Alles beginnt mit einer Absage. Eine Absage, die bei den Besuchern, die sich vom 17. bis 20. März 2022 auf einen Leipziger Bücherfrühling freuten, wenige erwartet haben und doch viele in der Verlagsbranche bereits Tage, manche auch Wochen, einige sogar Monate zuvor kommen sahen. Die „Buchmesse“ Leipzig ist auch im dritten Jahr nicht wiedergekehrt und die Ankündigung eines „Gipfelgespräches“ zeigt, dass es auch 2023 kein Selbstläufer wird mit der Leipziger Bücherschau auf dem Messegelände.

Die Frage, die über dem 2022er Rückzug von großen Konzern-Verlagen wie Penguin Random House, Oetinger oder der Bonnier Media Deutschland Gruppe (u. a. Piper, Ullstein und Münchner Verlagsgruppe) seither schwebt, lautet schlicht: War es das mit Präsenzmessen allgemein und mit der „Buchmesse“ als letzte große Publikumsmesse Leipzigs im Besonderen?Denn auf den statthaften Grund der Verlagswirtschaft wies Thilo Schmid, Geschäftsführer der Oetinger Gruppe, bereits am Tag der dritten Buchmesse-Absage in Folge hin. Am 9. Februar 2022 schrieb der Chef des Hamburger Verlagshauses im Branchenmedium der Buchindustrie, dem „Börsenblatt“, den Signalsatz schlechthin: „Das Geld, welches die Leipziger Messe für die Stände verlangt und welches in Übernachtungen und Autoren-Honorare floss, könne man anderswo besser investieren“.

Und dies, nachdem die Leipziger Messegesellschaft bereits Rabatte auf Standgebühren von bis zu 50 Prozent angeboten und die sächsische Staatsregierung als 50-prozentiger Anteilseigner der Leipziger Messe GmbH zugesichert hatte, dass es für die Messe vom 17. bis 20. März 2022 keinerlei coronabedingte Besucherbegrenzungen mehr geben würde.

Gleichzeitig wünschte sich der Verlagschef im Namen seiner ganzen Branche „pulsierende Begegnungsorte“ auch in Leipzig für Literatur, Buch und Lesungen. Doch auch das Lesefestival „Leipzig liest“ kippt die Buchmesseleitung unter Zustimmung des Beirates am 9. Februar 2022 alternativlos gemeinsam mit Buch- und Antiquariatsmesse sowie der Manga Convention. Ein digitales Ersatz-Programm hat man nach eigenem Bekunden nicht vorbereitet, die Absage erfolge, so Oliver Zille am 9. Februar 2022, da „die volatile pandemische Lage zu personellen Engpässen bei sehr vielen Aussteller/-innen“ geführt habe.

Gegenüber LZ betont Zille einen Tag darauf in einem Interview (Video auf L-IZ.de), die Verlage hätten aufgrund der Pandemie Angst um ihre Mitarbeiter. 2023 würde es dann auch digitale Formate geben, so der Buchmesse-Direktor in der Hoffnung, dass so auch wieder die Großen der Branche nach Leipzig kommen würden. Eine Version der Geschichte, die nicht alles erzählt und der Szenekenner widersprechen.

Das zeigt auch das Engagement der Bundespolitik, welche in Person der neuen Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) auf die Messeabsage in Leipzig reagierte. In einem Spitzengespräch wolle man gemeinsam mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), dem Börsenverein, der Leipziger Messe und den großen Verlagen über die Zukunft debattieren. Noch steht zwar kein Termin dafür, doch um ein Thema wird das Gespräch nicht herumkommen: die Digitalisierung. Und „Leipzig liest“.

Die alte Mechanik zwischen Buchmesse und „Leipzig liest“ zerbricht.

Wer nach der Absage in die Verlagsbranche hineinhorchte, konnte viele Gründe für die Absage der „Buchmesse 2022“ und ebenso viel Verwunderung über die gleichzeitige Absage von „Leipzig liest“ ohne Alternative hören. Manchem wurde erst in diesem Jahr vor Augen geführt, dass nur Verlage an „Leipzig liest“ teilnehmen konnten, die auch einen Stand auf der Messe bezahlten.

Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 99, Februar 2022. Foto: LZ

Und anschließend noch die Veranstaltungen, Autor/-innen in den Cafés und Veranstaltungshäuser selbst finanzieren mussten. So ist „Leipzig liest“ genau genommen eine 2004 durch die Leipziger Messegesellschaft gesicherte Wortmarke und ein offizieller Programmplan über bis zu 1.900 Einzelveranstaltungen derer, die eine Standgebühr an die Messegesellschaft entrichteten.

Vor allem diese Standgelder auf dem Messegelände sind es, die die Big Player der Branche, glaubt man Thilo Schmid von der Oetinger Gruppe, „besser investieren“ könnten.

Während die großen Verlagshäuser in zwei Jahren Corona-Pandemie lernen mussten, ihre Vertriebe noch stärker am Netz, dem Online-Vertrieb und ihre Produkte statt am teuren Buchdruck an steigenden Umsätzen im Hör- und E-Buchbereich auszurichten, blieben auf einmal jene „übrig“, die das Lesefestival „Leipzig liest“ als den wahren Wert für ihren Frühling, ihre Autor/-innen und – nun, wo ab 4. März 2022 sogar die Clubs und Konzerthäuser wieder öffnen – erkannt haben.

Bereits am Tag nach der Absage wurde klar, dass es wohl ein Fehler der Messeleitung selbst war, keine eigene Idee für einen alternativen Bücherfrühling ohne Buchmesse für Leipzig in petto zu haben. Während sich überall in der Stadt die Veranstaltungshäuser leerten, weil die „Leipzig liest“-Veranstaltungen abgesagt wurden und den ersten dämmerte, dass es auch in diesem Jahr keine millionenschwere Umwegrendite für die Leipziger Wirtschaft von LVB über Hotels bis hin zu Gastronomien und Veranstaltungshäusern geben würde, meldeten sich Autor/-innen, Verlage und Agenturen zu Wort.

Teils appellierten sie an die Politik, die Buchmesse zu retten, teils zeigten sie sich fassungslos, wie mit ihnen nach der Absage umgegangen wurde.

In einer Schilderung eines kleinen Verlages vom 16. Februar 2022 heißt es: „Noch einen Tag vor der Absage aus einem für uns heiterem Himmel hat man uns Tickets für den Standaufbau und den Stellplatz auf dem Messegelände ordern lassen, haben wir mit der für uns zuständigen Messebetreuerin telefoniert, wie wir uns durch die diversen Formulare arbeiten.“

Von der Absage erfuhr der Verlag von Kunden und „seit der Absage erreichen wir niemanden bei der Messegesellschaft. Keine Reaktion auf E-Mails, beim ‚Aussteller-Service‘ nimmt keiner den Hörer ab. Und unsere ‚Messebetreuerin‘ scheint abgetaucht.“

„weiter:lesen“

Andere begannen, sich selbst zu organisieren. Eine größere Initiative bildete sich rings um das Gastland Portugal, welche nunmehr diesen Autoren vom 17. bis 20. März 2022 einen Platz im „Haus des Buches“ und der Schaubühne Lindenfels bieten werden. Bereits ab 11. Februar begann eine Gruppe Leipziger Unternehmen, Verlage und Autor/-innen rings um die Leipziger Zeitung LZ zum „weiter:lesen“ aufzurufen und sammelte alle nicht abgesagten und teils neu organisierten Lesetermine in Leipzig ein.

Und bereitet neben einer ständig aktualisierten Terminübersicht auf www.weiterlesenleipzig.de aufgrund des enormen Autor/-innen-Ansturms bei fehlenden Auftrittsmöglichkeiten mittlerweile für den 19. und 20. März 2022 selbst ein gleichnamiges „weiter:lesen22“-Festival im Felsenkeller und der Moritzbastei vor.

Die Auffangidee für abgesagte „Leipzig liest“-Termine, mit Buchkinder e.V.-Programm im Lesezelt und auf der Bühne, eine „Buch-Club-Party“ am 19. März ab 22 Uhr und eine durchgehende Buchmesse mit etwa 20 bis 30 Ausstellern im Felsenkeller wird an diesem Wochenende mit bis zu drei Livestreams auch im Netz stattfinden.

Während hier mit Daniel Schulz (Wir waren wie Brüder), Dmitrij Kapitelman, Meike Stoverock (Female Choice), Sophie Jones (Erlöse mich von dem Bösen), Christian von Aster (Nimmerzwerg) und Katharina Bendixen (Taras Augen) die ersten Autor/-innen und Highlights bekannt sind, war bis zum Redaktionsschluss trotz mehrfacher Nachfragen unklar, was bei der „PopUp-Buchmesse“ im Werk 2 neben Verlags-Ständen noch stattfinden wird.

Hierzu hat sich eine Gruppe mittelgroßer Verlage um „Voland und Quist“, Aufbau, Klett-Cotta und Kanon Verlag zusammengeschlossen. Nicht ohne einen öffentlichen Schwur gen Buchmesseleitung zu leisten, den der mittlerweile zum Zuschauer mutierten Buchmesse-Direktor Oliver Zille und die alarmierte Leipziger Kulturdezernentin Skadi Jennicke sichtlich gern hörten.

„Die Initiative sei als einmaliges Ereignis gedacht“, betonte Tom Kraushaar vom Stuttgarter Verlag Klett-Cotta in einer DPA-Meldung für den Verbund, um der eintretenden Drift von der Buchmesse weg hin zu selbst organisierten Festival-Ideen in Leipzig keinen weiteren Vorschub zu leisten.

2023 will man dann vom 23. bis 26. März offenbar wieder in das alte Konstrukt zurückkehren, auf der Buchmesse vor den Toren der Stadt einen Stand zu kaufen, sich so in das „Leipzig liest“-Programm einordnen, um dann eigene Lesungen in Leipzig organisieren zu können.

Natürlich nur, wenn die großen Verlage entgegen ihrer diesjährigen Entscheidung erneut den Hauptteil der Finanzierung in den Messehallen stemmen oder die Gespräche zwischen Ministerpräsident Michael Kretschmer und Claudia Roth neben warmen Worten für die Buch- und Verlagskultur auch zählbare Steuergeld-Ergebnisse für die Leipziger Messegesellschaft bringen.

In diesem Jahr hat die Stadt Leipzig als zweite Anteilseignerin der Messegesellschaft (50 Prozent) nun einen Sonder-Minitopf mit 20.000 Euro gefüllt und will damit die eigenständig entstandenen Lese-Veranstaltungen mit bis zu maximal 1.500 Euro pro Lesetermin unterstützen. Auch hier nur jene Lesungen von Verlagen, die vorher im „Leipzig liest“-Programm gebunden waren, also eine Standfläche auf der Messe kaufen wollten.

Die neue Leipziger Zeitung (LZ), Ausgabe 99, erschien am 25.02.2022, die unsere Abonnenten natürlich im Briefkasten vorfinden. Für alle anderen erhältlich an allen bekannten Verkaufsstellen.

Weitere Informationen, Terminübersicht und Tickets zum „weiter:lesen22“-Festival

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