Verantwortliche Redaktion: Wie die Zensurwerkstätten in der DDR tatsächlich funktionierten

Für alle LeserEr ist Leipzigs Buchprofessor: Siegfried Lokatis, Professor für Buchwissenschaft in Leipzig. Das ist eine Professur, die noch in den 1990er Jahren der Börsenverein des deutschen Buchhandels aus der Taufe hob, natürlich in Leipzig, jener Stadt, die lange als Buchstadt galt, der aber die alten Verlage endgültig verloren zu gehen drohten. Und bevor alles verschwindet, sollte man wenigstens erforscht haben, was da verschwindet.
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Die Professur war aber zugleich auch ein Glücksfall, spätestens, als es Lokatis gelang, das Archiv des Leipziger Reclam-Verlages, der 1992 wieder mit dem Westpendant in Ditzingen verschmolz, zu Forschungszwecken leihweise überstellt zu bekommen. Das war ein Initialzünder, weil damit erstmals die Arbeit eines ganzen Verlages von 1945 bis 1992 anhand der erhaltenen Verlagsbestände untersucht werden konnte.

Für Medienwissenschaftler ein geradezu kostbarer Bestand, denn erstmals war am Originalbestand erforschbar, wie Bücher in der DDR entstanden, wie Lektoren arbeiteten, wie der Verlag mit Autoren und Übersetzern korrespondierte, wie Feste gefeiert wurden und um jede Tonne Papier gekämpft wurde. Und natürlich wurde das Thema sichtbar, das in diesem Buch einmal in erstaunlicher Breite abgehandelt wird: Wie funktionierte eigentlich Zensur in der DDR?

2008 hatten ja Simone Barck und Siegfried Lokatis schon den eher feuilletonistischen Band „Zensurspiele“ herausgebracht, in dem sie die zum Teil turbulente Vorgeschichte etlicher bekannter DDR-Buchtitel erzählten. Ein Buch, das schon sehr plastisch machte, wie komplex das Wechselspiel zwischen ambitionierten Verlegern, Lektoren, Autoren und Zensur war, wobei der Leser damals schon erfuhr, dass es „die Zensur“ in der DDR nicht gab, sondern ein ganzes Geflecht von widerstreitenden Institutionen und Entscheidungsebenen. Das Buch machte sichtbar, warum so viele beliebte Bücher in der DDR oft jahrelang in der Genehmigungsschleife steckten, wie manchmal Jahrzehnte vergingen, bis endlich ein günstiger Moment dem Buch dann doch noch zum Druck verhalf.

Aber damit allein gaben sich die Leipziger Buchwissenschaftler nicht zufrieden. Sie wollten wirklich wissen, wie die Zensur in der DDR funktionierte. Oder sollte man besser sagen: Wie Zensur überhaupt funktioniert? Denn mir ist bislang noch kein profundes Buch bekannt, dass sich wirklich einmal gründlich mit historischen Erscheinungsformen von Zensur beschäftigt hat, auch nicht auf dem Feld der Buchzensur.

Die Gründe sind wahrscheinlich simpel: Die betroffenen Autoren schrieben über das Thema natürlich nur aus der Betroffenenperspektive, kannten vielleicht ihre Gegenspieler, aber natürlich nicht den amtlichen Teil und die Probleme ihrer Verleger. Und staatliche Archive dazu gibt es entweder nicht oder es hat sich noch keiner hineingewagt. Vielleicht existieren die Akten etwa zur preußischen Zensur nicht mehr, was ich bezweifle. Preußische Beamte werfen nichts weg, auch Zensurbeamte nicht.

Aber erst wenn man die staatlichen Akten hat, kann man auch die Funktionsweise, Absichten und Winkelzüge staatlicher Zensur beschreiben. Natürlich ist das jetzt eine laute Bitte an unsere jungen Buchforscher: Bitte, bitte schreibt auch das große Buch zur Preußenzensur! Und zur Zensurpraxis im Wilhelminischen Reich. Und zu der im 1. Weltkrieg. Usw.

Natürlich gibt es da ein zweites Problem: Es gibt kaum Verlage, die noch so alte Verlagsarchive besitzen. Sucht sie!

Denn was Siegfried Lokatis in diesem Buch hier auf Grundlage mehrerer in den vergangenen Jahren schon publizierter Einzelbeiträge als Gesamtschau bringt, das ist der forschende Blick ins Räderwerk einer realen Zensurbehörde. Die sich natürlich nie so nannte. Seit Heines Zeiten war das Wort Zensur bekleckert, es passte nicht zum Außenbild der DDR, die sich ja dick und breit das Wort demokratisch in den Namen geschrieben hatte. Also hieß die Institution, die sich im Lauf der 45 Jahre um die Kontrolle all dessen, was im Osten veröffentlicht werden durfte, immer wieder anders, änderte auch ihre Strukturen und ihre Unterstellung. War es anfangs der Kulturelle Beirat bzw. sein Sekretariat, die sich um die Erlaubnis des Druckbaren kümmerten (damals noch neben der Militärzensur der sowjetischen Besatzer), so ging daraus 1951 das Amt für Literatur hervor, das sich im Lauf der Jahre bis zur legendären Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur wandelte.

Wobei selbst diese von einem stellvertretenden Minister geleitete Behörde nicht alles kontrollierte. Weshalb Siegfried Lokatis natürlich weit ausholt und auch die zentral gelenkte Gründung der ersten Verlage im Osten nach sowjetischem Vorbild beschreibt, die freilich nicht allein blieben, sondern bald durch eine Reihe von Parteiverlagen ergänzt wurden. Nicht nur die SED besaß mit dem Dietz Verlag einen eigenen Verlag, auch CDU, NDPD, FDJ, FDGB und Bauernverband besaßen eigene Verlage, in die sie sich ungern hineinregieren ließen, was erst recht auf die Verlage von NVA oder Akademie der Wissenschaften zutraf.

Was nicht bedeutet, dass es dort keine Zensur gab. Nur kam hier nicht nur die Konkurrenz unterschiedlicher Institutionen zum Tragen, auch die unterschiedliche Zuordnung zu unterschiedlich mächtigen Ministerien entschied über die Bewegungsfreiheit einzelner Verlage.

Und dann denkt man kurz an solche Floskeln wie „Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit durch die SED“, mit der oft plakativ in die Kiste gepackt wird, was man meint unter Zensur in der DDR verstehen zu können. Aber das klingt nach den beliebten „Leitplanken“, nach einem strengen Gesetz, das klar definierte, was verboten war. Aber so ein Gesetz gab es nie. Nicht mal eine Verordnung. Als die Zensur in der DDR am 1. Januar 1989 in Teilbereichen aufgehoben wurde, konnte das nicht einmal in irgendeiner Form öffentlich verkündet werden. Denn was es nicht gab, konnte ja auch nicht abgeschafft werden.

Und wirklich aufgegeben hat die SED ihre Kontrolle über das zum Drucken Freigegebene auch 1989 nicht, auch wenn jetzt tatsächlich die DDR-Belletristik-Verlage endlich darangingen, all das zum Druck zu bringen, was ihnen Jahrzehnte lang verwehrt war. Das Jahr 1989 war auch, was die veröffentlichten Buchtitel betraf, ein goldenes Jahr, das Jahr 1990 wäre geradezu ein Rausch lang ersehnter Titel geworden. Doch mit der Währungsunion im August 1990 war auch das Schicksal dieser Bücher besiegelt – zu Millionen landeten sie in Containern. Der beste aller DDR-Jahrgänge an Büchern landete in der Tonne. Da muss Siegfried Lokatis gar nicht übertreiben, wenn er schreibt, wie bitter das ist. Auch aus Sicht eines Buchmenschen.

Und erst recht, nachdem er auf über 500 Seiten die Entstehung der Genehmigungspraxis in der DDR beschrieben hat. Denn darum geht es im Kern. Denn nach sowjetischem Vorbild verschaffte sich auch die SED von Anfang an die komplette Kontrolle über alles, was im Osten veröffentlicht werden durfte. Es gab keinen Titel, der ohne vorherige Begutachtung und Genehmigung durch eine staatliche Instanz gedruckt wurde. Nur gab es gerade in den ersten Jahren kaum Leute, die so eine Tätigkeit tatsächlich ausüben konnten.

Denn wer sich landläufig vorstellt, dass da einfach ein paar grimmige Funktionäre saßen, die nach kurzem Durchblättern der Manuskripte entschieden, ob es Druckgenehmigung und Papierkontingente gab oder nicht, der hat ein falsches Bild im Kopf. Immerhin ging es im Schnitt um 6.000 Titel jedes Jahr. Zu jedem mussten mindestens zwei Gutachten eingeholt werden, wenn es gar zentrale Politikbereiche betraf, auch gleich noch welche aus den SED-eigenen Instituten.

Aber um solche fachlichen Gutachten zu bekommen, brauchte man eine Menge Gutachter, von denen die wenigsten in der jeweiligen Hauptverwaltung saßen, die meisten waren als Außengutachter beschäftigt und etliche von ihnen waren selbst Autoren. Je weiter man sich hineinliest in diese Zeitgeschichte der DDR-Zensur, umso mehr spürt man von dem Zerren und Ringen um die richtigen Titel, um Kapitel und Passagen.

Und man bekommt mit, welche Wendungen und Zickzackkurse in der Politik der DDR und ihrer Muttermacht oft abrupt dafür sorgten, dass sich die Zensurpraxis lockerte oder verschärfte. Die Schicksale von Walter Janka, Wolfgang Harich oder Erich Loest erzählen ja von diesen Wendungen und davon, wie schnell die Hoffnung auf eine Lockerung der Zügel dazu führen konnte, dass man selbst in Bautzen landete.

Aber es gehört dazu. Denn was Lokatis hier herausarbeitet, ist vor allem ein Lernprozess. Die Genehmigungspraxis in der DDR war keineswegs von Anfang an fertig. Und sie hatte ihre Grenzen, nicht nur beim knappen Papier, das den Verlagen zugeteilt oder entzogen wurde, wenn man sie zur Raison bringen wollte. Der Dietz Verlag bekommt nicht ohne Grund ein eigenes Kapitel, weil an dessen Geschichte besonders deutlich wird, wie auch hier – mitten im Herzen der politischen Bevormundung – das „Primat der Ökonomie“ zuschlug. Wer seinen Marx nicht gelesen hatte, der lernte über die harte Wirklichkeit, dass über das Schicksal von Büchern nicht die Partei entscheidet, sondern der Käufer, der Konsument, der Leser.

Die Leser in der DDR wussten es zwar nicht, welchen Einfluss sie auf die Buchproduktion hatten. Aber je tiefer Lokatis in die Materie eintaucht, umso deutlicher wird, wie die SED mit ihren frühen Versuchen, den Buchmarkt inhaltlich restruktiv zu bestimmen, gescheitert ist. Und zwar wirklich schon in den frühen 1960er Jahren, auch wenn solche Propaganda-Veranstaltungen wie die Bitterfelder Konferenz (1959) oder das 11. Plenum des ZK der SED (1965) immer wieder den Eindruck erweckten, die SED hätte die Macht zu bestimmen, was im Osten gelesen wurde.

Trotz aller großen Kampagnen: Die Supermeisterwerke des Sozialismus blieben einfach unverkäuflich liegen – entweder gleich im Großhandel bei LKG oder in den Buchhandlungen. Während sämtliche Buchtitel, die den Lesern tatsächlich Überraschendes, Neues, Verbotenes versprachen, oft nicht mal den Weg auf die Ladentheke schafften. Und das betraf sowohl heiß diskutierte Titel aus dem Westen als auch die kritisch diskutierten Titel der eigenen Autoren, die Siegfried Lokatis wohl nicht zu Unrecht zur Spitze der deutschen Literatur in dieser Zeit zählt.

Was auch damit zu tun hat, dass der Buchmarkt im Lauf der Jahrzehnte zu einer echten Gegenöffentlichkeit wurde. Was in den Parteiblättern des Landes nicht gesagt, geschrieben und gedacht werden durfte, erschien – wenn auch verwandelt und manchmal zwischen den Zeilen – dafür in den viel diskutierten Romanen, Dramen und auch Gedichtbänden der DDR. Lokatis sagt nichts Falsches, wenn er betont, dass es die Literatur der DDR war, die die Friedliche Revolution mit vorbereitet hat. Gedanklich auf jeden Fall. Und die engagierten Verleger, die in ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit der Genehmigungspraxis gelernt hatten, die Grenzen des Sagbaren auszuweiten, gehören natürlich auch dazu.

Spätestens ab den 1970er Jahren erkämpften sie den Raum für Titel, die für die Leser im Land einerseits die faszinierende (und hochkompetente) Entdeckung der Welt-Literatur waren und zum anderen das Nachdenken über den Zustand der eigenen Gesellschaft befeuerten. Dazu gehörten dann auch all die zu hunderttausenden verkauften Titel der sowjetischen „Tauwetter“-Autoren. Gerade am Beispiel des Verlags Volk und Welt macht Lokatis erlebbar, wie die Welt in spannenden Buchreihen ins Land kam – Buchreihen, die wirklich heiße Bückware waren wie die schwarze Spektrum-Reihe oder die Ex-libris-Auswahl. Von den Büchern eines Aitmatow, Rasputin, Ehrenburg oder Bulgakow ganz zu schweigen.

Und da die Verlage oft schon aus simplen Devisen-Gründen gezwungen waren, auf teure Lizenzen aus der BRD zu verzichten, erlebten in der DDR Autoren aus Ländern eine regelrechte Erfolgswelle, die im Westen Deutschlands kaum wahrgenommen wurden – darunter viele Schweizer, österreichische oder australische Autoren.

Eine Entwicklung, die auch deshalb möglich wurde, weil sich die Genehmigungspraxis schon vor 1989 änderte. Die Hauptverwaltung war ja nie eine reine Verbotsbehörde. Sie war eher der Versuch, die Buchproduktion komplett zu steuern – von der Titelplanung und Titelgenehmigung in den Verlagen angefangen über die Papierzuteilung bis zum Vertrieb im Buchhandel. Es war in gewissem Sinn auch wieder ein zentrales Planungselement, nur dass es von Anfang an unter bissigen Konkurrenzen litt. Und wenn selbst der Hauptverwaltung die letztliche Entscheidung über einzelne Titel zu heiß wurde, dann ging der Buchminister Klaus Höpcke zum Ideologiechef Kurt Hager und stimmte mit ihm direkt ab, wie mit den Titeln verfahren werden sollte.

Was gerade in den 1980er Jahren eben kaum noch Verbot bedeutete, sondern eher eine Verschiebung des Erscheinungstermins, eine Kürzung der Auflagenhöhe, der Wunsch nach einem parteikonformen Vorwort oder nach der Änderung einzelner Stellen oder Kapitel. Gerade das macht am Ende sehr deutlich, wie sehr die Genehmigungspraxis in der DDR ein Aushandelungsprozess war, bei dem die SED sich zwar das letzte Wort vorbehielt, bei dem sie aber tunlichst solche Machtdemonstrationen vermied, die in den 1950er und 1960er Jahren noch üblich waren.

Der Leser bekommt hier tatsächlich das umfassendste und detailreichste Buch zur Zensurgeschichte der DDR in die Hand, wobei Lokatis mit Absicht das Wort Zensur in den Untertitel verbannt hat. Denn das, was in diesem 40-jährigen Lernprozess entstand, war tatsächlich eine Verinnerlichung des Wissens um das Sag- und Schreibbare auch bei Verlegern, Lektoren und Autoren. Was direkt mit dem Wort Verantwortung zusammenhängt.

Das stammt nämlich noch aus der alten stalinistischen Schule und besagt, dass jeder Funktionsträger, egal auf welcher Ebene, für das, was er genehmigt und zulässt, die volle Verantwortung trägt. Oder noch deutlicher: Er haftete mit seinem Kopf und riskierte in den turbulenten 1950er Jahren auf jeden Fall ein paar Jahre Zuchthaus, wenn er einen Fehler machte. Ein gut Teil der (Vor-)Zensur konnte also im Lauf der Zeit nach unten wandern, zu den Verlegern und Lektoren, die allesamt genau wussten, wo aktuell gerade die Grenze des Geduldeten verlief. Das ist mit dem Begriff „Verantwortliche Redaktion“ gemeint.

Nur dass sich diese Grenzen spürbar verschoben und dass Autoren, Lektoren und Leser oft am selben Strang zogen, wenn es um das Mehr-Sagbare ging. Sie waren ja natürliche Verbündete. Und schon das Gerücht, in einem neuen Buch könnte es „Stellen“ geben, ließ den neuen Titel sofort zur Bückware werden. Zwar fehlen, wie Lokatis feststellt, belastbare Studien dazu, ob die DDR-Leser die Bücher tatsächlich alle gelesen haben. Aber man kann wohl davon ausgehen, dass gerade die besonders heißen Titel tatsächlich auch gelesen wurden.

Das nächste große Thema, das sich die Leipziger Buchwissenschaftler jetzt vornehmen, sind übrigens die hunderttausenden von Gutachten, die damals geschrieben wurden – manche ganz augenscheinlich auf hohem fachlichem Niveau, viele auch ernsthafte Streitschriften, ein Buch unbedingt zur Veröffentlichung zu bringen, manche auch parteiliche Verrisse im Geist des Stalinismus. Aber allein die schiere Menge dieser Gutachten fasziniert den Forscher. Und wieder kommt so ein Gedanke: Gibt es das nicht auch aus anderen historischen Epochen? Man ahnt nur, was es eigentlich noch alles zu erforschen gibt, wenn man nur die Archive dafür findet. Eine ganze Welt geistiger Auseinandersetzungen um das Sagbare und Druckbare und den Willen der Machthaber, zu bestimmen, was das sein darf.

Siegfried Lokatis Verantwortliche Redaktion, Dr. Ernst Hausweddell & Co. KG, Stuttgart 2019, 78 Euro.

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