Am Ende steht dieser Satz im Raum. „Wahrscheinlich haben wir an diesem Wochenende die Zukunft der Leipziger Buchmesse erlebt – als großes dezentrales Lesefest im Herzen der Stadt.“ Geschrieben hat ihn Ralf Julke, Chefredakteur der Leipziger Zeitung (LZ) im Netz und gemeint ist neben unzähligen weiteren Initiativen vor allem das von ihm besuchte „weiter:lesen22“, welches am 19. und 20. März 2022 parallel im Felsenkeller und in der Moritzbastei stattfand.

Etwas mehr als 1.500 Besucher/-innen, darunter nicht wenige reguläre Kartenkäufer/-innen, nahmen ein Angebot der „Leipziger Zeitung“ und unserer Partner wahr, was es eigentlich nur einmal geben sollte: ein binnen nur fünf Wochen organisiertes Lese- und Kreativfestival als ein Teil-Ersatz einer zum dritten Mal abgesagten Buchmesse in Leipzig.

Am Ende waren es 60 Lesungen, eine hochkarätige Debattenrunde des Börsenvereins und des Schriftstellerverbandes zum Ukraine-Krieg, Verlagsmesse, Videointerviews, vier parallele Livestreams und ein Familienprogramm der Buchkinder, wie es wohl selten im Umfeld eines Literaturfestivals in Leipzig zu erleben gab. Zumal bei einem, welches dank Leipziger Sponsor/-innen ganz ohne Fördergelder privatwirtschaftlich organisiert wurde.

Doch wer kann schon in die Zukunft sehen und behaupten zu wissen, was daraus folgt? Wollen es die Leipziger/-innen und ihre Gäste wirklich, dieses eigenverantwortete Zusammenkommen rings um das Thema Buch, Literatur und weitfliegende Gedanken auch oder gerade im kommenden Jahr, wenn vom 23. bis 26. März 2023 wieder eine staatlich veranstaltete Buchmesse sein sollte?

Und ist der Ruhm des gedruckten Buches nicht längst verblasst, die Literatur als Genre bedrängt von digitalisiertem Sprachmulch aus den „sozialen Medien“, überformt von neuen Kulturwegen wie Podcast, Comic und Serienproduktionen bei Netflix, als dass man hier – einem Musikfestival gleich – eine eigenständige, finanziell tragbare Alternative entwickeln könnte?

Klarere Verhältnisse

Um dem geschriebenen und gesprochenen Wort eine Bühne zu geben und literaturbegeisterte Menschen zu einem Besuch von Lesungen zu bewegen, braucht es nicht zwangsläufig eine Buchmesse. Wer diesen Beweis suchte, hat ihn 2022 gefunden. Es braucht auch keine Unterstützung der Stadt Leipzig, welche sich in Person ihrer Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Die Linke) hartnäckig weigerte, das „weiter:lesen22“-Festival auch nur mit einem höflichen Grußwort für das Programmheft zu versehen.

Gefangen in einer administrativen Logik, als 50-prozentige Messegesellschafterin eine nicht stattfindende Buchmesse gegen unliebsame, weil eventuell überlebensfähige Eigeninitiativen verteidigen zu müssen, meinte man hier, es gäbe eine Konfrontationssituation zwischen dem neuen Festival und der Buchmesse-Direktion um Oliver Zille. Doch gemeint wird ja viel und geglaubt noch mehr. Das Gespräch mit den Festivalmachern jedenfalls hat man bislang nicht gesucht.

Zudem verhielten sich Jennicke und Zille für eine „PopUp-Buchmesse“ im Werk 2 wie eine verkappte PR-Abteilung gegenüber Medien, die um Statements zu den Leipziger Buchmesse-Alternativen baten. Als ausdrücklich vereinbart galt hier wohl, dass die „PopUp“ gleich zu Beginn medial den Schwur ablegen musste, 2023 zugunsten der tradierten Buchmesse auf dem Messegelände keinesfalls noch einmal stattfinden zu wollen.

Der Titel der 100. Ausgabe der LZ, seit 1. April 2022 im Handel. Foto: LZ

Ein Kotau, der einerseits der Ansammlung von Messeständen zwar die subversive Spitze nahm, andererseits jedoch das Wohlwollen einer Buchmesseleitung fand, die nach drei Jahren des weitgehenden Leerlaufes eifrig bemüht ist, die eigenen Arbeitsplätze zu rechtfertigen.

Dass Oliver Zille selbst mit seiner erneuten und weithin als unnötig angesehenen Absage vor allem von „Leipzig liest“ zum entstandenen Freiraum für andere beitrug, versuchte man ebenfalls vergessen zu machen.

Wer sich von der Buchmesse umarmen und reintegrieren ließ, gilt nun, wenige Tage nach dem Buchwochenende im März 2022, als gern gesehen. Freie Initiativen eher nicht, sie stören eher dabei, wieder in den angestammten Trott zurückzukehren.

Der weitere Verlauf für die Buchmesse 2023 ist dabei längst vorgezeichnet: am 31. März 2022 (also nach Redaktionsschluss) fand das lange angekündigte Treffen zwischen Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und Sachsens Ministerpräsident und Repräsentant der anderen 50 Prozent Anteilseignerschaft an der Messegesellschaft, Michael Kretschmer (CDU), statt.

Wie üblich, wenn Bund und Land unter dem Gedanken einer Rettung, hier der Buchmesse, zusammenkommen, dürfte es verdeckt bis offen um einen finanziellen Beitrag des Bundes zur nächsten Sause auf dem Messegelände gegangen sein. Es sei denn, jene Großverlage wie Random House hätten überraschend den Rechenschieber wieder beiseitegelegt und ihre Bereitschaft erklärt, im kommenden Jahr das zu finanzieren, wozu sie 2022 nicht mehr bereit waren.

Es steht demnach zu erwarten, dass im kommenden Jahr einfach noch mehr Steuergeld Richtung Buchmesse fließen wird, wo man als Zeichen des Zeitverständnisses „neue“ Konzepte wie eine weitreichende Livestreambegleitung der Messe vorlegen dürfte.

Friedliche Koexistenzen

Was dieses Dröhnen rings um die letzte große Besuchermesse Leipzigs für das Festival „weiter:lesen23“ bedeutet? Letztlich nichts.

Findet 2023 nach drei Jahren wieder eine reguläre Buchmesse statt, unterstützt mit mehr Geld als zuvor, kehrt hoffentlich jener Effekt zurück, dass mehr nationale und internationale Besucher/-innen ihren Weg nach Leipzig finden. Und damit über die diesjährig eher regional beheimateten Besucher/-innen von „weiter:lesen“ zu Lesungen und Veranstaltungen am Abend kommen werden. Es werden keine 286.000 sein, eine Besucherzahl, die angeblich 2019 auf dem Messegelände zur letzten vorpandemischen Buchmesse gezählt worden war und nie ganz stimmen konnte.

Doch schon 100.000 zusätzliche Gäste würden es allen eigenständigen Initiativen in Leipzig erleichtern, im kommenden Jahr teils eigene, teils an die Messe angebundene Ideen in der urbanen Stadt auf die Beine zu stellen oder sich „weiter:lesen23“ anzuschließen. Und so aus der Keimzelle 2022 ein echtes Großstadtfest der Literatur zu reorganisieren.

Vorbild dafür dürfte in den kommenden Jahren wohl eher die „lit.Cologne“ sein und weniger die Frankfurter Businessmesse im Herbst eines jeden Jahres. Oder die Leipziger Buchmesse alten Zuschnitts auf einem Gelände vor den Toren der Stadt. Und im Zweifel nur aufs eigene Überleben bedacht, statt auf ihre Rolle als Motor für eine „Messestadt“ wie Leipzig.

Man sieht sich also. Zum „weiter:lesen23“, dann vom 23. bis 26. März 2023.

Informationen rings um das Lese- & Kreativ-Festival „weiter:lesen“

„Auch 2023? Vom Wenn und Aber eines unabhängigen Literaturfestivals in Leipzig“ erschien erstmals am 1. April 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 100 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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Ich zitiere einfach einen Besucher einer Gruppe aus Niedersachsen, die am 17. und 18. März drei Lesungen in Leipzig erlebte und am 19. März die Popup-Buchmesse im Werk 2 besuchte: “Dankeschön für unsere abwechslungsreichen und sehr interessanten Tage in dem schönen und beeindruckenden Leipzig.
Aus meiner Sicht fanden wir eine sehr ansprechende Atmosphäre wohl auch
weil das Angebot der Messe reduziert war . Dies hat nichts am Flair und
Anschauung gemindert . Gerade weil
die Vorstellungen direkter wirkten, waren diese intensiver.”
Leipzig kann der lit.cologne etwas entgegensetzen und sollte das 2023 unbedingt fortführen. Dank den privaten Initiatoren und Dank den Sponsoren. weiter(so):lesen!

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