Jetzt noch mal die ganze Geschichte erzählen? Von Anfang an? Das hätten wir durchaus machen können in der 100. Ausgabe der „Leipziger Zeitung“. Von Mai 2015 bis heute. Mit allen Turbulenzen. Die es zu Anfang ja tatsächlich gab, als eine durchaus bunte Truppe noch die Chance sah, für Leipzig eine Wochenzeitung produzieren zu können. In einer Zeit, in der überall die Zeitungen hinschmolzen wie Schnee in der Sonne.

Am Hinschmelzen hat sich nichts geändert. Die Leipziger Zeitung (LZ) aber gibt es immer noch, seit den ersten Turbulenzen bis heute als Monatszeitung. Gewissermaßen der Gruß im Briefkasten, der den Abonnenten jeden Monat ein Angebot macht, für ein Weilchen noch einmal zur Ruhe zu kommen und über die Stadt und ihre wirklich wichtigen Veränderungen ein wenig länger nachzudenken, als das in der täglichen Nachrichtenhektik sonst möglich ist.

Lesen auf Papier beruhigt. Stoppt den Fluss der Meldungen für eine Weile.

Und manchmal tauchen dann Themen wieder auf, die von den Nachrichtenschnipseln der vergangenen Woche längst schon wieder zugeschneit waren. Manchmal wirkt das Geratter der „wichtigen Meldungen“ so, als wäre ihr Sinn einzig und allein der, die Menschen immerfort abzulenken, fortzulenken von den Dingen, die eigentlich echte Aufmerksamkeit brauchen.

Diesmal gibt es dafür auch eine Ohrfeige. Die bekommt der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, der in seiner Bundestagsrede, als es um die zusätzlichen 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr ging, den ziemlich vorgestrigen Satz sagte: „Sie können von mir aus feministische Außenpolitik, feministische Entwicklungshilfepolitik machen, aber nicht mit diesem Etat für die Bundeswehr.“

Worauf ja dann auch Annalena Baerbock eindrucksvoll konterte.

Der Titel der 100. Ausgabe der LZ, seit 1. April 2022 im Handel. Foto: LZ

Die Ohrfeige werden Schwarwel-Freunde schon kennen, auch wenn er meistens Superman ordentlich zuhauen ließ in den vergangenen Monaten, wenn wieder ein männlicher Alleindarsteller gequirlten Blödsinn von sich gegeben hat. Blödsinn, der dann leider meist in Windeseile als „breaking news“ in Gazetten und Sendern landet, die den Quark nur zu gern verbreiten, weil das aus ihrer Sicht politische Diskussion ist.

Auch wenn es nur wieder die Selbstdarstellung eines narzisstischen Mannes ist, der auch nach der zehnten Niederlage nicht begreift, dass er nicht auf der Höhe der Zeit ist und seine Weisheit aus dem Werkzeugkasten eines längst vergangenen Jahrhunderts stammt.

Und Schwarwel geht das einfach nur noch auf den Keks. Er weiß nur zu gut, dass diese Worthülsen trotzdem Wirkung zeigen und die Diskussion in einer Republik prägen, in der ältere und jüngere Männer nur zu gern ihre Eitelkeiten pflegen und jeden Ansatz einer menschlicheren Politik lächerlich zu machen versuchen.

Patsch.

Dass das auch mit Leipzig zu tun hat und der Blindheit der hiesigen politischen Gesellschaft für die Arbeit und das Engagement von Frauen, das machen wir in dieser Ausgabe in mehreren Beiträgen zum Thema. So hat Maren Wilczek die Linke-Stadträtin Mandy Gehrt interviewt, die mit einem Stadtratsantrag vorpreschte, endlich einmal auch eine Frau (oder gleich mehrere) mit der Ehrenbürgerinnen-Würde der Stadt Leipzig zu bedenken.

Das LZ-Team macht dann auch gleich zehn Vorschläge, welche Frauen aus der jüngeren Leipziger Geschichte dafür infrage kämen.

Für Aufregung sorgte ja im März auch die Absage der Buchmesse und von „Leipzig liest“, dem Lesefest, das längst schon die eigentliche Schauseite der Buchmesse war. Mit großem Einsatz wurde ja dann auch das Lesefestival „weiter:lesen22“ aus dem Boden gestampft, das zwei Tage lang im Felsenkeller und der Moritzbastei zeigte, wie ein Lesefest auch ohne Messe aussehen kann.

In der Nr. 100 gibt es dazu eine Bilderstrecke und eine Analyse von Michael Freitag, wie es 2023 möglicherweise mit der Leipziger Buchmesse und dem Lese- und Kreativfestival „weiter:lesen23“ weitergehen könnte.

Zwei Seiten bringen diesmal auch ein paar statistische Aspekte der in ihren „Wachstumsschmerzen“ (Burkhard Jung) steckenden Stadt Leipzig auf den Punkt. Auch hier dreht sich einiges um die Rolle der Frauen in unserer Stadtgesellschaft.

Schmerzen, die ja weitergehen mit einer ziemlich schrägen Bürgerbefragung durch den Flughafen (zu dem Maren Wilczek einiges zu sagen hat), den Anstrengungen der Stadt, den Ukraine-Flüchtlingen schnellstmöglich zu helfen (ein Beitrag von René Loch) und dem Ende eines Prozesses um einen Totschlag im Auwald, der natürlich auch in das große Thema Feminismus und Emanzipation gehört.

Oder vielleicht auch ins Gegenteil, das der toxischen Männlichkeit, die einfach nicht fähig ist, Frauen als gleichberechtigte Persönlichkeiten zu begreifen.

Dass diese falsche Haltung zur Beherrschbarkeit der Welt unsere ganze Gesellschaft durchdringt, macht Lucas Böhme in seinem Beitrag „Pandemie und Klimawandel – und jetzt der Ukraine-Krieg: Resilienz in Krisenzeiten“ deutlich.

Wie der Ukraine-Krieg dann auch ins Lesefestival „weiter:lesen22“ hineinfunkte, thematisiert David Gray in seiner Kolumne „Lagerfeuer in Zeiten der Bomben“. Während Jens-Uwe Jopp die ganz große Literatur zurate zieht, um adäquate Bilder für das Entsetzen des Krieges zu finden. Wobei er es diesmal nicht belässt, denn mit Ronja von Wurmb-Seibels Buch „Wie wir die Welt sehen“ geht er auf die negativen Folgen unseres heutigen Nachrichten-Sensations-Journalismus ein.

Denn wer diese Nachrichten-Shows immer nur benutzt, als wäre das ein großes öffentliches Prügeln mit Worten und Unterstellungen, der verhindert genau das, was gerade in Krisenzeiten besonders wichtig ist: Wurmb-Seidels Buch „ist in diesen Zeiten ein stärkender Ratgeber, um zum eigenen Urteil und universell-humanistischen Denken und Handeln zu gelangen. Mut und eine konstruktiv-lösungsorientierte Haltung gehören unbedingt dazu“, bilanziert Jopp.

Das könnte schon fast wieder auf die LZ gemünzt sein.

Dann doch lieber die Glotze ausschalten und Bach auflegen. Den Burschen, der heute ja gewissermaßen als die musikalische Seele Leipzigs gilt und auf dessen Spuren sich Christopher Berberich begeben hat.

Wie Leipziger Sportler in der Ukraine-Krise helfen, erzählen dann Jan Kaefer und Marko Hofmann, bevor Tom Rodig seine schillernden Erfahrungen von einer PARTEI-Reise nach Ungarn erzählt und Ilse Schnickenfittich und Schwarwel das Thema von Seite 1 noch einmal aufgreifen: diesmal natürlich mit dem echten menschlichen Widerspruch, in dem überzeugte Pazifisten natürlich stecken, seit ein kleiner Moskauer Tyrann – ein Mann – einfach mal so ein Nachbarland überfallen hat.

Womit die ganze Sache wieder offen ist: Es hilft nichts. Die LZ muss weitermachen – und zwar genau mit dem, was Jens-Uwe Jopp benannt hat: den Raum schaffen, in dem konstruktiv-lösungsorientiertes Denken und Handeln möglich werden.

Die neue Leipziger Zeitung (LZ), Ausgabe 100, erschien am 01.04.2022, die unsere Abonnenten natürlich im Briefkasten vorfinden. Für alle anderen ist die Ausgabe an allen bekannten Verkaufsstellen erhältlich.

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Es gibt 6 Kommentare

Wie er in den Wald hineinruft, so schallt sie zurück.
Passende Karikatur.
Und Dankeschön für euer aller tolle Arbeit, wie immer <3.

Ich würde das inklusiv nennen, oder vielleicht geschlechtergerecht.

Seine eigentliche Aussage habe ich so verstanden, dass der Affekt der 100 Mrd. an die unzureichende Fähigkeit unserer Armee und die schnelle Beseitigung der Missstände gerichtet war (ich finde die Summe dabei maßlos), und dass er hofft, dass eben genau dafür auch die Summe ausgegeben wird, statt für andere weniger wichtige Lieblingsprojekte anderer Resorts. Dass man sich nicht auch innerhalb dieser Resorts um Mädchenbildung in anderen Ländern kümmern darf, das war ja glaube nicht die Aussage. Aber eben nicht mit den 100 Mrd., die für die Bundeswehr im Raum stehen. Ich kann daran nichts feststellen, was eine Ohrfeige verdienen würde.

Mit welchem Adjektiv würden Sie denn etwa ein außenpolitisches Engagement gegen den Ausschluss von Mädchen und Frauen vom Bildungssystem in Afghanistan bezeichnen?
Dass es mitunter blinde Flecken in der Wahrnehmung gibt, die verhindern, dass man Probleme, die vor allem Frauen und Mädchen betreffen, außen- oder sonstwie politisch konsequent angeht, sollte doch der Verweis der Außenministerin auf das Kriegsverbrechen der systematischen sexuellen Gewalt gegen Mädchen und Frauen (das u.a. in Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent nach wie vor grassiert, ohne dass es wirklich adressiert würde) deutlich gemacht haben. Und das ist bspw. ein feministisches außenpolitisches Thema (und immer noch auch ein hiesiges gesundheitspolitisches Thema bzgl. der medizinisch-psychologischen Versorgung von alten Menschen), ob der Begriff nun den persönlichen Geschmack trifft oder nicht.

> Mag sein, dass mittlerweile sogar die sinnbildliche Ohrfeige als Gewalt gilt, wenn eigentlich nur gemeint ist, dass jemand für seinen Quatsch mal so richtig (verbal) abgewatscht wurde. Aber das seh ich persönlich anders.

Oft wird es bildhafter, wenn man ein paar Dinge austauscht. Wäre die Karikatur nicht hier, sondern in einem konservativen Medium oder auf einer Querdenkerdemo erschienen, und wäre der Georfeigte nicht Herr Merz, sondern zum Beispiel Frau Baerbock, Frau Lambrecht oder einfach irgendeine Frau gewesen, da wäre die Wahrnehmung doch ganz anders. Ganz entspannt, einfach nur als Kritik am “Quatsch, den jemand verzapft hat”, wäre das bestimmt nicht gesehen worden.
Sehr wahrscheinlicher als Sinnbild ewig gestriger männlicher, toxischer, und ähnlicher Reflexe, oder woran sich Herr Julke so gern abarbeitet.

Und die Kritik am “Feminismus” in der Außenpolitik teile ich ganz klar. Solch eine Politik kann gern kommunikativ sein, transparent, sie kann friedenschaffend, kooperativ und verbindend sein, nachbarschaftlich oder wirtschaftsfördernd, von mir aus auch wohlstandsmehrend, ökologisch oder ganz anders positiv gelesen. Aber das Wort “feministisch” braucht man dafür ganz sicher nicht.

Ach, man muss glaub ich nicht immer alles so wörtlich nehmen. Eine verbale Ohrfeige hat mit Gewalt nichts zu tun und etwas in einer Karikatur dargestelltes ist meist eher ein Spiegel als eine Forderung. Ich kann da auch beim besten Willen nirgendwo Gewaltverherrlichung entdecken. Hat es in dieser Zeitung noch nie gegeben und wird es auch in Zukunft nie geben. Mag sein, dass mittlerweile sogar die sinnbildliche Ohrfeige als Gewalt gilt, wenn eigentlich nur gemeint ist, dass jemand für seinen Quatsch mal so richtig (verbal) abgewatscht wurde. Aber das seh ich persönlich anders.

> Oder vielleicht auch ins Gegenteil, das der toxischen Männlichkeit, die einfach nicht fähig ist, Frauen als gleichberechtigte Persönlichkeiten zu begreifen.

Wenn die Gleichberechtigung, wie hier im Artikel per Ohrfeige beschrieben und auch per Comic verbildlicht, auf Gewaltverherrlichung hinausläuft, dann könnte man vielleicht eher das gesellschaftliche Verständnis von Herrn Julke infrage stellen, als das von Herrn Merz. Der soll im Bild eine Ohrfeige für seine Meinung erhalten, was mir ähnlich gestrig und wie aus einer impulsiven, klassisch männlich geprägten Machtphantasie getrieben vorkommt, wie das territoriale Silberrückenverhalten eines Will Smith bei der Oscarverleihung.

“Toxisch” sind natürlich immer die anderen. Was daran besser sein soll, wenn eine Frau die Schläge verteilt, verstehe ich nicht.

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