Wenn eine bittere Satire zur komischen Operette wird

Leonard Bernsteins „Candide“ erlebt in der Musikalischen Komödie drei konzertante Aufführungen

Für alle LeserEr ist der größte Skeptiker und Pessimist der Weltliteratur: Candide, der illegitime Neffe des westfälischen Barons Thunder-ten-tronckh, den Voltaire 1759 zum Leben erweckte und gleich zwei große Deutsche damit auf die Schippe nahm – den längst verstorbenen Leibniz, der aber bis heute die Welt mit der „besten aller Welten“ verrückt macht, und den rachsüchtigen König von Preußen.

Vor dem war Voltaire 1753 erst geflohen. Auch weil ihn der launische Geist des aufgeklärten Friedrich entsetzte. Voltaire war ein friedlicher Mensch und glaubte fest daran, dass es weder Soldaten noch Jesuiten brauchte, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. 1753 war Voltaire aus der freundschaftlichen Umschlingung Friedrich II. entflohen. Die Freundschaft sollte nie wieder zünden. Und vor allem war Voltaire eines klar geworden: Der Glaube, man könne die Welt mit aufgeklärten Fürsten verändern, stand auf ziemlich tönernen Füßen.

Denn Mächtige neigen dazu, ihre Änderungswünsche mit Gewalt durchzusetzen. Was die Welt dann ab 1756 ja miterlebte: Da hatte der Siebenjährige Krieg begonnen und die Gräuel der soldatischen Gemetzel und Übergriffe machten zumindest in den gebildeten Kreisen die Runde. Diesen Gräueln begegnet Candide auf seinen Reisen.

Nun war Leibniz tatsächlich kein Preuße, sondern ein Sachse und ein ansonsten friedlicher Mensch. Aber seine philosophische Konstruktion, mit der er logisch begründen wollte, warum es das Grauen in der Welt gibt und Gott trotzdem nicht anders kann, die ging Voltaire völlig gegen den Strich.

Dass heute so locker flockig von dieser Weltkonstruktion geredet wird, zeugt eigentlich nur davon, dass Leibniz auch im 300. Jahr seines Todes nicht gelesen wurde.

Denn tatsächlich ist die „beste aller möglichen Welten“ nur eine logische Beweisführung, die auf einer einzigen Behauptung ruht: „Wenn es Gott gibt, dann …“

… dann  muss die Welt, die er uns überlassen hat, logischerweise die beste sein, die möglich war. Also quasi eine Art Marktbesuch mit Philosoph, der sich im Angebot lauter schrumpliger Äpfel dann den mit den wenigsten Wurmlöchern aussucht und feststellt: Das ist der beste, den nehme ich.

In Voltaires Schreibwerkstatt wurde daraus eine bittere Satire, die bis heute nicht verleugnet, dass Voltaire von den geschilderten Gräueln tatsächlich im Herzen betroffen war. Das Erdbeben von Lissabon, das auch darin vorkommt, ist bis heute legendär.

Das Leibniz-Jahr ist zwar vorüber, aber die Musikalische Komödie nimmt die Satire in besonderer Form nun doch noch in ihr Programm auf. Und zwar in der Musical-Version von Leonard Bernstein – zumindest aufgeführt in der konzertanten Variante.

Auch Bernsteins „Candide“ ist doppelbödige Unterhaltung auf höchstem Niveau, mit absurdem Witz und philosophischer Leichtigkeit. Der Komponist der „West Side Story“ bezeichnete das Werk mit seinen zahlreichen musikalischen Anspielungen auf die sogenannte leichte Muse als „Liebeserklärung an die europäische Musik“. In New York 1956 uraufgeführt, zählt „Candide“ zu den bekanntesten Werken Bernsteins und ist eine bestechende Mischung aus klassischer Operette, Musical und Komischer Oper. Bernstein greift hier auf die europäischen Operettentraditionen von Offenbach bis Sullivan zurück.

Und er nutzt natürlich die Voltairsche Vorlage: Am Hof des westfälischen Schlosses Thunder-Ten-Trock leben Candide, seine heimliche Liebe Kunigunde, deren Bruder Maximilian und Paquette wie unter einer großen Käseglocke, bis schließlich der Krieg zwischen Hessen und Westfalen ihre Idylle zerstört und die Lebensphilosophie ihres Lehrers Pangloss auf eine harte Probe gestellt wird.

Dass auch eine konzertante Aufführung des Werkes ein äußerst lebendiges und humorvolles Musikerlebnis verspricht, haben in der Vergangenheit Künstler wie Loriot bewiesen, meint die einladende Oper noch. Die „Comic Operetta“ sei also genau zugeschnitten auf Chor, Orchester und Ensemble der Musikalischen Komödie. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen des Chefdirigenten Stefan Klingele.

Premiere für die konzertante Aufführung ist am Samstag, 24. Juni, 19 Uhr in der Musikalischen Komödie. Weitere Aufführungen gibt es am 25. und 27. Juni.

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