Zur Jüdischen Woche: L’dor v‘dor – Von Generation zu Generation

Eine Studioausstellung im Böttchergässchen erzählt die Geschichte der Familie von Raphael Chamizer aus Leipzig

Für alle LeserDie Geschichte einer Stadt erzählt sich über die Menschen, die darin wohnen, ihre Schicksale und Lebenswege. Und dabei geht es nicht nur um die berühmten Bürgermeister, Handelsherren und Musiker. Es geht auch um Menschen wie den Arzt und Künstler Raphael Chamizer. Ihm und seiner Familie ist jetzt eine Ausstellung im Studio des Stadtgeschichtlichen Museums gewidmet.

Sie ist Teil der 13. Jüdischen Woche in Leipzig, die unter dem Motto „L’dor v‘dor – Von Generation zu Generation“ stattfindet. Aus diesem Anlass holt das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig die Geschichte einer besonderen Leipziger Familie in die Gegenwart der Stadt zurück. Drei Generationen der jüdischen Familie Chamizer und deren Lebenswege zwischen Deutschland und Israel werden in der Ausstellung „L’dor v‘dor – Von Generation zu Generation. Familie Chamizer aus Leipzig“ anhand bisher unzugänglicher Kunstwerke und Fotografien vorgestellt.

Raphael Chamizer in seinem Leipziger Bildhaueratelier, 1935. Foto: Rubin Maas

Raphael Chamizer in seinem Leipziger
Bildhaueratelier, 1935. Foto: Rubin Maas

Das künstlerische Schaffen der Familie nahm mit dem 1882 geborenen Raphael Chamizer seinen Anfang. Der Sohn des Orientalisten Moritz Chamizer praktizierte als Arzt in Leipzig, beschäftigte sich aber seit seinem 43. Lebensjahr mit Kunst und bildete sich in seiner Freizeit autodidaktisch zum Bildhauer aus. Bereits drei Jahre später, im Jahr 1927, konnte Raphael Chamizer seine erste Ausstellung im Museum der bildenden Künste realisieren.

Das Wohnhaus der Familie war die Villa Najork in der Bismarckstraße (heute Ferdinand-Lassalle-Straße).

Hubert Lang konnte in seinem einfühlsamen Porträt noch viel mehr über diesen kunstsinnigen Arzt erzählen, der 1931 das Atelier des von ihm verehrten Max Klinger in der Karl-Heine-Straße übernehmen konnte. Das Ärzteblatt verrät zumindest noch, dass Raphael im Jahr 1910 heiratete – aber nicht den Namen seiner Frau: Ela hieß sie.

Die Chamizers lebten bis 1938 in ihrer Heimatstadt Leipzig. Danach emigrierten sie unter dem Verfolgungsdruck der Nationalsozialisten nach Israel. Die meisten künstlerischen Arbeiten mussten zurückbleiben, berichtet Hubert Lang. Sie blieben bei Raphaels Schwester Lucie Löbl, die dann Opfer des Holocaust wurde.

In Israel musste für Raphael und seine Familien ein neues Leben beginnen. Raphael eröffnete wieder eine Arztpraxis, gab seine Leidenschaft als Bildhauer aber nicht auf: Er präsentierte seine Werke im Tel Aviv Museum of Art. Die Söhne Immanuel und Gideon erbten das künstlerische Geschick des Vaters, wurden Maler und Kunstkeramiker und eröffneten in Israel eine Werkstatt für Kunsthandwerk.

Lilo, Raphael Chamizer, Bronze 1934. Foto: privat

Lilo, Raphael Chamizer, Bronze 1934. Foto: privat

1948 traf ein Schicksalsschlag die Familie: Immanuel kam als Soldat im arabischen-israelischen Krieg ums Leben.

Gideon ging in den 1960er Jahren in die Bundesrepublik Deutschland zurück, leitete die therapeutische Keramikwerkstatt in den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel (Bielefeld) und arbeitete zugleich erfolgreich als freier Künstler.

Auch Immanuels Sohn Dan, der beim Tod des Vaters erst ein Jahr alt war, erbte die künstlerische Begabung der Familie. Er wurde ein bekannter Radiomoderator und Filmemacher in Israel und ist heute als Konzeptkünstler im Künstlerdorf Ein Hod bei Haifa tätig. Für die Ausstellung in Leipzig drehte er ein Künstlervideo, inspiriert von seiner Familiengeschichte.

 

Selbstporträt Immanuel Chamizer, Öl auf Leinwand, 1947. Foto: privat

Selbstporträt Immanuel Chamizer, Öl auf
Leinwand, 1947. Foto: privat

Und nicht nur an Ausstellungen nahm Raphael Chamizer teil. Er schuf auch Kunstbücher.

Dan Chamizer überreicht der Stadt Leipzig aus Anlass der Ausstellung fünf originale Künstlerbücher seines Vaters als Geschenk. Diese entstanden zwischen 1928 und 1932 in Leipzig und auf Reisen und zeigen Aquarelle, Drucke oder auch Zeichnungen. Die Texte und Gedichte dazu weisen eine erstaunliche Weitsicht und Reife des damals noch jugendlichen Immanuels auf: Sie sind zeitkritisch, ironisch, manchmal auch satirisch.

Künstlerbücher Immanuel Chamizer
– Nach Paris, 1928
– Von A bis Z, 1929
– Das Märchen vom modernen Mann, 1929
– Eine erschröckliche Historie von der Zukunft, 1930
– Und die Moral, 1932

Familie Chamizer aus Leipzig: Am Dienstag, 25. Juni, wurde die Ausstellung offiziell eröffnet. Im Studio des Stadtgeschichtlichen Museums in der Böttchergasse ist die vom 26. Juni bis zum 11. August zu sehen.

Eine Führungen mit Dr. Andrea Lorz gibt es am Donnerstag, 4. Juli, um17 Uhr: Die Chamizers. Porträt einer Leipziger Familie.

Stadtgeschichtliches MuseumJüdische Woche
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