Anfang dieses Jahres entflammte in Leipzig die Debatte über ein Thema, das vielleicht eine Vielzahl der Leipziger Bürger/-innen nicht aktiv vor Augen hat. Die Wahl der Ehrenbürger/-innen der Stadt. Wobei letzterer Terminus nicht dem derzeitigen Stand entspricht, denn wie – ebenfalls in diesem Frühjahr – von mehreren Seiten kritisiert wurde, schmückt sich die Liste der Personen in Leipzig, denen die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen wurde, bisher ausschließlich mit männlichen Namen. Ausdrücklich aber nicht ausgeschlossen von der Ehrenbürger/-innenschaft sind auch Frauen und als weiblich gelesene Personen.

So zumindest sagt es die Satzung über die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes, der Ehrenmedaille und der Ehrennadel, die seit dem 20. März 2013 in Leipzig in Kraft ist. Darin heißt es: „In Würdigung herausragender Verdienste verleiht die Stadt Leipzig das Ehrenbürgerrecht. Verliehen wird das Ehrenbürgerrecht an natürliche, lebende Personen, die sich in herausragender Weise um Mitmenschen, um das Gemeinwohl, um die Stadt Leipzig, ihr Ansehen oder ihre Entwicklung verdient gemacht haben.“

Der Titel der 100. Ausgabe der LZ, seit 1. April 2022 im Handel. Foto: LZ

Personen, denen diese höchste Würde der Stadt bereits zuteilwurde, sind beispielsweise der ehemalige Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy, der ehemalige Rektor der Universität Leipzig Karl Binding und der Architekt Clemens Thieme. Zuletzt beschloss der Stadtrat im Februar die Verleihung der Leipziger Ehrenbürgerschaft an Friedrich Magirius, der lange Jahre Pfarrer der Nikolaikirche und aktiv beteiligt war am Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung in Leipzig nach 1989.

Den Vorschlag für eine Person, die mit der Ehrenbürger/-innenschaft der Stadt Leipzig ausgezeichnet werden sollte, kann von jeder natürlichen oder juristischen Person, Verbänden oder sonstigen Vereinigungen eingereicht werden. Die Anzahl der möglichen Einreichungen ist unbegrenzt. Der jeweilige Vorschlag muss hinreichend begründet schriftlich an den Oberbürgermeister übermittelt werden.

Über die endgültige Verleihung der Auszeichnungen entscheidet der Stadtrat in zwei Stufen. So werden die Vorschläge zunächst in nicht öffentlicher Sitzung im Verwaltungsausschuss diskutiert. Anschließend kommt es zur öffentlichen Abstimmung in der Ratsversammlung.

Zwar gab es durchaus auch (wenige) Vorschläge für Frauen in Leipzig, denen die Ehrenbürgerinnenschaft verliehen werden sollte, bisher schaffte es allerdings keiner in die Abstimmung durch den Rat.

Auguste Schmidt

Auguste Friederike Wilhelmine Schmidt, gebürtige Breslauerin, siedelte nach einer Ausbildung zur Lehrerin und Schulvorsteherin 1861 nach Leipzig über. Hier gründete sie 1865 mit Gleichgesinnten den Frauenbildungsverein und den Allgemeinen Deutschen Frauenverein, wo sie sich neben ihrer Arbeit als Lehrkraft jahrzehntelang unentgeltlich engagierte. Mädchen und Frauen, so Schmidts Ansatz, sollte durch Berufs- und Universitätsbildung der Schlüssel zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit in die Hand gegeben werden.

Auguste Schmidt. Foto: gemeinfrei

Vorträge und Publikationen machten die charismatische Aktivistin, die zeitlebens nie heiratete, weit über ihre Wahl-Heimat hinaus bekannt. Seit 1870 leitete sie das „Steybersche Institut“, eine Leipziger Mädchenschule, war 1890 Mitbegründerin des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins und 1894 des Bundes Deutscher

Frauenvereine. Das Verhältnis zu ihrer bekannten Mitstreiterin Louise Otto-Peters galt als freundschaftlich und vertrauensvoll. 1900 zog sich Schmidt ins Privatleben zurück.

Bei ihrer Beerdigung auf dem Neuen Johannisfriedhof (heute: Friedenspark) in Leipzig am 12. Juni 1902 gaben ihr hunderte Trauergäste aus ganz Deutschland das letzte Geleit.

Martha Sochatzy

„Doctor of Dental Surgery – American Dentist“ – unter diesem Titel eröffnete Martha Sochatzy im Juli 1892 ihre Zahnarztpraxis in der Leplay-Straße 1. Der Andrang bei den täglichen Sprechstunden war groß, denn Sochatzy war fachlich kompetent. Und sie war als erste (historisch nachweisbare) Zahnärztin einzigartig in der Stadt.

Sochatzy, 1860 geboren, war entschlossen, ein unabhängiges Leben zu führen. Mit 29 Jahren reiste sie nach Philadelphia und studierte dort Zahnheilkunde – zunächst als einzige Frau neben 200 Kommilitonen. Knapp zwei Jahre später kehrte sie mit Doktor-Diplom und sehr guten Examensergebnissen nach Deutschland zurück.

Ihre Leipziger Praxis führte Sochatzy gut zehn Jahre lang. Neben ihrer Arbeit unterstützte sie den Allgemeinen deutschen Frauenverein mit Vorträgen über Zahnpflege. Sochatzy gehörte zur ersten Generation von Zahnärztinnen in Deutschland.

Clara Schumann (geborene Wieck)

Clara Wieck wurde als Tochter einer Musikerfamilie 1819 in Leipzig geboren. Ihr ausdrucksstarkes Spiel, eigenes Komponieren und Improvisieren brachten ihr sehr früh Anerkennung als Pianistin. Als Neunjährige debütierte sie erfolgreich im Gewandhaus zu Leipzig.

Clara Schumann (Wieck). Foto: gemeinfrei

Im selben Jahr lernte Clara den 18-jährigen Jura-Studenten Robert Schumann kennen, der als Klavierschüler zu den Wiecks kam und für zwei Jahre auch in der Familienwohnung logierte.

In den kommenden Jahren wurde Clara Wieck durch Konzertreisen nach Paris, Prag und Wien international bekannt. In Wien wurde ihr 1838 nach der Aufführung von Beethovens Appassionata der Titel einer kaiserlichen und königlichen Kammervirtuosin verliehen.

1840 heirateten Clara und Robert Schumann. In dreizehn Jahren Ehe brachte sie acht Kinder zur Welt. Clara Schumann überlebte Robert Schumann um vier Jahrzehnte; auch vier der Kinder starben vor ihr. Nach zwei Schlaganfällen verstarb sie mit fast 77 Jahren. Heute erinnern in Leipzig eine Straße und das Schumann-Haus an die begnadete Musikerin.

Louise Ariowitsch (geborene Hepner)

Louise Hepner wurde 1856 in Posen geboren und zog später mit ihrer Familie nach Leipzig. Mit 19 Jahren lernte sie den Pelz- und Borstenhändler Julius Ariowitsch aus Weißrussland kennen. 1877 heirateten Louise Hepner und Julius Ariowitsch und gründeten wenig später die Firma J. Ariowitsch als Handelsunternehmen für Rauchwaren und Borsten.

Nach dem Tod ihres Ehemannes verwendete Louise Ariowitsch Teile ihres Vermögens zur Errichtung der Ariowitsch-Stiftung sowie eines jüdischen Altersheims und der Synagoge Beth Jehuda. Die Jüdische Gemeinde in Leipzig gratulierte ihr zum 80. Geburstag mit den Worten: Sie ist „eine der markantesten Persönlichkeiten unserer Gemeinde“.

Als Louise Ariowitsch 1939 in Paris verstirbt, existiert ihr Lebenswerk, die Beth-Jehuda-Synagoge, nicht mehr. Sie wurde im November-Pogrom von Nationalsozialisten zerstört. 1942 wurden sämtliche Bewohner/-innen und Pflegekräfte des Ariowitsch-Altersheims in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. 2009 fand die Eröffnung des „Ariowitsch-Hauses“ als jüdisches Kultur- und Begegnungszentrum statt.

Hildegard Heyne

Hildegard Heynes (*1878 in Leipzig) Hauptinteresse galt seit jeher der Kunstgeschichte, weshalb sie von 1898 bis 1902 als „geduldete Hörerin“ an der Leipziger Universität verschiedene kunstgeschichtliche Lehrveranstaltungen besuchte.

In den folgenden Jahren machte sie sich in Leipzig durch ihre kunstpädagogische Tätigkeit und ihre erste Publikation 1907 zu Max Klinger einen Namen. 1908 wurde sie am Museum der bildenden Künste (MdbK) angestellt. Gemeinsam mit dem Leiter der Graphischen Sammlung Dr. Hermann Voss schaffte sie es, den Sammlungsbestand enorm aufzuwerten, räumlich zu vergrößern und fachlich-chronologisch zu inventarisieren.

Heyne legte berufsbegleitend eine Dissertationsschrift vor und ersetzte ab 1922 Dr. Voss als Sammlungsleiterin. Die Presse berichtete kontinuierlich über die begnadete, weltoffene und feministische Kunstpädagogin, die für die Leipziger Bevölkerung kostenfreie Montagabendvorträge hielt. Dr. Heyne baute ein Netzwerk Leipziger Künstler/-innen, Kunstsammler/-innen und Mäzen/-innen auf. Sie starb 1964 im Krankenhaus St. Georg.

Gerda Taro

Gerda Taro. Foto: gemeinfrei

Gerda Taro gilt als erste Frau, die Fotos direkt aus einem Kriegsgeschehen lieferte. Als im Jahr 1936 der spätere Diktator Francisco Franco gegen die demokratische Regierung in Spanien putschte, entschloss sie sich dazu, gemeinsam mit ihrem Mann Robert Capa dorthin zu reisen.

Gegen rechte Umtriebe hatte sie sich bereits in Deutschland engagiert, wo sie Flugblätter gegen die Nationalsozialisten verteilte und dafür zwei Wochen ins Gefängnis musste. Von 1929 bis 1933 lebte sie in Leipzig.

Taro starb am 26. Juli 1937 – kurz vor ihrem 27. Geburtstag – in El Escorial. Einen Tag zuvor war sie von einem Panzer überfahren worden. An ihrem Trauerzug beteiligte sich unter anderem der spätere Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda.

Anderthalb Jahre später endete der Bürgerkrieg mit dem Sieg der Nationalisten. Eine Fotoinstallation, die in Leipzig in der Straße des 18. Oktober an Taro erinnert, wurde 2016 kurz nach der Präsentation zerstört, aber anschließend neu eingeweiht.

Lene Voigt

Lene Voigt absolvierte eine Ausbildung zur Kindergärtnerin, arbeitete beim in Leipzig gegründeten Insel-Verlag und war schließlich als Schriftstellerin und Mundartdichterin tätig. Wie so viele andere Persönlichkeiten, die noch heute in Leipzig bekannt sind, geriet sie mit den Nationalsozialisten in Konflikt.

Diese störten sich zum einen daran, dass Voigt auch in linken Publikationen wie „Die Rote Fahne“ veröffentlichte, und zum anderen daran, dass ihre parodistischen „Übersetzungen“ ins Sächsische die deutschen Klassiker verunglimpfen würden. Ab 1936 gab es deshalb ein Publikationsverbot für sie.

Die als Helene Wagner geborene Voigt war ihr gesamtes Leben in Leipzig verwurzelt. Hier wurde sie 1891 geboren, hier ließ sie sich in mehreren Krankenhäusern wegen psychischer Probleme behandeln und hier starb sie 1962 im Alter von 71 Jahren. Bekannt ist heute vor allem der nach ihr benannte Lene-Voigt-Park in Reudnitz-Thonberg. Zudem tragen eine Straße und eine Schule ihren Namen.

Louise Otto-Peters

Louise Otto-Peters. Foto: gemeinfrei

Seit 2015 verleiht die Stadt Leipzig jährlich den Louise-Otto-Peters-Preis an Personen und Organisationen, die für die Gleichstellung von Frauen und Männern besonders viel leisten. Ausgezeichnet wurden damit unter anderem schon die „Frauenkultur Leipzig“, die Rapperin Sookee und das Gleichstellungsbüro der Uniklinik. Die 1895 in Leipzig gestorbene Louise Otto-Peters zählt zu den Mitbegründerinnen der Frauenbewegung in Deutschland.

Zunächst schrieb sie vor allem Romane über die Nöte der Arbeiter/-innen. Die von ihr gegründete „Frauen-Zeitung“ wurde nach kurzer Zeit mit einem Gesetz verboten, das Frauen als Herausgeber/-innen verbot. Ab 1859 lebte sie in Leipzig, wo sie sechs Jahre später den Frauenbildungsverein mitbegründete.

Am 18. Oktober 1865 gründete sie den ersten allgemeinen Frauenverein in Deutschland, dessen erste Vorsitzende sie wurde. Sie setzte sich unter anderem dafür ein, dass Frauen im Bildungsbereich und bei der Arbeit nicht mehr benachteiligt werden.

Edith Louise Ida Mendelssohn Bartholdy

Edith Louise Ida Mendelssohn Bartholdy wurde 1878 in Berlin geboren. Bis zur Hochzeit mit ihrem Mann Ludwig Carl 1905 arbeitete sie am dort ansässigen Königin-Luisen-Stift. Später ließ sich das Paar in Leipzig nieder. Edith setzte sich für die Schaffung der ersten Leipziger Krippen- und Säuglingspflegeanstalten ein, um arbeitenden Frauen die Unterbringung ihrer Kinder zu ermöglichen. Sie war Mitbegründerin des 1912 ins Leben gerufenen Leipziger Krippenvereins. 1916 Vorsitzende des Vereins für Mutterschutz.

Mendelssohn Bartholdy legte ihr Augenmerk außerdem auf das künstlerische Schaffen von Frauen. 1914 protegierte sie den von Frauen errichteten und betriebenen Frauenpavillon auf der Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig. 1930 übernahm sie den Vorsitz der Leipziger Ortsgruppe der Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreunde. Als Jüdin aus all ihren Ämtern gedrängt, emigrierte sie 1936 nach England, kehrte aber Mitte der 1950er nach Deutschland zurück. Ihrem Motto „Ohne Arbeit kann ich nicht leben“ blieb sie bis zu ihrem Tod 1969 treu.

Ottilie von Steyber

Sie ist neben Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt eine der Gründerinnen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins: Ottilie von Steyber. Sie ist heute weitaus weniger bekannt als Otto-Peters und Schmidt. In Leipzig-Eutritzsch erinnert der Steyberweg an die Frauenrechtlerin und Pädagogin. Die Leipziger Louise-Otto-Peters-Gesellschaft kritisierte, dass der Straßenname ohne Vornamen wenig aussagekräftig ist, und ließ im Jahr 2020 eine Erläuterungstafel am Straßenschild anbringen.

Ottilie von Steyber wurde 1804 in eine Niederlausitzer Offiziersfamilie geboren und zur Lehrerin ausgebildet. In den 1840er Jahren arbeitete sie als Erzieherin im Haus des Leipziger Verlegers Friedrich Brockhaus. Basierend auf ihrer langjährigen pädagogischen Erfahrung gründete Ottilie von Steyber circa 1848 eine Schule für Mädchen aus gehobenen Gesellschaftskreisen, die sie bis zu ihrem Tod 1870 führte. Am Steyberschen Erziehungsinstitut wurde unter anderem Clara Zetkin unterrichtet, außerdem mehrere Schülerinnen, die später als eine der ersten Frauen an der Universität Leipzig studierten.

„Neue Ehrenbürgerinnen braucht die Stadt“ erschien als Schwerpunktthema erstmals am 1. April 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 100 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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In der Einleitung kommt schon der Knackpunkt vor, wenn auch nur beiläufig: Ehrenbürger*in werden eigentlich nur lebende Personen.

Sollte man dieses Prinzip nun beiseite wischen? Warum eigentlich nicht, aber dann müsste man auch nochmal ausdiskutieren, welche Männer posthum ebenfalls noch “ehrenbürgerwürdig” wären, die aber aufgrund eines frühen Todes (Unfall/Krankheit) oder Hinrichtung nicht die Chance hatten ausgezeichnet zu werden.

Die Ehrung als Ehrenbürger ist doch vor allem für den Zweck geschaffen, dass der*diejenige eine besondere Würdigung für sein*ihr Wirken in der Stadt persönlich erlebt! Sonst stünde sein*ihr Name einfach nur auf einer verstaubenden Liste. Dagegen gibt verschiedene Möglichkeiten der Ehrung, die nur bei Verstorbenen möglich sind, jedoch nicht bei Lebenden! Z. B. Benennung von Straßen, Schulen, Aufstellen von Denkmälern, … Damit wären die genannten Frauen auch viel mehr in der Lebenswirklichkeit präsent.

Warum hat die L-IZ-Redaktion – wahrscheinlich wissend um diesen Passus in der Satzung – trotzdem nur 10 vor längerer Zeit verstorbene, aber keine lebende Frau ausgesucht, die Ehrenbürgerin werden könnte?

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