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Leipziger Inselplakate: In 36 liebevoll gestalteten Plakaten eine ganze Insel-Welt entdecken

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    Seit 2012 erfreuen die Inselplakate nicht nur die Leipziger zur Buchmessezeit. Damals wurde die legendäre Insel-Bücherei 100 Jahre alt. Eigentlich ein echtes Leipziger Ereignis, hatte der Insel-Verlag ja 1912 seinen Sitz in Leipzig. Aber die Zeitläufe haben den Verlag inzwischen zu einem Teil des Suhrkamp Verlages in Berlin gemacht. Also nahmen sich die Leipziger Buchwissenschaftler des Jubiläums an.

    Mit großen, thematisch gestalteten Plakaten machten sie nicht nur auf das ganz besondere Jubiläum einer beliebten Buchreihe aufmerksam, sondern machten auch sichtbar, welche Themenwelten in so einer nicht nur bei Sammlern beliebten Reihe zusammenfinden. Und zwar selbst dann, wenn die Herausgeber gar nicht so thematisch geplant haben. Aber wenn über 100 Jahre immer neue Titel produziert werden, die an die Neugier, den ästhetischen Genuss und die Sammelfreude der Buchkäufer appellieren, entstehen ganz von allein auch thematische Welten. Und einige davon machten die Plakate des Jahres 2012 auch schon deutlich.„Schiff ahoi!“ hieß eines, das – unterm Zeichen des Verlagssignets – die maritimen Titel aus den mittlerweile über 2.000 Bändchen der Insel-Bücherei auswählte. Eines zeigte die „Weltkultur“, die in der Bücherei von Anfang an vertreten war. Weshalb die liebevoll und unverwechselbar gestaltete Reihe eben nicht nur Sammler ansprach, die darauf erpicht waren, eine möglichst vollständige Sammlung aller erschienenen Titel zusammenzubekommen.

    Sie sprach auch immer all jene Leser/-innen an, die einfach nur einen möglichst schönen, jederzeit griffbereiten Überblick zur Weltliteratur haben wollten. Und da dabei immer auch liebevoll gemachte Titel zu Kunst, Kultur, Götter-, Mythen- und Sagenwelt der Völker erschienen, war die Bücherei immer auch ein Blick in die Welt. Wer die Bändchen hatte, wusste das Wichtigste, was es zu wissen gab. Damals, als es noch etwas galt, wenn jemand sich als ein kulturvoller Mensch verstand. Das war mal etwas Erstrebenswertes in Zeiten, bevor jeder sein eigener Lautsprecher und Besserwisser werden konnte.

    Fast hätte man meinen können, solche Buchreihen stürben aus, wenn das Internet mit seinen ganzen Fakes, Manipulationern und Oberflächlichkeiten das Buch verdrängen würde. Aber die Insel-Bücherei lebt, wie man auch auf der Website des Suhrkamp Verlages sehen kann. Und die Herausgeber haben augenscheinlich die alte Lust wiederentdeckt, den buchlesenden Menschen wieder genau das Gefühl zu geben, dass ihnen hier Literatur und Kultur mit Liebe und Gestaltungswillen nahegebracht wird.

    Also genau das, was 1912 mal die Gründung dieser Buchreihe gedanklich begleitete. Ganz abgesehen davon, dass man mit diesen Bändchen auch einen guten Teil der lesenswerten Weltliteratur in die Hand bekam. Was dann natürlich auch leicht möglich macht, Plakate mit Titeln zur Schweiz, zu Irland oder zu China zu gestalten.

    Es waren die Studierenden der Buchwissenschaft selbst, die 2012 darangingen, die Plakate zu gestalten und auch mit der Ästhetik der Bändchen zu spielen, sodass die Plakate selbst dann noch einmal sichtbar machten, dass sich schon die Gestalter der einzelnen Bändchen sehr viel Mühe gegeben hatten, den Inhalt auch in der Gestaltung des Buches sichtbar zu machen.

    Natürlich sehen die kleinen Bändchen, die sich mit Garten und Natur beschäftigen, wie florale Zauberkästchen aus. Und entsprechend blütenreich präsentiert sich das Plakat „Sommergarten“. In dunklem Waldesgrün lädt „Im Walde“ ein und in kosmischer Schönheit das Plakat „Lunatisch“.

    Ein buchwissenschaftliches Experiment mit einem Inselbändchen: Ein Termitenbuch von Sophie Lokatis und Julia Alice Treptow

    36 Plakate sind seitdem entstanden, die jüngsten im Frühjahr 2021 für eine Buchmesse, die nicht stattfindet. Und – im Fall von „Kulinarisch“ – für Gaststätten, die bislang ihre Innenräume noch nicht wieder öffnen dürfen. Aber die Plakate sind ja nicht nur für die bis 2019 üblichen Buchmesserundgänge gedacht und die Schaufensterausstellungen in der Leipziger Innenstadt.

    Sie sind längst schon selbst wieder bei Sammlern beliebt und sind auch schon als eigene Ausstellung in die Welt gereist. Denn Bücher sind Botschafter. Sie erzählen davon, was Leser/-innen wirklich fasziniert: die ganze Welt. Auch wenn ab und zu ein paar Kriege, Diktaturen und deutsch-deutsche Zwistigkeiten dazwischenkommen, die auch die Insel-Bücherei immer wieder durcheinandergewürfelt haben.

    Darüber schreibt Siegfried Lokatis in dem, dem Buch beigegebenen, Essay „Eine gesamtdeutsche Reihe? Der Inselbuch-Nummernkrieg 1962–1987“. Wobei das eher kein Krieg in dem Sinn war, sondern das Ergebnis der Tatsache, dass es zeitweilig zwei Insel-Verlage gab, die sich irgendwie mit den Gegebenheiten der deutschen Teilung arrangieren mussten. Und manchmal gelang das ganz gut, manchmal siegten die Animositäten.

    Aber das Nummernwirrwarr begann ja nicht erst 1962, auch das erwähnt Lokatis. Das ging schon 30 Jahre früher los, als auch der Insel-Verlag auf die Zensurpolitik der Nazis reagierte und etliche „unerwünschte“ Autor/-innen aus dem Programm flogen und die Nummern mit genehmeren Titeln besetzt wurden. Was dann auch schon vor 1962 das Sammeln aller verfügbaren Insel-Bändchen zum Abenteuer machte.

    So gesehen ist die Insel-Bücherei sogar ein exemplarisches Beispiel dafür, welches Chaos staatliche Verbotspolitik und Bevormundung anrichtet in der Bücherwelt. Und wie erfolglos sie damit letztlich ist. Denn über die Verkäuflichkeit der Ware Buch entscheidet nicht, ob der Inhalt den Zensoren genehm ist, sondern ob er den Käufern gefällt. Möglichst samt grafischer Gestaltung. Ein gutes Buch muss man nicht mal einwickeln, es ist von vornherein ein Geschenk für Auge und Phantasie. Und so werden die meisten Insel-Bändchen wohl auch gekauft und verschenkt. Fast jedes ein gelungenes Geschenk für die Beschenkten.

    Und dieser großformatige Band ist es auch, nicht nur, weil er alle 36 bislang entstandenen Inselplakate detailliert vorstellt und auch erläutert, was im Detail zu sehen ist. Sondern auch, weil er den noch nicht Faszinierten zeigt, welche Vielfalt in dieser nun 109 Jahre alten Buchreihe steckt und was man alles entdecken kann, wenn man sich auch nur thematisch in sie hineinwühlt. Zum Beispiel in die vielen kleinen Schriften großer Autor/-innen, die sonst oft in Sammelbänden untergehen und hier ihren eigenen, liebevoll gestalteten Auftritt haben.

    So mancher wird sich animiert fühlen, auch mal wieder im Antiquariat zu stöbern, selbst dann, wenn man gar nicht mit den großen Sammlungen wetteifern möchte, in denen die ganze Insel-Bücherei fast vollständig zu finden ist, gar mit Erstausgaben und allen möglichen Varianten in Gestaltung und Druck. Die Freude beginnt ja schon dann, wenn man einzelne Titel bekommt, die man immer schon mal lesen wollte.

    Und die man gern immer wieder liest. Gerade in unseren so chaotischen Zeiten. Nichts hilft besser gegen den Irrsinn der Tage, wie ein Griff zu Eichendorffs „Wanderliedern“, Heines „Wintermärchen“ oder „St. Brandans Wundersamer Seefahrt“. Man findet seinen Swift genauso wie seinen Zweig, seinen Goethe sowieso (zu dem es natürlich ein eigenes Inselplakat gibt) oder seinen Petrarca, Hesse oder Dickens. (Ja, das Plakat Frauen-Power fehlt noch.)

    Fast möchte man meinen: Es ist alles da. Was natürlich nicht stimmt. Aber es ist von allem etwas da. Und vor allem so schön portioniert, dass diese Bücherei für viele Leser/-innen immer schon der Einstieg war ins selbstbestimmte Lesen. Worin sich die Insel-Bücherei dann wieder von der ebenfalls in Leipzig geborenen Reclam Universalbibliothek unterscheidet, mit der viele leider heute auch noch ihre unliebsame Begegnung im Schulunterricht machen. Leider, muss man sagen. Das hat auch Reclam nicht verdient.

    Und wer sich noch nicht in die Insel-Welt verirrt hat, für den ist dieses Plakate-Buch wie eine Einladung, einzutauchen und zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, wie viele Welten in so einer kleinen Bücherei zu entdecken sind.

    Siegfried Lokatis Leipziger Inselplakate, Edition Hamouda, Leipzig 2021, 36 Euro.

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