Von Buttergasse bis Mühlpark im Winter: Neuer Großzschocher-Kalender zeigt den Ortsteil von heute

Kalender sind eine Welt für sich. Stadtteilkalender erst recht. Seit acht Jahren offeriert Werner Franke den Zschocherschen einen eigenen Kalender. Anfangs gespickt mit historischen Ansichten des Ortsteils im Leipziger Südwesten. Aber was macht man beim neunten Mal? Haben die Einwohner von Großzschocher-Windorf jetzt nicht schon alles gesehen?
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Vieles war ja in den bis heute unübertroffenen Bänden der Chronik Großzschocher-Windorf zu sehen. Eine Chronik, die parallel zu den jährlichen Kalendern entstand und all denen, die sich die sechs Bände zugelegt haben, zeigt, wie vielfältig das Leben in so einem Leipziger Ortsteil war und ist. Die Gruppe der Ortschronisten musste sich am Ende selbst begrenzen und sagen „Nu is gut!“ Sonst wäre das immer so weiter gegangen. Denn auch Ortsteilforschung ist ein spannendes, kräftezehrendes und dankbares Feld.

Endlich sind nur die Bildervorräte. Und die meisten historischen Ansichten von Großzschocher und Windorf hat Werner Franke im „Heimatblick“ gesammelt, quasi dem kleinen Ortsmuseum von Großzschocher-Windorf. Er sammelt weiter. Und er baut weiter. Neben dem großen Vereinsraum, in dem die Wände gespickt sind mit Sammelstücken und alten Ortsansichten ist daneben ein neuer Raum entstanden, der selbst die Aktivisten aus dem Waldstraßenviertel interessieren dürfte. Hier tickt ein Regulator. Ein Buffett glänzt wie frisch gewachst. Und es ist auch frisch gewachst. Genauso, wie das rote Samtkannapee neu aufgearbeitet ist, das Wandbord und der Tisch, an dem die zwei Stühle beinahe zum Hinsetzen einladen. Nur eine fehlt irgendwie: die Herrin dieses Raumes.

Man sieht die Oma oder gar die Uroma in ihrem besten Kleid die Plätzchen und das Meissner Porzellan hereintragen.

„Bei meiner Oma sah es fast genau so aus“, sagt Franke, der all die Möbel selbst zusammen getragen und aufgearbeitet hat. Nur Weniges stammt noch vom eigenen Dachboden. „Wir haben das Zeug damals einfach weggeschmissen, weil wir dachten, jetzt müssen wir unbedingt die tolle neue Schrankwand haben. Was hab ich mich geärgert“, sagt er.

Denn mit seiner Beschäftigung mit der Zschocherschen Ortsgeschichte hat er auch gemerkt, wie wichtig das Wissen um die einstige bürgerliche und kleinbürgerliche Lebenskultur ist. Nicht ohne Grund trägt man sich ja im Waldstraßenviertel seit Jahren mit der Idee, ein richtiges Gründerzeitmuseum auf die Beine zu stellen. Nur wird das dann ein Museum um das Leben des Großbürgertums in der Kaiserzeit. Denn das Waldstraßenviertel war auch zwischen 1870 und 1910 das Wohnviertel der gutbetuchten Leipziger – der höheren Beamten und der Kaufleute.Doch mancher, der in den Archiven seiner Familie kramt, wird sich wieder daran erinnern, dass auch Omas und Opas Möbel diesen Hauch von Gediegenheit, Dauerhaftigkeit und bürgerlichem Renommee hatten. „Heute wird das bei Haushaltsauflösungen einfach alles weggeschmissen“, ärgert sich Franke. „Die Leute wissen mit den alten Möbeln gar nichts mehr anzufangen.“

Als Einzelstück wirken sie oft deplatziert. Doch wenn man ein Gespür dafür hat, welche Möbel in welches Umfeld gehören, dann passiert genau das, was Franke in seinem neuen Museumszimmer gelungen ist: Es ist wie ein Sprung in der Zeit. Das eine oder andere fehlt noch. Oft artet die Suche nach den passenden Stücken in eine lange Jagd aus. Denn natürlich werden die Ausstattungsstücke, die vor 100 Jahren noch in jeder guten Stube standen, immer seltener. Und damit auch das Wissen um das Leben der Leipziger und der Zschocherschen nur drei, vier Generationen zurück.

Wer den „Heimatblick“ besucht, bekommt jetzt so eine Ahnung davon. Selbst die kleine Waschecke fehlt nicht mit ihrer Schüssel und der Wasserkanne. Denn dass jeder Haushalt eine eigene Badzelle besitzt, ist eine junge Errungenschaft.

Ein Kalender mit alten Zschocherschen Wohnstuben wäre natürlich eine Idee gewesen. Vielleicht gibt’s später mal einen, wenn genug Leute mit staunenden Augen in Werner Frankes kleiner Museumsstube gestanden haben und sich erinnern. Und sich auch erinnern wollen. Denn wenn man nicht weiß, dass auch die eigene Familiengeschichte wichtig und reich ist, dann weiß man all „den alten Plunder“ auch nicht zu schätzen und zu achten.

„Aber für den neuen Kalender hab ich mir gedacht, muss mal was Neues ins Bild“, sagt Franke.

Ausprobiert wurde das ja schon 2011, als Pro Leipzig einen Band über Großzschocher-Windorf allein mit den Fotos von Siegfried Kuntzsch bebilderte. Er war einer der Fotografen, die das Projekt der sechsbändigen Ortschronik begleitet haben. Und wer den Fotoband durchblättert, sieht, wie viele Ecken es in Großzschocher und Windorf gibt, die geradezu einladen zur täglichen Fotopirsch. Ob es der Elsterbogen ist, das ehemalige Schlossgelände oder die Buttergasse, der alte Mühlpark oder der Bereich um Körnerhaus und Apostelkirche oder die Gehöfte an der Wingertgasse. Selbst Zschochersche sind oft überrascht, was es bei ihnen gleich um die nächste Ecke zu sehen gibt. Wenn man nur mal früh aufsteht und die anderen, frischen Tagesstimmungen wahrnimmt. Fotografen sind keine zimperlichen Leute. Wenn andere das Wetter zu spannend finden und deshalb daheimbleiben, gehen sie los.Und fotografieren den Mühlpark in morgendlicher Herbststimmung. Das ist das Oktoberbild im Kalender. Im November gibt es das Elsterwehr in der Abendstimmung. Mit einer kleinen Erklärung dazu: Erbaut wurde dieses Wehr im Rahmen der Elsterverlegung und Erschließung des Braunkohlentagebaus Zwenkau als auch der Neureglung des Hochwasserschutzes für Leipzig Ende der 1970er Jahre. – Im Kalender sieht dieses Betonwehr fast romantisch aus.

Fast so romantisch wie das Dezemberbild: Wieder der Mühlpark, diesmal aufgenommen im November 2010. In diesem Jahr kam der Wintereinbruch schon Ende November und verwandelte die Landschaft in weiß, steht drunter. – Man hat’s selbst schon längst wieder vergessen. Nun erinnert man sich.

Auch Werner Franke hat mitfotografiert für den neuen Kalender „Großzschocher 2013“, Siegfried Kuntzsch natürlich und Bernd Friedemann.

Das Titelblatt ziert das Süd-Westzentrum, erbaut 1994. Wenn schon, dann soll der Ortsteil in allen Facetten sichtbar werden, nicht nur die romantische Seite. Auch wenn das verlockt. Die Buttergasse etwa, die gleich im Januar startet. Im Bild: die Buttergasse 44, die ehemalige „Druckrolle“. Jüngere Zschochersche werden nachfragen müssen. Die älteren werden sich an die ursprünglichen Nutzungen der Gebäude noch erinnern.

So wie bei der Zickmantelstaße 20, der ehemalige Patentschmiede. Die Geschichte um den Rittergutsschmied Julius Gaitzsch und seine Erfindung wurde in der Chronik Großzschocher-Windorf erzählt. Hier steht sie – im Februar – noch einmal in Kürze. So wie man im März erfährt, was der Gartenverein Flora mit den Neubauten in der Bismarckstraße zu tun hat, und im April, warum seit 1926 Petrus und Paulus am Eingang der Apostelkirche stehen.

Buttergasse 41, Wingertgasse 8, die Fischtreppe am Elsterwehr sind die Stationen von Mai bis Juli. Die Schule und die Alte Bäckerei folgen. „Aus der ehemaligen Backstube entstand im Jahr 2005 der ‚Heimatblick‘, darin befindet sich eine Ausstellung zu Großzschocher-Windorfs Vergangenheit“, steht darunter zu lesen für jene, die es noch nicht wussten. Der Weg lohnt sich. Dort gibt es auch den Kalender – im langen Küchenformat, so, wie ihn die Hausfrauen in Südwest lieben, denn da kann man sich wichtige Termine, Jubiläen und Geburtstage gut sichtbar aufschreiben, rechtzeitig, bevor das neue Jahr losgeht.

Wer den Kalender haben möchte, bekommt ihn hier: Herberge „Zur alten Bäckerei“, Zur Alten Bäckerei 12, 04249 Leipzig, Tel. (0341) 415300.

www.herberge-zur-alten-baeckerei.de/heimatblick


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