. Foto: Ralf Julke
    Die Spektrum-Reihe aus dem Verlag Volk und Welt. Foto: Ralf Julke

    Dieser Verlag hat den Osten auf ganz andere Weise aufgeregt, als es sich westliche Leser vorstellen können. Denn hier erschienen alle die Titel der sowjetischen Literatur, mit denen die Autoren dort die heile Welt des Kommunismus hinterfragten und moralische Maßstäbe anlegten.

    Legendär die große Diskussion um Rasputins „Abschied von Matjora“. Oder um Granins „Das Gemälde“.

    Die große Aufarbeitung dieser ganz besonderen Verlagsgeschichte steht noch aus. Auch wenn Ralf Schröder in seinem Erinnerungsbuch „Unaufhörlicher Anfang“ vieles von seiner Arbeit auf Messers Schneide erzählt hat. Denn er war ja einer der wichtigsten Akteure, die die besten sowjetischen Titel ins Programm der DDR-Verlage brachten. Und er war derjenige, der wie kein anderer auch die Hintergründe erzählte – am liebsten in den kenntnisreichen Vorworten, die dem Leser erst die großen geistigen Welten der Autoren im Osten aufschlossen: die Welt eines Michail Bulkgakow, über den natürlich auch Siegfried Lokatis gestolpert ist.

    „Oder lieber: Aragon, Bulgakow, Calvino, Dahl, Ehrenburg, Frisch, Granin, Hochhuth, Jandl usw.?“

    Es fehlen: natürlich Wladimir Tendrjakow. Nicht zuletzt Andrej Platonow, der die wohl gewaltigsten Bilder über die mörderische Maschine des Stalinismus gemalt hat.

    Bei Volk und Welt begegneten sich die kritischen Autoren aus dem Osten mit den gefeierten aus dem Westen, mit „Küsschen, Küsschen“ von Roald Dahl und der großen Werkausgabe von Louis Aragon, den Krimis von Sjöwall und Wahlöö oder – nicht zu vergessen – den großen Filmbüchern von Ingmar Bergman. In der Weißen Lyrikreihe wurden die wichtigsten Lyriker der Welt vorgestellt.

    Die Besucher der Leipziger Innenstadt können viele der Titel jetzt parallel zur Buchmesse in den Schaufenstern etlicher Geschäfte sehen.

    „Fenster zur Welt“ haben die Buchwissenschaftler diese Erinnerung an einen Verlag genannt, der die DDR-Leser eben nicht nur mit Literatur aus aller Welt versorgte, sondern auch jene Ost-Literatur erst zugänglich machte, die immer wieder die große Frage stellte: Wie sieht eine menschliche Gesellschaft aus? Wie muss sie aussehen?

    Das ist – mal so bemerkt – heute noch immer nicht abgegolten.

    Man kann also immer wieder neugierig in die Schaufenster schauen und bekommt so eine Ahnung, wie viel Welt dieser Verlag (auch mit allem Ärger der  zensierenden Behörden) in die DDR schaufelte.

    In der Burgstraße auf der Rückseite des ehemaligen Kaufhauses Kult findet sich das Herzstück dieses Verlages: die Bücher aus der Sowjetunion, aber auch die Romanzeitung (ein Modell, das man sich bei Rowohlt im Westen abgeguckt hatte) oder die Auswahl-Reihe „ad libitum“.

    Außerdem sind in der City folgende Fenster zu Ehren des Verlages aufgebaut:

    – Mädlerpassage: Märchenbände (Mephisto), Gastland Litauen (Kümmelapotheke), Kulinarisches (Gourmetage), Orientalisches (Bazaar)

    – Reisebände (BoConcept)

    – Erotische Literatur (Lieblingsstücke im Alten Kaufhaus)

    – Italienische Literatur (Edsor, Schillerstr.)

    – Afrikanistik und Südamerikanische Literatur (Theaterpassage)

    – Ex Libris (Bücherinsel, Ritterstr.)

    – Französische Literatur (Tizian)

    – Polnische Literatur (Europahaus am poln. Institut)

    – Tschechische Literatur (Prager Bierstuben)

    – Ungarische und jugoslawische Literatur (Kartoffelhaus)

    – Japanische Literatur (Shiki Sushi)

    – Erkundungen und Lederbände (Commerzbank)

    – Weiße Lyrik-Reihe (Hotel Innside)

    – Spektrum-Reihe (Pilot, Gottschedstr.)

    – Dramenreihe (Schauspielhaus)

    Außerdem liegt noch dies und das in Geschäften am Alten Rathaus. „Die Ausstellung wird bald nach der Buchmesse Ende März wieder abgebaut, so dass sich ein baldiger Rundgang empfiehlt“, betont Siegfried Lokatis.

    Führung am 25. März

    Und er lädt auch zu einer Führung zur Volk-und-Welt-Buchlandschaft ein: Am Buchmessesamstag, 25. März, 10 Uhr ist Treffpunkt vor Edsor Kronen in der Schillerstraße 5. Unter dem Titel „Fenster zur Welt: Internationale Literatur in der DDR aus dem Verlag Volk und Welt“ führt Lokatis alle Wissbegierigen durch die City.

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