Wahrscheinlich haben wir an diesem Wochenende die Zukunft der Leipziger Buchmesse erlebt – als großes dezentrales Lesefest im Herzen der Stadt. Das Lesefestival weiter:lesen22 hat mit dem Felsenkeller und der Moritzbastei allein zwei wichtige Leseorte bespielt, deren Atmosphäre allein schon den Charakter einer Buchmesse völlig veränderten. Denn Bücher sind Ereignisse. So muss man sie auch inszenieren.

Und so hat sie auch das Team von weiter:lesen22 organisiert. Mit Festivalbändchen für zwei Tage und beide Leseorte. Mit 60 Lesungen und Events. Dazu Verkaufsstände gleich neben der Lesebühne, damit genau das passiert, was auf Messen immer so schwierig ist: Wem ein Buch gefällt, der kann es auch gleich erwerben. Der muss nicht erst die Messebuchhandlung suchen.

Wieder unter Lesemenschen

Und sonst so? Wie ist das, wenn man einfach mal so am späteren Nachmittag hereinschneit in den Felsenkeller, froh, dass die Straßenbahnlinie 14 einigermaßen günstige Takte fährt. Kontrolle auf 3 G gleich am Einlass. Noch ist ja Pandemie und natürlich ist man hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach echten Menschen, die Bücher und Geschichten lieben, und der Sorge um den eigenen Schutz.

Aber wie lange hält ein Land das aus, sich vor einer Pandemie zu verstecken? Und die Leute, die sich bis heute nicht haben impfen lassen wollen, die bekommt man einfach nicht überzeugt. Die leben in ihrer eigenen Welt der Ängste und machen ein großes Gemeinsames fast unmöglich.

Die Leipziger Buchmesse 2022 wurde aus zwei Gründen abgesagt. Auch wenn die großen Westverlage darauf verwiesen, sie hätten aus Sorge um ihre Mitarbeiter/-innen abgesagt, die großenteils nicht an den Verlagsständen auf der Leipziger Messe stehen wollten. Aber dahinter klirrte unüberhörbar das finanzielle Argument. Aus Sicht der Big Five rechnet sich die Leipziger Buchmesse einfach nicht.

Sie haben wirklich nur Messe gedacht. Und das große Lesefest „Leipzig liest“ einfach ausgeblendet, das schon seit Jahren die größte Werbeplattform für das gelesene Buch in Deutschland war. Eben nur scheinbar ein Anhängsel der Messe, auch wenn die Leipziger Buchmesse dann gleich mitsamt der Messe auch das Lesefest „Leipzig liest“ abgeblasen hat.

Mit hörbarem Aufschrei natürlich aus der Welt gerade der kleinen und mittleren Verlage, für die dieses Lesefest im Frühjahr längst unersetzlich geworden ist. Gleich mehrere Initiativen starteten postwendend, um genau so ein Lesefest trotzdem im geplanten Messezeitraum stattfinden zu lassen. Im Werk 2 die Pop-up und in Felsenkeller und Moritzbastei weiter:lesen22.

Und als die Stadt dann auch noch die Fördergelder, die sowieso für „Leipzig liest“ vorgesehen waren, freigab, kamen auch noch an dutzenden weiteren Orten in der Stadt die oft schon lange geplanten Lesungen zur Umsetzung. Wer also an diesem Wochenende unterwegs war, konnte pilgern und dieselbe Vorfreude empfinden wie früher bei „Leipzig liest“.

Ein kompaktes Lesefest

Nur dass es in einem Format wie weiter:lesen22 noch kompakter wurde, nicht nur lauter aneinander gereihte Lesungen und Talks, sondern ein rundes Programm, in das jeder eintauchen konnte, wie ihm lustig war.

Oder wie es die Kinder interessierte, denn den stets geliebten Stand der Buchkinder gab es diesmal im Felsenkeller. Gleich neben den aufgebauten Spielekonsolen von René Meyer, der sich in Leipzig am besten auskennt mit der ganzen Welt der Computerspiele.

Zuletzt haben wir hier sein profundes Buch zur Computergeschichte der DDR besprochen, ein fast vergessenes Kapitel: Ja, die DDR hat auch eigene Computer hergestellt.

Aber in den Felsenkeller hat René Meyer eine ganze Ladung von Computerspielen mitgebracht, die auch er selbst damals nicht spielen konnte, weil es sie einfach nur im Westen gab. Es ist wie die Entdeckung einer phantastischen und verschollenen Welt. Aber nicht nur er ist fasziniert von den so simpel wirkenden Programmierungen, die in vielem an ihre heutigen Nachläufer erinnern, die so mancher auf seinem Handy hat.

Aber das war damals alles noch Programmierarbeit weniger Leute, ohne riesiges Designer-Team oder gar dir heute so üblichen durchdesignten Phantasiewelten, in denen man für Tage und Wochen verschwinden kann.

Und sogar Feuer und Flamme, so erzählt er, waren die Kinder, die am Nachmittag alle Konsolen belagerten. Sie finden sich so schnell selbst in diese teils 40 Jahre alten Spiele, dass selbst René Meyer staunt, der sich ja nun mit den Finessen der PC-Spiele auskennt wie kaum ein anderer.

Computer-Archäologie ist das, was er da eigentlich betreibt, meist in Beiträgen für heise.de, seltener in Büchern. Denn Verlage tun sich schwer mit solchen Themen, auch wenn „Computer in der DDR“ gezeigt hat, dass das Thema schnell seine Leser findet. Und weil sich das längst herumgesprochen hat, dass da einer in Leipzig alles sammelt, was es zur Geschichte der Computerspiele zu finden gibt, wächst seine Sammlung unaufhörlich.

Und die Frage schwebt im Raum: Sind das nun völlig unterschiedliche Welten, die Buchwelten und die oft auf Fantasy-Storys beruhenden PC-Spiele von heute? Natürlich einigen wir uns nicht, müssen wir auch nicht. Denn wer sich für die programmierten Abenteuerwelten interessiert, der liest auch oft die spannenden Buchvorlagen.

Kiew ist gleich nebenan

Natürlich liest im Moment gerade mal kein Fantasy-Autor, auch wenn mehrere Stände im schönsten Drachen- und Elfen-Stil die neuesten Fantasy-Titel ausgebreitet haben. Der Ballsaal des Felsenkellers ist tatsächlich schon gut gefüllt.

Und die Leute lauschen tatsächlich, während vorn gerade Dmitrij Kapitelman aus seinem Roman „Eine Formalie in Kiew“ liest. Schon deshalb hätte dieses Lesefest nie und nimmer ausfallen dürfen, denn natürlich bewegt auch Leserinnen und Autoren das Thema Ukraine. Und zwar nicht erst seit dem 24. Februar.

Am Morgen hatte schon im Turmzimmer die bewegende Diskussion zur Ukraine stattgefunden. Die deutlich machte, dass auch Literatur gebraucht wird, um so eine Katastrophe wie den Krieg zu bewältigen und dazu eine menschliche Haltung zu finden.

Jetzt aber liest im Turmzimmer der Leipziger Autor Markus Mötz aus seinem Buch „Von einem, der sich auszog“. In dem es natürlich genau darum geht: Dass einer sich auszog, um mit seiner Freundin einen schönen netten Sex-Clip zu drehen. Eine Geschichte just aus den Abgründen unserer Gesellschaft, in dem sich die Kreativen im „mobilsten Gewerbe der Welt“ tummeln müssen, um sich ihre Brötchen zu verdienen. Und im Internet das Versprechen auf das schnelle Geld mit der kleinen Drohung verbunden ist: „Bist du nicht im Netz, bist du nirgendwo.“

Und wer dabei war, weiß, dass die Geschichte von Fabian und Leni genau so entgleist, wie sie entgleisen muss. Und dass Markus Mötz dabei genau dieselbe Freude hatte wie das aufmerksame Publikum. „Haben wir noch zehn Minuten?“ Haben wir. Zeit für noch zwei Kapitelchen. Auch das Auftauchen des aufdringlichen Burschen passt noch in die Lesung, der Fabian zu noch mehr solchen kleinen, lustigen Videoclips anspornen will.

Wechsel in die nächste Buchwelt

Wie es ausgeht, liest man im Buch. Denn jetzt ist Szenenwechsel. Die nächste Lesung drängt. Und nachher ist auch noch der Auftritt von Caroline Kraft und Susann Brückner dran, die über Trauer und Tod sprechen möchten. Auch so ein Grund, warum so ein Lesefest wichtig ist: Manche Themen möchte man unbedingt mit dem Publikum bereden. Auch wenn es nur lauscht. Aber wer da sitzt, der interessiert sich dafür. Dem ist das wichtig.

So wie den Leuten, die unten im Ballsaal Meike Stoverock und Isa Theobald zu Stoverock lauschen, die mit „Female Choice“ die seit der #Aufschrei-Aktion von 2013 wieder aufgeflammten Geschlechterdebatten thematisieren. Denn alles hängt mit allem zusammen – ein kriegführender Patriarch, unsere Negierung des Todes im Leben, eine irrlichternde digitale Welt und die Krise der alten Rollenbilder von Männern und Frauen.

Man wechselt also, wenn man aus einem Raum in den anderen wechselt, von einer Facette unserer Gegenwart in die andere. Das ist spannend und anstrengend. Zwischendurch vielleicht doch lieber noch eine kleine Erfrischungen der Bar? Man muss das Haus nicht mal verlassen, um zwischendurch auch mal zu verschnaufen und dann zu entscheiden, ob Hauke von Grimm im Naumanns Club mehr zieht oder doch eher Thomas Kunst, der im Ballsaal aus „Zandschower Klinken“ liest.

Die Zukunft des Lesefests

Es ist Abend geworden und mancher schaut sich schon nervös um. Denn das ist ja keine Messe. Hier gibt es keine starren Schließzeiten. Wer noch weiter miteinander reden will, sucht sich sein Eckchen. Und wer noch putzmunter ist, bleibt bis zur großen Party um 22 Uhr, die das ganze Haus bespielt. Und selbst wenn man nicht bleibt, hat man so eine Ahnung davon bekommen, wie das Leipziger Lesefest künftig aussehen wird.

Nämlich genau so: Kompakt in der Leipziger Innenstadt, wo sich Verlage, Autor/-innen und Leser/-innen tatsächlich begegnen können, kein Zeitstress entsteht und eher die Wahl steht, welche Lesungen man schafft. Und mit welchem Verkehrsmittel. Denn eines wird bleiben: die beeindruckende Fülle eines Lesungsangebotes, bei dem gerade die nicht so großen Verlage zeigen, was für spannende Titel sie in ihrem Frühlingsangebot haben. Und wie viel Welt in ihren Büchern steckt.

Rettungswagen heulen über die Kreuzung der Zschocherschen Straße. Draußen ist es dunkel geworden und empfindlich kühl. Morgen ist auch noch ein Tag. Leipzig liest weiter. Das ist jetzt schon mal klar.

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