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Buchstadt Leipzig: Ein historischer Reiseführer in ein längst vergangenes Stück Wirtschaftsgeschichte

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    Die alte Buchstadt, der Leipziger Platz, von denen ja in Leipziger Feuilletons bis heute geschwätzt, geschwärmt und ein Klagelied gesungen wird, sie ist nicht verschwunden, als jüngst die Ableger von Insel, Reclam, Brockhaus ihre Lichter ausmachten. Das ist ein Aberglaube. Die alte Buchstadt ging in der Nacht vom 3. zu 4. Dezember 1943 unter. In Rauch und Flammen.

    Wer heute durchs alte Grafische Viertel spaziert, sieht davon fast gar nichts mehr. Da eine sanierungsreife Ruine, da ein zum Bürohaus umgebauter alter Verlagssitz, dort eine verwilderte Freifläche. Selbst wenn man hier überall Schilder anbringen würde, die auf die bis 1943 ratternden Druckmaschinen, die rumorenden Vertriebe, die beleuchteten Setzereien hinweisen würden – es wäre nicht vorstellbar. Einen Eindruck von dem, was tatsächlich einmal die Buchstadt Leipzig war, gibt jetzt ein historischer Reiseführer aus dem Ch. Links Verlag.

    Geschrieben hat ihn Sabine Knopf, selbst lange Jahre als Lektorin in verschiedenen in Leipzig ansässigen Verlagen tätig. Was ihr den Weg in die Archive und die einschlägigen Quellenwerke nicht erspart hat. Denn auch das, was in DDR-Zeiten noch wie eine große alte Verlagsstadt aussah, war nur noch ein winziger Restbestand.

    Ein gut Teil davon auf tönernen rechtlichen Füßen, weil einfach alte Verlage weiterbetrieben wurden, obwohl ihre Inhaber oder die Besitzer der Rechte in den Westen Deutschlands gewechselt waren. Übrigens nicht nur jene, von denen die Trauerredner der Gegenwart immerzu reden, weil sie glauben, der große Traum hätte 1990 noch so etwas wie Realität besessen.

    1930 gab es in Leipzig noch 436 Verlage, 69 Kommissionsbuchhandlungen, 277 Druckereien und 136 Buchbindereien. Schon das waren deutlich weniger als im Jahr 1916. Auch in den 1920er Jahren war schon ein großer Konzentrationsprozess in Gang. Kleinere Firmen wurden aufgekauft, verschmolzen mit großen Unternehmen, wurden zum Inprint, wie es heute so schön heißt.

    Andere Verlage – die belletristischen zumal – wechselten zunehmend nach Berlin, das nach dem 1. Weltkrieg tatsächlich begann, sich zur florierenden Hauptstadt zu entwickeln.

    Was Leipzig bis zum großen Bombenhagel von 1943 ausmachte, war die gewaltige Maschinerie, die zum Bücherproduzieren gebraucht wurde. Und es waren große Fabriken des Druckgewerbes, die das Grafische Viertel dominierten – manche Verlage, wie Reclam oder Brockhaus – nahmen ganze Quartiere in Anspruch.

    Vier Karten sind dem schmalen, taschengerechten Band beigegeben – eine große für das Grafische Viertel und drei kleine aus dem restlichen Stadtgebiet, das – was die Buchproduktion angeht – seinerzeit tatsächlich nur das restliche Stadtgebiet war. Rund 60.000 Leipziger fanden einst Arbeit und Brot im Buchgewerbe. Und die meisten strömten morgens in das Stadtgebiet zwischen Augustusplatz und Reudnitz, in gewaltige Maschinensäle und Packstationen, in Setzereien und Büros.

    Und Sabine Knopf schafft es gar nicht, die komplette Liste aller Unternehmen abzuarbeiten, die bis 1933 dicht an dicht produzierten. 1933 deshalb als Zäsur, weil auch die Nationalsozialisten schon begannen zu enteignen und die alten Eigner zu vertreiben und später gar zu ermorden. Ein eigenes, nicht zu unterschlagendes Kapitel der Buchstadt.

    Denn hier waren die Wurzeln für alles, was später geschah. Diese Wurzeln stecken zum Beispiel in Nummer 18 in diesem Bändchen: Verlag Bernhard Meyer, sesshaft in der Dresdner Straße 1 / Ecke Salomonstraße, einem der Gebäude, die bis heute auf ihre Sanierung warten. Ab 1929 war Dr. Kurt Herrmann Inhaber dieses Verlages. Logisch, dass Sabine Knopf seine Rolle als „Freund Görings und Sponsor des Dritten Reiches“und als „Arisierer“ in Leipzig erwähnt.

    110 Nummern umfasst das Buch. Nicht alles Verlage. Auch die wichtigen Adressen der Buchstadt darunter wie die Deutsche Bücherei oder das Buchhändlerhaus, auch etliche Verlegervillen – insbesondere im zweiten, deutlich schmaleren Teil, der sich dem Stadtgebiet außerhalb des rumorenden Grafischen Viertels widmet. Zum Grafischen Viertel sind allein 59 Adressen verzeichnet.

    Es gibt auch ein kleines Kapitel, das die Entstehung des Grafischen Viertels beschreibt. Danach geht es eigentlich munter durch die einst großen Namen und Häuser, läuft der Leser eigentlich atemlos die Salomonstraße runter, die Querstraße lang, die Inselstraße wieder hoch. Und im Grunde reiht sich hier vor dem inneren Auge eine Fabrikfront an die andere.

    Nur weniges ist heute noch zu sehen – wie das Reclam-Carré oder das einstige Druckhaus Brandstetter (in dem heute die Handwerkskammer residiert). Hier druckt niemand mehr, hier lagern keine wertvollen Bleisätze mehr in den Kellern. Auch nicht drüben in der Scherlstraße, in der Breitkopfstraße oder der Teubnerstraße. Bis nach Reudnitz hinüber war das Viertel gewachsen, hatte eine eigene Paketpost bekommen in der Prager Straße (darin sitzt heute die Lecos) und einen eigenen Bahnhof, den Eilenburger.

    Unter Nr. 36 ist eine weitere Wurzel des großen Unterganges genannt – die Spamer AG, aus der in Massenstückzahlen Hitlers „Mein Kampf“ in das trostlose Reich gespuckt wurde. Als 1943 die Bomber über Leipzig flogen, wollten sie auch die geistige Werkstatt des NS-Reiches vernichten. Auch deshalb fielen im Grafischen Viertel die Bomben so dicht. Sabine Knopf beschließt das Kapitel Grafisches Viertel mit einem kleinen Text zu diesem Untergang, der im Dezember 1943 die Buchstadt Leipzig ausradierte

    Was danach noch war, waren ein paar große Namen, ein paar wenige noch nutzbare Druckereien und eine Menge Verleger, die im Mai/Juni 1945 das Angebot der kurzzeitig einrückenden US-Amerikaner annahmen, in ihre Besatzungszone zu wechseln – nach Frankfurt oder Wiesbaden. Andere Verleger folgten wenig später, als die sowjetische Besatzungsmacht ihre Möglichkeiten im neuen Ostdeutschland drastisch beschnitt.

    Den Leipzigern blieben zwei Dutzend schöne Alibi-Namen, ein paar schöne Verlegervillen und ein jahrzehntelang gepflegter Glaube, das alles, was da in Trümmern lag, ließe sich irgendwann wieder zum Leben erwecken. Doch nach 1990 verließen auch noch die letzten verbliebenen Druckereien die Stadt, zogen genauso wie der Kommissionsbuchhandel hinaus in abgelegene Gewerbegebiete.

    Den Leipziger Platz, wo alles, was ein Verleger zum Büchermachen braucht, dicht an dicht auf einem winzigen Flecken Erde zu finden war, gibt es nicht mehr. Er ist zu einem Kapitel Wirtschaftsgeschichte geworden. Einem durchaus faszinierenden Kapitel, denn Vergleichbares ist andernorts – auch nicht in Berlin, München oder Frankfurt – nie wieder entstanden.

    Was den Leipzigern geblieben ist, ist natürlich ein historisches und touristisches Alleinstellungsmerkmal. Ob das nun ausgerechnet in der historischen Reiseführer-Reihe von Ch. Links so gut aufgehoben ist, ist zumindest etwas kritisch zu sehen. Denn die ist sehr politisch strukturiert, beschäftigt sich sehr intensiv mit der Zeit von 1933 bis 1945, von der Nordseeküste bis zum Obersalzberg, umfasst aber auch das „Pankower Städtchen“, die Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg oder die politischen Bauten Berlins.

    Da fällt dieses ganz spezielle Leipziger Wirtschaftsthema schon auf.

    Sabine Knopf Buchstadt Leipzig, Ch. Links Verlag, Berlin 2011, 14,90 Euro.

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