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Carolas Garten oder Die Rückkehr ins Paradies direkt vor unseren Augen

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    Schon dass er Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke dafür gewinnen konnte, zur Eröffnung seines neuen Panorama-Bildes zu sprechen, war ein Novum für Yadegar Asisi, denn aus dem Leipziger Rathaus erfuhr er seit seinem ersten Panorama-Bild „Everest 8848“ im Jahr 2003 in der Regel gleichgültige Ignoranz. Und dann konnte er auch noch Bazon Brock als Präsentator gewinnen. Und der kürte den Panoramakünstler dann am Freitag gleich mal zum Michelangelo des 21. Jahrhunderts.

    Wobei der berühmte Ästhetikprofessor, Vertreter der Fluxus-Bewegung und Kunsttheoretiker weit ausholte. Für einen wie ihn ist ein solches Panoramabild mit dem Untertitel „Rückkehr ins Paradies“ nicht nur Anregung, sich mit 2.700 Jahren menschlicher Paradies-Rezeption zu beschäftigen, sondern auch mit der Schule des Sehens.

    Denn das ist das Erste, was man mit Yadegar Asisi lernt, der ab 2003 in Leipzig die alte Kunst des Panoramas zu einer neuen Blüte gebracht hat. Doch während im 19. Jahrhundert Panoramen vor allem als „Überwältigungskunst“ (Skadi Jennicke) verstanden wurden, ist Asisis Arbeitsweise der fortwährende Versuch, unsere Welt neu zu sehen. Oder überhaupt erst zu sehen.

    Was Brock dann tief in die „Erfindung der Landschaft“ im 15. Jahrhundert hineinführt und in das zähe Ringen der damaligen Maler, unsere Umwelt überhaupt erst einmal bildlich zu fassen und für den Menschen als Szenerie erlebbar und sichtbar zu machen. „Wer heute verreist, reist in Landschaften“, sagt Brock. Die Reisekataloge sind voll davon. Die Enttäuschung der Reisenden, wenn sie die Landschaft nicht so schön vorfinden wie im Reiseprospekt, ist absehbar. Wer Landschaft nicht zu sehen weiß, ist enttäuscht. Die Welt wird für ihn unlesbar.

    Die 25 Meter große Biene dominiert das Panorama. Foto: Ralf Julke
    Die 25 Meter große Biene dominiert das Panorama. Foto: Ralf Julke

    Aber genau damit bricht Asisi. Wer das neue Panorama betritt, findet sich – klein wie ein Insekt – in Carolas Garten wieder. Carola war eine der ersten Mitarbeiterinnen, die Yadegar Asisi 2003 bei der Entstehung des ersten Panoramas begleiteten, eine Frau, deren ungebrochene Lebensfreude Asisi bis heute bewegt. Auch wenn die Krankheit die scheinbar so energiesprühende Frau aus dem Leben riss.

    Zurück blieb ihr Garten in Leipzig, in den Yadegar Asisi mit seiner Mannschaft drei Jahre nacheinander einrückte, um ihn in allen möglichen Perspektiven zu zeichnen, zu malen, zu fotografieren und zu filmen. Eine eindrucksvolle Ausstellung im Vorraum des Panoramas zeigt, was für eine Bilderfülle dabei entstanden ist und wie sich Asisi – auch mit professioneller Unterstützung bei der Makro-Fotografie – hineingearbeitet hat in die bizarre Welt der Insekten, die in seinem Bild riesengroß erscheinen, am allergrößten die 25 Meter große Biene.

    Bazon Brock bei seiner Eröffnungsrede im Asisi Panometer. Foto: Ralf Julke
    Bazon Brock bei seiner Eröffnungsrede im Asisi Panometer. Foto: Ralf Julke

    Die dann wieder Bazon Brock anregte, die Bedeutung von Asisis neuem Panorama in einen Zusammenhang zu stellen, in dem Asisi selbst sie bislang noch nicht gesehen hat. Denn das Bienensterben ist mittlerweile fast zum Synonym eines gewaltigen Artensterbens geworden, für das der Mensch verantwortlich ist. Und hunderte Künstler beschäftigen sich mittlerweile mit dieser bedrohten Welt.

    „Aber keiner so wie Asisi“, sagt Brock. Dutzende Ausstellungen in Europa zeigen diese Beschäftigung mit unserer Umwelt, dem Environment, das Brock auch mit Umschlossenheit übersetzt. Was ihn zum Begriff Nachhaltigkeit führte, den die Grünen in den politischen Diskurs eingeführt haben und der heute so abgelatscht klingt, weil ihn auch lauter Akteure missbrauchen, denen ein Erhalt dieser lebendigen Vielfalt, in der wir leben, völlig egal ist. Die selbst die Ausplünderung dieses Paradieses noch als „nachhaltig“ bezeichnen. Und wahrscheinlich auch nicht verstanden haben, dass diese Welt genau das ist, was uns erhält.

    Der Gärtner im anbrechenden Abend. Foto: Ralf Julke
    Der Gärtner im anbrechenden Abend. Foto: Ralf Julke

    Brock ging zurück bis in die Antike, benannte den Pantheismus, also die Welt aller Götter (18.000 nach seiner Rechnung, die allesamt schon tot sind.) Dieses Pan aber ist die Haltung des Menschen zur ganzen ihn umgebenden Welt. Panbios wäre wohl besser, sagt Brock. Pangäa ist zumindest bei denen, die begriffen haben, dass mit dieser Welt unsere Lebensgrundlagen verschwinden, ein geläufiges Wort.

    Brock verwies darauf – der Ort regte ja geradezu dazu an – dass auch Pantheon in diese Wort-Welt gehört. Und Panorama erst recht. Und gerade weil Asisi scheinbar das Allerbanalste zu seinem Thema gemacht hat, einen ganz banalen Leipziger Garten, habe er es geschafft, das Thema der Zeit so komplex darzustellen, wie es kein anderer Künstler derzeit vermag.

    Und da fiel ihm historisch nur noch ein anderer ein, der Vergleichbares tat: Michelangelo.

    Auch wenn er in Asisis riesigem Bild, in dem sich die Perspektiven überlagern, gleich ein ganzes Dutzend Kunstepochen wiederentdeckte, in denen große Maler versuchten, unseren Blick auf die Welt um uns herum zu schärfen und zu bereichern. Angefangen bei Dürers genialem kleinen Rasenstück, das man – riesengroß – natürlich auch in Carolas Garten entdeckt.

    Yadegar Asisi und Skadi Jennicke im Panorama. Foto: Ralf Julke
    Yadegar Asisi und Skadi Jennicke im Panorama. Foto: Ralf Julke

    Und wo er schon einmal bei Paradies war (zuerst sollte das Panorama ja „Ein Paradies auf Erden“ heißen), konnte er auch gleich den Bogen schlagen zu den beiden großen Philosophen der 1920er Jahre, die sich mit der menschlichen Beziehung zum Paradies beschäftigt haben: Walter Benjamin und Ernst Bloch, wohl wissend, dass Bloch gerade in seiner Zeit an der Leipziger Universität in den 1950er Jahren an der Frage arbeitete: Wie kommen wir ins Paradies?

    Während Benjamin (der große Pessimist) davon ausging, dass wir uns seit Verlassen des Paradieses unaufhörlich in alle Richtungen davon wegbewegen, also nie wieder paradiesische Zustände erleben werden, nur noch sture Arbeit, sah Bloch aber in der Fähigkeit des Menschen, auch gegen den Wind zu kreuzen, die große Chance, zurückzukehren, wie auf einer Umlaufbahn. So nebenbei zitierte Brock dann auch gleich mal Kopernikus, der noch wusste, was Revolution eigentlich heißt: „De revolutionibus orbium coelestium“.

    Man kehrt auf Umlaufbahnen, wie die Planeten, immer wieder zurück. Aber man schafft die Rückkehr ins Paradies, indem man eben die Revolution wagt. Zumindest gestand Brock der DDR diesen Versuch zu. Gesellschaftlich ist er sichtlich gescheitert, privat haben ihn die DDR-Bürger aber vollzogen: durch die Hinterpforte, die unscheinbare Pforte, die in den Garten führt. Und der Mittelpunkt ihres kleinen und riesengroßen Paradieses ist natürlich ein echtes russisches Erbstück: die Datscha.

    Die Katze darf im Paradies nicht fehlen. Foto: Ralf Julke
    Die Katze darf im Paradies nicht fehlen. Foto: Ralf Julke

    Hat er damit überzogen? Wohl eher nicht. Denn in diesem Kleinen und nur scheinbar Banalen finden wir die Welt. Und auch alles, was sie zusammenhält, auch wenn Brock von Goethe nicht gerade den Faust zitierte, sondern den Werther beschwor, der in seinen lichteren Momenten fertigbrachte, sich einfach ins Gras zu legen und die Welt genau so zu betrachten, wie es Asisi jetzt in seinem großen Panorama zeigt.

    Und wahrscheinlich wirklich so kompakt zeigt, wie derzeit kein anderer Künstler, eben weil er die Perspektive gewechselt hat und aus dieser Käferperspektive zeigt, was für eine grandiose, komplexe und lebendige Welt so ein Leipziger Garten ist. Ein Garten, in dem Carola einst Kraft tankte und in dem Asisi für sich eine Wendung sah: Künftig will er noch viel mehr solcher Natur-Motive in Panoramen verwandeln, das Kleine so groß machen, dass wir es sehen können.

    Dass wir innehalten und hinaufschauen zu Blüten, Grashalmen, Baumkronen, dem ganzen wimmelnden Leben, das uns umgibt – und von dem wir so abhängig sind. Denn wenn all das verschwindet, verschwinden auch wir. Und mit der neuen Göttin (Brock), der Biene, droht dieses Verschwinden schon jetzt. Auch weil wir nicht wirklich sehen, wie sehr wir von dieser Vielfalt abhängen und gerade das Kleine, für uns kaum Sichtbare, die Grundlage für alles Leben ist.

    Selbst das Spielzeug wird Teil der wilden Gartenwelt. Foto: Ralf Julke
    Selbst das Spielzeug wird Teil der wilden Gartenwelt. Foto: Ralf Julke

    Und weil das auch mit einem Begreifen unseres Einsein mit der Welt zu tun hat, hat Brock Asisi gleich mal ein altes Kirchenlied von Paul Gerhardt geschickt, das man nun – eingebettet in die Musik von Eric Baback – auch wieder in jenem Tag-und-Nacht-Zyklus hören kann, den der Garten im Sonnenkreis erlebt.

    „Geh aus, mein Herz, und suche Freud
    in dieser lieben Sommerzeit
    an deines Gottes Gaben;
    Schau an der schönen Gärten Zier,
    und siehe, wie sie mir und dir
    sich ausgeschmücket haben.“

    Und nicht nur der Tageslauf wird in diesem prachtvollen Garten, in dem auch eine Katze schleicht, ein Junge spielt und ein junger Mann im Gewächshaus die Pflanzen gießt, erlebbar, auch die Jahreszeiten sind im Rundbild zu entdecken. Nicht zu vergessen der Kreis des Lebens mit Werden und Vergehen. Und auch das eine oder andere Unrateckchen – ein richtiger Garten eben, der in gigantischer Präsenz zeigt, was viele von uns in der Hatz der Tage nicht mehr sehen: wie wir in all dem Werden allesamt nur klein und vergänglich sind. Und wie groß und faszinierend das alles ist. Und gerade weil Asisi so viele Perspektiven zum Schauen eingebaut hat, geht er weit über ältere Landschaftsbildmotive hinaus.

    Klein unter gewaltigen Blumen. Foto: Ralf Julke
    Klein unter gewaltigen Blumen. Foto: Ralf Julke

    Und dabei wollte es der in Leipzig geborene Künstler doch nur ganz einfach machen: Sehen, Zeichnen, Malen, Fotografieren, das Kleinste sichtbar machen. Am Ende wurde es ein Bild vom Paradies. Und ein echtes Leipziger Bild, denn auch wenn sich Asisi in seiner späten Leipziger Zeit eher als Suchenden, noch Ziellosen beschreibt, habe ihm die Stadt doch genau dieses Gefühl beigebracht, sagt Asisi, und auch jenes utopische Element, das Brock bei Bloch gefunden hat, und das auch in den 1980er Jahren noch viele Leipziger dazu brachte, über das Erstarrte und Bedrückende hinauszuträumen und die Dinge gemeinsam als gestaltbar und veränderbar zu betrachten.

    Womit wir zurückkehren auf der Umlaufbahn, zur Revolution, die meist gar keine Gewehre braucht, aber phantasievolle Menschen, die sich gut vorstellen können, wie sich die Welt verändern lässt.

    Und das scheint heute, so Bazon Brock, weltweit wieder spürbar. Zumindest sind Hunderte auf der Suche. Und viele Suchende werden in „Carolas Garten“ ein Stück des Paradieses finden, das wir suchen. Zu den Bildern von Asisi hat Brock dann auch noch einige Ausstellungstexte geschrieben, in denen er seine Assoziationen zu Asisis großem Gartenbild festgehalten hat. Es lohnt sich also, auch die Ausstellung mit ihren Texten intensiv wahrzunehmen.

    Und mit Skadi Jennicke hat jetzt auch endlich jemand aus dem Leipziger Rathaus nicht nur entdeckt, was Asisi hier wirklich treibt. Sie hat es auch gesagt und gewürdigt. Denn 17 Prozent der Panometer-Besucher kommen zwar aus Leipzig, die anderen aber reisen alle an, um Asisis große Panorama-Bilder in Leipzig zu sehen und zu erleben.

    Ab heute ist das neue Panoramabild „Carolas Garten. Eine Rückkehr ins Paradies“ im Panometer Leipzig zu sehen.

    Ab 26. Januar zeigt das Panometer Leipzig Yadegar Asisis „Carolas Garten – Ein Paradies auf Erden“

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