Die nächsten Ziele sind gesetzt! Yadegar Asisi schickt sich selbst in die Wüste. Und taucht in die Tiefsee ab. Doch zunächst nimmt er uns mit auf eine Reise in die Antarktis. Ab 24. Januar ist im Leipziger Panometer das fünfte 360°-Natur-Rundbild des gebürtigen Wieners mit iranischen Wurzeln zu sehen. Umgeben von einer Ausstellung, die Information und künstlerische Annäherung vereint, gewährt Asisi einen Blick an den entlegendsten Ort dieser Erde.
Eis und Licht
Als Yadegar Asisi im Februar 2016 das erste Mal in die Antarktis reist, betritt er einen Kontinent, den zu besuchen nur wenigen Menschen vorbehalten ist. Ein unberührter Ort, möchte man meinen. Vier Millionen Quadratkilometer, größer als Europa: So verströmt der am Südpol gelegene Erdteil bis heute den Zauber des Unbekannten, Unberührten.
Eine erste Überraschung erlebt Yadegar Asisi beim Anblick riesiger Felsengebirge. „Das haben wir ja so gar nicht auf dem Schirm. Aus der Ferne gehen wir davon aus, dass die Antarktis eine einzige Eisfläche ist.“ Besonders aber staunte er über das Licht.
„Am meisten hat mich von den Lichtphasen die Dunkelheit beeindruckt. Wenn die Sonne hinter den Wolken verschwand“, erinnert sich der Künstler. Blautöne seien entstanden, die er in ihrer Vielfältigkeit so noch nie erlebt habe.

Forschung und Folgen
Anlässlich der Vorstellung seines insgesamt siebzehnten Panoramawerks sagt Asisi: „Die Antarktis ist einer der menschenabweisendsten Orte der Erde – und zugleich von überwältigender Schönheit. Das Paradoxe ist: Sie will uns nicht, und trotzdem tut sie unglaublich viel für uns.“ Und so solle es möglichst bleiben.
Der südlichste Kontinent gilt als Klimaregulator, seine Eismassen reflektieren Sonnenstrahlen und tragen so zur Kühlung der Erde bei. Die Antarktis ist ein zentrales Element dieses Planeten.
Schmerzliche Sorge bereitet ihm die zunehmende Erforschung des Kontinents. „Wenn irgendwo Forscher unterwegs sind, will auch immer jemand wissen, was da so geforscht wird. Und je mehr man erfährt, desto mehr Begehrlichkeiten entstehen. Gibt es da vielleicht Bodenschätze?“
Der stets ruhige und ausgeglichene Asisi kann auch zürnen. „Wer sind wir Menschen denn eigentlich, dass wir daherkommen und irgendwo unsere Fahne in den Boden stecken und meinen, dieser Ort gehöre uns!?“
Der Abbau von Bodenschätzen ängstigt ihn. Zwar untersage Artikel 7 des sogenannten Madridprotokolles „jede Tätigkeit in Bezug auf mineralische Ressourcen“, doch kann dieser Vertrag ab 2048 neu verhandelt werden.
In der Begleitausstellung stellt der Künstler ein Kräfteverhältnis dar. 88 Flaggen von Ländern, die jetzt schon in der Antarktis forschen und engagiert sind, hängen 15 Portraitfotos von dort lebenden Tieren gegenüber. Eine bedrückende Enge in Dunkelheit, bevor man das eigentliche Rund des Panoramas betritt.

Wort und Werk
650 Kilogramm wiegen die Stoffbahnen, die Asisis Blick auf die Antarktis zusammengenäht zeigen. Die gesamte Bildfläche des Monumentalwerkes beträgt 3500 m². Benötigt wurden für die Aneinanderreihung der einzelnen Teile 4750 Meter Garn.
„Wenn ich morgen tot umfalle, dann kann ich sagen, in den letzten 30 Jahren ist etwas passiert, das gesellschaftlich relevant ist“, konstatiert Yadegar Asisi. Und er betont einmal mehr, dass dies nicht seine eigene Leistung, sondern die eines großartigen und empathischen Teams ist.

Gestern und Heute
Aufmerksame Besucher der Schau werden bemerken, dass sich auf dem Boden der Ausstellungsfläche stilisierte Kreidestriche befinden. Gefragt wird Asisi nach ihnen selten. Gegenüber LZ klärt er auf: „Das waren ja Bestandteile zu unserem Projekt 9/11. Jeder dieser Striche markierte beim damaligen Panorama ein Opfer der Anschläge in New York.“
Ihm sei diese Erinnerung so wichtig, dass diese kleinen Mahnmale auch weiterhin erhalten bleiben sollen. Und zudem gedenken die Markierungen auch an der Opfer, die es infolge der Anschläge gegeben habe. „Und natürlich freue ich mich darüber, wenn es überhaupt jemandem auffällt.“
Als nächste Projekte hat Yadegar Asisi in einer Pressekonferenz Wüste und Tiefsee benannt. Beide werden seine Passion unterstreichen. Ihm geht es nicht um die bloße Optik. So habe er mit seinem Projekt „Carolas Garten“ veranschaulichen wollen, dass wir die großen Naturschauspiele nicht begreifen und respektieren können, „wenn wir das Gras unter unseren Füßen im Alltäglichen nicht wahrnehmen“.
Das benannte Panorama widmete sich einem kleinen Garten hinter dem Haus einer verstorbenen Mitarbeiterin von Yadegar Asisi. Der Künstler wollte dem Quell der Lebensenergie seiner Angestellten auf die Spur kommen, die er so zeitig an den Krebs verlor. Er setzte ihr ein ganz besonderes Denkmal.
Und mehr als 300.000 Besucher fanden sich zwischen 26. Januar 2019 und dem 27. März 2022 inmitten des Abbildes von Carolas Garten wieder, der eigentlich im Leipziger Stadtteil Miltitz beheimatet war.

Ab 24. Januar ist das Panorama täglich von 10 :00 Uhr– 17:00 Uhr geöffnet. Einlass bis 1Stunde vor Schließung. Führungen finden sonntags bis freitags: jeweils um 11:00 Uhr, 12:00 Uhr, 14:00 Uhr und 15:00 Uhr und samstags: 11.30 Uhr, 12.30 Uhr, 14:00 Uhr und 15:00 Uhr statt.
Das Panometer ist mit der Straßenbahnline 9 und und dem Bus Nr. 70 am besten erreichbar. Aber auch von der S-Bahn-Station MDR (am Kohlrabizirkus) sind es nur 15 Minuten Fußweg.
Es gibt einen kostenfreien Parkplatz direkt an der Ausstellungshalle. Und im Inneren ein Café, das mit Torten und Kuchen, aber auch dem Klassiker „Würstchen mit Kartoffelsalat“ zum Verweilen einlädt.
Rund ums aktuelle Panorama von Yadegar Asisi gibt es thematische Veranstaltungen, die auf der Website des Panometers bekanntgegeben werden.
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