Am Mittwoch, 9. Februar, stand die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Friedrich Magirius auf der Tagesordnung des Stadtrates. Und zu Recht konnte man sich fragen: schon wieder ein Mann? Jedenfalls fragte sich das Linke-Standträtin Mandy Gehrt. Obwohl sie natürlich weiß, warum das so ist, auch im schönen weltoffenen Leipzig: Die Herren der Schöpfung stehen im Rampenlicht. Was Frauen so tun, wird auch im Jahr 2022 noch freundlichst übersehen.

Mal ganz angesehen davon, dass solche Würdigungen selbst erst richtig dafür sorgen, dass das Werk von Zeitgenoss/-innen überhaupt als wichtig und würdigenswert wahrgenommen wird.„Seit der Verleihung des Ehrenbürgerrechts der Stadt Leipzig im Jahr 1832 wurde bis zum heutigen Tage keine einzige Frau mit dieser Würdigung bedacht. Dadurch manifestiert sich bis heute eine Ungleichbehandlung, die die Stadt gedenkt so fortzusetzen“, kritisierte Mandy Gehrt am Mittwoch diesen Stillstand im Geiste.

„Schon über 80 Männern wurde das Ehrenbürgerrecht verliehen und heute am 9. Februar 2022 wird wieder ein Mann gewürdigt. Ich bin nicht mehr gewillt, diese Ungerechtigkeit weiter hinzunehmen! Die strukturelle Benachteiligung von Frauen in der Vergangenheit, die dazu führte, dass ihre Lebensleistungen und Verdienste zu ihren Lebzeiten nicht ausreichend gewürdigt wurden, darf sich heute nicht einfach fortsetzen. Was für ein Signal geben wir damit an die Stadtgesellschaft, an Frauen* und an junge Menschen?“

Die studierte Kunstpädagogin und kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion weiß, wie das funktioniert. Und wie das noch immer funktioniert. Denn mit der Betrauung mit verantwortungsvollen Posten werden Männer erst in Bedeutung gehoben. Dass sie jahrhundertelang allein auf diesen sichtbaren Posten saßen, ist bekannt.

Und der gemeine freilaufende Bürger nimmt natürlich zu Recht an, dass auf diesen Posten zuallererst verdienstvolle Menschen landen. Der Posten ist der Lohn für Verdienste. Und weil der Mann nun berühmt und verdienstvoll aussieht, bekommt er auch noch Ehrentitel und Ehrenwürden. Auch weil diejenigen Männer, die ihn auszeichnen, auf ihrer Ebene natürlich nur diesen Männern begegnen. Das beeindruckt irgendwie.

Ganz zu schweigen davon, dass sie auch in den Medien allgegenwärtig sind, weil Frauen ja hinten im Backoffice die Arbeit machen. Wer fragt denn die Köchin nach der Weltgeschichte?

Na gut: Einer wie Bert Brecht hätte das getan.

Aber nicht die Verleiher von Orden und Ehren.

„Wir sind selbst dafür verantwortlich, welche Geschichte wir über unsere Stadt schreiben. Es liegt in unserer Hand, Frauen* in diese Geschichte hineinzuschreiben, herausragenden Frauen*, die ihnen angemessene Würdigung zu verleihen“, sagt Mandy Gehrt zu dem Stadtratsantrag, den sie am Mittwoch eingereicht hat. Nicht als Änderungsantrag zur Magirius-Würdigung, sondern als prinzipiellen Antrag zur Verleihung von Ehrenbürger/-innen-Würden in Leipzig.

Der Antrag von Mandy Gehrt.

„Durch den eingereichten Antrag soll diese Ungerechtigkeit zumindest nachträglich etwas abgemildert werden. Er soll ermöglichen, die Ehrenbürgerinnenwürde auch posthum an Frauen* zu verleihen, die sich in herausragender Weise um Mitmenschen, um das Gemeinwohl, um die Stadt Leipzig, ihr Ansehen oder ihre Entwicklung schon in der Vergangenheit verdient gemacht haben. Der Antrag zielt auf eine schrittweise Angleichung in Richtung einer gleichberechtigten Würdigung der Lebensleistungen und der herausragenden Verdienste von Männern und Frauen (FLINTA*) für die Stadt Leipzig“, sagt Gehrt.

„Außerdem soll der Antrag die Stadt, die Stadtgesellschaft und die Öffentlichkeit für die Würdigung von Verdiensten aktuell aktiver weiblich gelesener Personen sensibilisieren.“

Und dann kommt noch dieser schöne Satz: „Ich bin nicht als Feministin in den Stadtrat gegangen, aber im Stadtrat bin ich zu einer geworden!“

Der natürlich auch damit zu tun hat, dass man im politischen Tagesgeschäft oft erst merkt, wie beharrlich das alte Denken von preisverdächtigen Männern in den Köpfen von Männern und oft auch Frauen steckt. Die alten Vorstellungen vom Zustand der Welt replizieren sich immer wieder aufs Neue.

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Es gibt 8 Kommentare

Denkfaulheit und herablassende Arroganz, grundlos!
Unbegreiflichkeit aus Engstirnigkeit!
Hirntod durch Reizlosigkeit!

Konjunktive und Träumereien. Warum nicht.
Aber besser hätte ich die praktische Unnötigkeit der schwierigen Debatte über Namen und Ehren auch nicht beschreiben können…
Endlich könnte man! Vielleicht würde man. Noch viel besser mit neuen Geschlechtern, die Welt ist noch nicht oberflächlich und kompliziert genug 🙂
Wer bin ich, und wenn ja wie viele? Und wem kann ich diese wichtige Erkenntnis noch aufdrücken, der sich eigentlich gar nicht um mich und meine Sichtbarkeit kümmern wollte?

Es gibt einen Unterschied zwischen Unkenntnis und Ignoranz; diese ist Ablehnen von Wissen. Der Zeitgeist scheint Ignoranz wie einen (Schutz-)Schild vor sich her zu tragen.
Gute Kollegien ermöglichen sich und ihren SuS eine kritische Auseinandersetzung mit dem Namenspatron, institutionalisiert und damit wiederholt.
Für Stadtgesellschaften und ihre Ehrenbürger wäre aufgrund der räumlichen Übereinstimmung die Auseinandersetzung noch viel leichter. Es ließen sich wunderbare Debatten zu Rollenvorbildern o.ä. führen, immer neue Lesarten und Ideen finden. Womöglich verstünde man Nachbarn und Mitmenschen besser. In einer Gesellschaft, in der Wissen nur wenige Klicks entfernt ist, fällt der Schritt weg von Unkenntnis sehr klein aus.
Her mit Ehrenbürgerinnen, Schulnamen und Co, damit Auseinandersetzungen beginnen! Her mit unendlich vielen Geschlechtern und Gendern, damit wir im Anderen (auch) das Eigene besser schauen können!

Gähn, alles nur Symbolik für ein paar Frauen* (^_^) in ihrer Blase.
Es gibt zwei tolle Bücher (sicherlich noch viel mehr) für Kinder / Jugendliche (ich habe auch geschmökert) zum Thema:
– Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen
– Good Night Stories for Rebel Girls 2: Mehr außergewöhnliche Frauen
Hiermit empfohlen, könnte man auch in Schulen besprechen (ja, gibt es natürlich auch für Boys). Sogar ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
Aber das wäre dann was Praktisches und nicht nur Gemecker.

Diskussionswürdig ist das Thema auf jeden Fall. Gern konstruktiv.

Ja, in der Liste der Ehrenbürger Leipzigs stehen Männer* im Vordergrund.
Das hat damit zu tun, dass diese “jahrhundertelang allein auf diesen sichtbaren Posten saßen”.
Also keine Überraschung oder frische Tat.

Wenn das nun anders werden soll, dann müsste man genau dort ansetzen, aber nicht mit deutsch-regulatorischem Eifer etwas geradebiegen wollen, was sich automatisch ergibt.
Das dauert, ja.

Und nun auch noch posthum diverse ( 😉 ) Personen in diesen Ehrenstand erheben zu wollen, wird die Liste eher inflationärer machen. Da bin ich eher auch für den Vorschlag, eine Ehrung mit Urkunde durchzuführen.

Hat denn schon jemand einmal alle Ehrenbürger überprüft, ob sie kolonial-rechtmäßige Ansichten hatten?
Die Aberkennung durch den jeweiligen Zeitgeist könnte man sich dann auch sparen.

Mit der Bezeichnung Frauen* kann und möchte ich leider gar nichts anfangen.
Handelt es sich um eine Diskriminierung aller männlich angehauchten Lebewesen?

Wir alle haben unsere Blase, es ist manchmal ganz gut sie zu erweitern (in dem Sinne, dass neue Leute mit anderen Positionen hinzukommen) und ich bin auch nicht auf dem Wege die Weltherrschaft an mich zu reißen, keine Sorge 😉
Im Übrigens ist es schon auch mal ganz gut, wenn Dinge kommentiert werden, und zwar von der anderen Seite. Zumindest schreiben sich das ja einige der Leute hier auf ihre Fahnen.

Welche Bedeutung haben Ehrenbürgerwürden und Schulnamen für Sie? Kennen Sie denn ohne Nachschlagen mehr als eine Hand voll der Leipziger Ehrenbürger?
In meiner Wahrnehmung spielt es keine Rolle für Schüler, welchen Namen ihre Schule trägt. Meine hieß mal “Johannes R. Becher”, was abseits einer Erklärung der Schulleiterin keine Erinnerung mit sich bringt.

Neben den von Ihnen erwähnten “Aussagen” und “Vermutungen” in meinem Beitrag hatte ich zum Stern hinter dem Wort “Frau” allerdings eine Frage gestellt. Ist dies ein Versuch auch weibliche Zuschreibungen zu Gendern?

Vielleicht wissen Sie es ja, wo Sie bereits in freundlichem Ton schlicht die Unrichtigkeit meiner Meinung attestieren konnten.

Lieber Sebastian, Ihre Vermutungen zu Schulnamen sind genausowenig richtig wie Ihre Aussagen zur Ehrenbürgerwürde oder zum Genderstern. Auch Sie leben in einer Blase, die sich durch Ihre häufigen Kommentare im L-IZ-Forum jedoch nicht ausdehnen wird.
Ich kann Frau Gerths Empörung sehr gut verstehen und bin froh, dass sie sich engagiert.

> Und dann kommt noch dieser schöne Satz: „Ich bin nicht als Feministin in den Stadtrat gegangen, aber im Stadtrat bin ich zu einer geworden!“

Dazu eine schöne Antwort: Eventuell zur nächsten Wahl nicht mehr kandidieren, dann wird alles wieder gut! 🙂

Es ist so müßig, dass sich nun wieder Leute darüber den Kopf zerbrechen, wer alles “Ehrenbürger” wird und wer es nicht mehr sein soll aber vielleicht bald werden wird. Dieser Titel ist so “wichtig”, dass er doch einfach nur zum jeweiligen Zeitgeist passt und im Laufe der Jahrzehnte praktisch egal wird. Ein Mensch kann auf einem Gebiet Verdienste und für die jeweilige Stadt etwas erreicht haben, aber 30 Jahre später macht er zum Beispiel einen auf Sexist und dann ist egal, was er für die Stadt getan hat. Das sagt doch eigentlich alles über die Fokussierung auf die Verdienste der Person, über die Strahlkraft des Titels und die Beständigkeit der Würdigung aus. Und ihrer Wertigkeit.

So unwichtig, wie Schulen heißen (Thema letztens in dieser Zeitung), so wenig Bedeutung der tragende Name für die Schüler, Lehrerinnen, den Hausmeister und die Bildungsbürgermeisterin hat, so enorm wichtig ist eine Frauenquote beim Thema Ehrenbürger. Nennt die Schulen von mir aus nach Tieren oder Himmelskörpern. Also Gesetz dem Fall, dass es genügend männliche UND weibliche Tiernamen gibt. Ansonsten kommt diese Vorgehensweise natürlich überhaupt nicht in Frage…

Frau Gehrt, seien Sie bitte nicht sauer. Tun Sie etwas, was Freude bringt. Ihnen und der Welt. Von mir aus könnte man auch aufhören Ehrenbürgerschaften zu verteilen – eine Dankbarkeitsnote, zum Beispiel in Form einer Urkunde vom OBM an den Adressaten täte es auch als Anerkennung. WENN denn mal wirklich jemand was herausragendes getan hat.

P.S.: Wie spricht man eigentlich ” Frauen* ” aus? “Frauenstern”?
Sind das Frauen, die man ehren, über deren Geschlecht man aber nicht urteilen möchte? Möchte man seine Sensibilität dafür demonstrieren, dass man sich im Klaren ist, dass es sich um eine nonbinäre Person handeln könnte?

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