Ausstellen oder nicht ausstellen? Vor der Frage standen die Leipziger Buchwissenschaftler/-innen auch in diesem Jahr. Denn ihre Schaufensterausstellungen mit den Buchproduktionen legendärer Verlage waren bei vergangenen Buchmessen immer ein Hingucker in der Leipziger Innenstadt. Aber diesmal entschieden sie sich, lieber nur ein Lokal zu bespielen.

Natürlich war es die noch längst nicht beendete Pandemie, die die Studentinnen und Studenten aus der Buchwissenschaft der Uni Leipzig lieber davon Abstand nehmen ließ, die Schaufenster Dutzender Geschäfte und Gastronomiebetriebe in der City mit den beeindruckenden Schätzen aus dem Sammlungsbestand zu bestücken.

Nur eine Lokalität haben sie dann trotzdem vor allem knallroten Büchern ausgeschmückt: das „Pilot“ am Schauspielhaus in der Gottschedstraße, wo die 13 Schaufenster den Vorübergehenden jetzt das wahrscheinlich wirklich als Jahrhundertwerk zu bezeichnende Programm des 1964 in Westberlin gegründeten Wagenbach Verlages zeigen.

Anlass ist der Tod des legendären Verlagsgründers Klaus Wagenbach im Dezember, der sein Wirken als Verleger tatsächlich als unverzichtbaren Beitrag zur demokratischen Diskussion in der Bundesrepublik begriff und sich vor der Herausgabe streitbarer Titel nicht scheute. Auch das „Kursbuch“ nahm in seinem Verlag einst seinen Anfang.

Die in knallrotes Leinen gebundenen Wagenbach-Bücher sind aber auch längst zu einem Spiegel der avantgardistischen Literatur der letzten 60 Jahre geworden. Wer die Bücher sammelt, liebt sie und hat mit jedem Titel auch immer einen ästhetischen Genuss in der Hand.

Die roten Bücher waren auch immer wieder Teil der von der Buchwissenschaft der Uni Leipzig arrangierten BuWisionen der vergangenen Jahre, zeigen sie doch, dass markante und gut gestaltete Buchreihen ganz und gar nicht der Vergangenheit angehören.

Und auch nicht „veralten“, wenn Verleger sich wirklich die Mühe geben, eine unverwechselbare Buchreihe zu schaffen, die ein „Jahrhundertwerk“ werden kann.

Und die Gelegenheit nutzt Buchprofessor Siegfried Lokatis auch für ein kleines Abschiedsgeschenk an Leipzig. Mit seinem Namen sind ja mehrere Forschungsprojekte zur Buchstadt Leipzig, zu ostdeutschen Verlagen und zur Zensurpraxis in der DDR verbunden.

In seinem letzten Seminar hat er seine Studierenden aufgefordert, einmal einige der Leipziger Bücherschätze im Videoclip zu zeigen und die Geschichte dazu zu erzählen.

Diese Clips wurden Teil der jetzt online zu besuchenden „BuWision 2022“, bei der die Clips gleich mit der Leipziger Google-Karte verbunden sind. Selbst die Leipziger Buchmesse findet man – aber vorrangig als Ausflug in ihre Geschichte, als sie noch das Publikum in das Messehaus am Markt lockte.

Man findet das Reclam-Museum genauso porträtiert wie Ausflüge zu den eindrucksvollen Verlegervillen im Bachviertel und im Musikviertel und natürlich das Bibliotop, wo die Leipziger Buchwissenschaft ihre Bücherschätze untergebracht hat – ein riesiger Forschungsbestand in echten Tresorräumen.

Man kann also einfach daheim im Lesesessel ein Stück Leipziger Bücherwelten entdecken, wenn man sie noch nicht kennt. Aber auch aktive Verlage wie den Poetenladen oder die Evangelische Verlagsanstalt. Denn auch wenn das Bibliotop gefüllt ist mit den Verlagsarchiven auch von einst Leipziger Verlagen, die es heute in Leipzig nicht mehr gibt, ist die Buchstadt nicht wirklich Vergangenheit.

Als Verlagsstadt ist Leipzig noch immer lebendig, kreativ und fleißig. Was auch ein Grund dafür ist, dass es eben trotz Absage der Buchmesse ein großes Lesefest in der Stadt gibt und natürlich auch das Lesefestival weiter:lesen in Felsenkeller und Moritzbastei.

Die „BuWision 2022“ findet man hier.

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