Wir haben ein Festival über die Bühne gebracht, das es so noch nicht in Leipzig gab und wohl auch in dem Umfang nicht wieder geben wird. Mit 60 Künstler/-innen auf vier Bühnen in zwei Locations. Das alles wurde innerhalb von kaum sechs Wochen organisiert und die Veranstaltung ist – nach allem, was man aktuell dazu sagen kann – von keinem Pfennig aus dem Stadtsäckel gefördert worden.

Das Leipziger Publikum konnte es zum Festivalbeginn kaum erwarten, in die Moritzbastei und den Felsenkeller zu kommen, um dort die Auftritte der Autor/-innen sehen und hören zu können. Heute, während ich diesen Text verfasse, hat die übliche Taubheit, die dich als Mitorganisator nach dem erfolgreichen Ende eines solchen Events ergreift, bereits leidlich nachgelassen.

Die Interviews sind gegeben, die Bühnen für die nächsten Künstler/-innen wieder hergerichtet und die ersten fragen schon halblaut, wie es weitergeht, wann denn das nächste Festival organisiert werden sollte. Ich bin da immer skeptisch. Ich habe das Gefühl, dass man erst das letzte Event aus dem Kopf bekommen sollte, bevor man sich dem nächsten zuwendet. Zumal aktuell auch zwei Verleger an mir zerren, die endlich längst fällige Manuskripte geliefert haben wollen.

Dennoch ist dieser Text eine passende Gelegenheit, schreibend darüber nachzudenken, weshalb all die Arbeit geleistet zu haben, gut und notwendig gewesen ist. Oder eben auch nicht. Mir blieben von den vergangenen sechs Wochen eine Menge Erinnerungen, die sich in jenem seltsam intimen unbewussten Prozess, in dem so etwas eben passiert, gerade noch sortieren. Trotzdem ahne ich, dass sich eine unserer fast täglichen Zoomkonferenzen zur Vorbereitung von weiter:lesen22 tiefer ins Gedächtnis geschnitten hat, als andere Ereignisse während des Festivals.

In jener Konferenz hätten wir uns eigentlich über Budgets die Köpfe zerbrechen sollen. Stattdessen sprachen wir über die Wiederkehr jener alten Angst vor den Bomben, die man uns in unserer Kindheit hinter der Scheiß-Mauer eingetrichtert hatte. Eine im Team sagte, dass sie ständig das Gefühl hätte, weinen zu müssen und ein anderer gestand sein bedrückendes Gefühl von Hilflosigkeit angesichts der brennenden Häuser in Kiew ein.

Das sind Momente, in denen man unverhofft mit der Sinnfrage konfrontiert wird: wozu das alles hier? Weshalb ein Literaturfestival aus dem Boden stampfen, Geld, Nerven, Zeit riskieren, bei Freunden um Gefallen bitten und sich um Sponsorengelder und die Budgets für Security-Personal streiten?

Wirklich rationale Antworten gibt’s darauf angesichts der Bomben nicht.

Der kleine Preuße, der irgendwo in meinem Hinterkopf wohnt und großer Fan von Rationalität und Vorsicht ist und sich gern mal mit dem anarchistischen Chaos in mir streitet, zappelt aufgeregt in seinem Sessel umher. Er fühlt sich umzingelt von Angst, Furcht, Zorn und trotziger Liebe. All diese Emotionen werden in diesen Tagen leise unbemerkt größer in dir.

Die schieben sich übereinander, leuchten mal heller, mal dunkler, fahren dir unbewusst in die Tippfinger oder lassen dich an Straßenampeln den einen Moment länger stehen als nötig ist, weil du für jenen Augenblick plötzlich eine banale Winzigkeit am Wegesrand entdeckt hast, an die du in anderen Zeiten keinerlei Aufmerksamkeit verschwendet hättest.

Ich war ja nie so weit vorn im Glauben an die Macht der Götter. Das Beten hat selten genutzt. Selbst wenn ich in meinem Leben stets Glück gehabt habe, in jenen Augenblicken, in denen es wirklich drauf ankam. Doch ohne den Trost der Götter wird’s auch schon mal kälter in dir, während die Einschläge der Bomben jede Minute näherzukommen drohen. Der rationale kleine Preuße im Hinterkopf ahnt, dass er gerade ein bisschen ins Hintertreffen gerät.

Trotzdem reicht’s halt doch noch mit meinem Aberglauben so weit, dem Ukrainer, der in gebrochenem Englisch nach dem Weg zur Bahnhofsmission fragt, ein Good Luck hinterherzurufen, während er seiner Familie hinterdrein eilt – auf dem Weg in ein anderes Leben, von dem keiner sagen kann, ob’s besser oder auch bloß mittelfristig sicherer sein wird, als das vor dem er fliehen musste. Über dieses Good Luck hat der blöde kleine Preuße übrigens hochmütig gelächelt.

In unserer Orga-Konferenz haben wir die Bomben-Angst schließlich mit einer Metapher kleingehalten. Kann schon sein, dass morgen all der Aufwand, Streit, die Mühe und das Herzblut sich als eine Übung in „Nullkommanix“ entpuppen würde. Doch immerhin, werden wir sagen können, wir haben gegen die Bomben mehr getan als Däumchen zu drehen. Denn wir zündeten ein Lagerfeuer an, dessen Schein vielleicht sogar dem einen oder anderen seinen Weg durch einen der kürzlich noch dunkler gewordenen Wälder der Furcht und Sinnlosigkeit weist.

Der Titel der 100. Ausgabe der LZ, seit 1. April 2022 im Handel. Foto: LZ

Das ist es, was du letztlich wirklich als Künstler tun kannst: Feuer entzünden aus Bildern, Worten, Ideen und manchmal damit das Gefühl erzeugen, dass trotzdem zu lachen, eben dennoch Lachen bedeutet.

Hin und wieder kann selbst der kleine rationale Preuße nicht anders, als die Macht der Träume zu akzeptieren. Jetzt, während ich diesen Text heruntertippe, meckert er über die drei Kippen, die ich dazu rauche. Doch das sind Rückzugsgefechte meiner Rationalität.

Ich glaube zwar nicht an die Macht der Götter. Aber ich bin überzeugt, dass Sisyphus’ Stein ihm, während er ihn den Berg heraufrollt, eben auch als Meditationshilfe dient. Ich weiß, dass im wilden Herzen der Welt kein Platz für Registrierkassen sein kann und ich habe gelernt, dass ein Gedicht auch eine andere Form von Gebet ist.

Letztlich sind wir alle Romantiker, die glauben, dass die Wirkung von Gedichten, die an Lagerfeuern rezitiert werden, sich noch einmal verstärkt.

„Möglich“, flüstert der kleine Preuße eben hämisch. „Das Problem ist nur, dass auch auf der Seite, die gerade Bomben abwirft, Lagerfeuer brennen, an denen Gedichte rezitiert und Lieder gesungen werden. Und womöglich sind es sogar dieselben Lieder und Gedichte.“

Na klar, erwidert ihm mein trotziges anarchistisches Restselbst, alles andere wäre schließlich sogar noch unerträglicher.

Während in Kiew und Mariupol weiter die Bomben fallen, berichtet der Verband der U.S. amerikanischen Bibliotheken, dass selten zuvor so viele Versuche unternommen wurden wie letztes Jahr, bestimmte Bücher aus den Schulbüchereien zu verbannen. Und auch hier in Deutschland sind (zaghafte) Versuche zu verzeichnen, die Verbreitung von (scheinbar) politisch kontroversen Texten, Bildern und Ideen zu limitieren.

Irgendwo in der Dimension unserer Träume und Albträume rollt Sisyphus weiter seinen Stein den Berg hinauf und leuchten in den dunkler gewordenen Wäldern der Angst und Hoffnungslosigkeit dennoch die kleinen Feuer der Menschlichkeit. Ich las irgendwo, dass man in der Ukraine und in Russland jetzt hin und wieder „No pasaran!“ an Häuserwände sprüht und heimlich auf T-Shirts druckt. Jenes „No pasaran – Sie kommen nicht durch!“ war der Ruf der republikanischen Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg.

„Haltungsnote #38: Lagerfeuer in Zeiten der Bomben – Eine Kolumne über Ukrainekrieg und Lesefestival“ erschien erstmals am 1. April 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 100 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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