Leipzigs Buchwissenschaftler feiern neue Flachware, ein neues Insel-Plakat und eine geglückte Schaufenster-Schau

Für alle LeserEs ist jedes Jahr ein Fest. Dann räumen Dutzende Innenstadthändler einen Teil ihrer Schaufenster frei für Bücher. Nicht ungewöhnlich eigentlich, wenn gerade die Buchmesse in Leipzig stattfindet. Aber es sind keine Buchläden, die das machen, sondern Modeboutiquen, Kaufhäuser, Restaurants und Delikatessgeschäfte. Und die Bücher landen oft genug genau neben den angebotenen Waren. „Buwision“ nennen Leipzigs Buchstudenten dieses Fest.
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Denn was sie – wohl überlegt und genau dosiert – in die Auslage stellen, sind Bücher aus bekannten und hochkarätigen Buchreihen deutscher Verlage. Hier wird ein Stück Buchforschung sichtbar, wie sie am Institut für Buchwissenschaft der Uni Leipzig betrieben wird. Das wurde nicht ohne Grund genau in Leipzig gegründet, wo nach der Friedlichen Revolution etliche namhafte Traditionsverlage ihre Tore schlossen oder ihre Leipziger Dependance auflösten. So verschwand auch der Insel-Verlag aus der Stadt, der bis 1990 den ostdeutschen Zweig der berühmten Insel-Bücherei fortsetzte, die seit 1912 im bis heute berühmten Reihen-Layout des Insel-Verlags erscheint. Jedes Büchlein wunderschön gestaltet, jedes ein kleines kostbares Stück Literatur.

Aber als 2012 der 100. Geburtstag dieser berühmten Reihe anstand, war der Verlag längst aus Leipzig verschwunden. Damals erinnerte das Institut für Buchwissenschaft mit einem extra gestalteten Plakat an dieses Jubiläum, das mehrfach in Stadtbild der Innenstadt auftauchte. Und da die Insel-Bücherei zu manchen für Leser aufregenden Themen immer wieder neue Bändchen herausbrachte, entstanden in den Folgejahren immer neue Plakate mit liebevoll darauf platzierten Inselbändchen.

Eindrucksvoller wurde wohl nie eine Buchreihe gewürdigt, auch wenn sich Buchverlage immer wieder Mühe geben, unverwechselbar klassische Buchreihen zu entwickeln. Nicht nur so ehrwürdige wie der Reclam Verlag, der in Leipzig ja auch vier Jahrzehnte lang den ostdeutschen Konkurrenten hatte, der sich emsig bemühte, seiner Taschenbuch-Bibliothek ein unverwechselbares Aussehen zu geben.

Die Bestände dieses ostdeutschen Reclam-Abenteuers werden heute im Institut für Buchwissenschaft genauso emsig erforscht wie die Insel-Bücherei und immer neue Sammlerschätze aus deutschen Verlagen, die im etwas versteckten Arbeitsarchiv des Instituts, dem Bibliotop, wie es die Buchwissenschaftler liebevoll nennen, landen. Ein Archiv, das bei Gründung des Instituts so gar nicht geplant war und heute auch im Universitäts-Finanzrahmen eher ein Provisorium ist.

Um eine dauerhafte Finanzierung muss gekämpft werden. Aber gerade die Tatsache, dass sich hier einmalige Verlagsarchive sammeln, verschafft dem Institut einen besonderen Forschungsfundus. Jedes einzelne Verlagsarchiv eröffnet Welten, macht den angehenden Buchwissenschaftlern sichtbar, wie kleine oder auch etwas größere Verlage in der Vergangenheit eigentlich arbeiteten, wie sie betriebswirtschaftlich, künstlerisch oder auch literarisch tickten, wie Verlegerpersönlichkeiten, Lektoren, aber auch Zensoren die Buchproduktion beeinflussten.

Letzteres ist ja in Prof. Siegfried Lokatis’ großer Fleißarbeit zur DDR-Zensur nachlesbar.

Das Material zur Funktionsweise der DDR-Zensur hat sich in über 20 Jahren Forschungsarbeit angesammelt. Für Lokatis war das Zensurwesen in der DDR einsame Weltspitze. Aber sein Buch „Verantwortliche Redaktion“ zeigt auch, wie komplex Zensur funktioniert. Komplexer, als es sich selbst die Beteiligen oft vorstellen konnten. In Archiven haben sich hunderttausende (Zensur-)Gutachten aus der DDR erhalten. Sie werden im Herbst Thema einer großen Tagung in Leipzig.

Es ist ein Thema, das sichtbar macht, wie sehr sich in Büchern und Büchergenesen das Wesen einer ganzen Gesellschaft spiegelt. Von weltfremd kann bei Buchwissenschaft keine Rede sein. Auch das machten ja die Schaufensterausstellungen der Buwision deutlich: Die Titel korrespondierten meist nicht nur farblich, sondern auch inhaltlich mit dem Angebot der jeweiligen Geschäfte.

Und immer wieder nutzen die studierenden Buchwissenschaftler/-innen die Schaufensterausstellungen auch dazu, die besondere Ästhetik einiger DDR-Buchverlage sichtbar zu machen, besonders des Buchverlags Volk und Welt, der für DDR-Leser wie ein Schaufenster in die große Welt der internationalen Literatur war.

Das Bibliotop verfügt mittlerweile über die eindrucksvollen Buchentwürfe von Lothar Reher, der bei Volk und Welt auch die beliebte Schwarze Reihe betreute, relativ schmale Bände mit einem fotografisch gestalteten Motiv auf schwarzem Hintergrund, die allein schon durch die Gestaltung das übliche DDR-Design hinter sich ließen und traumhafte Leseabenteuer verhießen. Die Verheißung wurde nie enttäuscht.

Heute sind die Bücher samt Entstehungsgeschichte und Zensur Forschungsthema, ganz ähnlich wie die Archive des Buchverlags Der Morgen oder des Verlags für die Frau. Die Andere Bibliothek mit ihrer imposanten Reihengestaltung hat sich genauso ins Bibliotop gefunden wie die mit viel Kreativität gestalteten Bücher von Matthes und Seitz oder die des Leipziger Poetenladens.

Die Spektrum-Buchentwürfe von Lothar Reher und seine Schreibmaschine Erika. Foto: Ralf Julke

Die Spektrum-Buchentwürfe von Lothar Reher und seine Schreibmaschine Erika. Foto: Ralf Julke

Aber wo veröffentlichen die Buchforscher dann das, was sie herausbekommen? In einer eigenen Reihe natürlich, die sie sinnigerweise „Flachware“ nennen. Bücher sind Flachware, Bilder und Plakate sind Flachware. Seit fünf Jahren existiert die Reihe. Und am Dienstag, 23. April, feierte der fünfte Band im Bibliotop Premiere, lasen die beteiligten Autor/-innen aus ihren Beiträgen, wurde nebenbei ein Film über die jüngst erst abgeschlossene Buwision zur Buchmesse 2019 gezeigt, die in den Schaufenstern der City wieder für Aufmerksamkeit sorgte.

Die meisten der ausgestellten Bücher sind mittlerweile unversehrt in ihr Forschungslabor zurückgekehrt, zwei Läden zeigen noch die lukullische Bücherpräsentation. Nur für zwei Bücher musste Siegfried Lokatis am Dienstag den Verlust melden. Augenscheinlich ist der Buchhunger der Leipziger auch im Jahr 2019 noch nicht gestillt. Oder ist es eher der Lesehunger, der auf bestimmte Lesevergnügen einfach nicht verzichten kann? So wie in einigen der berühmten Bestseller, die sich mit Bücherdieben beschäftigen?

Auch das ist ein Forschungsgebiet: Wie weit kann die Lust auf ein gutes Buch und/oder gute Lektüre eigentlich gehen? Werden auch süchtige Leser kriminell? Oder kann Bücherlust zur Sucht werden?

Das neue Insel-Plakat zum Jugendstil: Jugendlich. Foto: Uni Leipzig, Institut für Buchwissenschaft

Das neue Insel-Plakat zum Jugendstil: Jugendlich. Foto: Uni Leipzig, Institut für Buchwissenschaft

Auf jeden Fall gilt ja für gut gemachte Bücher: Sie verführen zum Zugreifen und zum Entdecken. Etwas, was Leipziger Verleger seit über 100 Jahren mit höchstem Können immer wieder als eindrucksvolle Buchserie vorlegen. So wie Reclam mit seiner Universal-Bibliothek seit 1857 oder wie Kurt Wolff ab 1913 mit seiner revolutionären Reihe „Der Jüngste Tag“, die von Leipzigs Buchwissenschaftlern natürlich ebenso erforscht werden kann wie Lothar Rehers eindrucksvolle Reihengestaltung der schwarzen Spektrum-Reihe, die von 1968 bis 1993 bei Volk und Welt erschien.

Selbst die alte Erika des Grafikers hat sich nach Leipzig verirrt, wird jetzt selbst zum Fotoobjekt zwischen all den von ihm gestalteten Umschlägen, die schon damals im DDR-Buchhandel jedem Käufer signalisierten: Jetzt musst du zugreifen, bevor’s weg ist.

Das neue Insel-Plakat gibt es dafür für 10 Euro für jeden, der den Jugendstil liebt. Denn der Jugendstil prägte die berühmte Insel-Bücherei von Anfang an. Mit dem neuen Plakat wurde der Jugendstil selbst verbunden mit den Künstlern des Jugendstil, die die Einbände gestalteten, und natürlich bekannten Vertretern der Jugendstil-Literatur. Ein Plakat, das selbst zum Entdecken anregt mit Namen wie Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke oder Paula Modersohn-Becker.

Buchwissenschaft
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