Der im Leipziger Süden heimische Sax Verlag entwickelt sich nach und nach auch zu einem Verlag, in dem sich die sächsischen Verlags- und Verlegergeschichten sammeln. Nicht nur die Geschichten zur Buchstadt Leipzig, sondern auch die zu den Persönlichkeiten, die hier einst die Bücher machten, die das Kaiserreich und die Republik in ihren Bann schlugen. Mit Harry Schumann und dem Carl Reissner Verlag wird nun ein fast vergessenes Verlagsschicksal aus dem Dunkeln geholt.

Hier erschienen die Bücher zur Buchstadt von Sabine Knopf und Thomas Keiderling. Hier erschienen „Die Bücherfabrik“ zur Geschichte des Otto Spamer Verlages, „Baron der englischen Bücher“ zum Verlag Bernhard Tauchnitz und „Die Herrin der Insel“ zu Katharina Kippenberg. Spamer, Tauchnitz, Kippenberg – da wissen Kenner der Buchgeschichte sofort, in welchen Höhen diese Verlagsgeschichten anzusetzen sind.Aber den Carl Reissner Verlag, den kennen praktisch nur noch wenige, Historiker oft, die noch wissen, was für ein ambitioniertes Buchprogramm dieser Verlag in der Weimarer Republik veröffentlichte, als Harry Schumann erst Teilhaber und dann Verlagsinhaber wurde.

Andreas Pehnke ist eigentlich Erziehungswissenschaftler in Greifswald. Aber irgendwie reizte ihn das Thema, versuchte er diesem 1942 im Bombenhagel verschwundenen Verlag auf die Spur zu kommen. Einem Verlag, dessen Ursprünge in Köln liegen, wo Carl Reissner gemeinsam mit Alexander Ganz eine Buch- und Kunsthandlung übernahm, aus der sich dann der Verlag entwickelte, den er 1878 nach Leipzig verlegte.

Ein Umzug, den er dann auch zum offiziellen Gründungstag seines Verlages machte, der vor allem damit Furore machte, dass er als erster Verlag dem Naturalismus in Deutschland eine Heimat bot. Mit Autoren, die damals viel gelesen wurden, die heute aber kaum noch jemand kennt. Denn die wirklich namhaften Autoren dieser literarischen Richtung konnte Reissner nicht an sich binden.

Die wichtige Rolle Harry Schumanns

Diese Frühgeschichte des Verlages fasst Pehnke recht kurz zusammen, denn ihm geht es vor allem um die Zeit, als der Schriftsteller Harry Schumann zum Verlag stieß und ihn prägte – anfangs noch gemeinsam mit Erwin Kurtz, der – möglicherweise als Folge seines Einsatzes des 1. Weltkrieges – schon früh verstarb. Natürlich ist das dann keine Leipziger Geschichte mehr, denn schon 1894 verlegte Reissner den Verlag nach Dresden.

Aber es ist eine Verlagsgeschichte, in der sich die deutsche Geschichte der Weimarer Republik bündelt. Eine Geschichte, die – je genauer man hineinleuchtet – immer komplexer wird. Wahrscheinlich auch entlarvend, weil die zunehmende Distanz zu dieser Zeit auch immer klarer sehen lässt, wie die noch 1919 von den Deutschen so euphorisch gefeierte Republik von den alten Eliten im Verbund mit den neuen rechtsradikalen Strömungen systematisch entkernt und zum Absturz gebracht wurde.

Pehnke erwähnt zwar die übliche Interpretation von der Bedrohung durch Rechts- und Linksextremismus. Aber diese These ist eine Simplifizierung, die den Kern der Geschichte unsichtbar macht – und wohl auch machen soll: Wie es die konservativen bürgerlichen Eliten waren, die im Verein mit Monarchisten und Nationalisten nicht nur ein Notstandsregime ermöglichten, das schon lange vor 1933 die Bildung einer regulären Regierung unmöglich machte, und gleichzeitig auch über ihre mediale Macht die Stimmung kippen ließen. Etwas, was einem heute sehr vertraut vorkommt.

Denn das „Misstrauen in die Demokratie“ beginnt nicht mit Krisen und zähen Regierungsverhandlungen. Es beginnt mit einer medialen Dauermelodie, die alles in Verruf bringt, was Republik und Demokratie eigentlich ausmacht – angefangen mit dem Respekt vor dem politischen Gegner über die Verachtung ganzer Bevölkerungsgruppen bis hin zu gezielt geschürtem Hass gegenüber den herausragenden Vertretern der Republik.

Persönlichkeiten, die in der Zeit Harry Schumanns mit oft mehrbändigen Ausgaben ihren Platz im Verlagsprogramm des Carl Reissner Verlages fanden – Friedrich Ebert, Walther Rathenau, Gustav Stresemann, aber auch bis heute für Historiker wichtige Quellenautoren wie Karl Max von Lichnowsky, Erich Koch-Weser, Alexander Krenski oder Aristide Briand. Harry Schumann selbst schrieb eine der ersten Karl-Liebknecht-Biografien.

Die muffigen Talare der Kaiserzeit

Aber auch wichtige Bücher zu Streitthemen der Zeit erschienen unter seiner Leitung – etwa Karl A. Credé-Hörders „Volk in Not!“ zum unseligen Abtreibungsparagraphen 218, der heute immer noch im Gesetzbuch steht und die Deutungsmacht konservativer alter Männer über den Bauch der Frau festzimmert.

Manchmal staunt man wirklich, wie tief auch die heutige Bundesrepublik immer noch in den muffigen Talaren des Wilhelminischen Kaiserreichs steckt. Und wie modern vieles wirkt, was die tapferen Republikaner in der Weimarer Republik anpackten, bevor ihnen eine durchaus systematisch agierende erzkonservative Gesellschaft erst den Einfluss auf die Regierungsgeschäfte nahm und dann den Steigbügel hielt für die Nationalsozialisten, die aus den alten Kriegsphantasien der alten Kaisertreuen ihre neuen Kriegs- und Revanchephantasien schmiedeten.

Leute, von denen auch Harry Schumann schon ahnte, was die anstellen würden mit diesem erstmals seiner feudalen Fesseln ledigen Deutschland und seinen mutigsten Vertretern. Natürlich wird es da schwierig. Denn auch über Schumanns Lebensgeschichte hing dieselbe Frage wie sie über der Lebensgeschichte all der anderen eben noch so tapferen Intellektuellen der Republik hing: Beugt er sich? Passt er sich an?

Zieht er den Kopf ein oder nutzt er die Chance und verlässt dieses Deutschland, dessen neue Herren ihm sofort 1933 sein halbes Verlagsprogramm verboten und die Titel regelrecht polizeilich zur Fahndung ausschrieben. Immerhin hatte er auch faszinierenden Künstlern wie Käthe Kollwitz, Frans Masereel und Heinrich Zille eine Heimstatt geboten, hatte auch Hans Reimann im Programm, den bekanntesten sächsischen Satiriker. Aber auch viele Autoren, denen von den Nazis wegen ihrer jüdischen Herkunft Beruf und Veröffentlichung verboten wurde.

Das fehlende Verlagsarchiv

Sehr intensiv geht Pehnke auf die Zeit nach 1933 ein und stellt immer wieder die Frage: Inwieweit diente sich Harry Schumann den Nazis an? Sind seine schriftlichen Bekenntnisse zum „Dritten Reich“ Beleg dafür? Sein Eintritt in die NSDAP? Die Anpassung des Katalogs an die völkische Denkweise der neue Machthaber?

Alles offene Fragen. Denn ein Problem bei der Quellenforschung ist in diesem Fall, dass Harry Schumann den Verlag 1941 nicht nur liquidieren musste, nachdem er wegen Devisenvergehens zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Denn in der Liquidation erwies sich Oswald Arnold, der die Bestände übernahm, durchaus als fair.

In gewisser Weise wurde die Tradition des Carl Reissner Verlags im Oswald Arnold Verlag noch bis in die 1950er Jahre hinein weitergeführt. Aber die Verlagsunterlagen wurden 1941 bei einem Bombenangriff auf Berlin, wo Arnold seinen Verlagssitz hatte, vernichtet. So fehlt logischerweise auch die komplette Verlagskorrespondenz.

Manches fand Pehnke noch im Nachlass von Harry Schumann, der – schwer an Tbc erkrankt – das Ende der Haft nur um wenige Wochen überlebte. Es gibt also von Schumann auch keine nachgereichten Erklärungen, warum er so handelte. Und es war ja nicht nur seine Erkrankung, die die Verlagsauflösung bewirkte. Die Nationalsozialisten und ihre willigen Helfer hatten ihm ja den Kern seines Verlagskataloges zerschossen.

Die Katalogauflistung von 1938, die Pehnke im Buch mit anführt, ist nur noch ein Schatten des Kataloges, den der Verlag zehn Jahre früher vorzeigen konnte. Im Grunde ist der Umgang der Nazis mit dem Carl Reissner Verlag sogar ein sehr typisches Beispiel dafür, wie ein Buchverlag mundtot gemacht wurde.

Und manches, was Pehnke erzählt, zeigt einen Verleger, der nicht klaglos beigeben oder auswandern wollte, der seinen Autoren – auch denen, die er nicht mehr veröffentlichen durfte – nach seinen Möglichkeiten weiterhalf. Und es wird auch mit Fußnote nicht wirklich klar, worin Schumanns Devisenvergehen in der Schweiz eigentlich bestand, für das er fünf Jahre Haft bekam.

Die Dresdner Gerichtsakten existieren ja ebenfalls nicht mehr. War es nicht eher ein Racheversuch diverser NS-Größen, denen Schumanns Lebensstil zu aristokratisch war? Oder gar einer seiner Gutsbesitzernachbarn, nachdem Harry Schumann 1933 sogar ein Landgut in Gosswitz gekauft hatte und sich eine Existenz als Landwirt aufzubauen versucht hatte?

Man weiß es nicht. Und deswegen sind Urteile auch schwierig, obwohl Pehnke wahrscheinlich den Großteil dessen gefunden hat, was sich über Schumann und seinen Verlag heute noch finden lässt. Hat der sich mit dem Gut und dem dann 1935 auch noch abgebrannten Gutshaus finanziell übernommen?

Selbst in der Verführung des Generalstaatsanwalts von 1941 wird deutlich, wie dieses NS-Reich funktionierte, wie es die Menschen disziplinierte und auch den kranken Häftling Schumann nur deshalb freigab, damit er in „Freiheit“ beweisen konnte, dass er ein überzeugter Gefolgsmann dieses Regimes sei, das von seinen Bürgern Anpassung, Zustimmung und absolute Hörigkeit erwartete.

Dieses Denken vom gleichgeschalteten Untertanen vertreten unsere heutigen Rechtsausleger noch immer. Ihr Haus auf die Demokratie und die Republik ist der Hass von Menschen, die andere Meinungen, wirkliche Freiheit und Unabhängigkeit, Widerspruch und Kritik nicht aushalten.

Wie weit lässt sich einer verbiegen?

Und da wird dann auch die Diskussion um die freiwillige Gleichschaltung von Verlagen schwierig, auch im Fall des Carl Reissner Verlages, in dessen Programm Harry Schumann ja unübersehbar versucht, Camouflage zu betreiben, Titel zu veröffentlichen, die irgendwie dem „neuen Geist“ entsprachen, aber im Text selbst nicht verhehlen konnten, dass auch Schumanns Ideal eine völlig andere Gesellschaft war. Ein von Pehnke mit abgedruckter Leserbrief zeigt, dass aufmerksame Leser das auch in den 1930er Jahren sehen konnten. Und die NS-Zensoren wohl erst recht.

Wie weit lässt sich also einer verbiegen, der in den 1920er Jahren so deutlich gezeigt hatte, dass er im Herzen Republikaner ist? Womit dieser Schumann ja nicht allein war. Auch andere namhafte Verlagsinhaber versuchten mit allen Mitteln den deutschen Buchmarkt weiter zu bestücken, denn der Buchmarkt für Exilverlage war denkbar klein.

Die herausragende Exilliteratur lernten die meisten Deutschen erst nach 1945 kennen. Was auch ein wenig erklärt, warum der Carl Reissner Verlag so fast komplett aus der Erinnerung verschwinden konnte, denn in den Jahrzehnten nach dem Krieg bewegten völlig andere Bücher und Themen die deutsche Lesewelt in West wie Ost.

Das Interesse für die Akteure der Weimarer Republik ist erst in den vergangenen Jahren wieder deutlich gewachsen, seit dem 100. Jahrestag der Novemberevolution ungefähr, als man sich mit Persönlichkeiten wie Ebert, Scheidemann und Stresemann wieder ernsthafter beschäftigte und der Frage, wie die Weimarer Republik nach Eberts frühem Tod so schnell kippen und zum Opferlamm einer erzkonservativen Clique werden konnte, die die Demokratie immer schon verachtet hatte.

Das Ende der Weimarer Republik ist viel lehrreicher als ihr Anfang. Denn es zeigt, wie eine Republik gekapert werden kann von Leuten, die die Macht um ihrer selbst willen in die Hände bekommen wollen.

Die Zeiten des Hasses überstehen …

Die Frage steht im Raum und ist auch in den dickeren Büchern zum Ende der Republik noch nicht wirklich differenziert ausgearbeitet. Genauso, wie die Erzählung von Schicksalen von Menschen wie Harry Schumann noch rudimentär ist. Denn sie schließt ja die Frage ein, wie sich ein Mensch mit einer eigentlich humanistischen Grundhaltung in einem Staat behaupten kann, in dem der Hass auf Vielfalt, kulturellen Reichtum, Moderne und Weltoffenheit regiert.

Und in den entscheidenden Ämtern Männer sitzen, die alles, was nicht zum provinziellen Weltbild der Machthaber passt, tatsächlich mit Gewalt zerstört und vernichtet wird. Wo dann am Ende also ein intellektuell völlig gleichgeschaltetes und verarmtes Land übrig bleibt.

So gesehen war es vielleicht ein tapferer Versuch von Harry Schumann, eben doch weiterzumachen und irgendwie die Zeit zu überstehen, bis das alles vorbei wäre. Worin er zu optimistisch war. Das steht fest. Er hätte 1936 tatsächlich die Chance nutzen sollen, in den USA zu bleiben, wohin ihn seine Hochzeitsreise mit seiner zweiten Frau Irma geführt hatte. Aber es ist ein Optimismus, der verständlicher wird, wenn man sich in diese Zeit zurückversetzt.

Denn wirklich Erfahrungen damit, wie eine moderne Diktatur mit einem durchgeknallten „Führer“ an der Spitze funktioniert, hatten damals auch die Deutschen nicht. Bekanntlich waren ja auch Franzosen und Engländer ratlos, wie sie mit diesem Hitler umgehen sollten, der an einem Tag glühende Friedensreden halten konnte, um schon am nächsten den nächsten Überfall vorzubereiten.

Ein Mann und ein Regime, denen das Lügen und Heucheln nicht mal peinlich war, die es sogar bewusst als politisches Instrument einsetzten. Auch so etwas, was einen an die neueren Rechtsradikalen erinnert.

Eine überfällige Würdigung

Schon das eine spannende Frage, die Pehnke anreißt. Und die wir eben nicht aus unserem heutigen Wissen heraus beantworten dürfen. Ein Wissen, das ja das Ende genauso kennt wie die blutigen Nachahmer der Herren Hitler und Mussolini.

Wichtiger ist tatsächlich Pehnkes Würdigung für den Verleger, der „Bücher im Geiste der Weimarer Republik“ veröffentlichte, die sich bis 1928 auf jeden Fall auch in riesigen Stückzahlen verkauften. Die Leser der Weimarer Republik hatten sehr wohl ein großes Interesse an dem, was die wichtigsten Vertreter der Republik veröffentlichten.

Das Interesse der Republikaner an ihrer Republik war auf jeden Fall bis zum Verlagshöhepunkt 1928 riesengroß. Und mit diesen Büchern war der Carl Reissner Verlag eines der Flaggschiffe der Weimarer Republik.

Höchste Zeit, diesen Verlag und seinen Verleger aus dem Vergessen zu holen – und damit natürlich auch ein Stück Verlagsgeschichte, dessen Fehlen einem erst richtig bewusst wird, wenn man dieses Buch aufschlägt und merkt: Ja, das war tatsächlich völlig vergessen. Zu Unrecht, wie man hier lesen kann. Auch wenn vieles erst einmal Fragment bleiben musste.

Andreas Pehnke Bücher im Geiste der Weimarer Demokratie, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2021, 24,80 Euro.

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Keine Kommentare bisher

Spannend, ich hatte noch nie was von diesem Verlag gehört.
Was ich dagegen problematisch findet ist die hier (und auch sonst oft) vertretene These, dass die Weimarer Republik von Anfang an kaputt war und eine reguläre Regierungsbildung schon lange vor der NS-Zeit unmöglich war. Das sieht die Geschichtswissenschaft inzwischen anders. Der Deutschlandfunk hat das kürzlich anlässlich einer Historikertagung gut zusammengefasst. Hitler hätte auch Anfang 1933 noch verhindert werden können.
Gerade wenn man Vergleiche zwischen heute und damals zieht, wie hier in der sonst guten Rezension geschehen, sollte uns das Mut machen. Die Pressemeldungen sind oft fatalistisch genug, da brauchen wir nicht noch den enmutigenden und letztlich unzutreffende Vergleich mit der Weimarer Republik.
Hier mal noch das Link zum DRadio:
https://www.deutschlandfunk.de/neue-forschung-geschichte-ist-nicht-vorherbestimmt-aber-100.html

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