Wer in diesen Tagen aufmerksam an der B 2-Brücke vorbeifährt, kann dort Ungewöhnliches - Ungehörtes - vielleicht sogar Unerhörtes - entdecken: Denn direkt unter dem rauschenden Autoverkehr hängen an der Betondecke der Brücke kleine, fast zart anmutende Glocken. Die Klangkünstlerin Joana Brunkow von der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) macht mit ihrer akustischen Intervention "Innehalten" auf Ungehörtes aufmerksam.

Dazu hängt die 1976 in Gardelegen (Altmark) geborene und seit 2007 an der HGB Leipzig studierende Künstlerin, die seit 2009 in der Klasse für Installation und Raum bei Prof. Joachim Blank ist, acht Glocken, die eigens für die Installation von der berühmten Glockengießerei Kloster Maria Laach gefertigt und gestiftet wurden, an einen Ort, wo sie nicht hingehören. Wirklich läuten können diese Glocken nicht, höchstens der Wind kann mit ihnen spielen. Die Wahrnehmung unserer Sinne zu schulen, Dinge zu sehen, die man vorher nicht wahrgenommen hat, etwas zu hören, wo nur Lärm herrscht, das ist die Provokation in ihrer Arbeit.

Das Projekt wird unterstützt und belebt von der Leipziger Bethlehemgemeinde, die unter dem Motto des “Innehaltens” dazu anregen will, im rasanten Tempo von Verkehr und Leben über Gott und die Hörbarkeit seiner “Stimme” nachzudenken. Hierzu führt die Gemeinde zahlreiche Veranstaltungen wie kleine Konzerte, Andachten, Meditationen und gemeinsame Wahrnehmungsübungen durch, die auf viel Resonanz stoßen und Ende der Woche einen “klingenden” Abschluss finden werden.Prof. Joachim Blank von der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) zu diesem sehr sinnlichen Kunstprojekt: “Die Setzung ihrer Arbeit an einem ‘unwirtlichen Ort’ thematisiert die oft zu rationale und lieblose Gestaltung nicht nur unserer Städte, sondern unserer gesamten Lebenswelt. Im Sinne einer Spiritualität an der Schnittstelle von Kunst und Religion sind die ‘leisen’ Glocken eine Geste der Bescheidenheit und naturverbundenen Stille, die uns erst durch den Lärm und die Dominanz der Autobahn wieder in Erinnerung gerufen werden. Gerade das vordergründige Ungleichgewicht der unterschiedlichen Kräfte in der Installation/Intervention von Joana Brunkow verstärken die Wahrnehmung auf die feine Melancholie der Kirchenglocken, die ihrerseits auf die Qualität eines spezifischen ‘NichtOrtes’ verweisen.”

Die Kunsthistorikerin Ellen Wagner: “Die Botschaft der Glocken, die nicht läuten. Die Straße unter der Autobahnbrücke ist ein unwirtlicher Ort. Es zieht mächtig, denn ständig weht der Wind zwischen den breiten Pfeilern, die die Autobahn tragen, hindurch. Auch ist es hier unter der Brücke selten taghell, und was sich hinter den Pfeilern befindet oder befinden könnte, bleibt verborgen. Zweckmäßig für zahlreiche Autofahrer zur Durchfahrt oder zum Parken, doch niemand möchte sich dort länger aufhalten als unbedingt nötig. Das liegt nicht nur an der Düsternis und Einsamkeit, die dieser Ort ausstrahlt, sondern auch an dem ohrenbetäubenden Lärm, der durch den Autoverkehr permanent verursacht wird.Fahren wochentags die 40-Tonner über die Brücke, wird dies für jemanden, der unter der Brücke steht, sprichwörtlich zum ‘Drüberdonnern’. Doch auch der auf- und abfahrende PKW-Verkehr sorgt für einen pausenlosen, enorm hohen Lärmpegel. Still wird es nie, auch nicht in der Nacht. Nahezu still sind jedoch die acht Glocken, die jetzt unter der Brücke aufgehängt sind und so einen Ort markieren, an dem sie nicht gehört werden können. Es fehlen die Klöppel, mit denen normalerweise Glocken geläutet werden. Stattdessen sind innenliegende Segel angebracht, die durch den Wind und auch durch die Vibration der Fahrbahn zum Schwingen gebracht werden. Wenn diese Segel die Innenseite der Glockenkörper berühren, kann nicht mehr als ein leises Rascheln entstehen. Glockenklang ist seit Jahrhunderten ein akustisches Signal, nicht nur in der Welt des christlichen Abendlandes. Läuten die Glocken einer Kirche, hatte und hat dies auch heute noch immer etwas zu bedeuten: vom schlichten Stundengeläut, das lediglich die Uhrzeit mitteilt, über den sonntäglichen Ruf zum Gottesdienst oder die Ankündigung eines Trauerzugs bis hin zum Alarmsignal. (…)

Die Glocken unter der Autobahnbrücke können weder eine Stube ihr Eigen nennen, noch haben sie die Aufgabe, durch Geläut die Aufmerksamkeit der Menschen zu erwecken. Ihre “Turmstube” ist die Unterseite der Fahrbahn, ihr Klangraum ist die Stille. Sie hängen an einem denkbar ungeschützten Ort und sind, anders als ihre Vorbilder im Kirchturm, weithin sichtbar. Ihr Raum ist nicht mehr der heilige einer Kirche, sondern sie hängen dort, wo die Welt kaum profaner sein kann. (…) Die akustische Installation von Joana Brunkow hat eine sichtbare Form angenommen, die uns eigentlich sehr vertraut ist, deren vertraute Funktion aber außer Kraft gesetzt wurde. An diesem ‘Un-Ort’ unter der Autobahn wird nicht nur ein Prozess der Entfremdung offenbar, sondern es wird auch deutlich, wie sehr unsere Welt sich wandelt … und wir uns mit ihr.”

Interessierte Leipziger sind zur öffentlichen Präsentation “Innehalten” und zur Diskussion über “Lärm & Lärmschutz” am Mittwoch, 17. Juli, um 12 Uhr unter der Brücke Wundtstraße/Ecke Kurt-Eisner-Straße eingeladen. Dabei werden Vertreter des Leipziger “Ökolöwen” zum Thema “Lärm und Lärmschutz” referieren. Unterstützt wird das Projekt von der Bethlehem Gemeinde.

Wer aufmerksam ist, findet derzeit auch Postkarten zum Projekt “Innehalten” in den Karten-Displays in diversen Leipziger Gaststätten und Kultureinrichtungen.

www.bethlehem-leipzig.de

www.hgb-leipzig.de/klasseblank/index.php?/studierende/joana-brunkow

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