2002 gab es den ersten Leipzig-Kalender mit historischen Fotomotiven aus dem Hause LTM. Seitdem ist der großformatige Kalender regelrecht zum Klassiker und Sammelobjekt geworden. Wer ihn sich an die Wand hängt, taucht ein in die Leipziger Geschichte. Waren es anfangs ganz alte Fotomotive aus der Zeit um 1900, so rücken die Kalender der letzten Jahre immer weiter auf unsere Gegenwart zu.

Angekommen sind wir jetzt in den 1960er und 1970er Jahren, nachdem der Kalender für 2022, den viele noch in ihrem Büro hängen haben, die 1940er und 1950er Jahre zeigt – das Leipzig also, wie es mühsam aus den Trümmern des Krieges auferstand und anfing, die Stadt wieder aufzubauen.

Der Kalender war ja so etwas wie ein Testballon, ob die Käufer des Kalenders auch Bilderstrecken der neuen Zeit würdigen. Immerhin hatten die ersten 18 Exemplare vor allem mit den Bauten der „Boomtown“ um die Jahrhundertwende beeindruckt. Eine Zeit, die kein Käufer miterlebt hat. Jedes Blatt eine Zeitreise in eine Stadt, die heute nur noch in einzelnen Sehenswürdigkeiten zu besichtigen ist. Zu erleben schon mal, gar nicht.

Der neue Leipzig-Kalenderf für 2023 "Leipzig in den 1960er und 1970er Jahren". Foto: LTM
Der neue Leipzig-Kalender für 2023 „Leipzig in den 1960er und 1970er Jahren“. Foto: LTM

Denn auch wenn das so deutlich nie gesagt wurde, waren die Kalender eigentlich auch ein Stück Geschichtsunterricht. Jedes großformatige Foto hat ja auch einen Text, der es zeitlich einordnet und damit den Betrachtern den geschichtlichen Zugang ermöglicht.

Was ja gerade da vonnöten ist, wo sich der Stadtraum inzwischen vollkommen verändert hat. Und das trifft eben auch auf das Leipzig der 1960er und 1970er Jahre zu, als in der Messestadt mit großen und teuren Bauwerken das Bild der sozialistischen Stadt geschaffen werden sollte.

Jedenfalls so, wie es sich die damaligen Architekten vorstellten.

Das Vorzeigenswerte der sozialistischen Baukunst

Und dafür stehen exemplarisch noch heute Bauwerke wie die Oper, das Gewandhaus, die einstige Hauptpost und der Uni-Riese. Während gleich daneben die Universitätsneubauten der 1970er Jahre, die das 1968 abgerissene Augusteum und die gesprengte Paulinerkirche ersetzten, inzwischen selbst wieder abgerissen wurden und einem Uni-Neubau wichen, der die 1968 gesprengten Vorgängerbauten zumindest zitiert.

„Eine Zeit des Aufbruchs und der Neuanfänge“, nennt Dr. Anselm Hartinger, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, diese Zeit. Verweist aber auch darauf, dass wir uns heute der Schattenseiten bewusster sind. Und dass der Fotofundus, aus dem LTM und Stadtgeschichtliches Museum diesmal die Bildauswahl getroffen haben, durchaus einseitig ist.

Denn die Bilder stammen diesmal aus einem Bestand von 240 Fotografien der PGH Fotostudio Leipzig, einem Zusammenschluss Leipziger Fotografen, der sich in den 1950er Jahren gebildet hatte, um vor allem Industrie-, Werbe- und Reportagefotografie nach Auftrag abzuleisten.

Also keine freien Fotografen in dem Sinn, sondern ein Zusammenschluss nach dem staatlich gewünschten Prinzip der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH), der eben vor allem staatliche Aufträge abarbeitete.

Was trotzdem wichtige Motive für den Fotobestand des Stadtgeschichtlichen Museums ergab, das vor allem – so Hartinger – die Verwandlungen im Stadtbild dokumentiert. Und damit eben die sichtbare Veränderung der Stadt. Und manches ist natürlich wieder verschwunden und binnen weniger Jahre selbst zur historischen Erinnerung geworden – wie der Sachsenplatz auf dem August-Bild.

Heute stehen dort mit dem Bildermuseum und dem Stadtgeschichtlichen Museum zwei der wichtigsten Leipziger Museen. Oder das „Blaue Wunder“ am Friedrich-Engels-Platz – auf dem Juni-Bild zu bewundern. Einst als Fußgängerbrücke geliebt und als Errungenschaft gepriesen, musste das Stahlgestell inzwischen modernen Anforderungen weichen. Denn wirklich barrierefrei war die Brücke dann doch nicht.

Noch kein Fokus auf dem Verfall der Stadt

Im März sieht man gar einen unförmigen Klotz mitten im Bild und erfährt erst aus der Unterschrift, dass hier der Bau des neuen Gewandhauses am damaligen Karl-Marx-Platz zu sehen ist.

Wenn etwas deutlich wird mit diesem Kalender, dann die Sichtweise der damaligen Stadtplaner auf das, was sie sich unter einer modernen sozialistischen Stadt vorstellten. Weniger, dass manche Lösung – wie am Sachsenplatz – schon eine reine Notlösung war und der sozialistische Umbau der Stadt längst ins Stocken geraten war.

Andererseits werden viele der heutigen Älteren noch ein Stück jenes Leipzigs wiedererkennen, in dem sie groß geworden sind, das auch die Leipziger Vorstellung von Zukunft und Modernität lange Zeit prägte. So sehr, dass es ja sogar regelrechte Demonstrationen zum Erhalt der „Blechbüchse“ gab, obwohl die Aluminiumverkleidung nichts anderes war als eine Notlösung zur Kaschierung der kriegsversehrten Fassade des Kaufhauses.

Nur punktuell ist zu sehen, wie dabei historische Stadtsubstanz schon langsam begann zu zerbröseln, denn das lag ganz einfach nicht im Auftragsbereich für die PGH Fotostudio Leipzig. Heute ist zumindest am Augustusplatz noch eine kleine Reise in diese Zeit möglich:

Hier ist sehr gut zu sehen, wie sich Bauten dieser Zeit selbstbewusst behaupten (Opernhaus), wie sie ersetzt (Universität) und modernisiert (City-Hochhaus) wurden, wie architektonisch an Altes und entstandene Wunden im Stadtgedächtnis erinnert wird (Paulinum) oder wie Gebäude, zum Beispiel die ehemalige Hauptpost, neu genutzt werden.

Die PGH Fotostudio Leipzig

Der Großteil der Kalendermotive stammt von der PGH Fotostudio Leipzig, die sich Ende der 1950er-Jahre unter dem Zusammenschluss mehrerer Fotografen und Ateliers zu einer Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) gebildet hatte.

Ihr Hauptsitz befand sich in der Goldschmidtstraße 12 (dem heutigen Mendelssohn-Haus). Die Hauptaufgabe der PGH lag im Bereich der Industrie-, Werbe- und Reportagefotografie. In der Sammlung des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig befinden sich derzeit mehr als 240 Fotografien der PGH Fotostudio Leipzig. Andere Aufnahmen wurden von Werner Hoffmann für die PGH Film und Bild fotografiert.

Wo bekommt man den Kalender?

Der Historische Kalender 2023 „Leipzig in den 1960er und 70er Jahren“ wird von der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH in Kooperation mit dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig herausgegeben. Er erscheint im Hochformat 40 × 50 cm. Interessenten erhalten ihn für 19,90 Euro in der Tourist-Information (Katharinenstraße 8, 04109 Leipzig), im Buchhandel sowie in vielen Leipziger KONSUM-Filialen.

Der Kalender ist u. a. in diesen Buchhandlungen erhältlich:
Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Schumachergäßchen 4
Buchhandlung Grümmer, Zschochersche Straße 18
Linden-Buchhandlung, Goldsternstr. 57
Buchhandlung Südvorstadt, Karl-Liebknecht-Straße 126
Buchmeile im Moritzhof, Zwickauer Straße 125–129
ECKERT. Presse und Buch, Promenaden Hauptbahnhof, Willy-Brandt-Platz 5
Thalia Großpösna (Pösna Park), Sepp-Verscht-Str. 1

Kalender: Format 40 × 50 cm
Preis: 19,90 Euro / ISBN: 978-3-946933-07-6
Herausgeber: Leipzig Tourismus und Marketing GmbH

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Keine Kommentare bisher

Wäre eigentlich hier eine wunderbare Gelegenheit, ein paar dieser Kalenderexemplare zu verlosen 😉
Ich kenne diese aus den vorangegangenen Jahren: diese sind qualitativ sehr gut, im Gegensatz zu anderen dahingewurschtelten Ansichtskalendern.

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