Die Frühlingsfrischlinge im Leipziger Wildpark ziehen jedes Jahr unzählige Familien an und beenden in ihrer quiekfröhlichen Art den Winter. Im Auwald blühen erste Pflanzen, der Bärlauch duftet, der Biergarten der Wildpark-Gaststätte öffnet. Auf dem Spielplatz ist jetzt schon keine Rutsche mehr frei – aber am Wildschweingehege herrscht große Aufregung.

Nanu, nana, was quiekt denn da?

Im Leipziger Wildpark, direkt im südlichen Auwald gelegen, beginnt der Frühling traditionell nicht nach Kalenderdaten, sondern mit der Geburt von putzigen Wesen auf vier kurzen Beinen. Seit Generationen wissen Leipzigerinnen und Leipziger: Der Winter ist vorbei, wenn es in der Aue quiekt und im Wildschweingehege borstige Mini-Tiger durchs Gehölz rennen.

Doch in diesem Jahr mischt sich unter die vertrauten Bilder ein überraschender Anblick: Zwei der Neugeborenen tragen kein typisches Tarnkleid fürs Unterholz, sondern ein Muster, das eher auf eine Weide als in den Wald gehört. Schwarze Flecken auf weißem Fell.

Selbst Joggerinnen bleiben stehen, staunen, zücken ihre Smartphones. Doch dass sich heimlich nachts ein freilaufender Bulle eingeschlichen hat, mag niemand ernsthaft glauben. Im benachbarten Biergarten wird dennoch darüber gewitzelt. Transparenzhinweis: auch vom Autor dieser Zeilen. Wo aber, zum jetzt auch im Auwald Einzug haltenden Kuckuck, kommt dieses putzige Kostüm der kleinen Ferkel her?

Zum Verwechseln ähnlich: Das kleine Ferkel sieht aus wie ein Kälbchen. Foto: Benjamin Weinkauf

Schwierige Familienverhältnisse

Tatsächlich beginnt die Erklärung tief im Inneren der Tiere, in ihrer genetischen Ausstattung. Wildschweinfrischlinge kennen wir normalerweise braun mit hellen Längsstreifen. Diese Zeichnung ist kein Zufall, sondern ein über Jahrtausende entwickelter Schutzmechanismus: Die Streifen brechen die Körperkontur und machen die Tiere im Unterholz für Feinde schwerer sichtbar. Dieses Muster gilt beim freilebenden Wildschwein quasi als Grundausstattung.

Dass nun plötzlich schwarz-weiße Frischlinge auftauchen, deutet darauf hin, dass es in der Haltung von Wildschweinen irgendwie, irgendwo, irgendwann Überschneidungen gegeben haben muss, in denen die Zukunft der gefleckten Empfängnis anfing und besiegelt wurde. Womit sie im engeren Sinne keine Wildschweine mehr sind.

Verantwortlich für die irritierende Färbung sind Gene, welhe die Verteilung von Pigmentzellen im Körper steuern. Besonders zwei genetische Schaltstellen spielen dabei eine zentrale Rolle: das Gen MC1R, das darüber entscheidet, ob eher dunkle oder rötliche Farbstoffe gebildet werden, und das Gen KIT, das bestimmt, wo sich Pigmentzellen im Embryo überhaupt ansiedeln.

Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, entstehen Muster mit überraschenden Ergebnissen und erscheinen uns als artfremd. Wissenschaftler haben sich dieser Frage umfangreich angenommen.

Siehste mal: Schwarzweiße Schweinchen haben evolutionsmäßig mehr zu erzählen als ihre getigerten Verwandten. Foto: Benjamin Weinkauf

Schwein gehabt

Die Schweinchenkälber sind deshalb keine „falschen“ Wildschweine. Sie sind vielmehr ein lebendiges Zeugnis dafür, dass die Natur keine Grenzen kennt. Stattdessen erzählt ihr Fell, dass irgendwann doch einmal ein Hausschwein seine genetischen Grüße in der Wildschweinrotte hinterlassen hat, wann auch immer. Genetik ist offenbar eben was für flinke Füße.

Auch wenn die putzige Bande viele Gäste bei generell freiem Eintritt in den Wildpark zieht: Sooo voll wie auf der Buchmesse wird’s am Sonntag bei den Schweinchen nicht. Und der Wetterbericht verspricht Sonne, die es in den Messehallen nicht gibt.

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